Titel: Ueber den Zustand der Musselin-Fabrikation zu Dacca in Ostindien
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1835, Band 58, Nr. LXXVI ./Miszelle 30 (S. 485–486)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj058/mi058076_30

Ueber den Zustand der Musselin-Fabrikation zu Dacca in Ostindien

machte Hr. Henry Walters Esq. im XVII. Bande der Asiatic Researches eine Abhandlung bekannt, aus der wir Folgendes entnehmen. Dacca kann, obschon es bedeutend von seiner früheren Größe und Wichtigkeit verloren, noch immer als eine Stadt zweiten Ranges betrachtet werden, indem es an Einwohnerzahl Devonport und Brüssel übertrifft, und beinahe eben so viele Bewohner zählte, als die ganze Grafschaft Fife. Man findet daselbst bereits eine mit Dampf betriebene Oehlmühle und eine eiserne Hängebrüke; drei weitere Dampfmaschinen sollen in neuester Zeit errichtet worden seyn. Interessant dürfte es seyn, die allmähliche Abnahme der Bevölkerung mit dem Verfalle der Baumwollwaaren-Fabrikation, in welcher diese Stadt einst die ganze Welt übertraf, zu vergleichen. Das erste Sinken in dem Handel von Dacca ereignete sich im Jahre 1801; vor diesem Jahre betrugen die jährlichen Käufe der ostindischen Compagnie und der Privathandelshäuser an Musselins gegen 25 Lacs Rupien. Im J. 1807 war der Bezug der Compagnie auf 595,900 und jener der Privaten auf 560,200 gesunken; im J. 1813 bezogen leztere nur mehr für 205,950, und erstere kaum so viel; im J. 1817 endlich wurde die englische Factorei ganz verlassen, was die Franzosen und Holländer schon mehrere Jahre früher gethan hatten. Welchen hohen Grad die Musselin-Fabrikation in Dacca erreicht hatte, geht nicht bloß aus der Feinheit der dortigen Fabrikate, sondern auch daraus hervor, daß man die Arbeit daselbst in hohem Grade zu vertheilen gewohnt war. Besondere Gewandtheit hatte man im Spinnen sehr feiner Fäden erreicht; und diese feinen Fäden spannen junge Weiber mit einer feinen stählernen Spindel, „Takwa“ genannt. Man verrichtete diese Arbeit bloß am frühen Morgen, während noch Thau lag; denn nach Sonnenaufgang wären die feinen Fäden bei der Trokenheit der Luft nicht gehörig zu handhaben gewesen. Nächst den Spinnerinnen besaßen auch die Ausbesserer, oder sogenannten „Raffugars,“ besondere Geschiklichkeit, denn diese konnten aus einem ganzen Stüke Musselin einen Faden herausziehen, und an seine Stelle einen feineren einziehen. Die Baumwolle, deren man sich zu den feinsten Musselinen bediente, wächst unmittelbar in der Nachbarschaft von Dacca, und besonders bei Sunergong; ihre Faser ist jedoch so kurz, daß sie nur mit der Hand und mit keiner Maschine gesponnen werden kann. – Leider muß jedoch mit Bedauern eingestanden werden, daß die Kunst höchst feine Musseline zu fabriciren, nunmehr ganz ausgestorben ist. Im J. 1820 z.B. erhielt ein Kaufmann in Dacca aus China Auftrag auf zwei Stüke Musselin von je 10 Yards Länge auf einen Yard Breite, welche zehn und eine halbe Sicca-Rupie wogen, und von denen eines 100 solcher Rupien galt. Schon im J. 1822 war er jedoch nicht mehr im Stande einem ähnlichen Auftrage nachzukommen, indem die Familie, die ihm früher Stüke von solcher Feinheit lieferte, unterdessen gestorben war. Früher verbrauchte auch die königliche Garderobe in Delhi eine weit größere Menge der feinsten Fabrikate, als gegenwärtig. – Grobe Baumwollzeuge werden noch gegenwärtig in Dacca fabricirt; obschon es bei der außerordentlichen Wohlfeilheit der englischen Fabrikate nicht unwahrscheinlich ist, daß die inländischen Fabrikate in Kürze gänzlich verdrängt werden dürften. Im J. 1823/24 gingen Baumwollenzeuge, worunter meistens grobe, im Werthe von 1,442,101 durch die Mauth; im J. 1829/30 betrug der Werth der Ausfuhr nur mehr 969,952; die Seidenzeuge und gestikten Zeuge fielen um dieselbe Zeit beinahe um ein Gleiches. Die Ausfuhr von Baumwollgarn belief sich im J. 1813 auf 4480 Rupien, im Jahre 1821/22 hingegen auf 39,319 Rup.; von dieser Zeit an fiel sie jedoch wieder, so daß sie im J. 1829/30 nur mehr 29,475 Rupien betrug. – Die beigefügte Tabelle gibt vergleichsweise die Preise der gegenwärtig in Dacca fabricirten Musseline und einiger ähnlicher englischer Fabrikate.

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Textabbildung Bd. 58, S. 486

(Aus dem Repertory of Patent-Inventions. Oktbr. 1835.)

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