Titel: Englische Versuche zu Surrogaten für Flachs und Hanf.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 59, Nr. LXXII./Miszelle 11 (S. 474–475)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj059/mi059072_11

Englische Versuche zu Surrogaten für Flachs und Hanf.

Man macht gegenwärtig in England einen interessanten Versuch die große Einfuhr von fremdem Flachs und Hanf (welche etwa 3 Millionen Pfd. St. jährlich beträgt) durch die Cultur neuer Pflanzenarten, welche spinnbare Fibern liefern, zu ersezen. Diese bestehen in neuseeländischem Flachs (phormium tenax), Musa textilis, Urtica tenacissima und Sita, oder Seidengras (die soie végétale der Franzosen). Es haben sich zwei Gesellschaften gebildet, welche die Patente, die der Hauptmann Harris für Fabrikation von Zeugen aus diesen Fibern erhalten hat, angekauft haben85). Die eine fabricirt Taue und Segeltuch, |475| die andere Zeuge zu Kleidern und Meubeln. Man hat gefunden, daß Taue von neuseeländischem Flachs stärker sind als gewöhnliche, von der Nässe nicht leiden, und ein Fünftheil leichter sind. Die Zeuge, welche daraus gewoben werden, haben einen Seidenglanz, sind aber bedeutend stärker als Seide, und können daher überaus dünn gewoben werden, wodurch sich die Steifigkeit verliert, welche sie von der Seide unangenehm unterscheidet. Man webt aus Seidengras Teppiche, welche von großer Dauerhaftigkeit sind, aber es fehlt ihnen noch an der Weiche der wollenen Teppiche, dennoch nimmt der Gebrauch derselben schnell zu, und die Fabriken dieser Art in Barnsley werden fast täglich vergrößert. Die Gesellschaften haben einen Agenten nach Neuseeland geschikt, um das Material, dessen sie bedürfen, an Ort und Stelle zu kaufen und ihnen regelmäßig zu schiken; da aber der jährliche Ertrag, der sich bei der gegenwärtigen Barbarei der Neuseeländer erhalten läßt, sich nicht auf mehr als 20–30,000 Cntr. erhebt, so wünschen sie die Cultur dieses Flachses in England und besonders in Irland einzuführen, und haben ihren Agenten befohlen, jedem Schiffe, das Flachs ladet, einige tausend Pflanzen mitzugeben. Man hat mit diesen Versuche angestellt und gefunden, daß die Pflanze etwa drei Mal so viel Flachs liefert, als die gewöhnliche, und dabei fast keine Kosten verursacht, indem die Pflanze nicht abstirbt, sich durch die Wurzel fortpflanzt, und nicht zum Gebrauch ausgerissen werden muß, indem man nur ihre Blätter braucht. Eine Pflanze trug im Jahre 1833 in einem Garten in Irland 700 Blätter, welche 6–7 Fuß lang waren. Sie wächst in Sümpfen und auf Wiesen, welche Ueberschwemmungen ausgesezt sind, scheint aber keinen hohen Grad von Frost ertragen zu können. Die Admiralität hat einen Vertrag mit dem Haus Swansborough gemacht, nach welchem dieses die Elle Segeltuch aus neuseeländischem Flachs zu 8 1/2 Pence liefert, von einer Qualität, die in gewöhnlichem Hanf 18–20 Pence kostete. In feineren Zeugen hoffen die Fabrikanten den neuen Flachs zu 30–40 Procent unter den bisherigen Preisen liefern zu können. (Allgemeine Zeitung vom 10. März 1836.)

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Schon im Jahre 1826, wo nach vielen Versuchen an dem Gedeihen des neuseeländischen Flachses in Europa (besonders in leichter feuchter Erde, in Weinländern) nicht mehr zu zweifeln war, theilte Hr. Henri eine Analyse dieser wichtigen Pflanze |475| mit und beschrieb auch ein im Großen anwendbares Verfahren, um das Werg daraus zu erhalten (Polyt. Journal Bd. XXII. S. 257). Die Einfuhr dieses Flachses in England, welche im Jahre 1828 nur 60 Tonnen betrug, stieg im Jahre 1830 schon auf 841 und im Jahre 1831 auf nicht weniger als 1062 Tonnen, weil die daraus verfertigten Taue bei der Marine immer gesuchter wurden (Polyt. Journal Band XLVII. Seite 397). Das Patent des Hauptmanns Harris ist schon vom 1. Junius 1833 datirt und wurde auch seiner Zeit im Polyt. Journal Bd. LV. S. 78 mitgetheilt. A. d. R.

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