Titel: Ueber die Maschinen-Flachsspinnerei in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. LXXII./Miszelle 10 (S. 473–474)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/mi059072_10

Ueber die Maschinen-Flachsspinnerei in Frankreich.

Die Société d'encouragement, schreibt das Musée industriel in seinem ersten Bande S. 303, hat, den Erfindern und Technikern schon längst als Leitstern und Führer dienend, denjenigen, welche sich der mechanischen Flachsspinnerei widmeten, die wahre Bahn, auf der sie fortzuschreiten hatten, angewiesen. In der Ueberzeugung, daß man seinen Zwek wohl kaum erreichen könnte, bevor man nicht eine vollkommen entsprechende mechanische Hechelmethode erfunden, hat sie in ihrem Bulletin seit einigen Jahren einen Preis von 6000 Fr. für eine solche |474| Erfindung ausgesprochen. Wenn auch dieser Zwek bis zur Stunde noch nicht vollkommen erreicht ist, so sind ihm die HH. Schlumberger in Nogent-les-Vierges und Hr. Girard in Warschau wenigstens doch schon so nahe gekommen, daß jedem derselben ein Aufmunterungspreis von 600 Fr. zu Theil wurde. – Mittlerweile hat aber die mechanische Flachs- und Hanfspinnerei seit dem Jahre 1827 in Frankreich dennoch so viele Fortschritte gemacht, als bei den im In- und Auslande bekannten Hülfsmitteln, und bei dem Untergange der früher erstandenen Etablissements füglich zu erwarten stand. Als Beweis hiefür dienen die Proben, welche unsere drei stärksten Unternehmer in diesem Fache bei der lezten Industrieausstellung in Paris vorlegten; so wie auch der Umstand, daß sich eine vierte große Fabrik dieser Art im Departement du Nord bilden will, und daß auch ein englischer Fabrikant seinen Sohn nach Frankreich zu übersiedeln gedenkt. Unsere drei älteren Fabrikanten sind: 1) Hr. Leclaire in Kaisersberg, Dept. du Haut Rhin, der, wenn er sich auch selbst lange Zeit ohne glükliche Resultate mit diesem Gegenstande beschäftigte, nunmehr doch durch den unglüklichen Joh. Vetter in Mülhausen dazu gelangte. Vetter begab sich nämlich nach Schottland, wo die Flachsspinnerei am weitesten voraus ist, und trat dort, obgleich selbst Mechaniker, als einfacher Spinner in Dienst. Durch seinen Eifer und seine Gewandtheit brachte er es bald zum Aufseher, was einem Fremden selten gelingt. Nach 4 Jahren kehrte er innig vertraut mit den engl. Maschinen und dem engl. Verfahren nach Frankreich zurük, um sein Vaterland mit seinen Forschungen zu beglüken; leider unterlag er aber hier bald darauf dem Tode. Die Früchte seiner Arbeiten sind jedoch nicht verloren; denn er hatte in Mülhausen bereits eine Maschinenwerkstätte errichtet, in welcher man alle Modelle gesammelt findet. Hr. Leclaire hat sich für seine Fabrik Maschinen von Vetter verschafft, und mit diesen spinnt er Flachsgarn von Nr. 16 bis 50, wofür er die broncene Medaille erhielt. – 2) Die HH. Moret und Comp. in Moy, Dept. de l'Aisne, besizen eine schöne Fabrik in einer sehr günstig gelegenen Gegend. Sie spinnen schönes Garn, weben schöne Leinenzeuge, zeichnen sich aber besonders durch schöne, glänzende und wohlfeile Teppiche aus, welche sie aus Werg fabriciren, und welche daher den Angriffen der Insecten nicht ausgesezt sind. – 3) Die HH. Saglio und Comp. in Biblisheim bei Haguenau. Ihre Fabrik wurde vor 5 Jahren in großem Maaßstabe errichtet, und obschon sie nach dem ersten Jahre abbrannte, wieder neu erbaut. Sie erzeugt mit 1200 Spindeln täglich in 13 1/2 Arbeitsstunden 8 bis 9 Cntr. Garn von jeder Feinheit; auch spinnt sie Flachsund Hanfwerg. Ein Wasserfall von 18 Pferdekräften sezt sämmtliche Maschinen in Bewegung. Das Hecheln geschieht von 15 bis 20 Arbeitern nach engl. Methode mit der Hand. Alle Maschinen wurden in Frankreich nach engl. Zeichnungen aus Gußeisen, Eisen, Stahl und Kupfer gebaut. Die Fabrik beschäftigt 80 bis 90 Spinnerinnen und Abwinderinnen, 280 Weber und 20 Werkführer etc. Das Weben geschieht mit der Hand und zum Theil mit fliegender Schüze. Man spinnt von Nr. 2 oder 2000 Meter per Kilogr. bis zu Nr. 60, ohne daß selbst in den feinsten Nummern die Stärke des Fadens leidet. Der Rohstoff wird aus Elsaß, Deutschland, Flandern und der Normandie bezogen; die Fabrikate gehen in das westliche Frankreich und nach Paris; die feineren Nummern fangen an auch in St. Gallen und Aarau Gunst zu finden.

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