Titel: Ueber Anwendung des Pferdefleisches zur Schweinemastung.
Autor: Adelon,
Huzard,
Duchatelet, Parent
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. XXIII. (S. 132–142)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/ar059023

XXIII. Untersuchung der Frage, ob das Fleisch der in den Schindereien abgedekten Pferde in gesottenem oder rohem Zustande ohne Nachtheil für die Gesundheit zur Schweinemastung verwendet werden kann. Auszug aus einem Berichte, den die HH. Adelon, Huzard Sohn und Parent Duchatelet an die Sanitätscommission in Paris hierüber erstatteten21).

Aus den Annales d'hygiène et de médecine légale im Journal des connaissances usuelles. December 1835, S. 252.

Die Verwaltung wendete während der lezten 10 Jahre außerordentliche Sorgfalt auf Verbesserung der Schindereien und Schindanger, so wie auf Erforschung aller Mittel, wodurch diesen Anstalten, die zu den ungesundesten und lästigsten gehören, ihre Nachtheile und Mängel benommen werden könnten. Man hat nach einander mehrere zu diesem Behufe gemachte Vorschläge versucht; lange blieb die Frage unentschieden, bis sie nunmehr endlich durch die Anwendung des Dampfes zur Behandlung der todten thierischen Körper definitiv gelöst zu seyn scheint. Dank der kräftigen Wirkung dieses Mittels findet das Fleisch der Schindereien gegenwärtig eine vortheilhafte Benuzung, ohne daß es der Fäulniß überlassen zu werden braucht; und eben so wenig werden die Knochen, die durch den Dampf vollkommen von dem Fleische getrennt werden, in Zukunft jenen Gestank verbreiten, der deren Gegenwart eben so unangenehm machte, wie die zur Würmerzucht verwendeten faulen Fleischtrümmer.

Unter den verschiedenen Anwendungen des durch Dampf von den Knochen geschiedenen Fleisches der Pferde etc. ist gewiß die Benuzung desselben zur Schweinemastung die merkwürdigste und wichtigste. Die günstigen Erfolge, die einzelne in dieser Hinsicht gemachte Versuche beurkundeten, kamen bald zur Kenntniß mehrerer Speculanten, die sogleich Gewinn daraus zu ziehen wußten, und die |133| auf diesen Grund hin in der Nachbarschaft von Paris mehrere große Schweineställe errichteten. Einige dieser Anstalten fassen 4 bis 500 Schweine, und der Gewinn, den sie abwerfen, ist so bedeutend, daß mehrere Unternehmer im nächsten Winter 1000 bis 1200 Schweine zu ziehen gesonnen sind.

Wir haben die Ursachen der plözlichen und raschen Zunahme der Schweinezucht in Paris zu erforschen gesucht, und kamen bei unseren Forschungen zu folgenden Resultaten. Die Anzahl der in Paris und in dessen Umgebung erstandenen Saz- und Stärkmehlfabriken ist sehr bedeutend; die große Menge der in denselben sich ergebenden Abfälle wird daher um höchst niederen Preis an die Viehzüchter und Milchleute der Nachbarschaft abgegeben. Man versuchte natürlich auch die Schweine damit zu füttern und zu mästen; allein bei diesen Thieren ging dieß nur dann, wenn dieses Nahrungsmittel mit einer gewissen Menge thierischer Substanz verbunden wurde. Da diese Substanz selten zu haben und in ihren Eigenschaften nur wenigen Personen bekannt war, so war es nicht wahrscheinlich, daß man sich ihrer einst im Großen bedienen könnte.

Nachdem nun die Behandlung der Großcadaver mit Dampf eine große Menge thierischer Substanzen zur Verfügung stellte, so wußte man anfangs nichts weiter damit anzufangen, als sie zu troknen und sie in diesem Zustande an die Landwirthe oder an die Fabriken chemischer Waaren abzugeben. Bald darauf versuchte man jedoch die Schweine damit zu füttern, und wenn die großen Erfolge, die sich hiebei ergaben, nicht unmittelbar zu einer ausgedehnten Ausbeutung dieses höchst vortheilhaften Handelszweiges führten, so lag das Hinderniß nur darin, daß man gezwungen war zu diesem Behufe eine specielle Erlaubniß der vorgesezten Behörde einzuholen, und daß diese nicht ertheilt werden konnte, bevor nicht eine Untersuchung der Einwendungen der Nachbarschaft erhoben worden war.

Die glüklichen Resultate, die sich aus dieser Anwendung des Pferdefleisches für die erwähnten Unternehmer ergaben, wurden jedoch bald bekannt; ihre Nachbarn wollten sie daher nachahmen, und suchten eine bestimmte Quantität der Producte dieser Anstalten käuflich zu erwerben. Der Verkauf des Pferdefleisches geschah anfangs zu einem Centime per Kilogramm; allein mit der großen Zunahme der Nachfrage stieg der Preis so sehr, daß er gegenwärtig bereits auf 4 Cent. per Kilogr. steht. Die Sache ist bereits so weit gediehen, daß nur mehr jene, welche nur wenige Schweine auf ein Mal ziehen, das Pferdefleisch von der großen Schinderei in Grenelle holen; jene hingegen, die große Schweinställe errichtet, kaufen selbst und direct todte und lebendige Pferde auf, um diese dann je nach |134| den verschiedenen Umständen auf verschiedene Weise behandelt zur Schweinemastung zu verwenden. In allen diesen Anstalten trifft man einen Dampfkessel, der jedoch in einigen Fällen ein einfacher Dampferzeuger ist, während in anderen Fällen der Dampf auf das in dem Kessel enthaltene Fleisch mit einem Hizgrade wirkt, der einem Druke von 5 oder 6 Atmosphären entspricht. Diesem Stande der Dinge allein muß es wahrscheinlich zugeschrieben werden, daß sich im vergangenen Winter die außer Dienst befindlichen Pferde im Vergleiche mit den früheren Jahren so hoch im Preise erhielten; ja deren Werth hat sich sogar verdoppelt, was für die Pferdeeigenthümer und namentlich für die Landwirthe von großem Vortheile ist. Wenn eine erst im Aufkeimen begriffene Industrie bereits solche Resultate gewährt, so darf man wohl auf noch günstigere Erfolge schließen, wenn die Erfahrung ein Mal gezeigt haben wird, welche Zubereitungen für diese Art von Fütterungsweise die zuträglichsten sind, und in welchem Verhältnisse diese Nahrungsstoffe mit dem größten Vortheile gereicht werden können. Aus den bisher angestellten Untersuchungen ergibt sich in dieser Hinsicht, daß von allen denen, die die fragliche Methode die Schweine zu füttern befolgen, jeder in Hinsicht auf die Anwendung des Pferdefleisches sein eigenes Verfahren einschlägt. Die einen füttern die Schweine lediglich mit solchem Fleische; die anderen mengen vegetabilische Stoffe in höchst verschiedenen Verhältnissen darunter; die einen lassen es kochen, bis es beinahe eine Fleischauflösung genannt werden kann, die anderen werfen es roh und ohne die geringste Zubereitung vor. In dieser Verschiedenheit der Fütterungsmethoden ist auch wahrscheinlich der Grund zu suchen, warum die Schweine in dem einen Falle schneller als in dem anderen eine gewisse Mastung erreichen. Die Verschiedenheit ist in lezterer Beziehung so groß, daß sie in einigen Anstalten selbst 6 Wochen bis 2 Monate beträgt. Dem sey aber wie ihm wolle, so ist so viel gewiß, daß diese Fütterungs- und Mastungsweise wegen der Vortheile, die sie abwirft, sehr merkwürdig und beachtenswerth ist; man wird sich davon überzeugen, wenn man bedenkt, daß nach dem eigenen Geständnisse jener, die sie betreiben, jedes Schwein in 6 Wochen bis 2 Monaten einen reinen Gewinn von 15 bis 18 Fr. abwirft.

Jede Neuerung findet Widersacher und nie fehlt es an Leuten, die sich deren Emporkommen widersezen; natürlich mußte daher auch jene, um die es sich hier handelt, diese Probe bestehen. Man schrie namentlich überall herum, daß die mit Fleisch gefütterten Schweine wild werden, und alle Kinder und Menschen, auf die sie träfen, anfallen würden. Man erregte mancherlei Besorgnisse über die Gesundheit des Fleisches dieser Schweine als Nahrungsmittel, und bezog |135| sich in dieser Hinsicht auf manche ältere Verordnungen, in denen diese Fütterungsweise der Schweine verpönt ist, weil aus derselben allerlei Krankheiten für die Thiere und namentlich der Aussaz erwachsen sollen. In einigen Orten endlich wurden die Laden mehrerer Wursthändler und Garköche aufgegeben, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, sie hätten ihre Schweine mit Aas und mit den Cadavern von Pferden, die an anstekenden Krankheiten gestorben seyen, gemästet.

Diese und ähnliche Gründe veranlaßten die Sanitätscommission sich von den oben erwähnten Mitgliedern einen Bericht über diesen Gegenstand erstatten zu lassen, und was nunmehr folgen soll, ist das Resultat der Nachforschungen, welche die ernannte Commission anstellte.

Wir wollen das Schwein zuerst anatomisch und physiologisch betrachten, und sehen ob sich nicht schon aus dessen Bau erkennen läßt, welche Nahrung demselben von Natur aus bestimmt ist. Das Schwein steht seiner ganzen Organisation nach zwischen den fleischfressenden und den großen pflanzenfressenden Thieren in der Mitte. Die Gelenkverbindung des Unter- mit dem Oberkiefer, welche eine solche ist, daß sie keine seitlichen Bewegungen zuläßt, entfernt dasselbe von den ausschließend pflanzenfressenden Thieren. Das Schwein hat gleich den übrigen allesfressenden Thieren, wohin z.B. der Mensch, der Bär und die eigentlichen Ratten gehören, hintere Bakenzähne mit flachen Kronen, die mit gelinden paarweise gestellten Erhabenheiten versehen sind; es hat überdieß an beiden Seiten der beiden Kinnladen vordere Bakenzähne, die gleich den falschen Bakenzähnen der fleischfressenden Thiere seitlich zusammengedrükt sind, wodurch sich das Schwein den Fleischfressern annähert. Sein Magen ist häutig-muskelig gleich jenem der Fleischfresser, der Pachydermen und der kleinen Pflanzenfresser; nirgendwo bemerkt man an demselben jene Abtheilungen und Fächer, die man an den Wiederkäuern, den vorzüglichsten Pflanzenfressern, trifft. Der Darmcanal ist an den Pflanzenfressern sehr lang, an den Fleischfressern sehr kurz; der Mensch steht in dieser Hinsicht zwischen den beiden Extremen beinahe in der Mitte, und in demselben Falle befinden sich auch der Bär, das Schwein, die Ratte und einige andere Thiere. Aus allem diesem ergibt sich demnach, daß das Schwein ein allesfressendes Thier ist, und daß ihm von Natur aus ein solcher Bau zukommt, daß Fleisch mit zu seinen Nahrungsmitteln gehört.

Man wird uns vielleicht einwenden, daß das wilde Schwein in den Wäldern kein Fleisch findet. Allein wer versichert uns, daß das Wildschwein in den Wäldern nicht nach thierischen Substanzen |136| sucht? Mehrere Leute, die die Lebensweise der Wildschweine genau verfolgten, haben sich sogar überzeugt, daß diese Thiere im Sommer viele Insecten verzehren, daß sie im Winter auf Maulwürfe und Mäuse Jagd machen, und daß sie den Boden gar oft nur deßwegen aufwühlen, um Würmer und andere Thiere aufzufinden. Uebrigens ist erwiesen, daß der Darmcanal des Wildschweines länger ist, als jener des zahmen Schweines, woraus nothwendig folgt, daß das Schwein durch seine Zähmung noch mehr zum fleischfressenden Thiere gemacht wurde, als es im wilden Zustande ein solches ist. Die Wildkaze hingegen, die nur von der Jagd lebt, hat einen kürzeren Darmcanal, als die Hauskaze, was gewiß nur davon herrührt, daß leztere mit den Abfällen unserer Tische mehrere vegetabilische Nahrungsstoffe zu sich nimmt. Aus allem diesem geht als erwiesen hervor, daß das Schwein schon von Natur aus und durch seine Organisation zwar keineswegs dazu bestimmt ist sich lediglich von Fleisch zu nähren; daß aber eine gewisse Quantität Fleisch mit zu dessen Nahrung gehört, und daß dem zahmen Schweine in Folge einer langen Gewohnheit ein Theil thierischer Nahrung weit nothwendiger geworden, als dem wilden Schweine22).

Eine Menge von Thatsachen beweist auch wirklich täglich, wie nothwendig es ist unter die Nahrung der Schweine einige thierische Substanzen zu bringen. Ist es z.B. nicht bekannt, daß es sehr schwer ist Schweine aufzuziehen, ohne die bei Milchwirthschaften sich ergebenden Abfälle benuzen zu können; und wenn man Schweine mit Getreide mästen will, erreicht man seinen Zwek gewöhnlich nicht erst dann vollkommen, wenn man diese Nahrung mit thierischen Stoffen verbindet? Eine Beobachtung, welche man neuerlich an der Musterschule in Grignon zu machen Gelegenheit hatte, gibt dem eben Gesagten so viel Gewicht, daß wir nicht anstehen, den von dem Vorstande dieser Anstalt erstatteten Berichten dieser Hinsicht wörtlich anzuführen. „Die bei der Kartoffelsazmehl-Fabrikation bleibenden Rükstände, heißt es nämlich in diesem Berichte, waren im Winter 1830 ein kostbares Ergänzungsmittel unserer Futterstoffe. Die glänzenden Erfolge, die wir bei der ausschließlichen Fütterung einer zur Mastung bestimmten Schafheerde mit diesen Abfällen hatten, brachten uns auf die Idee, daß sich diese Nahrung auch für die Schweine |137| eignen dürfte. Um uns hievon zu überzeugen, wurde unser ganzer Schweinstall ausschließlich mit diesem Nahrungsstoffe gefüttert. Der Abnahme, die sich bei dieser Fütterung bald an Ebern, Zuchtschweinen und Frischlingen zeigte, suchten wir durch Erhöhung der Rationen abzuhelfen: allein vergebens; wir ließen die Thiere sogar davon fressen, so viel sie nur wollten; dieß vermehrte aber nur das Uebel, indem sie nur noch mühsamer verdauten. Da die Schweine ungeachtet der Begierde, mit der sie fraßen, nur dike Bäuche bekamen, aber nicht an Fleisch zunahmen, so ließen wir die Abfälle, bevor wir sie ihnen vorschütteten, kochen; sie fraßen sie nun noch gieriger, nahmen aber eben so wenig dabei zu, so daß sich offenbar ergab, daß diese Kartoffelabfälle für sich allein, in welcher Quantität man sie auch den Schweinen reichen mochte, diesen Thieren keine genügende Nahrung waren. Wir dachten, daß eine Beimengung von animalisirter Substanz vielleicht das Mangelnde ersezen dürfte, und sezten daher den Kartoffelabfällen täglich per Schwein 3 Unzen Gallerte zu. Der Versuch gelang, und in wenigen Wochen hatten die Schweine ihre diken Bäuche verloren und dafür an Fleisch zugenommen.“ Gibt es einen offenbareren Beweis, daß die Gegenwart einer stikstoffhaltigen Substanz in dem Schweinefutter durchaus nöthig ist, wenn deren Leben unterhalten und sie zur Mastung gebracht werden sollen? Die Schweine wurden, wie dieser Versuch zeigte, bei eine Nahrung, bei der sich die Schafe sehr wohl befanden, krank; und so merkwürdig dieses Resultat auch scheinen mag, so hätte man es doch aus einer Vergleichung der Organisation dieser beiden Thierarten füglich voraussehen können.

Die Veterinärschule in Alfort lieferte uns aber auch noch einige andere schlagende Beweise für die Zwekmäßigkeit der thierischen Nahrung für Schweine. Seit mehreren Jahren fressen nämlich die in dieser Anstalt befindlichen Schweine die Ueberreste aller Cadaver, die zum Unterricht und zu Sectionen gedient hatten. Von den Zuchtschweinen bis zu den Frischlingen wirft sich Alles mit größter Begierde auf die Ueberreste und Eingeweide der Thiere, die ihnen zwei oder drei Mal des Tages in rohem Zustande vorgeworfen werden. Seit sieben Jahren werden die 100 bis 150 Raceschweine von allen Arten, die sich fortwährend in der Veterinärschule in Alfort befinden, auf diese Weise genährt; und wahrhaftig nirgendwo dürfte man schönere und gesundere Thiere dieses Geschlechtes finden. Es bleibt daher ein für allemal ausgemacht, daß das Schwein unter die allesfressenden Thiere gehört; daß ihm die animalische Nahrung unumgänglich nothwendig ist; und daß es ohne diese und mit vegetabilischem Futter allein weder gemästet, noch auch genährt werden kann, |138| ausgenommen lezteres enthält Stoffe, die sich ihren chemischen Bestandtheilen nach mehr den thierischen Substanzen annähern.

Diese Nahrung, sagt man aber, macht die Thiere wild, und die Folge wird seyn, daß sie Erwachsene und Kinder anfallen und verzehren. Es läßt sich allerdings nicht läugnen, daß auf dem Lande leider schon oft Kinder von den Schweinen aufgefressen wurden; ja man hat sogar Beispiele, daß sich Schweinheerden über ihre Hirten herwarfen und sie verzehrten. Dieß sind und bleiben jedoch einzelne Fälle, deren Ursache man um so weniger der Art der Nahrung beimessen kann, als sie sich gewöhnlich gerade da ereigneten, wo die Schweine beinahe ausschließlich auf vegetabilische Nahrung beschrankt waren. Die ziemlich häufig verbreitete Meinung über den Einfluß der thierischen Nahrung dürfte sich wahrscheinlich von einem unglüklichen Ereignisse herschreiben, welches vor 50 Jahren in Vaugirard Statt fand, indem zwei Schweine, die mit den Abfällen einer benachbarten Abdekerei gefüttert wurden, auskamen und zwei Kinder zerrissen. Ohne diesen unglüklichen Vorfall, der weit und breit Schreken verbreitete, würde sich die Anwendung der thierischen Nahrung bei den großen Vortheilen, die sie gewährt, gewiß schon so allgemein verbreitet haben, daß von den Unbequemlichkeiten der Schindereien schon längst keine Rede mehr wäre. Konnte übrigens dieser Unfall auch wirklich der den beiden Schweinen gereichten Nahrung zugeschrieben werden? Wir zweifeln sehr; wenigstens hat man noch nicht bemerkt, daß die Schweine, die gegenwärtig mit rohem oder gekochtem Fleische gefüttert werden, auch nur im Geringsten wilder und schwerer zu bändigen sind, als die Schweine überhaupt. An der Schule in Alfort treiben wenigstens die Kinder des Hüters diese Thiere hin, wohin sie wollen, und sie gehorchen ohne den geringsten Anstand. Wenn Tausende von Schweinen, die in dieser Anstalt seither mit rohem Fleische gefüttert wurden, ihre Neigungen auch nicht im Geringsten veränderten, so läßt sich wahrlich nicht glauben, daß gesottenes Fleisch diese Thiere so wild machen könnte, daß sie den Menschen gefährlich werden dürften. Die in dieser Hinsicht verbreiteten Meinungen erscheinen vielmehr als völlig ungegründet23).

|139|

Eine andere nicht minder wichtige Frage, die wir nunmehr zu erörtern haben, ist die, ob die Fütterung der Schweine mit Pferdefleisch diesen Thieren Krankheiten und namentlich den Aussaz zuziehen könne, und ob deren Fleisch, deren Blut, deren Spek den Menschen nachtheilig werden können. Zieht matt nun in dieser Hinsicht die Physiologie und die Medicin zu Rathe, so lehren uns diese, daß eines der besten Mittel zur Erhaltung der Gesundheit darin besteht, die Nahrung der Thiere ihren Verdauungsorganen und der ihnen von der Natur eingepflanzten Freßlust anzupassen. Da nun das Schwein so gebaut ist, daß es sich von Fleisch und Vegetabilien und nicht ausschließlich von dem einen oder von dem anderen nähren kann, so wird man nur den Gesezen der Natur nachkommen, und gewiß eine zur Gesundheit der Schweine beitragende Fütterung befolgen, wenn man thierische Substanzen unter deren Nahrung bringt. Die Erfahrung hat übrigens auch hierin bereits gesprochen.

Wie bereits oben gesagt, bekamen die Schweine der Heerde von Grignon bei der ausschließlich vegetabilischen Nahrung dike, harte Bäuche und andere Unterleibskrankheiten, die durch Zusaz einer geringen Menge Gallerte schnell geheilt wurden. Die Schweine an der Veterinärschule in Alfort erfreuen sich stets der besten Gesundheit; seit 6 Jahren kamen keine Krankheiten unter denselben vor, und den Aussaz bemerkte man nur ein einziges Mal unter ihnen. Würden die Schweine wohl in so kurzer Zeit mit einer wahrhaft merkwürdigen Geschwindigkeit fett werden, wenn das Pferdefleisch die Schweine zu Krankheiten geneigt machte? Ist dieses Fettwerden nicht vielmehr ein Beweis einer vollkommenen Verdauung, die ohne volle Gesundheit nicht möglich ist?

Ein Beweis dafür, daß das Fleisch der mit Pferdefleisch genährten Schweine nicht schlecht ist, liegt darin, daß diese Thiere auf den Märkten gesucht sind; daß die Wurstmacher und Garköche sie nicht von den auf andere Weise gefütterten Schweinen zu unterscheiden im Stande sind; und daß die Zöglinge in Alfort das Schweinefleisch unter allen möglichen Formen genießen, obschon sie die ganze Ernährungsweise dieser Thiere kennen. Wir selbst konnten an dem Fleische gar keinen und an dem Speke nur den Unterschied bemerken, daß er etwas weicher ist, als an den mit Körnern gefütterten |140| Schweinen. Dieser Unterschied dürfte jedoch vielleicht mehr darin gelegen seyn, daß die Schweine in Alfort immer sehr jung geschlachtet werden, als in der Ernährungsweise derselben.

Die Gegner der neuen Fütterungsmethode haben ferner bemerkt, daß wenn auch das Fleisch gesunder Pferde ohne Nachtheil an die Schweine verfüttert werden kann, dieß doch keineswegs mit dem Fleische der kranken Thiere der Fall seyn dürfte. Sie forderten daher, daß wenn die Schweinemastung mit Pferdefleisch ja geduldet werden sollte, dieses Fleisch nur nach vorausgegangener Besichtigung durch Sachverständige zu diesem Behufe abgegeben werden darf. Da jedoch die Frage der Gefahr, welche aus der Benuzung des Fleisches kranker Thiere zur Schweinemastung erwachsen könnte, bereits vor 10 Jahren vor einer Sanitätscommission abgehandelt worden ist, so wollen wir nicht abermals auf diesen Gegenstand zurükkommen, sondern nur erinnern, daß die Thiere, welche gegenwärtig das Fleisch der Pferde, an welcher Krankheit diese auch zu Grunde gegangen seyn mögen, verzehren, sich sehr wohl dabei befinden. Daß man sowohl Hunde als Kazen längere Zeit mit krebsartig entartetem Fleische nährte, ohne daß für diese Thiere auch nur der geringste Nachtheil daraus erwachsen wäre. Daß, wie Desgenettes und Larrey sahen, die Hunde und Schakals während der in Jaffa herrschenden Pest die Leichen ausgruben und die Pestbeulen ausfraßen, ohne daß ihnen diese Nahrung Schaden gebracht hätte. Daß nicht bloß Thiere, sondern auch Menschen ungestraft das Fleisch von Thieren genießen können, die am Carfunkel, an der Rinderpest und an der Wuth zu Grunde gingen, wie dieß durch 1000fache Erfahrung erwiesen ist. Daß endlich während der ersten französischen Revolution die Unglüklichen von St. Germain und aus der Umgegend von Alfort 7 bis 800 rozige und mit dem Wurme behaftete Pferde, welche von der Regierung zum Behufe anzustellender medicinischer Versuche dahin gesendet worden, verzehren mußten; und daß diese Nahrung nicht nur keinem dieser Unglüklichen Schaden brachte, sondern vielen derselben das Leben rettete.

Die Veterinärschule in Alfort bietet weitere Aufklärungen in Hinsicht auf den fraglichen Gegenstand. Es sind nämlich durchaus nicht immer gesunde Pferde, die zum Unterrichte der Zöglinge in diese Anstalt gebracht werden; im Gegentheile sind es nur Pferde, die an organischen Schäden oder an Krankheiten aller Art leiden. Und wenn man glauben wollte, daß man in der Wahl der Cadaver, bevor man sie den Schweinen vorwirft, mit irgend einer Sorgfalt zu Werke geht, so irrt man sehr; denn alle, ohne Ausnahme, verschwinden sie bis auf die härtesten Knochen unter den Zähnen dieser |141| gefräßigen Thiere. Gibt es wohl einen sprechenderen Beweis für die Entbehrlichkeit aller in Hinsicht auf den Gesundheitszustand der abzudekenden Thiere zu ergreifenden Vorsichtsmaßregeln, als die Erfahrungen, die sich in einer Reihe von Jahren den gelehrtesten Professoren der Thierarzeneikunde vor Hunderten von Zöglingen und Tausenden von Neugierigen, die jährlich die Anstalt in Alfort besuchen, ergaben? Ist es annehmbar, daß irgend ein Nachtheil, der aus der daselbst befolgten Fütterungsmethode der Schweine möglicher Weise hätte erwachsen können, der Aufmerksamkeit so vieler sachkundiger Beobachter hätte entgehen können?

Die Schweine in Alfort verzehren nicht nur alle thierischen Cadaver ohne Unterschied, sondern sie genießen sie sogar, was wohl zu berüksichtigen ist, im Zustande der vollkommenen Rohheit und ohne irgend eine vorausgegangene Zubereitung. In keiner der Schweinemastungsanstalten, die wir besuchten oder von denen wir Kenntniß erhielten, geschieht Aehnliches; überall wird das Fleisch vielmehr gekocht und sogar einer Temperatur ausgesezt, die jene des siedenden Wassers noch übersteigt. Wie läßt sich glauben, daß schädliche, nachtheilige, im Organismus erzeugte Stoffe, wenn sie nicht schon durch das Aufhören des Lebensprocesses selbst eine Zerstörung erleiden, längere Zeit über der zersezenden Kraft eines so hohen Grades von Wärme zu widerstehen im Stande wären?24)

Aus allen den langen, in gegenwärtigem Berichte gepflogenen Erörterungen ziehen wir den Schluß, daß die Verwaltung aus mächtigen Gründen der Staatswirthschaft und medicinischen Polizei die Richtung, welche mehrere Unternehmer in Hinsicht auf die fragliche neue Mastungsmethode der Schweine genommen, nach allen Kräften unterstüzen sollte. In Rüksicht auf Staatswirthschaft wäre zu erwägen:

1) daß hiedurch der Werth der dienstlosen Pferde sehr erhöht wird; 2) daß in der Nachbarschaft der Städte ein neuer, großen Gewinn bringender Industriezweig gegründet werden könnte; 3) daß auf diese Weise dem Volke leicht eine größere Menge der ihm so höchst nöthigen thierischen Nahrung geliefert werden könnte; 4) endlich, daß sich auf diesem Wege sehr vortheilhaft Producte oder Stoffe, die bisher unbenuzt verloren gingen, verwerthen lassen. Denn wenn auch die mit Dampf behandelten Pferde nicht zu jeder Jahreszeit |142| von den Schweinen verzehrt werden sollten, so läßt sich doch das Fleisch, nachdem es diese Zubereitung erlitten hat, sehr leicht troknen, und als solches auf dem Lande zu denselben Zweken, zu denen es früher diente, verwenden.

In medicinisch-polizeilicher Beziehung finden wir hingegen: 1) daß die mit Pferdefleisch gefütterten Schweine ihren Charakter durchaus nicht verändern, und weder wilder, noch den Kindern oder anderen schwächlichen Wesen gefährlicher werden dürften. 2) daß das Fleisch dieser Schweine gut und gesund seyn wird; daß ihm weder ein unangenehmer Geschmak, noch ein derlei Geruch eigen seyn dürfte; und daß das Sieden und der Verdauungsproceß mehr als hinreichend genügen, um alle Principe oder Stoffe zu zerstören, von denen man glauben könnte, daß sie in Folge einer unzwekmäßig gewählten Nahrung der Thiere in das zu unserer eigenen Nahrung bestimmte Fleisch übergehen dürften. 3) endlich, daß es kein besseres Mittel gibt, um die Schindanger mit allen ihren Abscheu erregenden Widerlichkeiten, in Folge deren die in ihrer Nachbarschaft gelegenen Oertlichkeiten so sehr an Werth verlieren, und welche die Verwaltung ungeachtet aller darauf verwendeten Sorgfalt noch immer nicht zu beseitigen so glüklich war, allmählich verschwinden zu machen. In lezterer Beziehung darf jedoch allerdings nicht vergessen werden, daß der Geruch des Kothes der mit Fleisch gefütterten Schweine noch weit unerträglicher ist, als ohnedieß; und daß es demnach dringend nothwendig ist, daß die Verwaltung da, wo solche Mastungsanstalten für Schweine in größerer Ausdehnung erstehen, besondere Vorsichtsmaßregeln treffe.

Wir beeilen uns diesen Bericht obiger als Veterinäre und Gelehrte ausgezeichneter Männer zur allgemeinen Kenntniß zu bringen, indem es uns scheint, daß derselbe auch bei uns in Deutschland, wo sich die Schindanger und Abdekereien größten Theils noch in einem höchst verwahrlosten, große Streken verpestenden Zustande befinden, die größte Aufmerksamkeit verdient. Es ist zwar vorauszusehen, daß die in diesem Berichte gemachten Vorschläge bei uns noch lange kein Gehör finden werden; ja daß man sogar aus einer falschen Scheu und von manchen Vorurtheilen befangen, polizeiliche Maßregeln dagegen verlangen und erhalten dürfte. Dieß schrekt uns jedoch nicht ad, der Sache, die uns an und für sich zwekmäßig, vortheilhaft und unschädlich erscheint, und die wir von unserer Seite auch bei uns realisirt zu sehen wünschten, alle mögliche Oeffentlichkeit zu geben.

A. d. R.

|136|

Es nimmt uns Wunder, daß die Berichterstatter unter den vielen Beispielen, die sich noch zum Beweise dafür anführen ließen, daß die Schweine eine thierische Nahrung sehr lieben und sehr gut vertragen, nicht auch auf die bekannten Thatsachen hinwiesen, daß man bei uns zur Vertilgung der Mäuse auf Aekern und Wiesen nicht selten Schweinheerden benuzt, und daß man in Nordamerika in den Schweinen die besten Vertilger für Schlangen gefunden hat.

A. d. R.

|138|

So sehr wir in allem dem bisher Gesagten mit den Berichterstattern übereinstimmen, so scheint uns doch, daß sie hier in diesem lezteren Punkte etwas zu weit gegangen sind. Der Einfluß, den die Fütterung der Thiere mit Fleisch, und namentlich mit rohem Fleische, auf die Zähmung der Thiere ausübt, ist so allgemein anerkannt, und so vielfach erwiesen, daß die von den Berichterstattern angeführte Erfahrung, die man in Alfort machte, noch keineswegs zu dessen vollkommener Widerlegung genügen dürfte. Die Berichterstatter verglichen oben das Schwein als allesfressendes Thier mit dem Menschen; wir nehmen diesen Vergleich auch hier wieder auf; und bemerken, daß man sogar an den Menschen die Erfahrung machte, daß sie bei vegetabilischer Kost viel leichter zu leiten und ruhiger |139| werden, als bei animalischer. Die Vorstände einiger Zucht- und Correctionshäuser haben hierüber in neuester Zeit nicht unwichtige Daten geliefert. – Wenn aber auch die Schweine durch die thierische Nahrung wirklich wilder werden sollten, so gibt dieß doch noch keinen Grund gegen die Anwendung dieser sonst vortheilhaften Mastungsmethode; denn man braucht ja die Thiere nur gehörig einzusperren, um sich und Jedermann gegen alle Unannehmlichkeiten und Angriffe von ihrer Seite zu schüzen.

A. d. R

|141|

Wir müssen namentlich in dieser Hinsicht auf die Versuche des Hrn. Henri verweisen, gemäß denen selbst die wirksamsten Anstekungsstoffe durch Anwendung der Wärme vollkommen zersezt und gänzlich unschädlich gemacht werden können. Man findet von den interessanten Versuchen des Hrn. Henri im Polyt. Journale Bd. XLIII. S. 213, 401, und Bd. XLVI. S. 47 ausführliche Nachricht.

A. d. R.

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