Titel: Gautier, über Stärkmehlgewinnung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 60, Nr. LXX. (S. 374–385)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj060/ar060070

LXX. Ueber die Stärkmehlgewinnung aus Getreidesamen ohne Fäulniß.

Aus dem Journal des connaissances usuelles. März 1836, S. 124.

Das Stärkmehl läßt sich nicht durch einfaches Waschen aus dem Getreidemehle gewinnen, weil der in dem Mehle zugleich mit enthaltene Kleber ein elastisches Nez oder eine Art von Gewebe bildet, welches das Stärkmehl so fest zurükhält, daß das ganze Mehl unverändert von dem Wasser fortgeschwemmt wird. Man muß daher, um diese beiden Substanzen von einander getrennt zu erhalten, seine Zuflucht zu einem Verfahren nehmen, wodurch der Kleber das Stärkmehl verläßt und sich mit einem anderen Körper verbindet, oder wodurch derselbe zersezt und das Stärkmehl frei wird. Lezteres Verfahren allein wurde bisher in den Fabriken befolgt.

Der Kleber ist gleich allen übrigen stikstoffhaltigen Substanzen einer faulen Zersezung oder Gährung, bei welcher sich sehr übelriechende Producte bilden, fähig; überläßt man ihn in Berührung mit Wasser sich selbst, so wird er zuerst schmierig, dann weich, worauf sich die ganze Masse unter Entwikelung eines sehr unangenehmen Geruches in einen consistenzlosen Brei verwandelt. Versezt man das Mehl unter gleiche Umstände, so erleidet es eine ähnliche, aber weit langsamer von Statten gehende, und gleichfalls mit Entwikelung |375| schädlicher Stoffe verbundene Veränderung; fein Kleber verliert nämlich nach einer bestimmten Zeit seine Consistenz, so daß sich das Stärkmehl davon abscheidet und wegen seiner größeren Schwere zu Boden fällt. Ueber diesem Bodensaze sammelt sich der zersezte Kleber, und oben auf steht eine Flüssigkeit, in der die ammoniakalischen Salze, der Alkohol und in Zersezung begriffene organische Stoffe enthalten sind.

Diese Wirkungen benuzt man nun zur Stärkmehlgewinnung; d.h. man vermengt die gemahlenen Getreidesamen, nachdem sie dem üblichen Verfahren gemäß mehr oder weniger von Kleie befreit worden sind, mit Wasser und einem Theile jener Flüssigkeit, welche bei früheren Operationen dieser Art erzeugt worden und die man gewöhnlich die sauren Wasser (eaux sûres) zu nennen pflegt. Den auf diese Weise bereiteten dünnen Brei läßt man in offenen Fässern der Temperatur der Luft ausgesezt, damit die faule Zersezung des Klebers eintrete; diese erfolgt auch je nach Umständen und hauptsächlich je nach der Temperatur in beiläufig einem Monate, wo man dann das Stärkmehl auf dem Boden der Fässer angesammelt findet, während die Kleien und der zersezte Kleber an der Oberfläche bleiben. Um das Stärkmehl endlich in gehöriger Reinheit zu erhalten, wäscht man es wiederholt aus und beutelt es endlich durch ein Seidensieb. Das erste Wasser wird bei Seite gesezt, um zu neuen Operationen verwendet zu werden; zuweilen benuzt man es auch als Zusaz zum Schweinefutter. Das Waschwasser läßt man ablaufen; es erzeugt jedoch durch seinen Gestank und durch die Eigenschaft, daß es in vielen organischen Stoffen eine Zersezung anregt, viele Unannehmlichkeiten, weßhalb denn die Stärkfabriken auch unter die ungesündesten und lästigsten Anstalten gerechnet werden.

Wenn es schon aus diesen Gründen allein höchst wünschenswerth war, das Stärkmehl auf eine andere, diese Unannehmlichkeiten beseitigende Weise gewinnen zu können, so wurde die Auffindung eines bessern Verfahrens doch noch aus einem anderen Grunde von hoher Wichtigkeit. Das Mehl enthält nämlich in mittlerem Durchschnitte 10 Proc. troknen oder etwas über 20 Proc. nassen Kleber, der zu mannigfachen Zweken verwendet werden kann, und der nach dem alten Verfahren verloren ging.

Hr. Martin, Apotheker in Vervins, hat seit zwei Jahren eine Stärkmehlfabrik errichtet, welche nach ganz anderen Methoden arbeitet, und in der der Kleber beinahe ganz gewonnen wird, während die Wässer, in denen eine bestimmte Quantität Zukerstoff enthalten ist, zur Zubereitung gewisser gegohrner Flüssigkeiten dienen. Diese wichtigen Resultate erlangte Hr. Martin durch Anwendung des |376| Auswaschens des Mehlteiges im Großen. Wenn man den Klebergehalt eines Mehles bestimmen will, so wäscht man eine Quantität von 5 bis 600 Grammen Mehl unter beständigem Zuflusse eines Wasserströmchens aus. Diese Operation erforderte jedoch, wenn kein Kleber verloren gehen sollte, so große Vorsicht und die dazu nöthige Zeit war so beträchtlich, daß es unmöglich schien, sich ihrer im Großen auf eine vortheilhafte Weise bedienen zu können. Dessen ungeachtet wurden alle Schwierigkeiten gehoben und die Arbeit so vereinfacht, daß es nunmehr unbegreiflich erscheint, wie ein so höchst nüzliches Verfahren so lange unbekannt bleiben konnte.

Hr. Martin ließ den Teig zuerst auf Haarsieben auswaschen, was allerdings so leicht von Statten ging, daß zwei Arbeiter im Stande waren, täglich eine Teigmasse, welche 200 Kilogr. Mehl enthielt, auszuwaschen. Das Stärkmehl mußte jedoch durch zwei Seidensiebe gebeutelt werden, um es in hinreichend reinem Zustande zu erhalten; der erzielte Kleber war rein und konnte zu den verschiedenen Zweken, die wir weiter unten angeben wollen, angewendet werden; die Waschwasser wurden auf Alkohol benuzt. Seither hat Hr. M. die Haarsiebe aber sehr zwekmäßig durch Drahtgewebe von Nr. 120 ersezt, und hiedurch wurde nunmehr die Arbeit so außerordentlich erleichtert, daß zwei Weiber innerhalb 10 Arbeitsstunden leicht 700 Kilogr. Teig, in denen 500 Kilogr. Mehl enthalten sind, auswaschen. Bei dem früheren Verfahren war ein Arbeiter nöthig, um die stärkmehlhaltigen Wässer durch das Haarsieb zu seihen; bei der Anwendung des Metallsiebes hingegen braucht man diese Operation nur zur Vereinigung der Bodensäze, bevor man sie in das Abtropfgefäß bringt, zu vollbringen. Da das Metall- oder Drahtsieb das Wasser leicht durchdringen läßt, so kann man immer eine größere Menge von diesem darauf bringen, ohne daß man ein Ersäufen des Teiges zu befürchten hätte. Das Auswaschen wird hiedurch natürlich außerordentlich beschleunigt.

Ein frisch bereiteter Teig eignet sich besser zum Auswaschen, als einer, der schon längere Zeit vorher zugerichtet worden ist. Die Erfahrung hat gezeigt, daß man für den halben Tag eine hinreichende Menge Teig abkneten kann; die Bereitung des Teiges geschieht auf die gewöhnliche Weise, nur macht man denselben etwas fester als zur Brodbereitung an.

Die Siebe sind oval und haben 22 Zoll Länge auf 18 Zoll Breite; sie sind mit Drahtgitter Nr. 16 gefüttert, und jeder derselben wird auf ein offenes Faß gebracht, welches sich vor einem anderen als Wasserbehälter dienenden Fasse befindet. An dem Hahne dieses lezteren ist eine T förmige Röhre angesezt, in deren horizontalem |377| Theile eine sehr große Menge kleiner Löcher angebracht ist, damit das Wasser nach allen Richtungen vertheilt wird. Die Arbeiterin nimmt aus dem Baktroge eine Quantität von beiläufig 5 bis 6 Kilogr. Teig, legt sie auf das Drahtsieb, und läßt anfangs nur so viel Wasser darauf fließen, daß der Teig überall gleichmäßig davon durchdrungen wird. In dem Maaße als sich das Stärkmehl abscheidet, und als der Teig eine grauliche Farbe annimmt, muß das Kneten immer schneller geschehen, bis der Kleber endlich für sich allein in den Händen zurükbleibt.

Ist der Teig schlecht angemacht, ist das Mehl schlecht und enthält es zu viele feine Kleie, so kann sich der Teig auf dem Siebe zertheilen, wo dann nichts mehr durch das Sieb dringt. In diesem Falle muß man die ganze Masse in einen zur Hälfte mit Wasser gefüllten Schäffel schütten, mit der Hand gut umrühren, und dann nach einiger Zeit zuerst das Wasser und hierauf die feste Masse auf das Sieb bringen, wo dann das Waschen leicht von Statten geht.

Das Wasser muß kalt seyn; Quellwasser verdient den Vorzug vor Brunnen- und Flußwasser. Man braucht beiläufig 400 Liter Wasser, um 100 Kilogr. Teig auszuwaschen.

So lange man sich der Haarsiebe bediente, mußten die Waschwasser zwei Mal durch ein Seidensieb laufen; seit Hr. Martin hingegen die Drahtsiebe einführte, braucht man das Stärkmehl nur mehr am Ende der Operation durchzusieben.

Wenn ein Faß mit Waschwasser gefüllt ist, so läßt man es beiläufig 24 Stunden lang ruhig stehen, um dann nach dieser Zeit das klar gewordene Wasser mit einem Heber abzunehmen, an dessen kürzerem Arme sich ein Beken mit flachem Grunde befindet, damit man eine größere Menge Wasser aufsaugen kann, ohne daß der Bodensaz dadurch getrübt wird. Dieses Beken wird mittelst zweier Eisenstäbe, die man nach Belieben emporheben kann, einen halben Zoll hoch über der Oeffnung des Hebers erhalten; sein oberer Theil ist mit Leder besezt, damit die Oeffnung vollkommen verschlossen werden kann. Wenn man den Abfluß des Wassers sogleich unterbricht, wenn dasselbe trüb zu werden beginnt, so findet man in den Fässern drei Schichten, von denen die eine ein weißes Wasser, die zweite eine schmuzigweiße, halbflüssige Substanz, die man in Frankreich gris-noir zu nennen pflegt, und die dritte festes, weißes Stärkmehl bildet. Man nimmt zuerst die dike weiße Flüssigkeit mit einem flachen Geschirre und dann den ersten Bodensaz ab, um hierauf die Oberfläche des zweiten mit etwas wenigem Wasser abzuwaschen. Da dieß am Boden eines Fasses nicht füglich geschehen kann, ohne dem Fasse eine Neigung zu geben, so kann man folgender Maßen zu |378| Werke gehen. Man vermengt den klaren Bodensaz allmählich und mit Hülfe eines großen Pinsels mit dem ersten Bodensaze, und hebt das Faß von Zeit zu Zeit bald an der einen, bald an der anderen Seite empor; so wie man hiebei den weißen Bodensaz zu Gesicht bekommt, hebt man das Faß rasch empor, und gießt sämmtliche darin enthaltene Flüssigkeit in einen Trog. Nachdem dieß geschehen ist, wäscht man das Stärkmehl noch mit etwas Wasser ab, indem man die Oberfläche des Bodensazes mit einem Pinsel abreibt. Nie darf man die Fässer schief geneigt stehen lassen, indem sonst der Stärkmehlsaz abglitschen könnte: was bei rascher Bewegung nie geschieht.

Der Stärkmehlkuchen, der sich am Boden bildet, ist vollkommen weiß, und von solcher Festigkeit, daß man ihn in Weidenkörbe, die mit einem Zeuge bedekt sind, bringen kann. Ein Faß von 2 Hectoliter, welches das Waschwasser von beiläufig 50 Kilogr. Mehl faßt, gibt im Durchschnitte 22 Kilogr. 500 Grammen feuchtes oder 15 Kilogr. trokenes Starkmehl. Wenn man die Flüssigkeiten, die über dem Bodensaze standen, stehen läßt, nachdem man ihnen so viel Wasser zugesezt als zum Füllen der Fässer nöthig ist, und nachdem man dieselben mit einem Stoke umgerührt hat, so erhält man noch einen zweiten und dritten Niederschlag, welche zusammen beiläufig 15 Kilogr. wiegen müssen. Man kann mehrere dieser Niederschläge vereinigen, um sie dann zu reinigen.

Wenn sich durch irgend einen Zufall Kleber mit dem Stärkmehle vermengen sollte, so würde man in lezterem consistenzlose braune Schichten bemerken. Die Reinigung kann in diesem Falle leicht dadurch geschehen, daß man das Stärkmehl auf dem Siebe auf einigen Blättern grauen Fließpapieres ausbreitet, indem dieses den Kleber aufnimmt.

Man erhält, wenn man gut arbeitet, beiläufig 55 Proc. schönes weißes Stärkmehl und 10 Proc. eines Gemenges aus sehr fein zertheilter Kleie, Stärkmehl, Kleber und etwas Mehl, welches getroknet eine graulichweiße Farbe hat. Läßt man dieses Gemenge vor dem Troknen sauer werden, so bleicht es sich, wo es dann als Stärkmehl von zweiter und dritter Qualität gelten kann. Man kann sich dieses Gemenges auch zur Bereitung von Buchbinderkleister oder als Schlichte für grobe Zeuge bedienen; sollte man seiner jedoch nicht auf diese Weise loswerden können, so behandelt man dasselbe in breiartigem Zustande mit dem Waschwasser, um es zur Branntweinbrennerei zu verwenden.

Das Getreidemehl enthält eine bestimmte Quantität Zuker, welche Vauquelin auf 5 Proc. anschlägt. 500 Kilogr. Mehl geben |379| daher 12 Stunden lang mit Wasser ausgewaschen 25 Kilogr. Zuker, die in dem Waschwasser erhalten sind. Da man von dem Waschwasser 175 Hectoliter klare Auflösung abziehen kann, und da die auf dem Stärkmehle schwimmende weiche Substanz (gris-noir) 50 Kilogr. beträgt, so erhält man, wenn man den Rükstand alle zwei Tage behandelt, für jede Operation 150 Kilogr. einer in Alkohol verwandelbaren Substanz. Will man Zuker gewinnen, so braucht man zwei Gährungsbottiche von 20 Hectoliter. Die Gährung erfordert beiläufig 4 Tage Zeit. Uebrigens braucht man zur Zukerbereitung noch einen Bottich von einigen Hectolitern und einen Kessel von drei Hectolitern zum Anmachen des Kleisters mit dem flüssigen Rükstande. Die Destillation des Branntweins kann in einem Kolben von drei Hectolitern vorgenommen werden.

Wenn die flüssigen Rükstände mit 15 Hect. Waschwasser in den Kessel gebracht worden sind, so erhizt man die Flüssigkeit bis zum Sieden, und zwar unter Umrühren, damit sich der Kleister nicht anlege. Ist dieser gehörig gebildet, so bringt man ihn in das Zukererzeugungsfaß, in welchem man ihm, wenn er auf eine Temperatur von 70° C. herabgesunken ist, 35 Kilogr. gekeimte Gerste oder Roggen zusezt, und von Zeit zu Zeit umrührt. Man könnte auch den bei der Operation gewonnenen Kleber anwenden; doch brauchte man davon 45 bis 50 Kilogr. Bemerkt man, daß die Zukerbildung vollendet ist, so gießt man die Flüssigkeit mit dem übrigen Waschwasser in die Gährungsbottiche, und destillirt sogleich nach Beendigung der Gährung. Wird die Operation gut geleitet, so erhält man aus den angewendeten 500 Kilogr. Mehl und 35 Kilogr. Gerste oder Roggen 90 bis 92 Liter Branntwein von 19°. Man kann bei der Destillation auch etwas Wachholder-Branntwein oder Genievre zusezen, und dadurch ein in gewissen Gegenden sehr beliebtes Getränk erzeugen.

Ueber die Anwendung des Klebers, der bisher in den Stärkmehlfabriken ganz unbenuzt verloren ging, hat Hr. Martin gleichfalls einige Versuche angestellt, welche wichtige Resultate versprechen. Ungeachtet der Behauptungen der HH. Pannal und Arnal und einiger anderer scheinen die stikstoffhaltigen Substanzen eine Nährkraft zu besizen, die, wenn sie ihnen auch nicht eigenthümlich zukommen sollte, doch durch den Einfluß jener Körper, mit denen sie zugleich vorkommen, oder womit man sie gewöhnlich zu vermengen pflegt, entwikelt wird. Das Kartoffelsazmehl, welches an und für sich nur ein unvollkommenes Nahrungsmittel ist, erhält durch die Vermengung mit Kleber ausgezeichnet nährende Eigenschaften. Es scheint daher, daß man die große Quantität Kleber, die man bei |380| der neuen Stärkmehlbereitung aus Getreidemehl erhält, durch Vermengung mit Kartoffelsazmehl oder mit Kartoffelmehl selbst zur Erzeugung eines sehr nahrhaften Brodes verwenden könnte. Dieses Brod besizt zwar den eigenthümlichen Kartoffelgeschmak, den man bisher noch auf keine Weise vollkommen zu zerstören oder zu maskiren so glüklich war; allein dieser Umstand, der nur in Paris und an Orten, wo man an reines Weizenbrod gewöhnt, über jeden Nebengeschmak ungehalten wird, auffällt, würde bei den Landleuten gewiß nicht nachtheilig wirken, und zwar um so weniger, als man ohnedieß bereits in vielen Gegenden Kartoffel unter das Brod bakt, um dasselbe nahrhafter zu machen.

Hr. Dr. Arnal hat in neuerer Zeit das Reißbrod und Dr. Ducommun jenes aus Kartoffelsazmehl in Aufnahme zu bringen gesucht. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, daß die Versezung des Weizenmehles mit Reiß- oder mit Kartoffelmehl in Hinsicht auf die Ergiebigkeit an Brod bei weitem nicht so vortheilhaft ist, als man glaubte; und was die Frage der Nährkraft betrifft, so scheint diese in demselben Sinne gelöst worden zu seyn. Ganz andere Resultate läßt hingegen die Anwendung des Klebers erwarten.

Der Kleber läßt sich zu diesem Zweke auf verschiedene Weise zubereiten. Man kann ihn auf metallenen Platten, die auf 50 bis 60° erwärmt und zur Verhütung des Anklebens überpulvert worden sind, troknen, indem man ihn in einer 5 bis 6 Millimeter diken Schichte ausbreitet, sogleich wie er die gehörige Consistenz gewonnen hat, umkehrt, und indem man ihn endlich auf Geflechte bringt. Er bildet dann eine gelbliche, brüchige, leicht pulverisirbare Masse, die sich unter den Zähnen erweicht, und die man mit sehr vielen Substanzen vermengen kann. Er kommt jedoch bei dieser Behandlung, die viele Sorgfalt, Arbeit und Brennmaterial erfordert, etwas hoch zu stehen. Mit größter Leichtigkeit kann man ihn dagegen in einen zur Aufbewahrung ganz geeigneten Zustand bringen, wenn man ihn, nachdem er abgetropft hat, mit einem gleichen Gewichte vollkommen trokenem Kartoffelsazmehle abknetet und die zerbrökelte Masse in einer Trokenstube oder auch an freier Luft troknet. Man kann die Masse übrigens auch durch eine Nudel- oder Vermicellimaschine laufen lassen.

Dieses Gemenge läßt sich sehr gut zur Bereitung von Brod aus Kartoffel-, Roggen-, Gersten- und Hafermehl verwenden; ja es verbessert sogar die Getreidmehle. Zahlreiche Versuche, die bereits in dieser Hinsicht angestellt worden sind, versprechen die günstigsten Resultate, die wir bekannt machen wollen, wenn sie ein Mal weit genug gediehen seyn werden.

Wollte oder könnte man übrigens den Kleber nicht als Nahrungsmittel |381| für den Menschen verwenden, so ließe sich die ganze Quantität, die man bei der Stärkmehl-Fabrication an solchem erhält, sehr gut zur Mastung von Schweinen und anderen Thieren benuzen. Ein vortreffliches Schweinefutter erhält man nämlich durch Vermengung der Kleien des in der Fabrik verarbeiteten Getreides mit dem Kleber; denn das auf diese Weise bereitete Brod troknet leicht, und wird sowohl zerbrökelt als in Wasser aufgequollen gierig von diesen Thieren, die dabei schnell fett werden, gesucht.

Der Kleber läßt sich ferner auch noch zu verschiedenen anderen Zweken verwenden; so kann er z.B. in frischem Zustande als Gährungsstoff anstatt der Häfen benuzt werden. Sieben bis acht Tage lang bei einer Temperatur von 15 bis 16° sich selbst überlassen, wird er sauer, in welchem Zustande er sich dann mit Wasser anrühren und 8 bis 10 Tage lang aufbewahren läßt; er gibt unter dieser Gestalt einen vortrefflichen Buchbinderkleister, der dem gewöhnlichen Kleister vorzuziehen ist, und den man wegen seiner großen Stärke auch in der Tischlerei benuzen kann. Man kann ihn in diesem Zustande leicht troknen, denn man braucht ihn nur auf Schüsseln auszubreiten und an der Luft troknen zu lassen. Seine Aufbewahrung hat unter diesen Umständen keine Schwierigkeiten; die trokene Masse ist leicht mit Wasser anzurühren, und kommt wohlfeil zu stehen. Verdünnt man den sauer gewordenen Kleber mit etwas Wasser, so kann man ihn zur Bereitung eines sehr gut klebenden Taffets verwenden. Hr. Martin glaubt, daß man sich dieses sauren Klebers auch als Appret für verschiedene Zeuge oder zum Leimen des Papieres in der Bütte bedienen könne; doch sind seine Erfahrungen hierüber noch nicht so weit fortgeschritten, daß er sich mit Sicherheit aussprechen könnte.

Um den Kleber als Futter für Thiere zu benuzen, kann man ihn endlich auch auf folgende Weise zubereiten. Man taucht ihn einige Minuten lang in einen mit siedendem Wasser gefüllten Kessel, und troknet ihn, nachdem er gut abgetropft hat, in einer Trokenstube oder an der Luft. Er behält hiebei alle seine nährenden Eigenschaften, und kann gepülvert mit allen Nahrungsstoffen vermengt werden; allein zur Gährung ist er nicht mehr geeignet, und deßhalb eignet er sich auch nicht mehr zur Brodbereitung.

Da der Weingeist in vielen Gegenden so niedrig im Preise steht, daß bei der Destillation der Waschwasser kein besonderer Vortheil erwachsen dürfte, so hat Hr. Martin auf eine andere Benuzung dieser Wässer gedacht. Er verfährt in dieser Hinsicht auf folgende Weise.

500 Kilogr. Mehl geben beiläufig 15 Hectoliter Waschwasser und 50 Kilogr. breiige graue Substanz. Leztere gibt man mit 9 Hectoliter |382| Waschwasser in einen 12 Hectoliter fassenden Kessel, in welchem man ihnen, wenn die Temperatur auf 70° gestiegen ist, 75 Kilogr. gemahlenes Gerstenmalz zusezt, worauf man das Feuer auslöscht. Nachdem dieß geschehen ist, mengt man Alles gut unter einander, dekt den Kessel zu, rührt von Zeit zu Zeit um und unterhält eine Temperatur von 62 bis 70°, um die Flüssigkeit endlich durch ein Strohfiltrum von beiläufig einem Fuß Dike, welches man auf den durchlöcherten Boden eines Bottiches bringt, zu seihen. Die abgeseihte, Flüssigkeit bringt man hierauf in denselben Kessel, der aber unterdessen ausgewaschen worden ist, zurük, um sie in diesem mit 6 klein geschnittenen und in einen Sak gebundenen Kalbsfüßen beiläufig 4 bis 5 Stunden lang ohne Dekel sieden zu lassen. Während dieses Siedens muß das Wasser durch allmähliches Zusezen von Waschwasser immer auf gleicher Höhe erhalten werden. Eine halbe Stunde vor Beendigung der Feuerung sezt man der Flüssigkeit endlich noch zwei Kilogr. guten Hopfen zu, worauf man den Kessel zudekt, die Feuerung mäßigt, und die Flüssigkeit, nachdem sie abermals durchgeseiht worden ist, so schnell als möglich in einem weiten Kühlgefäße abkühlt. Ist die Temperatur der Flüssigkeit bis auf 20° abgekühlt, so sezt man dieser noch 2/5 Kilogr. Hefen und eben so viel frischen Kleber zu, um sie dann nach 5 Stunden in Fässer zu bringen. Das auf diese Weise erzeugte Bier wiegt beiläufig 60°, kann nach 15 Tagen in Flaschen gefüllt werden und hält sich drei Monate lang. Man erhält nach diesem Verfahren mit 75 Kilogr. Gerstenmalz 10 Hectoliter Bier.

Faßt man alle die verschiedenen, bei diesen Operationen erzielten Producte zusammen, so ergibt sich, daß 500 Kilogr. gutes Weizenmehl, welches zwei Weiber in einem Tage auszuwaschen im Stande sind, und zu dessen Behandlung überdieß noch zwei Arbeiter nöthig sind, von denen der eine den Teig anmacht und das Stärkmehl auswäscht, während der andere die Gährung und die Destillation leitet, 275 Kilogr. feines Stärkmehl und 150 Kilogr. frischen Kleber geben, während das Waschwasser in Verbindung mit der graulich-schwarzen Substanz 45 Liter Alkohol von 18° liefert.

Wir wollen hier in keine Berechnung der Kosten dieser Methoden und des Gestehungspreises der danach erzielten Producte eingehen, da diese je nach den Localverhältnissen sehr verschieden seyn müssen. Wir haben dieß um so weniger nöthig, als die Vortheile des Martin'schen Verfahrens sowohl in Hinsicht auf Salubrität, als in Hinsicht auf Wohlfeilheit von selbst erhellen. Jedermann, der dieses Verfahren befolgen will, kann sich von dessen Erfinder alle weiteren Aufklärungen verschaffen, da dieser sich hiezu bereit erklärt, |383| und überhaupt seine Uneigennüzigkeit auf die ausgezeichnetste Weise bewährt hat. Wir bemerken schließlich nur noch, daß Hr. Theuz ein Patent auf eine Maschine genommen, die zur Gewinnung des Stärkmehles aus den Getreidesamen bestimmt ist. Sein Verfahren, welches in einer in Paris errichteten Fabrik im Großen ausgebeutet wird, bietet in Hinsicht auf Salubrität oder Gesundheit dieselben Bedingungen dar, wie jenes des Hrn. Martin; denn es ist wie dieses hauptsächlich auch darauf berechnet die schädlichen Einflüsse der alten Methode zu beseitigen. Der Zwek der Maschinen ist übrigens gewöhnlich Verminderung des Arbeitslohnes; diesen in dem hier gegebenen Falle durch mechanische Mittel zu erreichen, scheint uns höchst schwierig, indem wie gesagt, in Vervins zwei Weiber, jedes für 75 Centim. Taglohn, täglich 700 Kilogr. Weizenteig auswaschen. Hr. Martin hat selbst versucht, ganze oder gebrochene Getreidesamen, welche in kaltem oder lauwarmem Wasser eingeweicht gewesen sind, durch Cylinder laufen zu lassen; allein er fand dieß Herfahren viel schlechter, als das von ihm befolgte und hier angegebene.

Anhang.

Hr. Martin meldete sich im vergangenen Jahre als Concurrent um den Preis, den die Société d'encouragement in Paris bekanntlich seit mehreren Jahren für Entdekung eines Verfahrens,. nach welchem sich die Stärkmehl-Fabrication mit der Gewinnung von Kleber verbinden läßt, ausgeschrieben hatte. Wir entnehmen aus dem Berichte, den der Verfasser des obigen Aufsazes der genannten Gesellschaft über diesen Gegenstand im Jahre 1835 erstattete, und den man im Decemberhefte des Bulletin de la Société d'encouragement abgedrukt findet, mit Umgehung des bereits Gesagten noch Folgendes.

„Der Concurrent (Hr. Martin nämlich) hat zwar keine neue Erfindung gemacht, allein er hat ein bereits bekanntes chemisches Verfahren so praktisch und im Großen ausführbar gemacht, daß der Einführung desselben in allen derlei Fabriken kein Hinderniß mehr im Wege zu liegen scheint. Die Commission hat demnach die von dem Concurrenten erzielten Resultate mit dem größten Vergnügen und zu vollkommener Befriedigung geprüft, so zwar, daß sie die Frage für vollkommen gelöst betrachtet haben würde, wenn nicht noch eine Bedingung, die zwar nicht in dem Preisprogramme gelegen ist, aber doch zum Wesen desselben gehört, zu berüksichtigen gewesen wäre. Es handelte sich nämlich darum, zu erforschen, ob das nach |384| dem neuen Verfahren gewonnene Stärkmehl eben so vortheilhaft wie das nach der allen Methode fabricirte zum Appretiren gewisser Zeuge verwendet werden kann: denn der größere Ertrag an Stärkmehl und die Beseitigung der Nachtheile des alten Verfahrens würden noch bei weitem nicht genügen, wenn das Product nicht auch von gleicher Qualität wäre. Ein Abgeordneter der Commission hat sich in dieser Hinsicht in St. Quentin mit Hrn. Descroisilles dem Sohne über die hierüber anzustellenden Versuche besprochen, und dieser hat sich der Sache mit dem größten Eifer angenommen. Die Versuche, welche von drei Bleichern mit verschiedenen Zeugen angestellt worden waren, lieferten im Allgemeinen sehr günstige Resultate; doch mußte das gegenwärtig beim Appretiren übliche Verfahren in etwas modificirt werden, wodurch die Kosten um eine sehr geringe Summe erhöht wurden. Aus einer Untersuchung des hiebei angewendeten Stärkmehles schien hervorzugehen, daß dieser Unterschied von einem Fehler in der Zubereitung herrühre. Doch hat die Commission bei der Wichtigkeit, die dieser Gegenstand für einen ausgebreiteten Fabricationszweig hat, es für besser erachtet, weitere entscheidende Versuche anzustellen, und dem Concurrenten seine Ansprüche auf den Preis für das nächste Jahr vorzubehalten.“

Ueber die übrigen Concurrenten, deren Anzahl sich auf 4 belief, sagt der Bericht im Wesentlichen Folgendes.

„Einer der Concurrenten schlug in einer kurzen Note vor, das Auswaschen des Weizenmehles in Säken vorzunehmen, auf die man fein zertheiltes Wasser fallen und eine ähnliche Walze, wie man sich ihrer zur Chocolade-Fabrication bedient, und die mit horizontalen Riefen versehen ist, wirken läßt. Der Kleber und das Stärkmehl sollen durch die Säke dringen, während die Kleie darin zurükbleibt. Da eine derlei Vorrichtung noch nicht im Großen ausgeführt worden ist, so konnte die Commission keine Untersuchung vornehmen.“

„Ein anderer Concurrent, der ein Patent auf seine Maschine genommen (und der obigem Aufsaze gemäß Hr. Theuz ist), schlug vor, das grob gemahlene Getreide in Wasser aufschwellen zu lassen, und es dann in Zeugsäken in einem Apparate auszuwaschen, der aus Kästen mit schief geneigtem Boden, in denen die Säke durch cannelirte Wangen abgeknetet werden, besteht. Der Concurrent hat in der Nähe von Paris eine Fabrik errichtet, in welcher jedoch der eben angedeutete Apparat durch vier kegelförmige geriefte oder cannelirte Cylinder, welche in einem kreisrunden hölzernen Troge auf die Säke wirken, ersezt wurde. Wie die Commission hörte, hat nämlich der zulezt erwähnte Concurrent dem Inhaber der Fabrik seine Methode eröffnet, woraus diese Modification erfolgte. Das |385| Stärkmehl wird in diesem Apparate von dem Wasser weggeschwemmt, und zwar mit einer großen Quantität Kleber, der jedoch so fein vertheilt ist, daß er sich auf der Oberfläche des Wassers in Form eines Schaumes ansammelt. Ein anderer Theil Kleber dringt in Fäden durch die Säke und bleibt an deren Oberfläche hängen; ein dritter geringer Theil endlich bleibt mit den Kleien in den Säken zurük. Da die Fabrik erst seit ein Paar Monaten in Thätigkeit ist, so konnte sie nicht entscheiden, ob das Verfahren des ersten Concurrenten (des Hrn. Martin) und das von dem lezteren (Hrn. Theuz) befolgte den Vorzug verdiene. Jedenfalls schlägt sie vor den Concurs für geschlossen zu erklären, und das Urtheil dann nach weiter angestellten Untersuchungen und Vergleichungen zu fällen.“

Wir reihen hier endlich auch noch einen Auszug aus jenem Berichte an, den Hr. Gautier de Claubry gleichzeitig über jene Preisschrift erstattete, die im Jahre 1835 zur Erlangung des Preises, der auf Entdekung einer nüzlichen Verwendung der Waschwasser der Stärk- und Sazmehlfabriken ausgeschrieben worden ist, bei der Société d'encouragement einlief. Der Verfasser schlägt in seiner Abhandlung zuerst vor, die sauren Wässer der Saz- und Stärkmehlfabriken, welche in Zersezung begriffen sind, über thierische Kohle zu filtriren, indem sie dadurch desinficirt werden. Dieses Verfahren führt jedoch zu keiner praktischen Benuzung dieser Wässer, und verdient um so weniger Berüksichtigung, als die Flüssigkeiten wegen der in ihnen enthaltenen organischen Stoffe bald wieder in Fäulniß übergehen und ihren üblen Geruch annehmen werden. Weit günstigere Resultate verspricht dagegen ein anderes, von demselben Concurrenten empfohlenes Verfahren, wonach man in die Ablaufwässer der genannten Fabriken eine mit gewissen Vorsichtsmaßregeln bereitete Sumachabkochung gießen soll, indem sich hiedurch ein häufiger Bodensaz bildet, der sich in Kürze aus der Flüssigkeit abscheidet, und der sich zu verschiedenen Zweken, theils als Nahrungsstoff für Thiere, theils als Dünger verwenden läßt, während die zurükbleibende alkoholische Flüssigkeit gleichfalls verschiedene Anwendung gestatten dürfte. Aller Hülfsmittel beraubt, in die Unmöglichkeit seine Versuche zu erweitern versezt, indem er selbst zu den bisherigen einen Theil seines geringen Lohnes verwenden mußte, hat dieser Concurrent doch Einiges geleistet, so daß die Gesellschaft 300 Fr. votirte, um ihn bei seinen weiteren Versuchen zu unterstüzen.

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