Titel: Ueber die Baumwollwaaren-Fabrication in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 61, Nr. XLVI. (S. 225–232)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj061/ar061046

XLVI. Ueber die Baumwollwaaren-Fabrication in Frankreich.

(Fortsezung von Bd. LXI. S. 152.)

5. Auszüge aus den Aussagen des Hrn. Abiet, Abgeordneten der Tullfabrikanten von Douai.

Douai besizt 22 Etablissements, worunter drei große mit Dampf betrieben, und 96 Tullstühle, welche 800–900 Arbeiter beschäftigen. Die Weber verdienen 2 Fr. des Tages; die Weiber und Kinder eines ins andere genommen wöchentlich 4 Fr. Das in dem Materiale stekende Capital mag gegen 800,000 Fr. betragen. Die Fabrik, welche ich repräsentire, zählt 25 Stühle, hat ein liegendes Capital von 200,000 Fr., und arbeitet mit einem Betriebscapitale von 52,000 Fr. Der Gewinn wurde bisher auf Ankauf und Vervollkommnung der Maschinen verwendet. Anfangs mußten wir selbst Arbeiter aus England kommen lassen; gegenwärtig aber arbeiten unsere Leute so gut wie die Engländer. Wir wenden auch bereits die neuesten von den Engländern gemachten Erfindungen an. Aus den neuen und alten Maschinen einen Durchschnitt genommen, zahlen wir 15 und die Engländer 10 Cent. Arbeitslohn; im Ganzen sind die Engländer bei ihren Gestehungspreisen um 58 1/2 Proc. gegen uns im Vortheile.

Der Herabsezung des Einfuhrzolles der Gespinnste ungeachtet wird die Tullfabrication, indem der Zoll immer noch zu hoch ist, größten Theils mit geschmuggeltem Gespinnste betrieben; und wenn auch kürzlich eine bedeutende Menge davon verzollt wurde, so geschah dieß lediglich wegen Mangel an Vorrath, da die Schmuggelei in Erwartung der Aufhebung des Zolles unterblieben war.

Die Fabrication ist gegenwärtig bei uns im Stoken, denn viele Stühle stehen still. Die Ursache davon scheint eine in England eingetretene Krise zu seyn, in deren Folge die Engländer ihre Fabricate nach Frankreich warfen, und sie unter dem Fabrikpreise verkaufen. Von unserem Fabricate geht beinahe nichts ins Ausland; nur nach Spanien geht eine geringe Menge, da wir den Tull unserer Gränzverhältnisse wegen leichter schmuggeln können, als dieß den Engländern über Gibraltar möglich ist. Dieß wird aber nunmehr ebenfalls aufhören, da den Engländern der Transito durch Frankreich gestattet ist.

Was das Verbot der fremden Tulle betrifft, so glaube ich, daß sich dasselbe durch keinen Schuzzoll ersezen läßt, indem sich ein solcher nicht |226| wohl bestimmen läßt, und indem er immer leichter umgangen wird, als ein gänzliches Verbot. Sollte man ja auf Aufhebung des Verbotes bestehen, so dürfte dieß erst nach einigen Jahren, während welcher man den Fabrikanten Zeit vergönnt sich unter gänzlicher Abschaffung des Zolles der Gespinnste zu erholen, geschehen.

6. Auszüge aus den Aussagen des Hrn. Leblond, Abgeordneten der Tullfabrikanten vom Calvados.

Vor 18 Monaten hatten wir, wenn unser Zustand auch kein glänzender war, doch einigen Ertrag bei unserer Fabrication. Gegenwärtig haben sich die Fabriken vermehrt, die Maschinen wurden erweitert, und doch befinden wir uns in einem weit traurigeren Zustande als je vorher. Unser Fortschreiten in den Maschinerien ist kein Zeichen unserer Wohlfahrt; die Nothwendigkeit allein, und der Drang uns neben unseren Rivalen, die in einer Krise begriffen uns mit den wohlfeilsten Fabricaten überschwemmen, aufrecht zu erhalten, zwang uns hiezu. Früher befanden wir uns besser, weil die Engländer damals so viele Absazwege hatten, daß sie sich um uns gar nicht kümmerten; gegenwärtig ist dieß aber ganz anders, und die Engländer schaden nur um so mehr, als ihre Fabriken in größerem Maaßstabe eingerichtet, und ihre Methoden immer noch vollkommener sind, als sie einen weit wohlfeileren Rohstoff verarbeiten, und als sie auch noch andere bekannte Vortheile vor uns, voraus haben. Die gegenwärtige englische Krise ist nur ein vorübergehendes Uebel für uns; unser Schaden liegt tiefer und wird so lange währen, als wir mit einem Rohstoffe arbeiten müssen, der uns um 40 Proc. höher kommt, als den Engländern. Ich weiß wohl, daß man den Tullfabrikanten, welche freie Einfuhr des Baumwollgespinnstes verlangen, vorwirft, daß sie nur ihr Interesse allein berüksichtigen und dagegen jenes der Spinnereien zum Opfer gebracht wissen wollen. Allein, wenn die Spinnereien unter der 20jährigen Gunst des Einfuhrverbotes nicht jene Fortschritte machen konnten, deren sie fähig sind, so dürfte das Verbot nicht länger mehr als ein wirksames Mittel sie zu heben, sondern als ein den Tullfabrikanten zur Last fallender Mißbrauch zu betrachten seyn.

Der Verbrauch an Tull hat sich in den lezten Jahren, wo ich ihn in einer von mir herausgegebenen Schrift auf 24 Mill. Fr. anschlug, nicht vermindert; wohl aber ist er von der reicheren auf die mittlere Classe übergegangen. Von diesem Verbrauche liefert die inländische Fabrication nur den dritten Theil! Die Tullfabrication hat in Frankreich beständig Fortschritte gemacht und ist den Engländern auf dem Fuße gefolgt; die Spinnerei hingegen blieb zurük, weßhalb wir denn auch immer schlechten Tull erzeugten, so lange wir französisches Gespinnst verarbeiteten. Wir ließen unsere Maschinenmodelle aus England kommen in der Hoffnung, daß uns unsere Spinnereien eben so gute Gespinnste liefern würden, als die englischen. Da diese Hoffnung jedoch getäuscht ward, so hindere man uns nicht, das, was wir in Frankreich nicht haben können, um denselben Preis zu kaufen, um den es unsere Concurrenten bezahlen. Die Inferiorität der französischen Spinnereien rührt nicht, wie einige glaubten, von dem Zustande der Luft her, denn man könnte auch in den unserigen dieselbe Wärme und Feuchtigkeit unterhalten, die man in den englischen findet; der Grund liegt vielmehr hauptsächlich |227| darin, daß die Franzosen sich ihrer Bemühungen und Agenten ungeachtet keine so gute Baumwolle verschaffen können, als die Engländer.

Die Tullfabrication hat in Frankreich große Opfer gebracht; sie hat ungeheure Summen auf Anschaffung und Verbesserungen der Maschinen verwendet; der größte Theil ihres Capitales stekt noch in den Maschinen, und noch sind ihre Vorausgaben nicht gedekt. Wir liefern gegenwärtig für 15 Cent, was ehemals 3 Fr. kostete, und schon ist zu fürchten, daß diese außerordentliche Erniedrigung der Preise dem Verbrauche nachtheilig werde. Will man den Zoll der Feingespinnste, der ohnedieß schon durch den Schmuggelhandel großen Theils umgangen wird, beibehalten, so vernichtet man ein auf Maschinen gelegtes Capital von 10–12 Mill. Fr., und ruinirt einen Industriezweig, der jährlich für 8–10 Mill. gute Fabricate lieferte, und es in Kürze auf 24 Mill. bringen könnte. Hat irgend ein anderer Industriezweig innerhalb so weniger Jahre durch sich allein, ungeachtet ihm der Rohstoff häufig weggenommen worden, und ungeachtet nicht selten seine besten Fabricate für fremde Erzeugnisse gehalten und confiscirt wurden, so große Fortschritte gemacht als der unserige?

Meine Ueberzeugung ist daher: daß die Tullfabrication in Frankreich nicht bestehen kann, ausgenommen man läßt sie ihren Bedarf an Rohstoff frei einführen, und gewährt ihr zugleich noch 5 Jahre lang den Schuz des Verbotes fremder Waare. Nach dieser Zeit wird man das Verbot durch einen Schuzzoll ersezen können, der nicht zu gering, aber auch nicht so hoch seyn dürste, daß er zur Schmuggelei anreizt. Mittlerweile verdopple man die Aufsicht an der Gränze; denn die so häufig erfolgende Wegnahme fremden Tulls in Paris beweist nur die schlechte Aufsicht an her Gränze, in deren unmittelbarer Nachbarschaft man auch keine Tullfabriken dulden soll, indem hiedurch die Schmuggelei begünstigt wird.

7. Auszüge aus den Aussagen des Hrn. Wickham, Tullfabrikanten von Douai.

Douai verarbeitet mit einem Aufwande von jährlich 750,000 Fr. wöchentlich 600 Pfd. gedrehtes Baumwollgarn. Die Fabrication steht noch nicht auf derselben Stufe, wie die englische, welche um 12 Jahre älter ist, und der mithin auch geübtere Arbeiter zu Gebot stehen. Ich bin selbst Engländer und seit 5 Jahren zu Douai etablirt. Innerhalb dieser Zeit sind die Preise so gesunken, daß wir gegenwärtig im Herbste 1834 für 9 Franken verkaufen, wofür wir im Jahre 1829 noch 25 Fr. erzielten. Wir arbeiten gegenwärtig mit Verlust, und die Ursache hievon ist das Sinken der Preise in England und die Schmuggelei. Die Engländer verkaufen gleichfalls mit Verlust, denn sie hatten zu viel erzeugt; sie erleiden aber lieber ihren Verlust in Frankreich, als in England, indem, dann die Waare auf dem inländischen Markte nicht so sehr an Werth verliert, und indem der Credit der Fabrikanten weniger Schaden darunter leidet. Wir in Frankreich arbeiten dermalen nur noch in der Hoffnung die feinen Wollengespinnste freigegeben zu sehen; sollte diese Hoffnung getäuscht werden, so müßten wir zu arbeiten aufhören. Eine Herabsezung des Zolles um die Hälfte nüzt uns nichts; denn die Englinder werden uns auch bei, dieser noch so lange drüken, bis unsere Fabriken unterliegen müssen. Die gänzliche Befreiung der Feingespinnste |228| von allen Zöllen ist das einzige Mittel unsere Fabrication zu erhalten, die Schmuggelei zu verhüten, und uns in Stand zu sezen, in einigen Jahren bei einem mäßigen Schuzzoll mit England concurriren zu können, obwohl wir auch dann immer noch den in diesem Lande öfters eintretenden Krisen ausgesezt seyn werden. Die Hauptursache für den englischen Fabrikanten ist bei diesen Krisen sich schnell Geld zu verschaffen; und dieß kann er bei Aufhebung des Einfuhrverbotes in wenigen Tagen ohne seinem Credit in der Heimath dabei zu schaden.

Ich verfertige meine Stühle selbst, da ich 10 Jahre in England war, und ganz damit vertraut bin. Ein nach dem besten Systeme gebauter Tullstuhl kommt in Frankreich auf 10,000 Fr.; freilich gibt es aber auch viel kleinere, welche nur 3–6000 Fr. kosten. Meine Stühle werden mit Dampf getrieben; denn ich baute mir in der Hoffnung die Gespinnste freigegeben zu sehen, ein Gebäude für 35 Stühle und eine Dampfmaschine, die sie in Bewegung sezen sollte. Das Eisen beträgt ungefähr den 20sten Theil der Kosten eines Stuhles. Das Brennmaterial kommt mir drei Mal theurer als in England.

Der rohe Tull läßt sich, wenn er aus französischem Garn erzeugt worden, von dem englischen Fabricate allerdings unterscheiden; nahm der französische Fabricant hingegen englisches Garn, so ist keine Unterscheidung möglich. Ich würde daher zur Verhütung und Entdekung von Schmuggelei rathen, daß jeder französische Fabrikant gehalten werde, in ein Mauthregister die Nummern, Breite und Qualität seiner Tullstühle einschreiben zu lassen, indem man dann die Etiquette eines jeden für geschmuggelt gehaltenen Stükes mit diesem Register vergleichen könnte. Auch muß ich bemerken, daß die zur Beurtheilung der von der Mauth ergriffenen Tülle bestimmten Leute nicht hinreichend mit den in Frankreich und England üblichen Details beim Zusammenlegen, Appretiren, Ellen etc. bekannt sind, und daß hieraus mancher Mißgriff erwächst.

§. 3. Fabrication roher und weißer Baumwollgewebe.

1. Auszüge aus den Aussagen des Hrn. Roman von Wesserling.

Elsaß zählt nur wenige große Webereien, indem sich deren Anzahl mit Einschluß der unserigen auf 5–6 beschränkt; dagegen ist dieses Gewerbe auf dem Lande sehr verbreitet, so daß der Landmann die Zeit, während welcher die Feldarbeiten seine Kräfte nicht in Anspruch nehmen, größten Theils am Webstuhle arbeitet. Der Erfahrung gemäß liefert ein Handwebstuhl jährlich 25 Stüke, wozu 100 Kilogr. Baumwolle erforderlich. Im Durchschnitt arbeiten 58–60,000 Stühle, worunter 4000 mechanische. Die Gesammtproduction läßt sich auf 1,800,000 bis 2 Mill. Stüke feiner und gemeiner Calicos, Musseline und mehrfarbiger Gewebe anschlagen, welche das Stük zu 40 Fr. gerechnet, einen Werth von beiläufig 80 Mill. Fr. repräsentiren. In Gebäuden, Maschinen und Apparaten mag ein Capital von 45–50 Mill. Fr. steken, welches jedoch bereits bis auf 30 Mill. Fr. gelöscht seyn dürste. Wir selbst wendeten über 6 Mill. Fr. auf unser Etablissement, welches gegenwärtig nur auf 1,600,000 Fr. geschäzt wird. Direct beschäftigt die Weberei gegen 7000 Individuen jeden Geschlechtes und Alters; die Bleicherei 12–15,000. Bei der Calicoweberei verdient ein Arbeiter täglich bei emsiger Arbeit |229| 60 Cent. bis 1 Fr. 25 Cent.; bei feineren Stoffen 1 Fr. 25 Cent, bis 2 Fr. 50 Cent.; die Arbeiter an den mechanischen Stühlen verdienen in allen Qualitäten etwas mehr. Kinder verdienen 25–50 Cent. des Tages. Ein Bleicher arbeitete sich täglich auf 1 Fr. 40 Cent. bis 1 Fr. 60 Cent. Die Zahl der Arbeitsstunden beläuft sich auf 13. Die Weber arbeiten nach dem Gedinge, und da sie meistens ruhig und ordentlich sind, so machen sie des geringen Lohnes ungeachtet kleine Ersparnisse, welche sie großen Theils in den Sparkassen anlegen. In den meisten Fabriken läßt man die Kinder zur Schule gehen. Die Stühle auf dem Lande gehören theils größeren Unternehmern, theils den Arbeitern selbst.

Was die Maschinen und die Verbesserungen an denselben betrifft, so folgen wir den Engländern hierin auf dem Fuße; allein wenn bei unseren zahlreichen Verbindungen mit England beinahe jede neue Maschine auch schon im ersten Jahre ihres Bekanntwerdens auch zu uns verpflanzt wird, so ist es doch immer vortheilhafter der erste zu seyn. In England wird beinahe Alles mit Maschinen gesponnen, und dahin muß es auch bei uns kommen; wir im Elsaß werden gegenwärtig nur dadurch zurükgehalten, daß wir fürchten, zu viele Hände unbeschäftigt zu lassen. Die wenigen mechanischen Webereien, die wir besizen, und welche wie gesagt beiläufig mit 4000 Stühlen arbeiten, sind in Hinsicht auf Qualität und Wohlfeilheit der Waare im Vortheile, obschon die Arbeiter in ihnen mehr verdienen, als die Handweber.

In Hinsicht auf die Aufhebung des Einfuhrverbotes muß ich beweisen, daß nur das bisher befolgte System im allgemeinen Interesse der Industrie eingeführt worden zu seyn scheint, und daß sich dasselbe durch die großen Fortschritte, die es hervorrief, auch als vollkommen geeignet bewährte. Wir sind aber noch nicht so weit gediehen, daß wir die fremde Concurrenz aushalten könnten, ausgenommen bei einem Schuzzolle, der einem gänzlichen Verbote gleichkommt. Ließe man die fremden Fabrikate auf unseren eigenen Märkten mit den unserigen concurriren, so kann man sicher voraussagen, daß sowohl in Hinsicht auf Beschäftigung unserer Bevölkerung, als in Hinsicht auf unsere socialen Verhältnisse eine höchst nachtheilige Störung eintreten würde. Müßten diese Vortheile durch zu große Opfer von Seite der Consumenten erkauft werden, gewiß ich würde nicht so sehr für das Einfuhrverbot seyn; die Preislisten beweisen aber, daß wir die größten Anstrengungen machten, um die Preise unserer Fabricate immer niedriger stellen zu können. Ein Industriezweig, der für 600 Mill. Fr. im Werthe producirt, darf und kann unmöglich beeinträchtigt werden, ohne daß auch alle übrigen Gewerbe darunter leiden. Man sagt England habe die Einfuhr gegen einen Zoll freigegeben; aber wann that es dieß? Nachdem es unter dem Prohibitivsysteme und lediglich durch dieses im eigenen Hause unangreifbar wurde, und nachdem es also ohne alle eigene Gefahr andere Nationen durch Aufgebung seines Systemes verblenden und zu gleichen Maßregeln verleiten zu müssen glaubte. Da die Engländer in weit größeren Massen fabriciren, als wir, so ist es uns auch schon deßhalb unmöglich mit ihnen zu concurriren. Ich kenne eine Fabrik in England, welche allein die Hälfte so viel in Baumwolle fabricirt, wie ganz Elsaß; unsere größte Fabrik erzeugt gegenwärtig nur 60,000 Stüke; in England gibt es welche, die bis zu einer Million erzeugen, und die es bei ihrer Zunahme selbst auf 1 1/2 Mill. bringen dürften. |230| Wie leicht müßte es unter eintretenden Finanzkrisen diesen großen Fabriken werden, uns zu überschwemmen und zu erbrüten, besonders unsere zahlreichen kleinen Fabriken, die wohl im Auslande eine leichte Concurrenz aushalten können, nicht aber auf dem eigenen Markte. Die Gefahr solcher Krisen wird um so größer, da bei der Baumwollwaarenfabrication die Ankäufe und Verproviantirungen für jede Saison gewöhnlich ein halbes Jahr voraus Statt finden. Gesezt aber, man wollte statt des Verbotes einen Schuzzoll einführen, so würde auch hier ein zu hoher Zoll umgangen werden, während ein zu niedriger nicht genug schüzend wäre. Die englischen Calicos kommen in der Schweiz auf 75 Cent. die Elle; gleiche Waare gilt in Frankreich 85–95 Cent.; die Elle kommt also bei uns um 3–8 Sous theurer, und dieß macht für ein Frauenzimmerkleid einen Unterschied von 75 Cent. bis zu 2 Fr., was wohl kaum ein solches Wagniß werth seyn dürfte.

Der Zoll, wenn man je einen solchen einführen wollte, könnte nach dreierlei Grundlagen bestimmt werden, nämlich nach dem Gewichte, nach der Deklaration des Versenders mit dem Verkaufsrechte, und nach Kategorien. Das Gewicht kann bei der großen Verschiedenheit der Qualität nicht als Maaßstab gelten; und da die Declarationen zu wenig Garantien darbieten, selbst wenn der Mauth das Verkaufsrecht zusteht, so blieben nichts als Kategorien über, und als Schuz für die wohlfeileren Fabricate die Festsezung eines Minimums.

Schließlich bemerke ich noch, daß sich das System der unbeschränkten Handelsfreiheit sehr wohl bei einem commerciellen Congresse sämmtlicher Nationen geltend machen ließe, keineswegs aber einzeln auf Frankreich angewendet und ohne allgemeine Ausgleichung. Wir würden sonst das Beispiel von England befolgen, ohne uns in derselben Lage wie dieses Land zu befinden, und ohne von den übrigen Staaten, namentlich von den dem deutschen Handelsvereine angehörigen eine günstigere Behandlung erwarten zu dürfen.

2. Auszüge aus den Aussagen des Hrn. Nicol. Köchlin von Mülhausen.

Die Baumwollweberei, obschon an und für sich nicht sehr einträglich und lange Zeit nur von einzeln zerstreuten Webern betrieben, verbreitete sich bei der Leichtigkeit des Absazes der Fabricate dennoch sehr rasch. Diese Leichtigkeit war aber auch Ursache, warum dieser Industriezweig während der ersten 40 Jahre seines Bestehens in Frankreich nicht sehr vervollkommnet wurde, bis endlich die Einführung der Maschinenspinnerei den glüklichsten Einfluß auf ihn übte. Eine neue Epoche für die Weberei begann jedoch erst mit der Einführung des mechanischen Schlichtens und Webens, wodurch in England bereits eine vollkommene Umwandlung der Fabrication bewirkt wurde. In Frankreich findet die allgemeine Einführung der mechanischen Webstühle, die sich hauptsächlich zur Erzeugung der Calicos eignen, während feine und Modewaaren besser mit der Hand gewebt werden, übrigens noch immer Hindernisse, welche hauptsächlich im Mangel an großen Capitalien und in dem niedrigen Arbeitslohn gelegen sind.

Von der Fabrication im Elsaß als Basis ausgegangen ergibt sich, daß zum Verweben der 34 Mill. Kilogr. Baumwollgespinnst, welche jährlich in Frankreich erzeugt werden, 270,000 Webestühle erforderlich |231| sind, die zusammen 325,000 Arbeiter beschäftigen, deren Taglohn im Durchschnitte zu 75 Cent. angeschlagen werden kann.

Die Weber sind im Allgemeinen schlecht bezahlt, was hauptsächlich davon herrührt, daß ihre Stühle bis in die Strohhütten auf dem Lande verbreitet, oder in Dörfern, wo der Arbeiter bald auf dem Felde, bald am Stuhle arbeitet, in kleine Webereien übergegangen.

Der Unterschied zwischen dem Preise der Façon des Webens und dem Verkaufspreise ist im Vergleiche mit dem Werthe des Baumwollgespinnstes, der wenigstens 2/3 des lezteren ausmacht, sehr unbedeutend. Ich erhielt z.B. dieser Tage aus der Schweiz, die immer mit England mit Vortheil concurrirte, folgende Berechnung der Kosten eines Stükes von 50 Ellen (welches später in zwei Theile getheilt wird), von 3/4 Breite und 75 Tragen oder 750 Kettenfaden.

Baumwollgespinnst nach dem laufenden Preise 29 Fr. 55 Cent.
Preis der Façon an den Weber 7 – 20 –
Façon der Kette und Sieden des zur Kette bestimmten Garns 1 – 08 –
Holz, Schlichte und verschiedene Kosten 0 – 60 –
Reparaturen und Interessen 0 – 75 –
––––––––––––
39 Fr. 18 Cent.

Die Elle kam daher in der Schweiz auf 78 Cent., und zwar bei derselben Qualität, die man gegenwärtig zu 80 Cent. im Elsaß verkauft, mit Einschluß des Gewinnes bei dem Gespinnste. Zwischen dem Gestehungspreise in der Schweiz und dem Verkaufspreise im Elsaß findet also gegenwärtig (1834), wo die Geschäfte sehr gut gehen, nur ein Unterschied von 15 Proc. Statt. Mit dem Gespinnste, welches unser Haus zu Lörrach dermalen aus der Schweiz und aus England bezieht, kommen ihm seine weißen Calicos von erster Elsaßer Qualität auf 87 1/2 Cent. die Elle zu stehen; dieselbe Qualität wird zu Mülhausen zu 1 Fr. verkauft. Dasselbe Haus kaufte vor wenigen Wochen zu Mülhausen Musseline zum Druke zu 1 Fr. 41 Cent. die Elle, welche ihm zu St. Gallen nur von etwas niedrigerer Qualität zu 1 Fr. 30 Cent. geboten worden.

Die Façon wird gewöhnlich per Stük berechnet; da jedoch das Stük in der Schweiz 58, in Frankreich 34 und in England 24 Ellen hat, so muß die Façon bei gleicher Qualität per Elle verglichen werden. Nach meinen Berechnungen beträgt sie bei Calico von der oben angegebenen Qualität in Elsaß 22, in Manchester 2252) und in der Schweiz 19 Cent. per Elle. Der geringe Unterschied des englischen Preises rührt davon her, daß in England mit Maschinen gewebt wird, und daß der Arbeiter daselbst drei Mal mehr verdient als in Elsaß.

Das Elsaßer Fabrikat besteht größten Theils aus einem zum Druke bestimmten Calico, von dem nur in höchst seltenen Fällen nach der Schweiz ausgeführt wird. Die für den Bedarf Frankreichs bestimmten Qualitäten eignen sich weder für England, noch überhaupt zur Ausfuhr; was für die Ausfuhr bestimmt wäre, müßte eigens erzeugt werden, und erforderte in den Werkzeugen und selbst in den Webestühlen Modificationen.

|232|

Diese Unannehmlichkeit verhindert andererseits, daß der Ueberschuß des englischen, nicht für Frankreich bestimmten Fabrikates nicht zu unserem Nachtheile zu uns gebracht werden kann, weil es unseren Consumenten nicht zusagen würde.

Die farbigen Stoffe, welche zu St. Marie gewebt werden, sind dagegen Beinahe ganz zur Ausfuhr, und zwar nach den Colonien bestimmt. Diese Fabrication leidet jedoch gegenwärtig wegen der hohen Preise der Gespinnste bedeutend, woher es denn auch kommt, daß von 18 Fabrikanten dieses Ortes sich 16 für Aufhebung des Einfuhrverbotes der Gewebe erklärten, wenn man vorher das Verbot der fremden Gespinnste aufheben wollte.

Ich würde für die Zukunft folgende Maßregeln vorschlagen: 1) die Baumwollgespinnste sollen gegen einen Zoll von höchstens 25 Proc. zugelassen werden; 2) die Zulassung der Gewebe soll ein Jahr nach jener der Gespinnste eintreten; 3) der auf die fremden Gewebe gelegte Zoll soll 25 Proc. betragen, und dann von Jahr zu Jahr um ein Proc. herabsinken, bis er nach 10 Jahren nur mehr 15 Proc. beträgt; 4) der Zoll soll nach dem Gewichte und zugleich nach dem mittleren Preise der Artikel in Frankreich, also nach Kategorien erhoben werden, und zwar von dem Ausschusse eben so hoch, wie von den couranten Artikeln; die Handelskammern hätten die verschiedenen Kategorien festzusezen; 5) bei der Verzollung der Waaren sollen Marken, eine Ordnungsnummer und der Name des Mauthbureau's beigesezt werden; zugleich sollen aber die Kaufleute gehalten seyn die Zeuge immer nur an dem einen Ende abzuschneiden, damit das andere Ende stets mit der Marke versehen bleibt; 6) endlich soll der Mauth die Visitation und die Wegnahme im Innern vorbehalten bleiben.

(Fortsezung folgt.)

|231|

Es scheint sich hier ein Drukfehler in diese Angabe eingeschlichen zu haben, den wir jedoch in keinem der Journale, in welche Hrn. Köchlins Aussagen übergingen, verbessert fanden. A. d. R.

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