Titel: Ueber das Abziehen der Rasirmesser
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. XXXVI./Miszelle 4 (S. 234–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/mi059036_4

Ueber das Abziehen der Rasirmesser

enthält der Bulletin de la Société d'encouragement in seinem neuesten Septemberhefte eine von Hrn. Mérimée verfaßte Notiz, aus der wir Folgendes entnehmen. „Die Ankündigungen von Compositionen, womit man den Rasirmessern schnell eine scharfe Schneide zu geben im Stande ist, wiederholen sich täglich, so daß eine Sammlung aller dieser Präparate gewiß schon einen bedeutenden Umfang einnehmen würde. Untersucht man dieselben jedoch genauer, so wird man finden, daß die meisten einander ähnlich sind, und daß das, was heute als neu ausgerufen wird, bereits früher schon öfter zu Tage gebracht worden ist. Jede Substanz, die geeignet war den Stahl abzureiben und zu poliren, konnte zum Abziehen der Rasirmesser benuzt werden; keine der hiezu verwendeten Stoffe konnte jedoch etwas leisten, ausgenommen in den Händen derer, die die Messer gehörig abzuziehen verstanden. Man ging bei der Zusammensezung aller dieser Compositionen von der Idee aus, daß man mit ihnen einen geringeren Grad der Wirkung der Wezschiefer oder Abziehsteine hervorbringen müsse, und überzog daher die eine Seite des Streichleders mit einer Masse, in der den Stahl angreifende Pulver enthalten waren, während man die andere Seite frei ließ oder auch mit |235| Polirroth überzog. Dieses Verfahren ist sehr rationell, obwohl nicht vergessen werden darf, daß es nicht immer nöthig ist, die Ränder der Schneide eines Rasirmessers abzureiben, um dieses abzuziehen. Denn es genügt nicht selten ein Rasirmesser auf der flachen Hand hin und her zu streichen, um ihm seine frühere Schärfe zu geben. Daß aber bei einer so gelinden Reibung so wenig ein Abschleifen Statt finden könne, wie bei jenem Abziehen der Messer, welches die Korkfabrikanten nach dem jedesmaligen Gebrauche auf einem Stüke weißen reinen Holzes vornehmen, erhellt von selbst; die Reibung hat hier vielmehr keinen anderen Zwek als den, die Schneide wieder gerade zu richten oder deren sämmtliche Zähne in eine und dieselbe Fläche zu bringen. Wenn man nämlich die Schneide eines noch so gut polirten Rasirmessers unter ein gutes Mikroskop bringt, so wird man deutlich parallele durch die Reibung auf dem Leder erzeugte Streifen bemerken, und finden, daß diese Streifen, indem sie sich bis zur Schneide fortpflanzen, aus dieser nothwendig eine Säge machen. Die Zahne dieser Säge erscheinen jedoch nicht gleichmäßig, wie sie an unseren gewöhnlichen Sägen zu seyn pflegen; sie sind vielmehr an Höhe und Breite ungleich. Wenn daher die Basis dieser Zähne so schwach ist, daß sie diese nicht in ihrer Richtung zu erhalten vermag, so werden die Zähne bei dem geringsten Widerstande des Bartes aus dieser ihrer Richtung kommen, und in der schiefen Stellung, in die sie gelangen, die Haare nicht mehr durchschneiden können, sondern ein schmerzliches Zerren an denselben erzeugen müssen. Wenn man sich eines von einem geschikten Messerschmiede abgezogenen Rasirmessers zum ersten Male bedient, so schneidet es in der Regel jedes Mal gut; es ist dann die Schuld dessen, der sich seiner bedient, wenn er es nicht in diesem Zustande erhält. Leider gibt es aber wenige Personen, die ein Rasirmesser gehörig abzuziehen, oder auch nur sich seiner zu bedienen verstehen, ohne es in kürzester Zeit dienstuntauglich zu machen. Die einen schaben oder krazen den Bart hinweg; die anderen sezen das Messer auf ähnliche Weise, wie der Zimmermann seinen Hobel an: d.h. sie bewegen es in senkrechter Richtung gegen die Fläche seiner Schneide vorwärts, wodurch die Haare schief durchschnitten werden, während sie rein durchgeschnitten werden müssen, indem das Rasirmesser nach Art einer Säge schneiden muß. Wenn nun zum Behufe des Abziehens die Seitenränder der Schneide nicht immer abgeschliffen zu werden brauchen; wenn es vielmehr genügt die Zähne in eine und dieselbe Fläche zu bringen, so ist ein weiches Leder, in welches sich die Schneide so eindrükt, daß sie bald nach der einen, bald nach der anderen Seite umgebogen wird, nicht das passendste Abziehinstrument; allein je weniger nachgiebig dieses Instrument ist, um so milder muß dafür die Composition seyn, womit man dasselbe überzieht. Ich bediene mich gegenwärtig nur hölzerner Abziehinstrumente, auf welche ich Polirroth, Eisenglanz oder Schmirgel von höchster Feinheit auftrage. Ich gebe auf diese Weise selbst Messern von mittelmäßiger Güte eine gute Schneide, deren Ränder vollkommen polirt sind. Der sogenannte Faden eines Rasirmessers wird durch die langen Zähne, deren Basis zu schwach ist, als daß sie sie in der Stellung der übrigen Zähne zu erhalten vermöchte, hervorgebracht. Einige Züge auf dem Streichsteine genügen, um ihn zu befestigen; dazu gehört aber eine Gewandtheit, die nicht ein Mal allen Messerschmieden eigen ist. Ich finde hiezu am geeignetsten eine matte Glasplatte, bei deren Anwendung keine besondere Geschiklichkeit nöthig ist, und auf welche ich etwas Polirroth oder feinstes Schmirgelpulver mit Oehl oder Wasser bringe. Mit Hülfe dieses Glases kann man den Faden und selbst kleine Scharten in kurzer Zeit so beseitigen, daß man die Messer nie auf den Schleifstein zu bringen braucht. Noch muß ich bemerken, daß man in Amerika zum Abziehen der Rasirmesser neuerlich einen Cylinder aus gehärtetem Stahle, der der Länge nach so mit Schmirgel polirt worden ist, daß äußerst feine Längenstreifen darauf zurükblieben, anwendet. Auf diesem Cylinder soll man, nachdem man etwas Strohasche mit Wasser auf ihn aufgetragen, die Messer abziehen, indem man ihnen eine schwache Bewegung im Kreise mittheilt.“

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: