Titel: Ueber die Wirkungsweise der Dünger.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. XXXVI./Miszelle 13 (S. 238–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/mi059036_13

Ueber die Wirkungsweise der Dünger.

Hr. Payen hielt in den vorjährigen Sizungen der Société royale et centrale d'Agriculture in Paris Vorträge über die Versuche, welche er über die Theorie der Dünger und deren Anwendung in der Landwirtschaft angestellt. Er überzeugte sich hiebei gleich früheren Beobachtern auf unbestreitbare Weise, daß die Schwämmchen oder die aufsaugenden Enden der Wurzelfasern, die Narben, die Samen, die nicht entfalteten Blüthenknospen, und viele andere Pflanzentheile eine merkliche Quantität einer stikstoffhaltigen Substanz enthalten, die auch an der ganzen inneren Oberfläche der Gefäße und in dem Safte verbreitet ist. Er schließt hieraus, daß der Stikstoff ein zur Ernährung der Pflanzen nöthiges Element ist, und daß die thierischen Substanzen, die ihnen diesen Stoff liefern, nicht nur als Reizmittel für die Vegetation, sondern als wirkliche Nahrungsstoffe für die Pflanzen zu betrachten sind. Uebrigens faßte er die Resultate seiner Versuche |239| folgender Maßen zusammen: 1) Die aus organischen Substanzen bestehenden Düngerarten wirken um so besser, je langsamer ihre freiwillige Zersezung von Statten geht, und je mehr sie der allmählichen Entwikelung der Gewächse entspricht. – 2) Die kräftigsten Düngmittel eben so gut, als jene, welche wegen der Hartnäkigkeit, mit der sie der Zersezung widerstehen, beinahe unwirksam sind, können unter diese günstigen Umstände gebracht werden. – 3) Wenn man die Düngmittel, deren Zersezung am raschesten von Statten geht, in den geeignetsten Zustand versezt, kann man deren Wirkung um das Vier- und Sechsfache erhöhen. – 4) Das Muskelfleisch, das Blut, die verschiedenen thierischen Abfälle, so wie die verschiedenen Arten von Mist, die man ehemals solche Veränderungen eingehen ließ, daß 5/10 bis 9/10 ihrer Producte verloren gingen, können gegenwärtig ohne allen solchen Verlust benuzt werden. – 5) Die troknende und desinficirende Wirkung der Kohlen kann zur Aufbewahrung der leicht zersezbaren Substanzen und zur Lösung von Aufgaben benuzt werden, die für die Sanitätspolizei von höchster Wichtigkeit sind. – 6) Verschiedene organische Substanzen, die in sehr geringer Menge in Wasser aufgelöst oder darin schwebend erhalten sind, können, in reichlicher Menge zur Bewässerung benuzt, die ausgezeichnetsten Wirkungen auf die Vegetation hervorbringen. – 7) Die Düngmittel, deren faule Ausdünstungen nicht gehörig gemildert sind, können zum Theil ohne Assimilation in die Pflanzen übergehen, so daß deren Geruch darin bemerkbar bleibt. Ein directer Versuch beweist überdieß, daß gewisse Riechstoffe auf diese Weise selbst bis in das Muskelfleisch jener Thiere gelangen können, die man mit Pflanzen, welche mit gewissen Düngmitteln gedüngt worden, fütterte. Diesen Nachtheilen läßt sich durch die angedeuteten Mittel abhelfen. – 8) Die auffallendsten Anomalien in der Anwendung der Knochen als Dünger lassen sich vollkommen erklären und passen in die allgemeine Theorie. – 9) In Hinsicht auf den Widerstand, den die Knochen in verschiedenem Zustande gegen die Zersezung leisten, läßt sich folgende Ordnung aufstellen: die ganzen, unzerkleinerten, mit Fett durchdrungenen Knochen; die feucht aufbewahrten Knochen, in denen das Fett isolirt geblieben; die Knochen, denen eine immer größere und größere Quantität Fett entzogen worden; die Knochen, in denen das Fasergewebe durch Temperatur und Wasser verändert worden; dieselben Knochen, denen durch Auswaschen größere Portionen Gallerte entzogen worden ist. Die Knochen sind um so weniger wirksam, je weniger sie hievon enthalten; bei einem Gehalte von weniger als 1/1000 sind sie beinahe unwirksam; obschon sie selbst in diesem Zustande noch so viel im Feuer veränderlicher Substanzen enthalten, daß sie bei der Calcination in verschlossenen Gefäßen stark geschwärzt werden. Diese leztere Erscheinung rührt übrigens hauptsächlich von der Zersezung einer unauflöslichen und als Dünger unwirksamen Kalkseife her. – 10) Die matten, sehr porösen, pulverförmigen, mit auflöslichen organischen Substanzen gesättigten Kohlen wirken sehr nüzlich: und zwar zuvörderst dadurch, daß sie die freiwillige Zersezung langsamer und auf eine der absorbirenden Kraft der Pflanzen mehr entsprechende Weise von Statten gehen machen; ferner aber auch dadurch, daß sie die Gase verdichten, und sie unter dem Einflusse der Temperatur, des Drukes und der Feuchtigkeit an die Pflanzen abgeben; endlich aber auch dadurch, daß sie die Sonnenstrahlen absorbiren und an den Boden übertragen. – Diese von Hrn. Payen aufgestellten Schlußfolgerungen gaben zu langen Erörterungen von Seite mehrerer Mitglieder Anlaß, aus denen wir in Kürze Folgendes entnehmen. Auf die von zwei Mitgliedern geäußerte Ansicht, daß der Geruch der Düngstoffe nur dann manchmal in die Gewächse übergehe, wenn diese auf die Pflanzen selbst ausgegossen oder ausgestreut werden; daß diese Wirkung hingegen nicht merklich sey, wenn man die Düngstoffe in die Furchen oder in die zwischen den Pflanzen gelassenen Zwischenräume bringt, antwortet Hr. Payen durch seine Versuche, und durch die von mehreren Mitgliedern unterstüzten, von anderen hingegen bestrittenen Bemerkungen, daß Heu von Wiesen, die mit Kothpulver bestreut wurden, einen so üblen Geruch bekam, daß es die Pferde nur mit Widerwillen fraßen; daß Spinat und Rüben, welche mit Pariserkoth gedüngt wurden, einen schlechten Geschmak zeigten, und daß Reben und Tabakpflanzen bekanntlich dem Einflusse des Düngers in Hinsicht auf Arom und Geschmak in hohem Grade unterliegen. Wenn man je einwenden will, daß in vielen Gegenden, und namentlich in der Schweiz und in Deutschland, die Mistjauchen regelmäßig und angeblich ohne Einwirkung auf den Geruch der Pflanzen auf Felder und Wiesen ausgegossen werden, so darf hiebei doch nicht vergessen |240| werden, daß diese Jauchen gegohrene Flüssigkeiten sind, die bereits einen großen Theil des geschwefelten Wasserstoffgases und des schwefelwasserstoffsauren Ammoniums und ebendadurch auch sehr an düngender Kraft verloren haben. Uebrigens gibt Hr. Payen selbst zu, daß der üble Geruch der Düngstoffe nicht in die Pflanzen übergehen werde., sobald die Dosis derselben die assimilirbaren Quantitäten, d.h. jene Quantitäten, die die Pflanze so zu sagen verdauen, und verändert in sich aufnehmen kann, nicht übersteigt. Die Behauptung, daß die Pflanzen nur solche Substanzen, die zu ihrer Ernährung tauglich sind, aus dem Boden aufsaugen, die übrigen hingegen zurükstoßen, widerlegte Hr. Payen leicht durch die vielen, zu allen Zeiten mit Pflanzen angestellten Vergiftungsversuche. Auf die Frage, ob nicht zu befürchten stehe, daß die Düngkraft der animalisirten Kohle gleich jener der Düngererde schnell und schon nach dem ersten Jahre erschöpft werde, antwortete er damit, daß die Düngererde nur 2 bis 3 Fünftel stikstoffhaltiger Substanz enthalte, während sich in der animalisirten Kohle 75 bis 80 Proc. thierischer Stoffe befinden, die sich mit Kohlenpulver eingehüllt nur sehr langsam zersezen. Ein Beweis für diese langsame Zersezung liegt seiner Ansicht nach auch schon darin, daß die animalisirte Kohle ungeachtet ihres außerordentlich großen Gehaltes an übelriechenden Substanzen den Gewächsen doch nicht den mindesten üblen Geruch mittheilt. – Hr. Chevreul machte den Einwurf, daß es um die Dosis des Düngers bestimmen zu können, den die mit Kohlenpulver eingehüllten, der Fäulniß unterworfenen Substanzen abgeben, einerseits nöthig wäre die successiven Grade ihrer langsamen Zersezung, und andererseits den Gang zu kennen, den die verschiedenen Gewächse in ihrer allmählichen Entwikelung befolgen. Auf diesen Einwurf antwortete Hr. Payen, daß jede Pflanze aus dem Boden oder der in denselben gebrachte Dünger je nach den verschiedenen Epochen ihrer Vegetation, um so größere Quantitäten Nahrungsstoffe schöpfe, als ihr davon in einem unmittelbar aufsaugbaren Zustande dargeboten wird; daß es unmöglich ist diese Quantitäten so abzuwägen, daß sie den unter verschiedenen Umständen wandelbaren Bedürfnissen der Gewächse entsprechen; und daß das Beste, was man in dieser Hinsicht thun könne, darin bestehe, daß man den Gewächsen den Nahrungsstoff auf eine solche Weise darbiete, daß dessen freiweilige Zersezung nur sehr langsam von Statten gehe, und daß man es der Vegetationskraft der Pflanzen überläßt, sich in dem Maaße ihres Bedarfes eine größere Quantität davon anzueignen. Diesen Bedingungen entspricht, wie Hr. Payen meint, die animalisirte Kohle am meisten. – Hr. Loiseleur de Longchamp stellte die Frage, ob Hr. Payen den schädlichen Einfluß erklären könne, den die aus den Wurzeln der Pflanzen abgesonderten Stoffe auf die Wurzeln von Pflanzen derselben Art ausüben, und dem man die Nothwendigkeit im Wechsel der Pflanzen bei der Bebauung eines und desselben Bodens zuschreibe. Hr. Payen äußerte in dieser Hinsicht, daß man diese Thatsache, die er weder in Abrede stellen wolle noch erklären könne, übertrieben haben dürfte. Er wenigstens sah mehrere Beispiele, daß man bei gehöriger Düngung mehrere Jahre dieselbe Pflanze ohne Nachtheil auf demselben Boden bauen könne; er erinnere sich namentlich an ein Feld, welches seit 10 Jahren immer mit Runkelrüben bestellt war, ohne daß diese weniger Zuker geliefert hätten. Uebrigens hatte er bis jezt noch nicht Gelegenheit die Existenz besonderer von den Wurzeln der Pflanzen in den Boden abgeschiedener Excretionen zu entdeken, mit Ausnahme einer wässerigen Ausdünstung, welche Statt findet, wenn der Boden sehr troken ist. Aus einigen Beobachtungen möchte er jedoch glauben, daß die getrennten Wurzeln einiger abgestorbenen Pflanzen einen Ueberschuß an Stoffen, die der Vegetation nachtheilig werden könnten, enthalten dürften; als Beispiel hiefür erwähnte er den Gerbestoff in den Rosaceen. – Hr. Payen wird seine Beobachtungen, deren Resultate wir seiner Zeit gleichfalls andeuten werden, weiter fortsezen. (Aus dem Recueil industriel.)

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