Titel: Zur Geschichte der Irrthümer großer Männer.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 61, Nr. XIV./Miszelle 19 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj061/mi061014_19

Zur Geschichte der Irrthümer großer Männer.

Das Magazine of Popular Science enthält in seiner No. II. eine scharfe Warnung gegen das Haschen nach Wunderbarem und Unerklärlichem, und bindet es namentlich Männern, die einen großen wissenschaftlichen und litterarischen Ruf besizen, aufs Gewissen, ja keine derlei wunderbaren Historien und Neuigkeiten zu |80| erzählen, ausgenommen sie sind ihrer Sache ganz gewiß: denn unter dem Namen solcher Männer schleichen sich sonst zuweilen Irrthümer ein, die oft in Jahrhunderten nicht mehr ganz ausgemerzt werden. Anlaß zu dieser Rüge gab dem erwähnten Journale der berühmte und allgemein bekannte Sir David Brewster, der in seinen an Walter Scott gerichteten Letters on Natural Magic Folgendes seiner Feder entschlüpfen ließ. „Einer der merkwürdigsten und unerklärlichsten Versuche in Hinsicht auf die Stärke des menschlichen Körpers ist jener, nach welchem der schwerste Mann mit größter Leichtigkeit aufgehoben werden kann, wenn das Aufheben in dem Augenblike geschieht, wo sowohl die Lungen des Aufzuhebenden, als jene der Aufhebenden mit Luft ausgedehnt sind. So viel ich weiß, wurde dieser Versuch in England zuerst vor einigen Jahren von Major H. gezeigt, der ihn in Venedig vor einer großen Gesellschaft von einem Offiziere der nordamerikanischen Marine anstellen sah. Da Major H. den Versuch in meiner Gegenwart mehr dann ein Mal ausführte, so will ich das von ihm dabei befolgte Verfahren so genau als möglich beschreiben. Das schwerste Individuum der Gesellschaft ward so auf zwei Stühle gelegt, daß seine Beine auf den einen und der Rüken auf den anderen Stuhl zu liegen kamen. Hierauf versuchten es 4 Personen, von denen jede den Körper bei einem Fuße oder bei einer Schulter faßte, aufzuheben, wobei sie ihn sehr schwer fanden. Wieder auf den Stuhl niedergelegt, gab der Aufzuhebende den 4 Personen, die ihn auf die angegebene Weise gefaßt hatten, durch Händeklatschen zwei Zeichen. Bei dem ersten Zeichen mußten alle 5 Personen einen langen und tiefen Athemzug machen, und nachdem dieser vollbracht und die Lungen mit Luft erfüllt waren, mußte auf das zweite Zeichen der Liegende aufgehoben werden, wobei man zu nicht geringem Erstaunen fand, daß dieß so leicht geschah, als wäre der schwere Körper nun federleicht. Ich bemerkte hiebei mehrere Male, daß wenn einer der Träger oder Aufheber sein Geschäft schlecht vollbrachte und außer der Zeit einathmete, jener Theil des Körpers, den er aufzubeben hatte, schwer zurükblieb. Da Sie selbst diesem Versuche wiederholt beiwohnten und selbst die Last und den Träger abwechselnd vorstellten, so werden Sie bezeugen können, wie merkwürdig diese Wirkungen der ganzen Gesellschaft erschienen, und wie Jedermann überzeugt war, daß die Luft durch das beschriebene Verfahren entweder leichter oder der Träger stärker geworden seyn mußte. In Venedig wurde der Versuch auf eine noch imposantere Weise angestellt, denn der schwerste Mann aus einer Gesellschaft von 60 Personen ward auf den Spizen der Zeigefinger von 6 Personen emporgehoben und getragen. Major H. sagte, daß der Versuch nicht gelingt, wenn man den Aufzuhebenden auf ein Brett legt, und wenn man ihn dann mit diesem aufheben will, so daß es scheint, daß die Aufheber in directer Communication mit dem Aufzuhebenden zu stehen haben. Ich hatte keine Gelegenheit weitere Versuche über diese sonderbaren Thatsachen anzustellen, doch dürfte es einer sorgfältigen Untersuchung werth seyn, zu ermitteln, ob der Effect eine Illusion oder das Resultat bekannter oder neuer Principien ist.“ Dieselbe Geschichte ward im April des Jahres 1835 in Silliman's American Journal in einem Briefe eines James Nickalls auf sehr ähnliche Weise erzählt; und dieß veranlaßte denn eine experimentirende Gesellschaft in London der Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Man machte in dieser den Versuch beinahe an sämmtlichen Mitgliedern genau nach der von Brewster beschriebenen Methode, und kam endlich zu dem einstimmigen Schlusse, daß das von Brewster beschriebene leichte Aufheben nach vorausgegangenem tiefen Einathmen nicht existire, und daß, wenn ja bei häufiger Wiederholung des Versuches das Aufheben leichter scheinen mochte, dieß nur davon herrührte, daß die Aufhebenden sich mehr geübt hatten, gemeinschaftlich und gleichzeitig auf ein gegebenes Zeichen aufzuheben. (Wir bemerken hiezu nur noch, daß es in Süddeutschland unter den Arbeitern allgemeine Sitte ist, vor dem Aufheben schwerer Lasten tief einzuathmen und dann den Athem an sich zu halten, nicht weil sie meinen hiedurch das Aufheben selbst zu erleichtern, sondern weil sie hiedurch dem durch Heben häufig entstehenden Austreten von Eingeweiden aus der Unterleibshöhle vorbeugen zu können glauben.)

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