Titel: Ueber ein neues Verfahren in Glas zu bohren und die Grabstichel zu härten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. XI./Miszelle 10 (S. 78–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/mi059011_10

Ueber ein neues Verfahren in Glas zu bohren und die Grabstichel zu härten.

Es ist seit längerer Zeit vielen Glasern, aber keineswegs allgemein bekannt, daß sich das Glas mittelst eines mit Terpenthinöhl befeuchteten Grabstichels ziemlich leicht durchbohren läßt. Hr. Carl Albrecht, welcher, ohne von diesem Verfahren Kenntniß zu haben, durch eigene Beobachtungen auf dessen Entdekung geleitet wurde, hat darüber in Kastner's Archiv Bd. VIII, S. 382 eine Abhandlung mitgetheilt, woraus wir das Wichtigste ausheben wollen. Besonders eignet sich zu diesem Zweke altes zähes Terpenthinöhl und mittelst einer damit benezten Feile läßt sich jedes Glas beliebig rund oder mehr oder weniger vielekig durchlöchern. Dem frischen Terpenthinöhl kann man durch Zusaz von etwas Kampher vollkommen die Eigenschaften des alten ertheilen.

Man hat zum Glasbohren nach obigem Verfahren nur viererlei Hülfsmittel nöthig: 1) verschiedene an der Spize ungefähr 1/2 Zoll lang gut gehärtete Grabstichel; 2) ein Schälchen mit Terpenthinöhl, in welchem ein Stükchen Kampher gelöst worden ist; 3) einen runden Schleifstein mit Tritt, zum Wezen der stumpf gewordenen Schneiden, nebst einem Oehlstein zum Abziehen derselben.

Um sich gehärtete Grabstichel, wie sie zum Glasbohren nöthig sind, selbst zu verfertigen, verschafft man sich mehrere englische Grabstichel, von der kleinsten Dike bis zur Dike von 2 Lin. Zu größeren Löchern feilt man sich aus englischem Gußstahl vierekige Reibahle, welche nach dem Härten auf allen vier Seiten, wie die Schaber der Kupferstecher, scharf geschliffen und abgezogen werden müssen. Um nun diese Werkzeuge zu härten, legt man auf eine steinerne Gluthschüssel, welche auf einem Heerde steht, der einen guten Luftzug hat, in deren inneren Raum glähende |79| Buchenholzkohlen; diese umgibt man auf der rechten, linken und hinteren Seite mit klein gesägten und gespaltenen Scheitchen von Buchen- oder Birkenholz. Auch oben her beugt man mehrere solche Stükchen Holz, so daß man nur von der vorderen Seite zu den Kohlen sehen kann. Wenn die glühenden Kohlen durch Zublasen eines Handblasebalgs das sie umgebende Holz zu einer Flamme angefacht haben, so stekt man die zu härtenden Grabstichel etwa zur Hälfte in die Kohlen und wartet, bis sie sich langsam so weit erhizt haben, daß sie nicht ganz dunkel, und nicht ganz hellroth glühen. Diese Farbe muß genau beobachtet werden, denn sie zeigt den rechten Augenblik des Härtens. Inzwischen hält man ein Gefäß mit fein zerriebenem eisenblausaurem Kali (Blutlaugensalz) in Bereitschaft; streut von diesem Pulver auf die rothglühende Stelle der Instrumente, unter stetem Herumdrehen derselben, stekt sie wieder in die Kohlen, und läßt sie abermals, ohne zu blasen, bis auf den gehörigen Grad roth glühen. Jezt nimmt man sie mit einer kleinen Zange schnell aus dem Feuer und löscht sie augenbliklich in kaltem Wasser, worin Kochsalz gelöst ist, so geschwind als möglich ab. Man hat dabei sehr in Acht zu nehmen, daß die erhizten stählernen Instrumente vor jedem Zuströmen kalter Luft bewahrt bleiben, indem diese auf die Reizbarkeit des erhizten Stahls sehr nachtheilig einwirkt, und den glüklichen Erfolg des Härtens hindert. Daher ist die Flamme des Holzfeuers nöthig, um während des Erwärmens der stählernen Instrumente die Luft umher zu erwärmen und zu verdünnen. Auch ist es eine bekannte Wahrheit, daß man den Stahl nicht zu stark erwärmen darf, besonders den Gußstahl.

Ist die Härtung gut gelungen, so ist die erhärtete Spize der Grabstichel weißgrau; ist sie aber nicht gut gelungen, so hat sich die im Feuer gewesene Stelle des Stahls gleichförmig mit einem aschgrauen Ueberzuge belegt, und der Stahl ist zu weich. Einige Uebung wird das Gelingen bald unterstüzen. Nach dem Harten schleift man die Stichel auf einem runden Schleifsteine der Länge nach an ihrem Ende zu dreiseitigen, dreischneidigen Prismen, und die äußerste Spize schief ab. Vor dem Gebrauche zieht man sie auf einem Oehlsteine ab, und stekt sie in ein Heft.

Will man nun Glas bohren, so sezt man an der Stelle des Glases, wo ein Loch gebohrt werden soll, den dünnsten Grabstichel, indem man seine Spize in dem bereit stehenden Schälchen mit Terpenthinöhl und Kampher befeuchtet, auf, drükt damit gegen das Glas, bis ein Eindruk wahrgenommen wird, und bohrt damit unter abwechselndem Befeuchten mir derselben Materie so lange fort, bis das Loch durchgebohrt ist. Als Gegendruk hält man den Zeigefinger der linken Hand an die andere Seite des Glases, und wenn man nun die Spize des Stichels fühlt, so verdoppelt man die Aufmerksamkeit, daß der Druk beim Bohren nicht zu stark wirkt, denn hier ist allein Gefahr des Zersprengens. Kann man das Glas von beiden Seiten behandeln, so kehrt man es dann um, und bohrt, sobald man die Spize des Grabstichels auf der hinteren Seite fühlt, dagegen. Ist einmal ein kleines Loch gebohrt, so läßt sich dieses durch das Ausreiben mit den verschiedenen Grabsticheln und Reibahlen sehr bald und leicht zu jeder beliebigen Größe bringen. Auch kann man nun durch Feilen dem Loche jede beliebige Form geben: nur muß man die Stelle immer mit dem Terpenthinöhlkampher naß halten. Zu einem Loche durch ein 2 Lin. dikes Glas braucht man ungefähr eine Viertelstunde, um es fertig zu bohren.

Ist das Loch gebohrt und gut abgerundet, so läßt sich auch, während noch die Poren des Glases von dem Terpenthinöhlkampher durchdrungen sind, eine dahin geeignete Schraube schneiden. Dazu braucht man nun die nämlichen Bohrer, wie zu Metall: ihre Verfertigung erlernt man bei einem geschikten Metallarbeiter, nur hüte man sich vor solchen Bohrern, welche in einem Schraubenbleche geschnitten worden sind; ihre Zähne sind zu stumpf, unrein, und nicht tief genug. Die zum Glasschraubenbohren sich eignenden männlichen Schraubenbohrer mussen in einer Kluppe, oder auf der Drehbank, mit dem Gewindstahl geschnitten, vor dem Härten vierekig zugefeilt, und nach dem Härten geschliffen werden, so daß ihre Zähne immer scharf angreifen können. Nach dem Schleifen macht man ein Ablaßblech auf dem Kohlenfeuer rothglühend, legt die Schraubenbohrer darauf, um sie nach und nach zu erwärmen, und gibt genau Acht, bis sie stark gelb anlaufen. Jezt kühlt man sie wieder schnell in reinem, kaltem Brunnenwasser ab. Zu jedem Loche muß man wenigstens drei solche Gewindbohrer haben. Der erste Bohrer muß in das Loch kaum den Gang vorzeichnen, der zweite greift schon etwas mehr an, und der dritte vollendet die Mutterschraube. Das ganze Geschäft aber |80| muß mit einer spielenden Leichtigkeit und unter stetem Befeuchten mit dem Terpenthinöhlkampher verrichtet werden.

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