Titel: Ueber den von Dr. Weinholz erfundenen Luftwagen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. XXXVI./Miszelle 2 (S. 231–233)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/mi059036_2

Ueber den von Dr. Weinholz erfundenen Luftwagen.

Im Februar d. J. und seitdem öfter lasen wir in öffentlichen Blättern von einer Erfindung des Dr. Weinholz in Braunschweig, welche er Luftwagen nannte, und die nicht geringe Erwartung erregte, denn mit eben so großer Anspruchslosigkeit als überzeugender Gründlichkeit, so wurde berichtet, habe Dr. Weinholz das Wesentliche seiner Erfindung dargelegt, und versprochen, dieselbe in einer Schrift weiter zu entwikeln und zu veröffentlichen. Diese Schrift ist erschienen unter dem Titel: „Luftschifffahrt und Maschinenwesen. Nachweisung eines neuen Bewegungsmittels von Dr. Weinholz.“ Auf der ersten Seite, welche ich in derselben las, fand ich sogleich, daß die Idee des Dr. Weinholz keine andere ist, als die, welche, ich schon vor einem Jahre im Kleinen ausgeführt habe, zwar nicht, um deren praktische Anwendbarkeit einleuchtend zu machen, sondern nur zu theoretischen Zweken. Auch ist das Ganze so wenig neu, daß nur die vorhin erwähnte Ankündigung, die bereits erschienene Schrift des Dr. Weinholz und die von ihm gegebene Verheißung eines noch weit ausführlicheren Werkes über denselben Gegenstand mich bewegen konnten, öffentlich etwas hierüber zu sagen. Vielleicht wird dieß für den Dr. Weinholz Veranlassung, sich unnöthige Mühe und Kosten zu ersparen, und lieber, bevor er die Anwendung seiner Erfindung bis in die kleinsten Einzelnheiten entwikelt, dieselbe vielseitiger und unbefangener zu prüfen, – allenfalls auch einen Versuch im Kleinen zu machen.

Die physikalische Wahrheit, worauf die vermeintlich neue Erfindung sich gründet, ist folgende. Wenn eine elastische Flüssigkeit – Dampf oder irgend eine Gasart – sich im zusammengepreßten Zustande in einem verschlossenen Gefäße befindet, so drükt sie gegen die inneren Wände desselben, ohne es nach irgend einer Richtung hin fortbewegen zu können, weil der Druk auf die einander gegenüber stehenden Seiten allemal gleich stark ist und daher sich aufhebt. Nehmen wir an, das Gefäß sey so beschaffen, daß die vordere Wand desselben 10 Quadratzoll enthalte, und die hintere eben so viel; auf jeden Quadratzoll drüke der Dampf mit der Kraft von 10 Pfd.; so wird das Gefäß mit der Kraft von 100 Pfd. nach Vorne und mit derselben Kraft nach Hinten gedrükt werden, also in Ruhe bleiben. Schneiden wir aber aus der Hinteren Wand einen Quadratzoll heraus, so daß also der Dampf auf diesen Quadratzoll nicht mehr drükt, indem er hier frei ausströmt, so wird er das Gefäß nur noch mir der Kraft von 90 Pfd. nach Hinten drängen, und der Druk nach Vorne wird 10 Pfd. mehr betragen, welcher Ueberschuß die Bewegung hervorbringen soll. – Hiebei wird vorausgesezt, daß der Dampf einen so reichlichen Ersaz erhalte, daß er troz des Ausströmens stets in gleicher Spannung bleibt.

Die Hindernisse, welche der praktischen Anwendung in den Weg treten, sind folgende. Machen wir die Ausströmungsöffnung klein, so ist es auch nur eine kleine Fläche auf der gegenüber stehenden Seite des Gefäßes (des Dampfkessels), gegen welche der Dampf fortbewegend wirkt, und die Wirkung kann also nur gering seyn; machen wir aber die Oeffnung im Verhältniß zu dem Dampfkessel groß, so strömt der in genügendem Grade comprimirte Dampf, da er keinen anderen Widerstand findet, als die Luft, in solcher Menge aus, daß er nicht so schnell wieder ersezt werden kann, – seine Compression wird daher so sehr vermindert, daß seine Wirkung wiederum nur sehr gering seyn kann; ja er wird gar |232| nicht einmal zu irgend einer wirksamen Compression gelangen, wenn ihm gleich vom Anfange seiner Entwikelung an das Ausströmen verstattet ist.

Bei meinem kleinen Dampfwagen, der von einem sehr geschikten hiesigen Uhrmacher aus Messingblech auf's sorgfältigste gearbeitet ist, hat der Dampfkessel 4 Zoll Länge, 2 Zoll Breite und 1 Zoll Höhe. Er wird durch drei Spirituslampen geheizt, wodurch ich eine sehr schnelle Dampfentwikelung zu erzielen im Stande bin. Die hinten befindliche Ausströmungsöffnung war anfangs so groß, wie der Durchschnitt einer mittleren Nähnadel. Dabei entstand, troz des stärksten dreifachen Lampenfeuers, keine Bewegung. Erst nachdem ich die Oeffnung so sehr habe verkleinern lassen, daß sie dem Durchschnitt der feinsten Nähnadel gleicht, geräth der Wagen auf ganz ebenem Boden in eine (durch Stellung der Vorderräder geleitete) kreisförmige Bewegung. – Eine rotirende Dampfmaschine, welche ich neuerdings von demselben Künstler und nach demselben Grundsaze habe anfertigen lassen, bewegt sich mit Leichtigkeit, weil sie eine sehr geringe Friction zu überwinden hat, doch kann auch sie Nichts weiter effectuiren, als daß sie sich selbst treibt.

Bei den gewöhnlichen Dampfmaschinen, welche in unserer Zeit so viel Epoche machen, verhält sich die Sache anders. Erstens strömt der Dampf, wegen des Widerstandes, den er zu überwältigen hat, nicht mit solcher Leichtigkeit und Schnelligkeit aus, so daß er also mehr Zeit hat sich zu sammeln, und zweitens wirkt er nicht bloß mit einer Kraft, welche gleich ist seinem Druk auf die Ausströmungsöffnung, sondern diese Wirkung vervielfältigt sich so viel Mal, als die Fläche des Stempels, den er treibt, größer ist, als jene Ausströmungsöffnung. Nehmen wir an, daß die Ausströmungsöffnung 1/4 Quadratfuß beträgt, und daß der Druk des Dampfes auf diese Fläche gleich ist dem Druk von 1000 Pfund (dieß wäre ein doppelter Atmosphärendruk, da die atmosphärische Luft auf 1 Quadratfuß ungefähr mit der Kraft von 2000 Pfd. drükt); nehmen wir ferner an, daß der Stempel eine Fläche von 4 Quadratfuß darbietet, so wird der Dampf auf leztere mit der Kraft von 16,000 Pfd. wirken.

Zum Schluß wollen wir noch einiger abenteuerlicher Ideen des Dr. Weinholz erwähnen. Er spricht §. 119 von Dampf, dessen Druk dem von 100, ja von 200 Atmosphären gleichkommt, und von einer Ausströmungsöffnung von 1, ja von 4 Quadratfuß, wodurch allerdings die berechnete Kraft von 1,600,000 Pfd. nach der bestimmten Richtung erreicht würde. Aber hiezu wäre mindestens ein Dampfkessel von der Größe der Peterskirche in Rom nöthig, mit verhältnißmäßig diken Wänden, – etwa von Platina, um den unermeßlichen Druk gegen die ganze innere Fläche auszuhalten und nicht zu schmelzen bei der ungeheuren Gluth, zu deren Hervorbringung die Steinkohlenbergwerke von Newcastle sich erschöpfen müßten. Und der ganze Apparat, von dem der Dampfkessel nur ein Theil ist, soll sich nicht bloß auf gebahnter Straße fortbewegen, sondern pfeilschnell durch die Luft dahin fahren, und große Gondeln mit Menschen und Waaren nach sich ziehen; denn die Luftschifffahrt ist es ja hauptsächlich, worauf der Erfinder es abgesehen hat. Meine Idee war doch nur, als ich den vorhin erwähnten Dampfwagen anfertigen ließ, daß es vielleicht nicht unmöglich sey, bei stiller Luft einem auf die gewöhnliche Art mit Wasserstoffgas gefüllten Ballon durch ausströmenden Dampf eine beliebige Horizontalrichtung zu geben.

Dr. Weinholz schlägt auch vor, statt des elastischen Wasserdampfes die aus verbrennendem Schießpulver sich entwikelnden Gase als Bewegungsmittel zu benuzen. Bekanntlich dreht sich das Feuerrad und steigt die Rakete durch das Ausströmen dieser Gase; leztere hebt noch einen Stok mit in die Luft, wodurch ihre Bahn geregelt wird. Soll nun aber anstatt dieses dünnen Stoks eine Gondel mit Menschen in die Luft gehoben werden, so muß auch die dazu nöthige Rakete eine gewöhnliche eben so sehr an Dike übertreffen, als diese Last das Gewicht jenes Stokes übertrifft; und soll die Luftfahrt auch nur so viele Minuten dauern, als die gewöhnliche Rakete Secunden steigt, so muß die anzuwendende Rakete sechszig Mal so lang seyn, als jene; um eine Stunde zu brennen, müßte sie 3600 Mal so lang seyn. Den Vortheil hätte man freilich, daß man sich nicht mit Pelzen für die kalte Luftregion zu versehen brauchte, und die Astronomen würden alle bisher beobachteten Kometen für Nichts achten gegen ein solches Meteor.

Dr. Weinholz will auch Geschosse von jeder beliebigen Masse mit jeder gewünschten Geschwindigkeit dadurch fortschleudern, daß er sie aushöhlt und raketenartig |233| mit Pulver füllt. (Die englischen Brandraketen stellen etwas Aehnliches dar, nur daß sie keine schweren Massen sind, und nicht durch ihren Stoß, sondern durch ihr Feuer schaden.) Oder es soll, wie nach Weinholz's eigener Angabe schon Perkins vor mehreren Jahren vorgeschlagen hat, die röhrenförmige Höhlung des Geschosses eine Quantität Wasser enthalten, und dann das ganze Geschoß erhizt werden, bis ein metallener Pfropf schmilzt, das in Dampf verwandelte Wasser ausströmt und dadurch das Geschoß forttreibt. Hier findet also nicht einmal eine fortdauernde Entwikelung von Dampf Statt.

Der Schluß des Buches erklärt die Unreife der ganzen Idee, indem Weinholz sagt, es seyen kaum 18 Tage verstrichen, seitdem er an das von ihm empfohlene Bewegungsmittel zuerst gedacht habe.

C. Krückmann in Güstrow.

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