Titel: Chevallier, über Knallpulver-Fabriken.
Autor: Chevallier, Jean Baptiste Alphonse
Fundstelle: 1836, Band 61, Nr. XXXIX. (S. 191–201)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj061/ar061039

XXXIX. Ueber die Knallpulver-Fabriken. Von Hrn. A. Chevallier, Mitglied der Académie royale de Médecine, des Sanitätscollegiums etc. in Paris.

Im Auszuge aus dem Journal des connaissances usuelles. März u. Mai 1836.

Wenn auch die Fabriken im Allgemeinen eine der reichsten Quellen der Nationalwohlfahrt eines Landes sind, so sind doch manche derselben nicht bloß für die Fabrikanten und ihre Arbeiter, sondern auch für die ganze Nachbarschaft mit mehr oder minder großen Unannehmlichkeiten verbunden. Zu diesen lezteren gehören hauptsächlich die Gefahr von Explosionen oder Feuersbrünsten, der Steinkohlen- oder Torfrauch, das Entweichen von sauren Dämpfen oder üblen Gerüchen, das Stehen von ungesunden Flüssigkeiten, und das Einathmen von Stoffen, die der Gesundheit nachteilig sind.43) Zum Schuze der Nachbarschaft und um Abhülfe zu schaffen, sind die Fabriken in Frankreich gesezlich in drei große Abtheilungen gebracht. Die erste derselben umfaßt die gefährlichsten Fabricationszweige, welche aus diesem Grunde nur von Wohngebäuden entfernt betrieben werden dürfen. Uebrigens ist die Errichtung aller Fabriken, die in eine der drei Classen gehören, nur nach bestimmten Verordnungen und unter gewissen Bedingungen gestattet.

Diese Verordnungen bezweken nur die Sicherung der Nachbarschaft gegen Gefahren und Unbequemlichkeiten; keineswegs ist jedoch dabei auch die Erhaltung der Gesundheit und des Lebens der Arbeiter, die doch so häufig bloßgestellt ist, berüksichtiget. Ich habe mir es zur besonderen Aufgabe gemacht, die Krankheiten der sogenannten ungesunden Gewerbe und deren Ursachen zu studiren, um danach Mittel zur Verhütung derselben vorschlagen zu können. Mit den Buchdrukern, Bleiweiß-Fabrikanten und Messerschmieden bin ich bereits hierüber einig; gegenwärtig beschäftige ich mich mit den Fabrikanten |192| des Howard'schen Knallqueksilbers, deren Arbeiter sich seit einiger Zeit sehr vermehrt haben, und die nicht nur häufig dem Einathmen des salpeterigsauren Gases, sondern auch den Gefahren der Explosionen in hohem Grade ausgesezt sind.

Da das Geschichtliche der Knallpulver-Fabrikation nur wenig bekannt ist, so will ich Einiges hierüber vorausschiken. Wir verdanken die Entdekung des Knallqueksilbers, welche in das Jahr 1799 zu fallen scheint. Hrn. Howard. Seine Bereitung ward im 38sten Bande der Annales de Chimie einem Briefe Crell's an Bouillon-Lagrange folgender Maßen angegeben. „Man löst 100 Gr. Queksilber in 1 1/2 Unzen Salpetersäure auf, und sezt der Auflösung nach dem Erkalten eine Unze Alkohol zu. Dann sezt man die Flüssigkeit einer gelinden Wärme aus, wobei man das durch das Vermengen entstehende Aufbrausen abwartet. Den allmählich gebildeten Niederschlag scheidet man endlich durch das Filter ab, um ihn dann mit destillirtem Wasser abzuwaschen und bei einer Temperatur, welche jene des siedenden Wassers nur um wenig übersteigt, zu troknen.“

Howard erhielt aus 100 Theilen Queksilber 120 bis 132 Theile Knallqueksilber, welches nicht immer gleiche Farbe hatte, sondern vom Weißen bis zum Schwarzen wechselte. Er suchte es, nachdem er ermittelt, daß es durch Wärme, Percussion, Feuersteinfunken und elektrische Funken zum Detoniren gebracht werden kann, als Schießpulver zu benuzen; fand jedoch hiebei, daß die Explosion so rasch erfolgte, daß die Läufe plazten, ehe die Geschosse hinausgeschleudert werden konnten.

Später erst ward das Knallqueksilber als Zündkraut benuzt, und zu diesem Behufe mit Wachs, mit alkoholischer Benzoëtinctur, mit Salpeter, mit Schwefel, oder mit lezteren beiden zugleich vermengt. In Frankreich datirt sich diese Zündkraut-Fabrikation erst vom Jahre 1816 her. Der erste Fabrikant Julien Leroy kam durch Explosion der Masse, die er bereitete, ums Leben; dasselbe Schiksal hatte der Sohn seines Nachfolgers und Schwagers Daguère-Leroy. Bis zum Jahre 1826 gingen noch zwei Personen zu Grunde, worunter ein Apotheker in Versailles. In diesem Jahre kaufte Hr. Gevelot das Material der Fabrik Leroy's, und errichtete dann eine ausgedehntere Fabrik in Moulinaux, wo mehrere Unglüksfälle Statt fanden, von denen jedoch keiner tödtlich ablief. Später errichtete Gevelot noch eine andere Fabrik, in der leider bei zwei Explosionen mehrere Personen den Tod fanden. Vom Jahre 1819 an, von wo die kupfernen Zündkapseln in Aufnahme kamen, erstanden noch mehrere Fabriken, welche, so viel mir bekannt ist, zu 9 Explosionen, von denen die Mehrzahl tödtlich ablief, Anlaß gaben.

Alle diese Ereignisse erzeugten natürlich große Furcht vor diesen |193| Fabriken; und aus diesem Grunde sind denn auch in sämmtlichen zu ihrer Gründung ertheilten Licenzen folgende Bedingungen gestellt: 1) die Fabrik darf sich an keinem bewohnten Orte befinden; 2) kein Arbeiter darf unter 18 Jahre alt seyn; 3) die Fabrik gehört zu den gefährlichen Fabriken erster Classe und unterliegt daher der hierauf bezüglichen Verordnung, gemäß welcher die Arbeiten nur von Wohnungen entfernt vorgenommen werden dürfen; gemäß welcher beim Verkaufe von detonirenden Substanzen der Name und Wohnort des Käufers eingetragen werden muß; gemäß welcher die Zündkrautverkäufer diese Substanzen an einem sicheren Orte unter Verschluß halten müssen; und gemäß welcher die Polizei die Fabriken zu besuchen hat, um sich zu überzeugen, ob deren Local so eingerichtet ist, daß allen Gefahren so viel als möglich vorgebeugt ist.

Der vielen Unglüksfälle, welche Statt fanden, und der damit verbundenen Gefahren ungeachtet, hörte die Fabrikation nicht auf; man schenkte ihr größere Sorgfalt, und Dank dieser und einiger von dem Berathungscomité für Künste und Gewerbe vorgeschlagener Vorsichtsmaßregeln bietet sie auch wirklich weniger Gefahren. Sie wurde so zu einem Industriezweige, der im Departement la Seine concentrirt, bereits direct 5 bis 600 Individuen beschäftigt, abgesehen von den zahlreichen Händen, die er indirect durch Beschäftigung von Mechanikern, Drahtziehern, Drehern, Gelbgießern etc. in Bewegung sezt. Nach den bei unserem ersten Fabrikanten, Hrn. Gevelot, und den ihn zunächst stehenden HH. Goupillat und Delion 44) eingezogenen Erkundigungen gewinnt die Zündkraut-Fabrication täglich mehr an Ausdehnung; so wurden im Jahre 1835 gegen 800 Mill. Zündkapseln erzeugt, von denen 3 bis 400 Millionen ins Ausland gingen. Man brauchte dazu 80,000 Kilogr. Kupferblech von verschiedenen Fabriken; 200 Pipen Alkohol von 36° (jede Pipe zu 600 bis 650 Liter), welche zusammen eine Auflage von 100,000 Fr. zahlen; 160 bis 170,000 Kilogr. Salpetersäure zu 36°; 15 bis 16,000 Kilogr. Queksilber; 7 bis 8000 Kilogr. Salpeter; 2000 Kilogr. Schwefelsäure zum Reinigen des Kupfers, und 1500 Kilogr. Gußstahl.45)

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In Deutschland besteht meines Wissens nur eine einzige Zündkrautfabrik, und zwar in Prag, wo dieselbe von drei Franzosen, worunter Dr. Bellot, ehemaliger Associé des Hauses Tardy und Blanchet, errichtet wurde. Diese Fabrik liefert jährlich 40 bis 45 Millionen Zündkapseln, die jedoch anders zubereitet werden als die unserigen. Unsere werden aus Knallqueksilber und Salpeter zusammengesezt; die Prager hingegen, welche die Flinten mehr schonen sollen, aus Knallqueksilber, Salpeter und Schwefel.

Das Knallqueksilber wird auf folgende Weise bereitet. Man bringt in einen großen Ballon aus weißem Glase 1 Pfund 8 Unzen Queksilber und 18 Pfund Salpetersäure von 36°, welche so rein als möglich seyn muß. Ist die Auflösung mit Beihülfe einer gelinden Wärme erfolgt, so sezt man nach und nach auf mehrere Male 8 bis 10 Liter Alkohol zu.46) Während dieser Zusaz geschieht, entwikelt sich eine ungeheure Menge Untersalpetersäure mit Aetherdämpfen vermengt, welche Dämpfe sich nicht nur in dem Fabrikslocale, sondern in der ganzen Umgebung verbreiten. Die Arbeiter werden hiedurch sehr belästigt, sie bekommen einen heftigen Husten, durch den es bisweilen bis zum Erbrechen kommt, so daß die Arbeiter bis zu gänzlicher Beendigung der Arbeit nichts genießen können. Hat der Alkohol seine Wirkung vollbracht, so läßt man die Masse stehen, und gibt das Knallpulver in Schalen, in welchen man es von der Mutterlauge abscheidet, um es dann auf kleinen zeugenen Filtrirsäken, welche man in gläserne Filtrirtrichter bringt, abtropfen zu lassen. Man kann dasselbe auch mit etwas destillirtem Wasser auswaschen. Nach den Angaben verschiedener Fabrikanten erhält man, wenn die Ingredienzien in obigem Verhältnisse angewendet worden sind, 1 Pfd. 10 bis 12, ja bis 14 Unzen Knallqueksilber.47)

Das erzielte Knallpulver wird nach dem Abtropfen und noch feucht mit dem dritten Theile seines Gewichtes Salpeter vermengt. Die Vermengung geschieht auf einer Tafel mit einem hölzernen Reiber oder mit einer Walze, wobei, da die Masse noch feucht ist, die Gefahr nicht groß ist. Hierauf folgt das Körnen, welches schon mannigfache Gefahren darbietet. Da das Gemenge gewöhnlich zu feucht ist, als daß man es auf das Sieb bringen könnte, so troknet man es mit dem Staube, der von der trokenen Masse abfällt; und |195| da dieß Geschäft gewöhnlich in Schalen aus Steingut vorgenommen wird, so kann leicht eine Detonation erfolgen. Zur Vermeidung einer solchen ließe sich dieß auch auf einem Haarsiebe oder auf einem über ein Vierek gespannten Tenakel vollbringen.

Das gekörnte Gemenge kommt in die Trokenstube, wo es auf Papier in dünnen hölzernen Schachteldekeln auf die um den Trokenofen herum angebrachten Gestelle gesezt wird. Dieses Papier muß, wenn das Gemenge zum Sieben gegeben worden ist, in Wasser oder noch besser in Salzsäure geworfen werden. Das Sieben geschieht mittelst eines Haarsiebes, und dadurch wird die Masse in die Körner und in den Staub gesondert. Erstere werden in Flaschen aus gesottenem Leder oder aus lakirtem Pappendekel in einem eigens dazu bestimmten, ganz abgesonderten und unter Schloß und Riegel gehaltenen Magazine aufbewahrt. Will man das Pulver zum Behufe des Verfüllens desselben in die kleinen Kapseln in die Werkstätte bringen, so theilt man es vorher in kleine Fläschchen aus Pappendekel. In einigen Fabriken sezt man dem Pulver etwas Gummischleim zu, damit es nicht lose werden und aus den Kapseln herausfallen kann.

In Deutschland verfährt man anders, d.h. man sezt dem Knallqueksilber Schwefel und Salpeter zu. Hr. Bellot gab uns bei seiner lezten Anwesenheit in Paris im Oktober 1835 folgende Verhältnisse an. Man nimmt auf 1170 Salpeter 230 Schwefel, und vermengt endlich 450 Theile dieses Gemenges mit 350 Theilen Knallqueksilber. Uebrigens vertrödelt man in Deutschland48) auch noch verschiedene, angeblich in Frankreich gekaufte Knallpulver, von denen manche den von mir angestellten Analysen gemäß 40 bis 60 Proc. Salpeter enthalten.

Die großen Unglüksfälle, die sich bei der Knallpulverfabrication ereigneten, veranlaßten die Staatsverwaltung dem Comité der Künste und Gewerbe und dem Sanitätscollegium ein Gutachten über die in diesen Fabriken zu befolgenden Vorsichtsmaßregeln abzuverlangen, damit das Leben und die Erhaltung der Fabrikanten und Arbeiter mehr gesichert sey. Die Maßregeln, welche das Comité in einer Eingabe an das Handelsministerium vom Jahre 1834 vorschlug, lauteten wie folgt.

1) Die Arbeit soll abgetheilt und in fünf verschiedenen Werkstätten vollbracht werden. In der ersten soll die Auflösung geschehen, welche auch in freier Luft vorgenommen werden kann; in der zweiten |196| soll die Vermengung des Knallqueksilbers mit dem Salpeter geschehen; in der dritten soll die Körnung mit Haarsieben vollbracht werden; die vierte soll zur Aufbewahrung des Knallpulvers dienen; in der fünften endlich soll das Pulver in die Kapseln verfüllt werden.

2) Man soll einen vertrauten und verständigen Mann haben, der so selten als möglich gewechselt werden soll, und dem es mit dem Fabrikmeister allein gestattet ist, in die Werkstätten zu treten, wo das Pulver gemengt, gekörnt und aufbewahrt wird.

3) Der Boden der Werkstätten soll aus Gyps gebaut seyn, weil man gefunden hat, daß das Knallpulver auf dem Gypse nicht verknallt, selbst wenn man mit einem Hammer darauf schlägt,

4) Die Wände sollen mit Gyps beworfen werden, und zwar so, daß nichts davon lose werden und auf die Fächer, auf denen sich das Knallpulver befindet, herabfallen kann.

5) Diese Fächer sollen aus Tannenholz oder aus einem anderen weichen weißen Holze verfertigt werden, weil das Pulver auf solchem Holze schwerer verknallt, als auf härterem Holze.

6) Die Deken müssen gut belattet und plafonnirt seyn; auch darf sich über ihnen kein zweites Stokwerk befinden.

7) Man soll in die Füllwerkstätte nie mehr als den achten Theil des für einen Tag bestimmten Knallgemisches bringen, und dieses Pulver in einer Büchse aus weichem Holze oder aus Leder auf einen hölzernen Rost stellen, welcher über einem mit Wasser gefüllten und mit Pappendekel bedekten Kübel angebracht ist.

8) Die Werkstätten müssen oft gefegt, und der Kehricht in einen Bach geworfen, oder noch besser mit Salzsäure begossen werden.

9) Man soll sich nur höchst einfacher Werkzeuge bedienen, sie oft abtroknen, und sie jedes Mal, so oft man sich ihrer bediente, abwaschen. Das Pulver, welches sich davon ablöst, soll in einen mit Wasser gefüllten Kübel gebracht werden.

10) Immer soll in den Werkstätten Wasser und außerhalb diesen Fäßer mit Wasser vorräthig gehalten werden.

11) In keiner der Werkstätten soll Feuer geduldet werden, und will man dieselben ja heizen, so hat dieß nur mit Wasserdampf, der an einem gehörig entlegenen Orte erzeugt wird, zu geschehen.

Das Sanitätscollegium verlangte in seinem unterm 12. Junius an die Polizei erstatteten Berichte folgende Maßregeln:

1) Jede Knallpulver-Fabrik soll von allen Wohnungen und von den Landstraßen entfernt, auch ringsum mit Mauern umgeben seyn.

2) Die Werkstätte, worin das Knallpulver fabricirt wird, soll von dem Magazine und von dem Aufbewahrungsorte für den Weingeist entfernt seyn.

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3) Die übrigen Werkstätten sollen sämmtlich von einander geschieden und aus Holzwerk und Gyps ohne Bausteine aufgeführt seyn. Der Boden werde mit einer Bleiplatte überzogen, indem das Collegium gefunden hat, daß das Knallpulver auf Blei nicht zur Explosion zu bringen ist. Die Wände müssen geglättet und mit Gyps bekleidet werden. Die Fenster, wenn deren vorhanden sind, müssen aus Glas, welches mit einer dünnen Schichte einer weißen Farbe bestrichen worden ist, bestehen, um die Temperatur niedriger zu erhalten, und um zu verhüten, daß durch Fehler im Glase, welche das Glas als Brennglas wirken machen, nicht an einzelnen Orten eine größere Hize entstehen kann. Das Dach muß so fest seyn, daß es den Erschütterungen, welche durch Explosionen der einen oder der anderen der benachbarten Werkstätten entstehen könnten, Widerstand zu leisten im Stande ist, um auf diese Weise noch größerem Unglük vorzubeugen.

4) Es darf kein Feuer in den Werkstätten gemacht werden; das Rauchen ist zu verbieten und eben so das Arbeiten bei künstlichem Lichte.

5) Die Wände der Trokenstube sind mit Gestellen aus weichem Holze zu bekleiden; auf deren oberstes jedoch kein Knallpulver gebracht werden darf. Auch dürfen diese Gestelle nicht höher an den Wänden hinauf reichen, als so weit, daß man ohne auf eine Staffelei oder auf einen Stuhl zu steigen, zu ihnen hinauf gelangen kann.

6) Metallsiebe sind nicht zu dulden, und jene, deren man sich bedient, sind an ihren unteren Rändern mit einem Bleistreifen zu besezen.

7) Das gekörnte und getroknete Pulver soll in Flaschen, welche mit Binsen überflochten sind, gefüllt und in diesen im Magazine aufbewahrt werden.

8) Das Magazin ist ganz abzusondern und mit einem Blizableiter zu versehen. Das einzige zur Aufbewahrung der Flaschen dienende Gestell soll so niedrig seyn, daß man leicht dazu gelangen kann. Der Boden ist mit einer Bleiplatte zu belegen.

9) Unter keinem Vorwande darf in dem Magazine selbst ein Umfüllen des Pulvers vorgenommen werden.

10) Die Büchsen, in welche die Arbeiter die Pulverflächchen sezen, sollen aus Leder bestehen und außen mit Wolle oder Roßhaar gefüttert seyn.

11) Es darf nie mehr Knallpulver in die Verfüllwerkstätte gebracht werden, als höchstens der zehnte Theil des täglichen Verbrauches. Der Director oder Eigenthümer der Fabrik allein darf den Schlüssel zu dem Magazine führen.

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12) Der Werkführer muß solche chemische Kenntnisse besizen, daß er eine moralische Garantie darbietet.

13) Es darf keine Fabrik errichtet werden, ohne daß vorher ein genauer Plan sämmtlicher innerer Einrichtungen vorgelegt wurde. An dieser Einrichtung darf dann unter keinerlei Vorwand irgend eine Aenderung vorgenommen werden, ohne die Ermächtigung hiezu eingeholt zu haben. Endlich soll kein Arbeiter unter 18 Jahren in diesen Fabriken verwendet werden.

Diese Maßregeln werden allerdings vielen Gefahren vorbeugen; allein wird man ihnen auch entsprechende Folge leisten? Wir glauben, daß die Regierung sie wenigstens zum Theil zum Geseze erheben, und über deren Handhabung dann wachen soll; während sie die übrigen als gute Rathschläge anbieten soll. Die Verantwortlichkeit würde dann ganz auf die Fabrikanten fallen.

Da ich als Mitglied des Sanitätscollegiums mehrere dieser Fabriken zu besuchen hatte, so verfolgte ich deren Gang, und war hiebei namentlich in der Fabrik des Hrn. Gevelot, wo man im Großen arbeitet, von der ungeheuren Masse von Dämpfen, die sich bei der Einwirkung der Salpetersäure auf den Alkohol entwikelt, überrascht. Ich fand, daß die diesen Dämpfen ausgesezten Arbeiter wegen der in dem Dampfe enthaltenen salpeterigen und untersalpeterigen Säure, so wie auch wegen des Aetherdampfes sehr zu leiden hatten. Selbst der Werkführer, Hr. Delion, gegenwärtig Associé des Hauses Goupillat, beklagte sich darüber, obwohl er seit langer Zeit an diese Operation gewohnt ist.49) Ich kam demnach auf die Idee diese Dämpfe zu verdichten, und dadurch nicht nur Nuzen von ihnen zu ziehen, sondern auch die Arbeiter von einer großen Qual zu befreien: eine Neuerung, von der ich mir versprach, daß sie bei den Fabrikanten schon aus ersterem Grunde willig Eingang finden dürfte. Einige Laboratoriumsversuche, welche ich in dieser Hinsicht anstellte, überzeugten mich bald von der Möglichkeit diese Dämpfe zu verdichten und aus deren Verdichtung Nuzen zu ziehen. Ich schrieb hierüber im Mai 1833 an Hrn. Gevelot, wurde jedoch durch anderweitige Geschäfte verhindert der Sache Folge zu geben. Da ich mich später mit Hrn. Gevelot nicht darüber vereinigen konnte, so wendete ich mich an die HH. Delion und Goupillat, welche eben damals eine Fabrik in Bas-Meudon errichteten, und |199| welche auf meinen Rath auch wirklich den von mir ausgedachten Verdichtungsplan in Anwendung brachten. Seither vollbringt nun dieser Apparat die Dienste, zu denen er bestimmt ist, wie sich auch Hr. Gaultier de Claubry bei Gelegenheit des Besuches dieser Fabrik überzeugte.

Dieser höchst einfache Apparat besteht: 1) aus einer ballonförmigen Retorte, welche an ihrer oberen Wölbung mit einer trichterförmigen Tubulirung versehen ist. 2) aus einem Gestelle, in welchem diese Retorte so ruht, daß man sie mittelst einer unter sie gebrachten Weingeistlampe nach Belieben erhizen kann. 3) aus einem Stöpsel aus weichem Holze, der zum Verschließen der Tubulirung dient. 4) aus einem cylindrischen Vorstoße aus Steingut von 54 bis 60 Zoll Länge, welcher aus 3 Stüken von 18 bis 20 Zoll Länge und 8 bis 9 Zoll Durchmesser besteht. Man gibt diesem Vorstoße, der einerseits mit dem Halse der Retorte und andererseits durch eine Glasröhre mit der ersten Vorlage in Verbindung steht, eine schwache Neigung, damit die Flüssigkeiten, die sich in ihm verdichten, in die erste Vorlage abfließen können. Uebrigens könnte man den Vorstoß wohl leicht auch so zulaufen lassen, daß er direct mit der ersten Vorlage in Verbindung gebracht werden könnte. 5) endlich aus drei oder vier Vorlagen, von denen jede mit drei Tubulirungen versehen ist, und welche durch rechtwinkelig gebogene Röhren mit einander in Verbindung stehen. Von der lezten Vorlage läuft eine gerade oder gekrümmte Röhre aus, durch welche die ätherhaltigen Dämpfe, die sich in den mit Wasser umgebenen Vorlagen nicht verdichteten, entweichen können. Man kann die Auflösung des Queksilbers im Ballon nach Zusammensezung des ganzen Apparates vornehmen, oder man kann den Ballon nach vollbrachter Auflösung mit dem Vorstoße in Verbindung bringen, indem man seinen Hals durch einen Pfropf aus weichem Holze stekt, und das Ganze mit einem fette Kitte gut verkittet.

Der erste in der Fabrik in Bas-Meudon errichtete Apparat dieser Art wurde in einem der Gemächer der Fabrik probirt. Man arbeitete mit 1 Pfd. 8 Unzen Queksilber, 18 Pfd. Salpetersäure und 10 Liter Weingeist, wobei man zu den günstigsten Resultaten gelangte. Die Entwiklung von Aetherdampf aus der Röhre der lezten Vorlage war so unbedeutend, daß ich mich ohne die geringste Belästigung zu verspüren, in dem Gemache, welches nur 20 bis 24 Fuß Länge auf 10 bis 12 Fuß Breite haben mochte, aufhalten konnte.

Seither wurden in genannter Fabrik mehrere derlei Apparate errichtet, und die Eigenthümer finden sie ihrer officiellen Angabe gemäß sehr vortheilhaft. Die Arbeiter, die ihre Arbeiten sonst öfter |200| wegen Unwohlseyns aussezen mußten, können gegenwärtig ohne alle Belästigung ununterbrochen ihrem Geschäfte nachgehen. Hr. Gevelot, der seither gleichfalls den Apparat annahm, äußerte in einem Schreiben an Hrn. Gaultier de Claubry vom Januar 1836 Folgendes: „Dieses System ist in Hinsicht auf die Erleichterung, welche es den Arbeitern gewährt, unstreitig sehr vorzüglich: man ist gegenwärtig durchaus nicht mehr durch die Gase, welche sich sonst hei windstiller Witterung herabsenkten, sich auf der Erde verdichteten, und daher einen heftigen Husten erzeugten, belästigt. Ich bemerkte früher, daß meine Arbeiter öfter durchaus nichts bei sich behalten konnten, und daher gezwungen waren, ihre Mahlzeiten bis zu gänzlicher Vollendung der Arbeit zu verschieben. Ich ließ sie häufig Milch nehmen, und wendete dieses Mittel auch zur Beschwichtigung der Reizung, welche diese Dämpfe erzeugten, an. Bei dem neuen Verfahren fällt alles dieß weg, da nur mehr sehr wenige Dämpfe entweichen.“

Die bei dem alten Verfahren gewonnenen Nebenproducte bestanden nur in Mutterlaugen, welche, wenn man mit 1 Pfd. 8 Unzen Queksilber, 18 Pfd. Salpetersäure und 10 bis 11 Liter Alkohol arbeitete, gewöhnlich nur 13 Pfd. wogen. Sie enthielten mehr oder weniger Queksilber aufgelöst, manchmal ein hydrocyansaures Salz, und immer eine gewisse Quantität Alkohol, die jedoch wandelbar war. 4 Liter der Flüssigkeit gaben mit einem Alkali versezt und der Destillation unterworfen, einen Liter Alkohol von 27°, welcher nach rectificirtem Salpeteräther roch. Man verwendete ihn zur Firnißfabrication, obschon er auch neuerdings zur Knallpulver-Fabrication hätte dienen können. Bei einem zweiten Versuche gaben mir nur 5 Liter Mutterlauge einen Liter Alkohol von 26°; doch hatte ich bei beiden Versuchen keine ganz frische Mutterlauge zur Verfügung.

Mit dem Verdichtungsapparat erhält man: 1) Mutterlauge in dem Ballon; 2) eine Alkoholäther und eine Queksilbersalz enthaltende Flüssigkeit in der ersten Vorlage; 3) einen sauren Aether in den übrigen Vorlagen. Ich hoffe durch weitere Versuche beweisen zu können, daß man durch Sättigung der Mutterlauge mit Kalk Queksilberoxyd, welches sich leicht reduciren läßt, salpetersauren Kalk, der auf Salpeter benuzt werden kann, und Weingeist, der sich zur Firnißbereitung oder neuerdings zur Knallpulver-Fabrication verwenden läßt, erzielen kann. Ferner, daß man durch Sättigung der in der ersten Vorlage verdichteten Flüssigkeiten mit einem Alkali Queksilberoxyd und eine ätherhaltige alkoholische Flüssigkeit gewinnen kann; und endlich, daß man durch gehörige Behandlung der in den übrigen Vorlagen gewonnenen Flüssigkeiten eine Flüssigkeit erhält, die mit Alkohol |201| vermengt neuerdings zur Knallpulver-Fabrikation oder auch zur Auflösung von Harzen und Gummiharzen, so wie zur Firnißbereitung dienen kann. Ich behalte mir jedoch vor, hierüber in Zukunft noch mehrere Versuche anzustellen.

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Man könnte unter die Unannehmlichkeiten, welche die Fabriken mit sich bringen, füglich auch noch die oft eingebildeten und übertriebenen Besorgnisse gewisser Leute, die leider nur zu oft aus Privatinteressen verbreitet werden, rechnen. Diese falschen Besorgnisse, welche die Sanitätscommission fortwährend, aber leider oft ohne Erfolg zu bekämpfen bemüht ist, sind nicht selten Ursache, daß die Erlaubniß zur Gründung von Fabriken zum allgemeinen Schaden nicht ertheilt wird. A. d. O.

|193|

Diese Fabrik beschäftigte, als ich sie das lezte Mal besuchte, 64 Arbeiter; davon waren 55 mit der Zubereitung des Kupfers und 6 mit dem Füllen der Kapseln beschäftigt; 3 waren an den Maschinen verwendet, und diesen half noch ein Lehrling und ein Schmied. Die Fabrik zahlt alle 14 Tage 2400 bis 3000 Fr. Arbeitslohn, und führt der Gemeinde, in welcher sie besteht, jährlich 48 bis 60,000 Fr. zu. – Goupillat arbeitet mit einem Pferdegöpel, Gevelot mit einer Dampfmaschine. A. d. O.

|193|

Die Zündkapsel-Fabrication hat bei uns auch die Gewehr-Fabrication sehr gehoben. A. d. O.

|194|

Manchmal muß man die Flüssigkeit, um die Wirkung einzuleiten, gelinde erwärmen, wobei man jedoch mit dem Heizen aufzuhören hat, sobald die Wirkung beginnt. A. d. O.

|194|

Hr. Bellot in Prag nimmt auf 1 Pfd. Queksilber 12 Pfd. Salpetersäure und 8 Liter Alkohol. Er sagt, daß die Qualität der Salpetersäure großen Einfluß auf das Fabrikat habe, was unsere Fabrikanten auch schon lange erkannt hatten. A. d. O.

|195|

Ich muß hier bemerken, daß ich Beweise in Händen habe, daß man neuerlich einige unserer Fabrikanten bewegen wollte nach Deutschland zu übersiedeln. A. d. O.

|198|

Ich habe bemerkt, daß die bei der Knallpulver-Fabrication verwendeten Arbeiter sämmtlich schlechte oder schwarz und grau gefärbte Zähne besizen. Ob dieß vom Queksilber oder von den Sauren herrührt, weiß ich nicht; doch findet man bei den Goldscheidern und anderen mit Säuren beschäftigten Arbeitern gewöhnlich dieselben Erscheinungen. A. d. O.

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