Titel: Belang der schweizerischen Baumwollenspinnerei.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 61, Nr. XXIX./Miszelle 13 (S. 157–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj061/mi061029_13
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Belang der schweizerischen Baumwollenspinnerei.

Nach einer neulich von Hrn. Regierungsrath Bründli mit großer Sorgfalt vorgenommenen Zählung enthält dermalen der Kanton Zürich 87 Baumwollenspinnereien mit 292,960 Spindeln. Sehr wahrscheinlich kommt die Spindelnzahl in der übrigen Schweiz jener im Kanton Zürich nicht ganz, doch beinahe gleich; füglich lassen sich daher für die ganze Schweiz wenigstens 560,000 Spindeln rechnen.

Aus der Zahl der Spindeln läßt sich mit ziemlicher Zuverlässigkeit die jährliche Production an Garn ermitteln.

Nach der Baseler Zeitung ist diese per Spindel zu 30 Pfd. (engl.) anzunehmen; die Schweiz producirte demnach circa 17 Mill. Pfd. Garn, und verbrauchte dazu nahe an 19 Mill. Pfd. Baumwolle, und dieses Quantum stimmte wirklich ganz genau mit dem von Baines angegebenen Consum überein. Fast zu genau jedoch; denn da diese Angabe für 1851 gilt, so müßte der Consum dermalen bedeutend größer seyn. In der That glauben wir aber denselben auch etwas höher berechnen zu dürfen.

In England consumirt die Spindel freilich nur 30 Pfd. Baumwolle, und liefert nur 27 Pfd. Garn; in der Schweiz hingegen mag jede wohl um so mehr oder 36–38 Pfd. Baumwolle verspinnen. Denn 1) liefert unstreitig die Schweiz im Durchschnitte weit gröberes Garn, und wir können, da England troz seiner vielen Feinspinnereien Nr. 40 als durchschnittliche rechnet, diese für die Schweiz nur zu 30 oder 32 annehmen. 2) beträgt die wöchentliche Arbeitszeit dort nur 69, in der Schweiz an 80 Stunden. 5) führt hier jeder Spinner nur einen Stuhl. Zu jener Annahme halten wir uns übrigens um so mehr berechtigt, da uns bekannt ist, daß gewisse Schweizer Spinnereien schon 70 und mehr Pfd. Baumwolle jährlich per Spindel consumirt haben, und aus einem 1831 dem Congresse der Vereinigten Staaten vorgelegten Berichte sich ergibt, daß die dortigen Spinnereien, die allerdings noch weit niedrigere Nummern produciren, per Spindel 61 Pfd. Baumwolle verbrauchten. – So absurd also die in vielen Schweizerblättern wiederholte Angabe von 150 Pfd. Garn per Spindel ist, so halten wir doch die Annahme von 32–33 Pfd. Garn oder 36–38 Pfd. Baumwolle nicht für übertrieben, und berechnen demnach für sämmtliche 560,000 Spindeln in der Schweiz den Verbrauch an Baumwolle aus 20 1/2 – 21 Mill. Pfd. (engl.) und die Production an Garn auf 18 Mill. Pfd. (Nimmt man an, daß 1 Pfd. Baumwolle 1 Fr. Fracht koste, und daß der Werth durch die gesammte Fabrikation nur auf das 3fache erhöht werde (in England rechnet man das 4fache, und in Frankreich das 6fache), so ergibt sich, daß ohne die Verarbeitung des eingeführten engl. Garns in Anschlag zu bringen, die Baumwollen-Fabrikation jährlich einen Werth von wenigstens 41 Mill. Fr. erzeugt.) Stellen wir nun noch einige Vergleichungen an.

Großbritannien (mit 25 Mill. Einwohnern) verbrauchte nach Baines 1833 282 Mill. Pfd. Baumwolle mit 9 1/3 Mill. Spindeln.

England allein (mit 14 1/2 Mill. Einw.) 250 Mill. Pfd. Baumwolle mit 8 Mill. Spindeln.

Frankreich (mit 32 1/2 Mill. Einw.) circa 80 Mill. Pfd. Baumwolle mit 3 Mill. Spindeln.

Die Bereinigten Staaten (13 Mill. Einw.) 1851 in 791 Spinnereien mit 1 l/4 Mill. Spindeln 77 Mill. Pfd. Baumwolle.

Die Schweiz (mit 2 1/4 Mill. Einw.) mit 560,000 Spindeln 20 1/2 Mill. Pfd. Baumwolle.

Es kommen hiemit

in England auf 1000 Einw. 550 Spindeln, und auf 1 Einw. 17 1/4 Pfd. Bw.
in Großbr. 373 – 11 1/4
in der Schweiz 248 – 9
in den Ver. St. 96 – 6
in Frankreich 93 – 2 1/2

Bekanntlich ist die Maschinenspinnerei in der Schweiz und in Frankreich zu gleicher Zeit ungefähr eingeführt worden, und bekanntlich ist sie dort von Anfang an bis auf diesen Tag der engl. Concurrenz fortwährend bloßgestellt gewesen, während in Frankreich fast ununterbrochen das strengste Prohibitivsystem angewendet wurde, um sie zu schüzen und emporzubringen. Aus dem Obigen ergibt |159| sich, wie sehr nichts desto weniger die schweizerische Fabrication der französischen verhältnißmäßig vorangeeilt ist, wie sehr diese zurükblieb troz alles Zwanges, der der Nation auferlegt wurde, und der ihr innerhalb 25 Jahren weit übel 1000 Mill. kostete; und wie wenig sogar das feindselige Princip Frankreichs die natürliche Entwikelung des kleinen Nachbarstaates zu hemmen vermochte.

Es ergibt sich endlich aus diesen Notizen, daß, obgleich die mechanische Spinnerei vornehmlich den Betrieb der Industrie in möglichst großen Factoreien herbeiführte, solche durchaus nicht zum gedeihlichen Fortgange derselben unerläßlich sind. Nach der Enquête kommen im Elsasser Reviere (wo ihrer 56 sind) auf 1 Spinnerei durchschnittlich 12,500 Spindeln; im Rouenrevier (wo 240 Spinnereien) und dem von Lille (wo 450 Spinnereien) auf 1 circa 4000 Spindeln, in Glasgow (wo 44) auf 1 an 14,500 Spindeln – im Kanton Zürich hingegen ist die durchschnittliche Spindelzahl nur 5000, und in den Bereinigten Skaten gar nur 1560.

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