Titel: Beschreibung eines gesunden Gebäudes zur Seidenraupenzucht.
Autor: d'Arcet, Jean Pierre Joseph
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. XXXVII. (S. 241–258)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/ar059037

XXXVII. Beschreibung eines gesunden Gebäudes zur Seidenraupenzucht oder einer sogenannten Seidenzüchterei, in der man den Seidenraupen immer den gehörigen Grad von Ventilation, Wärme und Feuchtigkeit zu geben im Stande ist. Von Hrn. d'Arcet, Mitglied der Akademie der Wissenschaften.39)

Aus den Annales de la Société polytechnique-pratique, No. 17.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

In das südliche Frankreich abgesandt, um daselbst die Behandlung und den Zustand der Rohseiden zu studiren, hatte ich zwei Mal Gelegenheit den Gang der Seidenraupenzucht in allen seinen Details genau zu studiren; und mich hiebei zu überzeugen, daß der größte Theil der Krankheiten, denen so viele Raupen zum großen Nachtheile für die Industrie unterliegen, weniger in den Raupen selbst, als in der Ungesundheit der Locale, in denen man sie zieht, und hauptsächlich in dem großen Temperaturwechsel, dem sie während ihres Lebenslaufes ausgesezt sind, gelegen ist.40)

Hr. Camille Beauvais, welcher auf der königl. Schäferei bei Paris eine große Anzahl von Maulbeerbäumen pflanzte, und seit ein Paar Jahren daselbst mit ausgezeichnetem Erfolge die Seidenraupenzucht |242| betreibt, theilte nicht nur die Meinung, die ich mir über den Gang dieses Culturzweiges im südlichen Frankreich eigen gemacht hatte, sondern veranlaßte mich auch meine Ansichten hierüber aufzustellen, und den Plan zu einer vollkommen gesunden Magnanerie zu entwerfen. Ich unterzog mich dieser Arbeit, und theilte sie dem königl. Architekten Destailleur mit, der eben für Hrn. de Grimaudet in Villemomble bei Paris eine große Anstalt dieser Art zu erbauen hatte. Dieser gewandte Baumeister ging in meine Ansichten ein; wir studirten den Gegenstand gemeinschaftlich, und er entwarf nach den Principien, die wir festgestellt hatten, einen Plan, von dem er mir zum Behufe der Beschreibung und Bekanntmachung eine Copie übergab. Das, was nunmehr in dieser Hinsicht folgen soll, wird jedoch keine bloße Erklärung der Abbildungen seyn, sondern auch alle jene Details umfassen, die zu wissen nöthig sind, um aus einer Magnanerie dieser Art alle Vortheile, die sich davon erwarten lassen, ziehen zu können. Ich wünsche sehnlich, daß diese Arbeit den zahlreichen Landwirthen und Fabrikanten, die sich mit der Seidenerzeugung beschäftigen, und die meiner Ansicht nach von dem Ziele, welches sie zu erstreben haben, noch weit entfernt sind, so nüzlich als möglich werden möchte.

Ich bemerke vorläufig, bevor ich zur Beschreibung der Abbildungen übergehe, nur, daß ich, da die Magnanerie in jedem Stokwerke aus zwei symmetrischen Räumen besteht, immer nur von der zur Rechten befindlichen Hälfte sprechen werde, indem alles dieß auch auf die andere Hälfte Anwendung findet.

Fig. 1 gibt einen Grundriß des Erdgeschosses. Der Saal M, welcher für die Spinnerei und zum Troknen der Blätter bestimmt ist, ist der Länge nach durch Pfeiler 1,1,1, die den Boden des ersten Stokwerkes tragen, abgetheilt. Gegen das Ende des Saales hin befindet sich eine Wand 2, die der ganzen Breite nach durch denselben läuft, und durch die der Raum 3 abgeschieden ist. Von diesem Raume, der als Kammer für die heiße oder kalte Luft dient, geht die Ventilation der Magnanerie aus; in ihm befindet sich auch der Ofen 4, dessen Röhre 5 in den Hauptschornstein 6 führt. In diesem Theile des Saales geschieht die Erhizung oder die Abkühlung der Luft, so wie auch die Regulirung der Ventilation; die übrigen Theile dienen, wie gesagt, zum Troknen der Blätter, im Falle sie naß gepflükt werden mußten, oder nach Vollendung der Raupenzucht zum Abhaspeln der Cokons nach Gensoul's Verfahren. N ist die Stiege, welche zu den für die Seidenraupen und die Arbeiter bestimmten Gemächern führt. Aus der Beschreibung der senkrechten Durchschnitte, an denen sich gleiche Zeichen auf gleiche Theile beziehen, |243| wird die übrige Einrichtung dieses Geschosses noch deutlicher erhellen.

Fig. 2 ist ein Grundriß des ersten Stokwerkes, in welchem die Raupen während der ganzen Zeit ihrer Zucht zu verbleiben haben. Man sieht hier bei 7 die Endpunkte der vier hölzernen Canäle, durch welche die erwärmte oder abgekühlte Luft aus der Luftkammer 3, Fig. 1, in die Magnanerie gelangt. An die mit 8 bezeichneten Stellen kommen die Geflechte, auf denen die Raupen gefüttert werden. Die Zwischenwand 9 scheidet das große Gemach in zwei kleinere einander vollkommen ähnliche O, O. P ist die Stiege zur Bedienung der Geflechte, während Q, Q die Wohnung für die Arbeiter bezeichnet. Ich will hier in keine weiteren Details über diesen Grundriß eingehen, da derselbe aus den senkrechten Durchschnitten des Gebäudes deutlicher werden wird.

Fig. 3 gibt einen senkrechten Durchschnitt des unteren Theiles des Gebäudes nach der Linie G, H des Grundrisses Fig. 1, woraus man die Wand 2, welche zu ebener Erde die Luftkammer 3 bildet, von Vorne ersieht.

10 ist das Thürchen der Feuerstelle und des Aschenloches des Ofens; 11 hingegen ein Thürchen, durch welches man in die Luftkammer 3 gelangt, um jährlich ein Mal die Röhre des Ofens zu reinigen. Bei diesem Thürchen trägt man auch ein aus Kupfer oder Zink bestehendes Gefäß ein, welches je nach Umständen mit Wasser oder mit Eis gefüllt ist.

12 sind Oeffnungen mit hölzernen Schiebern, durch die die zum Ventiliren der Magnanerie nöthige Luft in die Kammer 3 eingelassen wird.

13, Thürchen, bei denen man in die Luftkammer 3 mit Wasser gefüllte Behälter bringt, um einer allenfallsigen zu großen Trokenheit des zur Ventilirung dienenden Luftstromes vorzubeugen; oder bei denen man auch Behälter mit Eis einsezt, wenn die Luft abgekühlt werden soll: sey es, daß die Temperatur der äußeren Luft zu hoch stieg, oder daß der Heizer aus Versehen den Ofen überhizte.

14 sind hölzerne Röhren, die horizontal unter dem Boden des ersten Stokwerkes befestigt sind, und die die Luft, der in der Luftkammer 3 die gehörige Temperatur und der gehörige Grad von Feuchtigkeit gegeben worden ist, in die Magnanerie leiten.

15, Durchschnitte der Oeffnungen, durch welche der zur Ventilirung dienende Luftstrom aus den hölzernen Röhren 14 in die Säle O, O, in denen sich die Raupen befinden, übergeht.

16 ist der Boden, durch den das Erdgeschoß von dem ersten Stokwerke O, O geschieden ist.

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Fig. 4 zeigt einen senkrechten Durchschnitt der Luftkammer 3 nach der Linie E, F des Grundrisses Fig. 1. Da die Scheidewand 2 hier weggenommen ist, so erhellt hieraus die innere Einrichtung der Kammer 3.

4 ist das Gemäuer des Ofens.

5 ist eine Ofenröhre, welche zur Rechten und Linken doppelt im Knie gebogen ist, damit der durch die Luftkammer 3 führende, zur Ventilirung dienende Luftstrom um so leichter erhizt wird. Sie erhebt sich nach ihrem Austritte aus dieser Kammer einige Meter hoch in dem Hauptschornstein, und veranlaßt dadurch nothwendig die Ventilirung des ganzen Systemes. An dem oberen Theile dieser Röhre in der Nähe des Bodens 16 befindet sich ein Schlüssel, der zur Regulirung des Dienstes des Ofens bestimmt ist, und der von der vorderen Seite der Scheidewand 2 aus, an der sich der Heizer befindet, regulirt werden kann.

17 sind die Tische oder Tafeln, auf welche zu beiden Seiten des Ofens die kupfernen oder zinkenen Gefäße 18,18, die je nach Umständen mit heißem Wasser oder mit Eis gefüllt seyn müssen, gestellt werden, und welche die Hälfte der Breite der Luftkammer 3 einnehmen. Zu vollkommener Verständigung dieses Durchschnittes bemerke ich, daß vor jedem dieser kupfernen Gefäße in der Scheidewand 2 ein Thürchen angebracht ist, durch welches man zu diesen Gefäßen gelangen kann; und daß sich zwischen den Füßen der Tische oder der Tafeln Löcher befinden, durch die eine hinreichende Menge Luft in die Luftkammer 3 gelangen kann.

Fig. 5 ist ein Längendurchschnitt der Magnanerie nach der Linie K, L in Fig. 1, woran man das ganze Ventilationssystem gehörig entwikelt sieht.

2 ist auch hier die Wand, die den Raum 3 der ganzen Breite des Gebäudes nach von dem Saale M scheidet; 4 das Gemäuer des Ofens; 5 die Ofenröhre; 8 die Geflechte, auf denen sich die Seidenraupen befinden; 12 die Oeffnung, durch die die äußere atmosphärische Luft in die Kammer 3 dringt, indem sie unter jedem Tische zwischen den Füßen 17 emporsteigt. Dergleichen Oeffnungen befinden sich 8 in der Scheidewand 2.

13 ist das zur Handhabung des kupfernen Gefäßes 18 bestimmte Thürchen. Dieses Gefäß kann so geformt seyn, daß es drei Seiten oder auch nur den vorderen Theil der Röhre 5 umgibt. Zur Rechten und Linken dieses Thürchens sind zur Bedienung der übrigen 8 kleinen, auf den Tischen 17 stehenden Gefäße 4 andere kleinere Thürchen angebracht.

14 ist die Mündung einer der hölzernen Röhren, welche die |245| Luft aus der Luftkammer 3 in die ganze Magnanerie führen. Dergleichen Röhren sind 4 vorhanden, wie man sie in Fig. 1 und 2 durch Punkte angedeutet sieht. Aus eben diesen Figuren erhellt auch die Anwendung der ungleichen Löcher 15, durch die die Luft aus den Röhren unter die Geflechte 8 und in das Innere der Magnanerie geleitet wird. In Fig. 5 sieht man diese Löcher 15, deren Summe sich an jeder Röhre 14 zu dem Querdurchschnitte dieser Röhre wie 5 zu 4 verhält, im Durchschnitte dargestellt. An der hier beschriebenen Magnanerie hat jede der Röhren 14 einen Durchschnitt von 0,165 Quadratmeter; die Summe der ungleichen Löcher 15 muß daher an jeder derselben 0,206 Quadratmeter betragen. Fig. 2 zeigt, wie die Löcher 15 in dem Maaße im Durchmesser zunehmen, als sie sich von der Kammer 3 entfernen.41)

16 zeigt einen Durchschnitt des Bodens der Magnanerie.

17 ist einer der Füße der in der Luftkammer 3 befindlichen Tafeln, auf die die bereits erwähnten kupfernen oder zinkenen Gefäße 18, welche nach Bedürfniß mit Wasser oder Eis gefüllt seyn müssen, gesezt werden.

19 sind Durchschnitte der ungleichen Löcher der oberen Röhren, die sich ganz auf dieselbe Weise verhalten, wie dieß oben bei den Röhren 14 und den ungleichen Löchern 15 angegeben worden ist: mit dem Unterschiede jedoch, daß diese Löcher hier in umgekehrter Richtung angebracht sind. Diese Löcher nehmen die Luft aus dem oberen Theile der Magnanerie auf, und leiten sie in die hölzernen Röhren 20, aus denen sie durch die Oeffnung 23 in den Schornstein 21 oder in die Windmühle 22 gelangt, aus der sie gleichfalls wieder in den Schornstein getrieben wird. Dergleichen Röhren, wie bei 20 eine im Längendurchschnitte abgebildet ist, sind 4 vorhanden; sie sind ganz auf dieselbe Weise wie die unteren Röhren 14 gebaut42); in der Nähe der Windmühle 22 vereinigen sie sich aber in einen einzigen Kasten, aus welchem die Windmühle die Luft aufnehmen |246| kann, während sie andererseits bei 23 auch direct mit dem Schornsteine 21 communiciren. Ein zwischen der Windmühle und dem Schornsteine angebrachter Schieber dient dazu, daß die Luft aus der Magnanerie nach Belieben in die Windmühle oder direct in den Schornstein geschafft werden kann. Wenn nämlich dieser Schieber geschlossen ist, so wird beim Umtreiben der Windmühle die Luft der Magnanerie durch die Oeffnung 24 in den Schornstein getrieben.

21 ist ein großer, zur Ventilirung dienender Schornstein, der hier mit Luxus ausgestattet ist, und gleichsam zur Verschönerung des ganzen Gebäudes dient. Auf dem Lande, wo man hierauf weniger Rüksicht zu nehmen hat, könnte er auch wie ein Taubenschlag, oder wie ein gewöhnlicher Rauchfang gebaut seyn. Ein horizontaler Durchschnitt durch denselben soll einen Flächenraum darbieten, welcher nur drei Mal größer ist, als die Summe der senkrechten Durchschnitte der vier Röhren 20.

22 ist eine Art von Windmühle oder ein mechanischer Ventilator, dessen man sich jedoch nur dann zu bedienen hat, wenn der Luftstrom nicht in der Luftkammer 3 erhizt zu werden braucht; oder wenn man den am Grunde des Schornsteines 21 angebrachten Ofen 25 nicht in Anwendung bringen wollte. Diese Windmühle kann entweder direct von Oben, oder auch von Unten mittelst einer endlosen Schnur und zweier Rollen in Bewegung gesezt werden.

23 ist die directe Communicationsstelle des Kastens, in den sich die 4 Röhren 20 vereinigen, mit dem großen Schornsteine 21. Der senkrechte Durchschnitt dieser Oeffnung, so wie jener des daran stoßenden Kastens muß eine 5 Mal größere Oberfläche darbieten, als der Querdurchschnitt einer der Röhren 20.

24 ist ein Canal, durch den die verdorbene Luft von der Windmühle in den Schornstein getrieben wird, und dessen Durchschnittsfläche jener der Oeffnung 23 gleichkommen muß.

25 stellt einen außerhalb dem Gebäude und am Grunde des großen Schornsteines angebrachten Ofen vor, dessen Röhre sich mit jener des inneren Ofens verbindet, wie man bei 5 sieht. Dieser Ofen und die Windmühle dienen zu gleichem Zweke: d.h. zur Ventilirung der Magnanerie, wenn die äußere Luft die verlangte Temperatur hat, oder wenn sie zu heiß ist, und mittelst Eis gehörig abgekühlt werden muß, bevor sie in den Saal, in welchem sich die Seidenraupen befinden, geleitet wird.

26 sind Böden, welche die Magnanerie der Höhe nach in drei Stokwerke abtheilen, und welche sich der leichteren Bedienung wegen um die acht Pfosten der Geflechte drehen lassen müssen.

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27, kleine Stiegen, auf denen man zu den verschiedenen Stokwerken auf die Böden 26,26 emporsteigen kann.

In Fig. 6 sieht man einen Querdurchschnitt des ganzen Gebäudes nach der Linie I, J des Grundrisses Fig. 1 und 2. Es erhellen hieraus nicht nur mehrere der bereits beschriebenen, und hier mit denselben Buchstaben bezeichneten Theile noch deutlicher, sondern man sieht bei 28 auch von Vorne den hölzernen Kasten, in den sich die vier Röhren 20 vereinigen. 29 ist ferner das Gehäuse der Windmühle, welches einerseits mit dem Kasten 28, und andererseits mit dem Inneren des großen, zur Ventilirung dienenden Schornsteines communicirt.

Fig. 7 zeigt das ganze Gebäude, in welchem sich zwei einander vollkommen gleiche Magnanerien befinden, von Vorne. Die rechte Seite ist nach der Linie K, L. des Grundrisses Fig. 1 im Durchschnitte dargestellt.

Fig. 8 gibt einen Aufriß der einen der kleinen Seiten des Gebäudes.

Nachdem hiemit der Bau dieser Magnanerie beschrieben worden ist, muß ich, damit die Vortheile, die sich aus den hier getroffenen Einrichtungen ergeben werden, um so deutlicher hervortreten, den Gang der Operationen, die darin vorgenommen werden, entwikeln.

Es war zu berüksichtigen, daß bei einem Klima, wie jenes des Departement de la Seine ist, und namentlich bei einer im Großen betriebenen Magnanerie oft der Fall eintreten würde, daß die Maulbeerblätter feucht und sogar naß eingesammelt werden müßten. Man mußte daher Vorkehrung treffen, um die Blätter jederzeit gehörig troknen zu können, damit die Behandlung der Raupen keine Unterbrechung erleide. Dieses Troknen soll nun in dem Erdgeschosse in dem Saale M vollbracht werden; und zwar indem man die feuchten Blätter in einem langen hölzernen Gehäuse auf Rahmen bringt, welche mit Nez überzogen und 2 Decimeter (7 1/2 Zoll) über dem Boden des Gehäuses horizontal angebracht sind. Wenn nämlich die Blätter in gleicher Dike auf diesen Rahmen ausgebreitet und der Dekel des Gehäuses geschlossen worden ist, so erzeugt man von dem einen Ende des Gehäuses zum anderen mittelst einer großen Puzmühle einen starken Luftzug, dessen Temperatur man nöthigen Falles auch um einige Grade erhöhen kann. Die Luft wird der ganzen Länge nach über und unter den Nezrahmen durch das Gehäuse strömen, den Blättern ihre Feuchtigkeit benehmen, so daß sie den gehörigen Grad von Trokenheit erlangen, und endlich bei einer einfachen |248| hölzernen Röhre aus dem Gebäude austreten.43) Wollte man die Ausgabe nicht scheuen, und zum Troknen der nassen Blätter einen vollkommneren Apparat anwenden, so könnte man in dem hölzernen Gehäuse einen endlosen Zeug anbringen, und diesen durch irgend einen geeigneten Mechanismus in Bewegung sezen lassen. In diesem Falle müßten die Blätter immer an der Austrittsseite der Luft auf den Zeug gebracht, und getroknet an der entgegengesezten Seite abgenommen werden.

In Hinsicht auf das Ausbrüten der Raupeneier ist, wie mir scheint, den Anweisungen, welche Dandolo und Bonafons hierüber gaben, nichts beizufügen. Eben so wenig werde ich mich mit dem auf die Fütterung und Wartung der Seidenraupen Bezüglichen befassen, indem diese beiden Auctoren nach ihren Erfahrungen die besten Methoden, die am meisten Gelingen versichern, bekannt gemacht haben. Da meine Absicht nur dahin geht zu zeigen, wie man eine große Magnanerie gesund erhalten kann, so will ich sogleich auf Angabe dessen übergehen, was in der beschriebenen Anstalt in Villemomble zu geschehen hat, um aus den hier getroffenen Einrichtungen den möglich größten Vortheil zu ziehen, und um die Seidenraupen immer in einer reinen Luft von solcher Temperatur und Feuchtigkeit zu erhalten, wie sie für die Gesundheit und die vollkommene Entwikelung der Raupen am zuträglichsten ist.

Die Magnanerie in Villemomble ist so eingerichtet, daß man sich beim Beginnen der Raupenzucht nur des vierten Theiles des großen Saales bedienen kann. Zu diesem Zweke bedarf es nichts weiter, als daß man die Magnanerie mittelst eines starken, an beiden Seiten mit grauem Papiere überzogenen Zeuges in zwei gleiche Theile abtheilt, und daß man sowohl oben als unten die ungleichen Löcher verstopft, die sich links von dieser Scheidewand befinden. Statt dieser einfachen Scheidewand aus Zeug kann man sich übrigens auch leichter Rahmen bedienen, welche gleich den Theatercoulissen mir Zeug und Pakpapier überzogen sind. Wenn diese Scheidewand sowohl der Höhe, als der Breite nach nach der Linie R, S des Grundrisses Fig. 2 angebracht ist, so entsteht zur Rechten ein Gemach, welches vollkommen gesund gemacht ist.44) Brauchen die |249| Raupen mehr Plaz, so läßt sich der Raum verdoppeln, indem man die Scheidewand entfernt, und sämmtliche ungleichen Löcher des linken Theiles des Saales öffnet. Bringt man die große Scheidewand in die durch T, U angedeutete Linie, so wird der Raum verdreifacht; und entfernt man sie endlich ganz und gar, so daß die beiden linken Hälften des Gebäudes nur einen einzigen Saal bilden, so ist der erste Raum um das Vierfache größer gemacht.

Diese Einrichtung wird sich bei der Seidenraupenzucht im Großen gewiß sehr vortheilhaft bewähren; denn sie bedingt nicht nur eine bedeutende Ersparniß an Arbeit, an Brennmaterial oder an Eis; sondern man kann den Raum auch im Verhältnisse des Wachsthumes der Raupen vergrößern, so daß er ihnen vom Ausfallen an bis zur Vollendung des Wachsthumes stets entspricht.

Gesezt nun, es sey eine der Magnanerien vollkommen gefüllt, so muß die Ventilirung folgender Maßen geleitet werden, wobei ich vorausseze, daß man über den Grad der Wärme45), der Feuchtigkeit und der Ventilirung, welcher beständig unterhalten werden muß, einig ist.

Ich bringe an den Rahmen zweier der beglasten Thürchen der Luftkammer Thermometer an, und eben so befestige ich 5 Fuß über dem Fußboden symmetrisch zwei gleiche Thermometer und Hygrometer. Nach dieser Vorbereitung steke ich in dem Ofen 4 ein Feuer an, wenn die äußere atmosphärische Luft zu kalt seyn sollte; oder ich bringe Eis in die Gefäße 18, im Falle die Luft zu heiß wäre; oder endlich ich fülle einige oder alle mit Wasser, wenn die zur Ventilation verwendete Luft zu troken seyn sollte. Auf diese Weise ist es mir also ein Leichtes, die Raupen in Hinsicht auf Temperatur und Feuchtigkeit stets unter solchen Verhältnissen zu erhalten, die ihrer Gesundheit und ihrer möglich größten Entwikelung am zuträglichsten sind.46)

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Was den Grad der zu gebenden Ventilirung betrifft, so gibt das Factum, daß sich die Raupen in China in freier Luft auf den Bäumen aufhalten, den Beweis, daß man hierin nicht so leicht die Gränzen der Gesundheit überschreiten kann. Uebrigens ist es am besten sich hier nach dem Geruche zu richten, und die Magnanerie nur so zu ventiliren, daß man, wenn man die obersten Geflechte des obersten Stokwerkes emporsteigt, nicht den geringsten üblen Geruch bemerkt. Da jedoch die in der Magnanerie wohnenden Personen endlich gegen den sich in diesen entwikelnden Geruch unempfindlich werden, so dürfte es gut seyn, sich nicht immer auf diese zu verlassen.

Die in der Magnanerie von Villemomble getroffenen Einrichtungen geben alle Mittel zur Erzielung einer starken Ventilirung an die Hand47). Denn in einem Gemache, welches so gebaut ist, daß die von Unten eindringende Luft durch Löcher, welche oben angebracht sind, entweichen kann, reicht ein Unterschied von einem halben Grade des hundertgradigen Thermometers zwischen der äußeren und inneren Temperatur hin, um dem Luftzuge eine solche Geschwindigkeit zu geben, wie sie der Gesundheit der Raupen zuträglich ist. In einem Klima, wie jenes des Departement de la Seine ist, wird es daher nie mit Schwierigkeiten verbunden seyn, den gehörigen Grad von Ventilirung herzustellen. Selten dürfte man es nöthig haben die äußere Luft durch Eis abzukühlen, und eben so selten wird daher die Windmühle oder der Ofen in Anwendung zu kommen haben, um das Emporsteigen der Luft zu begünstigen48). In Villemomble wird die äußere Luft vor ihrem Eintritte in die Magnanerie beinahe immer etwas erwärmt werden müssen, und wenn dieß durch den Ofen 4 geschieht, so wird sich die Ventilirung von selbst herstellen, ohne daß man zu deren Regulirung etwas zu thun brauchte.

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Ist die äußere atmosphärische Luft heiß genug, so zwingt man sie durch die Magnanerie zu ziehen, indem man die Windmühle 22 in Thätigkeit sezt, oder indem man den am Grunde des großen Schornsteines befindlichen Ofen 25 in Anwendung bringt. Ist die Luft zu heiß, so kühlt man sie in der Luftkammer 3 mittelst Eis gehörig ab, und bewirkt dann die Ventilirung mechanisch durch Anwendung der Windmühle 22 oder des Ofens 2549).

Da nun hienach der eingeschlagene Bauplan allen diesen Bedingungen und Anforderungen entspricht, so habe ich nunmehr zu zeigen, auf welche Weise in der Magnanerie immer nur der gehörige Grad von Ventilirung hergestellt wird. In dieser Hinsicht ist durch dreierlei Mittel eine Regulirung möglich; und von diesen besteht das einfachste darin, daß man die Oeffnungen 12 nicht größer macht, als nöthig ist, um in die Luftkammer 3 die gehörige Quantität Luft eindringen zu lassen. Das zweite besteht in verständiger Anwendung des zwischen der Windmühle und dem Schornsteine angebrachten Schiebers, womit der Canal 23, durch den die verdorbene Luft aus der Magnanerie in den großen Schornstein 21 tritt, ganz oder zum Theil verschlossen werden kann. Durch eines dieser beiden Mittel soll die Regulirung der Ventilirung jedes Mal Statt finden, so oft die Temperatur der Magnanerie höher steht, als jene der äußeren atmosphärischen Luft. Die mehr oder minder rasche Umtreibung der Windmühlflügel gibt endlich auch noch ein drittes Mittel an die Hand, im Falle die Ventilirung auf mechanische Weise und ohne Mitwirkung des Feuers hergestellt werden soll.

Die Details, in die ich hier einging, dürften genügen, um zu zeigen, wie man in der Magnanerie von Villemomble zu verfahren hat, um die Seidenraupen gleichsam wie in freier Luft, und unter den ihrer Entwikelung günstigsten Verhältnissen zu erziehen. Der Werkführer wird durch Beobachtung der beiden Thermometer an der Wand 2 und jener Thermometer, welche symmetrisch in der Magnanerie vertheilt sind, das Feuer und das Eis leicht so anzuwenden lernen, daß der Luftzug immer die gehörige Temperatur bekommt; der Stand der Hygrometer wird ihm zeigen, ob die zur Ventilirung dienende Luft mit Wasserdampf versezt werden muß oder nicht; und der Geruch in den oberen Theilen des Saales endlich wird ihm andeuten, ob der Grad der Ventilirung gehörig regulirt ist, oder nicht. Hat man dem Werkführer ein Mal gehörige Anleitung gegeben, so |252| ist es an ihm, sie auch auszuführen, wozu ihm alle Mittel zu Gebote stehen. Der Eigenthümer kann ihn daher auch für alle Fehler, welche er begeht, verantwortlich machen, und solcher Maßen des Gelingens seiner Unternehmung stets versichert seyn. Der mit der Leitung der Arbeiten beauftragte Werkführer hat hier anfangs zwar allerdings mehr zu thun, als bei jener Methode, nach der man die Seidenraupenzucht gegenwärtig im südlichen Frankreich betreibt; allein nach Vollendung seiner Lehrzeit wird die geringe Mühe, die er auf seine Arbeit zu verwenden hat, durch die Entfernung der Unruhe, in der er gegenwärtig stets seyn muß, durch die Gewißheit, daß er keine Vorwürfe zu fürchten hat, und durch die Gewißheit, mit der er immer die gewünschten Resultate erzielen kann, reichlich entschädigt werden.

Man bedarf nunmehr zur Leitung einer Magnanerie keines gewandten und erfahrenen Seidenzüchters mehr; denn jeder sorgfältige Arbeiter, der der ihm gegebenen Anleitung genau Folge leistet, wird genügen. Wenn die Einführung der Dampfmaschinen und vieler anderer complicirter Mechanismen zeigte, daß man leicht überall gute Heizer und Aufseher findet, so ist wohl nicht zu zweifeln, daß auch auf jedem Dorfe eine sorgfältige Arbeiterin oder ein alter Soldat zu finden seyn wird, der sich einige Monate im Jahre über zur Beaufsichtigung der Arbeiten eines so ehrenvollen, in seinen Details so interessanten, und in seinen Resultaten so anlokenden Industriezweiges hergeben möchte.

Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich die Anwendung jener Vorrichtungen, welche ich ausdachte um die Magnanerien stets gesund zu erhalten, an einem ganz einfachen Fabrikgebäude hätte zeigen können; denn ich sehe wohl ein, daß die äußeren Verschönerungen der Anstalt in Villemomble wahrscheinlich manche Kritiken veranlassen, und der Einführung und Verbreitung meines Systemes eher nachtheilig, als vortheilhaft seyn dürften. Allein diese Art von Luxus, welche man hier besonders auf die beiden großen Schornsteine verwendet sieht, wurde nothwendig dadurch veranlaßt, daß diese Magnanerie in einem schönen Parke und in der Nähe eines Schlosses errichtet werden mußte, dessen Eleganz nicht verunstaltet werden durfte. Hrn. de Grimaudet gebührt das Verdienst in der Nähe von Paris gezeigt zu haben, auf welche Weise sich die beste Magnanerie herstellen läßt. Er wollte diesen Zwek erreichen und seinem Landsize zugleich eine neue Zierde dadurch geben; dem Fabrikanten bleibt es überlassen das rein Nüzliche an einem einfacheren und wohlfeileren Locale in Anwendung zu bringen, und sich zu überzeugen, daß alle die großen Magnanerien, in denen die Seidenraupenzucht gegenwärtig |253| gerade die meisten Schwierigkeiten darbietet, mit leichter Mühe und geringen Kosten nach dem von mir gegebenen Plane wesentlich verbessert werden können50).

Anhang.

Wir fügen der Abhandlung des Hrn. d'Arcet einen Auszug aus jenem Berichte bei, den Hr. Soulange-Bodin der Société d'encouragement in Paris über die Resultate der Seidenraupenzucht, welche Hr. Camille Beauvais auf der Domaine der Bergeries de Sénart bei Montgeron, Dept. Seine et Marne, betreibt, erstattete. Dieser Bericht ist nämlich das praktische Complement obiger Abhandlung, und zeigt welche treffliche Erfolge von der Befolgung des d'Arcet'schen Planes zu erwarten stehen.

Hr. Beauvais, dessen Leistungen als Seidenraupenzüchter wir bereits in einigen der früheren Jahrgänge unserer Zeitschrift zu erwähnen Gelegenheit hatten, besizt an der besagten Domäne auf einem Flächenraume von 16 1/2 Hectare eine Pflanzung von 67,000 Maulbeerstämmen von den besten Sorten, worunter eine gute Anzahl von der Sorte des vielstängeligen Maulbeerbaumes. Die von ihm errichtete Anstalt, an der er auch einen eifrig besuchten Unterricht in der Seidenzucht ertheilt, besizt eine solche Ausdehnung, daß er, sobald dieß ein Mal seine jungen Bäumchen gestatten, jährlich 150 Unzen Samen oder Eier ausfallen lassen kann.

In den lezten 50 Jahren erzielte man in den südlichen Provinzen aus einer Unze Eier im Durchschnitte nicht mehr als 50 bis 55 Pfund Cokons: d.h. beiläufig 10,000 Raupen kamen aus den 42,000 Eiern, die in einer Unze enthalten sind, zur Reife! Herr Beauvais erzielte schon bei seinem ersten Versuche aus einer Unze Samen 67 Pfd. Cokons, und seither stieg dieses Resultat in den Jahren 1830, 31 und 33 fortwährend, so daß er im Jahre 1834 schon 104 Pfd. per Unze erntete. Dieß ist jedoch noch nicht Alles; denn Hr. Beauvais erzog im Jahre 1835 bei einer Temperatur von 18 bis 20° R. im Laufe von 37 Tagen und mit einem Aufwande von 16,830 Pfd. ungereinigter Blätter, die zur Hälfte von gepfropften, zur Hälfte von wilden Maulbeerstämmen genommen |254| wurden, aus 8 Unzen Samen 1101 3/4 Pfd. Cokons von bester Qualität, außerordentlicher Festigkeit und bewundernswerther Weiße. Wenn auch bisher ein Resultat dieser Art, wornach auf die Unze Samen 137 Pfd. Cokons kommen, in keiner großen Seidenzüchterei erreicht worden seyn dürfte, so ist dieß, wie Hr. Beauvais bemerkt, dennoch bei weitem nicht der Culminationspunkt; denn einer seiner Schüler, Hr. Henri Bourdon, erzog schon bei seinem ersten Versuche aus einer Unze Samen nicht weniger dann 170 Pfd. Cokons.

Da eine Unze Samen 42,000 Raupen gibt, so hätte Hr. Beauvais aus 8 Unzen 336,000 Raupen erziehen sollen; er gewann jedoch nur 1102 Pfd. Cokons, und da von diesen 360 auf das Pfund gingen, so erhellt, daß nur 286,520 Raupen zur Reife kamen. Beim Aufkriechen der Raupen verlor er durch fehlerhafte Anordnung der Heidekrautbündel und durch die hiedurch veranlaßte Beeinträchtigung der Ventilation 4000 Stüke. In den früheren Altersperioden gingen demnach mit Einschluß der Eier, welche gar nicht ausfielen, 45,480 Stüke zu Grunde.

Aus einer Analyse, welche Hr. d'Arcet dem Berichterstatter mitzutheilen die Güte hatte, geht hervor, daß sich die Luft in der Magnanerie des Hrn. Beauvais zur Zeit der vierten Altersperiode in geringem Grade alkalisch zeigte. Das Wasser, welches in der Anstalt mit Hülfe eines mit Eis gefüllten Ballons verdichtet worden ist, war vollkommen wasserklar, aber in leichtem Grade alkalisch; salpetersaures Silber gab im Anfange des Zusazes keine Trübung, bald darauf zeigte sich jedoch eine schwache Färbung von weinigem Rosa. Die Ventilirung ging um diese Zeit regelmäßig von Statten; auch war die Luft so wenig verdorben, daß die über dem pneumatischen Apparate damit angestellten Versuche keine Kohlensäure zu erkennen gaben, und daß die eudiometrischen Versuche, der man sie mit Phosphor und Stikstoff-Deutoxyd unterwarf, eben so viel Stikstoff und Sauerstoff auswarfen, als in der freien Luft des Parkes zu finden waren. Die Luft enthielt daher nur schwache Spuren von Ammoniak, welches an Kohlensäure gebunden war. Zur Zeit des Aufkriechens der Raupen hingegen, wo die Ventilirung wie gesagt etwas beeinträchtigt wurde, blieb die Luft nicht mehr so rein; sie enthielt vielmehr nach drei von Henri Bourdon angestellten Versuchen in 100 Theilen 82,57 Stikstoff und Kohlensäure und 17,43 Sauerstoff, während die reine atmosphärische Luft in 100 Theilen bekanntlich 21 Theile Sauerstoff enthält. Die Luft war demnach zu dieser Zeitperiode schon sehr verdorben. Wasser, welches aus ihr mittelst Eis verdichtet wurde, war vollkommen klar, geruch- und geschmaklos und etwas alkalisch reagirend; salpetersaures Silber brachte |255| darin zwar keine Trübung hervor, aber schnell entstand eine ziemlich dunkle rothbraune Färbung, in deren Folge sich nach und nach ein häufiger rothbrauner Niederschlag bildete, dessen Natur nicht vollkommen genau bestimmt worden zu seyn scheint.

Was aus den Seidenraupen werden muß, wenn man sie in einem nicht gehörig ventilirten Orte hält, ergibt sich aus folgendem, von Hrn. d'Arcet angestellten Versuche. Er brachte 12 große, in der vierten Altersperiode stehende und im Freien erzogene Seidenraupen mit einigen Maulbeerblättern in eine einen Liter fassende Flasche, und schloß diese ab. Nach 24 Stunden war die in der Flasche enthaltene Luft weniger und alkalisch geworden; bei der Analyse zeigte sie sich als aus 79,11 Stikstoff, 17,50 Kohlensäure und 3,39 Sauerstoff bestehend, so daß sie also gänzlich verdorben war. Von den 12 Raupen war eine abgestorben, die übrigen waren eingeschrumpft, schmuzig, graulichgelb und beinahe regungslos; drei davon starben kurz darauf auf frischen Blättern; von den übrigen acht, welche etwas weniges fraßen, spannen drei vor ihrem Tode etwas Seide, zwei puppten sich ein ohne zu spinnen, und drei starben ohne zu spinnen und ohne sich einzupuppen.

Hr. Beauvais hätte 336,000 Raupen bekommen sollen; er erzog jedoch mit den 4000, die beim Aufkriechen starben, nur 290,520; von 100 Eiern ergaben sich demnach 85,27 Cokons, während 14,73 Eier nicht ausfielen oder als Raupen zu Grunde gingen. Die Raupen fraßen im Ganzen 16,830 Pfd. Blätter; das Pfund frischer Blätter enthält 32 Procent trokenen Stoff und 68 Wasser. Jede Raupe fraß demnach während ihrer ganzen Lebensdauer 29 Gramm (7 Quentchen 42 Gr.) frische oder 6,28 Gr. (1 Qu. 46 Gr.) trokene Maulbeerblätter51).

Diese ausgezeichneten Resultate verdankt Hr. Beauvais, wie er selbst gesteht, dem von Hrn. d'Arcet erfundenen zur Ventilirung dienenden Apparate, an dessen Erfindung er jedoch selbst großen Antheil hat. Dieser einfache und wohlfeile Apparat bewirkt ihm das, wornach er lange strebte: nämlich eine gleichmäßige Temperatur und eine fortwährende Erneuerung der Luft: Bedingungen, welche in Verbindungen |256| mit einer bis ins Kleinliche gehenden Reinlichkeit, nöthig sind, um die Seidenraupen unter die zu deren Erziehung geeignetsten, und der Natur am meisten entsprechende Verhältnisse zu bringen.

Wenn man den Bau der Seidenraupen, die nur durch ihre Luftlöcher athmen, genau studirt, und die Gase, welche sie aushauchen, besonders in den lezten Altersperioden analysirt, so wird man sich gewiß von der Wichtigkeit einer gelinden, aber fortwährenden Circulation der Luft in den Gemächern überzeugen, in welchen Tausende oder Millionen von Raupen auf dem Koche, aus welchem ungesunde Ausdünstungen emporsteigen, liegen. Beobachtet man mit Aufmerksamkeit die fortwährend in diesen kleinen Körpern vor sich gehenden Arbeiten, so wie die Wirkungen der Ausdehnung und Zusammenziehung, die hauptsächlich während der Häutungsperioden bemerkbar sind, so wird man bald finden, daß alle diese Funktionen, je nach der Temperatur, in welcher sich die Thiere befinden, leichter und geschwinder von Statten gehen, und daß alle plözlichen Wechsel in der Temperatur denselben nothwendig schädlich werden müssen.

Große Feuchtigkeit, deren geringster Nachtheil darin besteht, daß sie den Koth in Gährung versezt, wird den Seidenraupen sehr nachtheilig, weßhalb denn die Seidenzüchter namentlich in der fünften Altersperiode der Raupen die warmen und feuchten Südwinde fürchten. Uebrigens entwikelt sich in den Magnanerien aus den Maulbeerblättern und aus den Raupen selbst ein bedeutender Grad von Feuchtigkeit.

Trokenheit der Luft ist selbst bei aller Reinheit derselben den Raupen sehr nachtheilig und macht die zur Nahrung dienenden Blätter schnell welken. Die Raupen, welche instinctmäßig die Nothwendigkeit einer gewissen Quantität Wasser in ihrer Nahrung fühlen, verschmähen die Blätter alsogleich, so wie sie welk geworden sind, so daß also durch die große Trokenheit der Luft Mangel an Nahrung für die Raupen und Verlust an Blättern entsteht.

Alle Seidenzüchter wissen aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist bei der Seidenraupenzucht für beständige Erneuerung der Luft, für Gleichheit der Temperatur und für einen gleichen Grad von Feuchtigkeit zu sorgen; da sie jedoch diese Bedingungen nicht durch die gewöhnlichen ihnen zu Gebot stehenden Mittel erreichen konnten, so suchten sie diesen Nachtheilen auf verschiedene andere Weise zu steuern. Dieß gab denn auch die Veranlassung zu der Sitte aromatische Kräuter in den Magnanerien zu verbrennen, Essig, in welchen einige Gewürznelken gebracht worden, darin zu sieden, die Seidenraupen mit Chlorkalk zu überstreuen; und zu vielen anderen derlei |257| Mitteln, deren Unzulänglichkeit und Gefahren jedoch von selbst einleuchten.

Dandolo, einer der ausgezeichnetsten Seidenzüchter Piemonts, überzeugte sich bald von den Nachtheilen aller dieser Schuzmittel und von der schädlichen Wirkung derselben auf die Seidenraupen; er säumte daher auch nicht die Erziehungsmethode der Raupen gänzlich zu reformiren. Er ließ zum Behufe der Erneuerung der Luft in die Deke, den Boden und in die Seitenwände der Magnanerie Luftlöcher machen, und verdammte alle Räucherungen, deren Gefahren er erkannt hatte. In den nach diesem Systeme erbauten Magnanerien, welche man nach dem Erfinder Dandolières nennt, ziehen die Nachahmer Dandolo's, deren Zahl leider nicht sehr groß ist, in Piemont 100 bis 110 Pfd. Cokons per Unze Samen, während man nach der gewöhnlichen Methode ihrer nur 50 bis 60 erzielt. Es fehlte in Piemont an Aufmunterung zur Nachahmung des neuen Systemes; wir dürfen hoffen, daß man in Frankreich, wo die Lösung der Frage schon viel weiter gediehen ist, nicht in denselben Fehler verfallen werde.

Das System Dandolo's selbst ist jedoch noch mangelhaft; und einer seiner Mängel besteht hauptsächlich darin, daß der Erfinder die Feuerheerde in der Magnanerie selbst anbringt, während doch die unmittelbare Einwirkung der Hize des Feuers und der aus demselben aufsteigenden Dünste den Seidenraupen nur nachtheilig seyn muß. Die von ihm in Anwendung gebrachten Mittel reichen überdieß öfter nicht aus, besonders zu Zeiten, wo die Luft sehr schwer und schwül ist, und wo deren Circulation träg von Statten geht; in diesen Fällen ist man dennoch gezwungen seine Zuflucht zu den Chlorräucherungen zu nehmen, die schwer mit der gehörigen Regelmäßigkeit in Anwendung gebracht werden können. Es müßten daher kräftigere und mehr unfehlbare Mittel benuzt werden; die Wissenschaft mußte sich der Frage bemächtigen, um die schädlichen äußeren Einflüsse vollkommen zu vernichten, und um alle zum vollkommenen Gelingen der Seidenraupenzucht nöthigen Bedingungen zu erfüllen. Alles dieß scheint das neue von Hrn. d'Arcet eingeführte System wirklich zu leisten.

Hr. Beauvais erhielt im April 1835 von Hrn. d'Arcet die Plane seiner neuen Magnanerie mitgetheilt; die Zeit drängte, wenn die neue Verbesserung nicht noch um ein Jahr verschoben werden sollte. In einem Monate stellte er eine Magnanerie her, welche ihm der großen Eile ungeachtet, mit der die Apparate verfertigt worden, und bei den mit dieser Eile nothwendig verbundenen Unvollkommenheiten dennoch alle von dem Erfinder erwarteten Vortheile gewährte. Ganz Frankreich sieht auf die höchst günstigen Erfolge der dießjährigen |258| Seidenzucht des Hrn. Beauvais, und wenn dieses System noch an ein Paar anderen Orten versucht, und wie nicht zu zweifeln ist, bewährt gefunden seyn wird, so dürfte man es in Kürze vom Süden bis zum Norden Frankreichs angenommen und eingeführt sehen.

Wir bemerken nur noch, daß Hr. Beauvais seine Seide gegenwärtig, wo die Rohseide 25 Fr. per halben Kilogramm gilt, zu 50 Fr. verkauft; und daß dieselbe von jener Race herstammt, welche unter dem Namen Sina bekannt ist, und die Ludwig XVI. im Jahre 1784 aus Canton kommen ließ. Diese Sorte war in Folge der Sorglosigkeit und des Geizes jener Seidenzüchter, in deren Hände sie zuerst kam, allmählich sehr herabgekommen; Hrn. Poidebard gelang es nach langen und vielen Bemühungen sie wieder zu regeneriren, und Hr. Beauvais ist bemüht sie auf ihre volle ursprüngliche Schönheit zurükzuführen.

Wir haben unsere Leser bereits früher auf diese höchst interessante neue Arbeit des hochverdienten d'Arcet aufmerksam gemacht, und bedauerten damals diese Abhandlung wegen der großen Ausdehnung der ihr beigegebenen Abbildungen nicht mittheilen zu können. Da uns jedoch seither bedeutend verkleinerte und dennoch vollkommen deutliche Zeichnungen zur Hand kamen, so finden wir uns veranlaßt noch ein Mal hierauf zurükzukommen: und zwar um so mehr, als die Seidenraupenzucht in unserem Vaterlande wirklich beträchtliche Fortschritte zu machen anfängt; und als es daher wesentlich darauf ankommt schnell zur allgemeinen Kenntniß zu bringen, was zu deren sicherem Gelingen beitragen kann. Es ist gerade bei uns dringend nothwendig, auf alle Vorsichtsmaßregeln wohl bedacht zu seyn; denn wenn sich aus Vernachlässigung dieser auch nur einige ungünstige Resultate ergeben würden, so wäre wohl wahrscheinlich zu erwarten, daß man die ganze Sache als unausführbar verschreien würde. Mit vielen Dingen ging dieß bereits so, und wir wünschen sehnlich, daß der Seidenbau, der für unser Vaterland gewiß von größter Wichtigkeit werden kann, nicht zum zweiten Male ein gleiches Schiksal erleide. –

A. d. R.

|241|

Man nennt diese Locale im südlichen Frankreich und in der Touraine Magnaneries, Magnanderies, Coconières und Vereries; wir wollen jedoch im Laufe dieses Aufsazes den Ausdruk Magnanerie beibehalten, da uns der Ausdruk Seidenzüchterei nicht bezeichnend genug erscheint. Wir glauben uns dieß um so mehr erlauben zu dürfen, als bereits mehrere ähnliche Wörter, wie z.B. Orangerie, ebenfalls in das Deutsche übergingen.

A. d. R.

|245|

Wegen der Kleinheit des Maaßstabes konnten weder die Zahl, noch die Dimensionen der ungleichen Löcher, die über den Röhren 14 und unter den Röhren 20 angebracht werden müssen, angedeutet werden. An der Magnanerie in Villemomble wird jede Röhre 60 ungleiche Löcher bekommen, von denen das erste dem Eintritte der Luft zunächst gelegene nur 14 Millimeter(6''') im Durchmesser erhält, während die 59 anderen in arithmetischer Progression so zunehmen, daß die Summe sämmtlicher 60 Löcher 0,206 Quadratmeter ausmacht. Die Dimension eines jeden dieser Löcher läßt sich entweder durch Berechnung oder durch Versuche ermitteln; jeder nur einiger Maßen gewandte Zimmermann wird diese Arbeit zu verfertigen wissen.

A. d. O.

|245|

Diese hölzernen Röhren lassen sich sehr einfach und wohlfeil verfertigen; nur müssen die nicht genau passenden Fugen und die allenfallsigen Sprünge mit einem Zeuge oder mit grauem Papiere, welches in eine Leimauflösung getaucht worden ist, bekleidet werden.

A. d. O.

|248|

Ein sehr leicht in Anwendung zu bringendes Verfahren, dessen ich mich mit Vortheil bediene, sagt Hr. Bonafons, besteht darin, daß ich in dem Magazine, in welches die Blätter gebracht werden, beiläufig einen Fuß hoch über dem Boden eine durchlöcherte Tafel anbringe, deren Löcher so groß sind, daß die Blätter nicht hindurch fallen.

A. d. O.

|248|

Der auf diese Weise verkleinerte Raum, bemerkt Bonafons, bietet den Raupen nicht nur in den ersten Tagen ihres Lebens alle erforderlichen Bedingungen; sondern er dient auch als Brütkammer, deren Temperatur sich leichter |249| graduiren läßt, als dieß an den gewöhnlich gebräuchlichen Brütapparaten der Fall ist.

A. d. O.

|249|

Es ist den Eigenthümern von Magnanerien, sagt Bonafons, nicht genug zu empfehlen, sich der Thermometer mit Index zu bedienen, damit sie ersehen können, ob auch während ihrer Abwesenheit beständig die gehörige Temperatur unterhalten worden.

A. d. O.

|249|

Eine zu niedrige oder zu hohe Temperatur, sagt Hr. Bonafons, kann allerdings dem Wachsthume der Seidenraupen nachtheilig werden, hauptsächlich schadet ihnen jedoch die Hize; und zwar 1) indem sie in ihnen einen Appetit anregt, der über ihre Verdauungskräfte geht; und 2) indem sie die Gährung des Kothes begünstigt. Manche am blinden Schlendrian hängende Seidenzüchter glauben, daß eine dike Kothschichte zur Unterhaltung der gehörigen Wärme nöthig ist. Dieß ist, wie mir scheint, eines jener Vorurtheile, die dem Gelingen der Ernte am meisten entgegen sind; denn den Raupen muß nicht nur fleißig ausgemistet werden, sondern man muß den Koth auch sorgfältig von den Geflechten entfernen, und ihn weit von den Magnanerien wegschaffen. Ich sah bei meinen Versuchen |250| die Sterblichkeit der Raupen nach erfolgter Reinigung wie durch Zauber verschwinden.

A. d. O.

|250|

Man darf nicht vergessen, daß das Ventilationssystem, von welchem hier die Sprache ist, nur dann vollkommen ist, wenn alle Fenster und Thüren der Magnanerie genau geschlossen sind. Der Werkführer hat daher nie die Fenster zu öffnen; und was die Thüren betrifft, so soll deren Offenstehen durch angehängte Gewichte verhütet werden.

A. d. O.

|250|

Da wo die Herbeischaffung von Eis zu große Schwierigkeiten oder Kosten veranlaßt, kann man, nach Bonafons, statt dessen große Tücher anwenden, die man von Zeit zu Zeit und so oft man es für nöthig hält, in Wasser eintaucht. Die kalten Wasserdämpfe, die sich hiebei entwikeln, erzeugen ein Sinken der Temperatur, welches mir in vielen Fällen sehr gute Dienste leistete. A. d. O. Hr. Thénard empfahl in einer der Sizungen der Société d'Encouragement, in welcher d'Arcet's Magnanerie zur Sprache kam, und in der man gegen die Anwendung des Eises wegen der großen damit verbundenen Kosten Einwendung machte, die Luft über nasse Roste strömen zu lassen, und sie dadurch abzukühlen. Andere wollten die Luft aus einem Keller zur Ventilation bei großer Hize anwenden, was jedoch ungeeignet scheinen dürfte.

A. d. R.

|251|

Ich glaube, daß man bei gehöriger Leitung einer Magnanerie von der beschriebenen Art die Chlorräucherungen gar nicht mehr nöthig haben dürfte. Wollte man mit diesen Räucherungen dennoch fortfahren, so müßten die dazu dienlichen Ingredienzien in die Luftkammer 3 gebracht werden.

A. d. O.

|253|

Hr. Camille Beauvais, einer der thätigsten Seidenzüchter in der Gegend von Paris, hat die d'Arcet'sche Ventilirmethode bereits an einem sehr einfachen und wohlfeilen Gebäude in Anwendung gebracht, und im heurigen Jahre einem Schreiben an Hrn. d'Arcet gemäß, bei sehr verminderter Arbeit eine der reichlichsten Seidenernten gemacht.

König Ludwig Philipp läßt gegenwärtig in Villiers eine nach demselben Systeme eingerichtete Magnanerie, welche für andere als Muster dienen soll, erbauen.

A. d. R.

|255|

Hr. d'Arcet der Sohn hat in 100 Theilen getrokneter Blätter 5,58 Stikstoff gefunden; eine Raupe verzehrte demnach in der ganzen Masse der Nahrung, die sie während ihrer Lebensdauer zu sich nahm, nur 0,518 Gr. Stikstoff. Die Seide enthält 11,33 Proc. Stikstoff. Eine Raupe verzehrt also so viel Stikstoff, als zur Erzeugung von 4,572 Gr. Seide nöthig wäre; die Seide und die Flokseide eines Cokons wägen nur 2,327 Gr.; eine große, zum Einspinnen bereite Raupe nur 3,275 Gr. und die Puppe nur 1,783 Gr. Hr. d'Arcet verspricht demnächst eine Analyse der trokenen Seidenraupe, der trokenen Puppe und des Raupenkothes; von lezterem versichert er gegenwärtig schon, daß er keine Harnsäure enthält.

A. d. O.

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