Titel: Zur Geschichte des Gravirens en relief.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 61, Nr. XLVII./Miszelle 4 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj061/mi061047_4

Zur Geschichte des Gravirens en relief.

Das Haus der Gemeinen in England hatte eine Commission niedergesezt, welche über den Zustand der Künste in England, über den denselben zu gewährenden Schuz, und über die Errichtung von Schulen, Museen etc. zur Verbreitung der Zeichenkunst unter den englischen Fabrikanten und Arbeitern zu berichten hatte. Wir entnehmen aus den interessanten Verhören, welche diese Commission unter den ausgezeichnetsten Männern vornahm, und aus denen das Mechanics' Magazine mehrere Auszüge lieferte, einen Auszug der Antwort, welche Hr. Robertson, der Herausgeber der eben genannten Zeitschrift auf die Frage, ob die Fortschritte der Künste in England durch den Mangel an gehörigem Schuze für neue Erfindungen in denselben gehemmt worden seyen, gab. Allerdings, sagte Hr. Robertson, war dieß in hohem Grade der Fall; denn die auf die Zeichenkunst bezüglichen Erfindungen, wie z.B. die Erfindung neuer Methoden und neuer Instrumente, sind durch unsere Geseze nicht gehörig geschüzt; auch ist hier der Schuz gegen das Nachmachen weit schwerer ausführbar, als bei irgend anderen Erfindungen. Ich erwähne als Beispiel für meine Behauptung nur die Kunst auf Metall erhaben zu graviren, welche man in früheren Zeiten kannte, und deren Wiederauffindung so großes Bedürfniß ist. Albr. Dürer besaß unstreitig die Kunst seine Zeichnungen von Papier unmittelbar erhaben auf Metall zu übertragen, von welchem sie dann in der Drukerpresse abgedrukt werden konnten. Gegenwärtig können wir nur Holzschnitte oder Stereotypen, die nach solchen verfertigt worden und rohe Copien sind, in unsere Texte eindruken; während Dürer's Originalzeichnungen unmittelbar auf Metall übergetragen wurden. So weit man es in den Holzschnitten auch gebracht hat, so ist es doch ein Mißstand, daß das hiezu nöthige Buchsholz höchstens Octavblöke gibt, und daß, wenn man ja mehrere Blöke zu einem zusammensezt, dieß noch Schwierigkeiten darbietet. Dürer dagegen war bei seinen Platten auf keine Größe beschränkt. Welche Vortheile die Wiederauffindung dieser Kunst gewähren würde, ergibt sich daraus, daß mit ihrer Hülfe viele vortreffliche Werke um das 20fache schneller und um mehr als |236| das 20fache wohlfeiler vervielfältigt werden könnten. Viele beschäftigten sich deßhalb bereits auch mit diesem Gegenstande und ich selbst kenne einen oder zwei, die die Erfindung gemacht zu haben versicherten. Im Jahre 1824 machte mir Hr. Foulis, ein berühmter Druker von Glasgow, Mittheilungen hierüber; ich führte ihn bei ein Paar Freunden ein, und wir beschlossen gemeinschaftlich ein Unternehmen zur Ausführung seiner Erfindung zu gründen. Da Hr. Foulis zwischen 70 und 80 Jahre alt war, so verlangten wir zu unserer Sicherheit Hinterlegung der Beschreibung seines Verfahrens; er hingegen bestand zu gegenseitigem Schuze aus Forderung eines Patentes. (Er wollte sich auf Ersteres nicht einlassen, und wir konnten auf Lezteres nicht eingehen; denn wäre ein Patent genommen worden, so hätte man dessen Beschreibung bald überall bekannt gemacht, und die Erfindung wäre für uns verloren gewesen, indem uns das Patent in dergleichen Dingen unmöglich wirksamen Schuz hätte gewähren können. Da wir nicht einig werden konnten, so kam das Unternehmen nicht zu Stande, und Foulis nahm seine Erfindung wahrscheinlich mit sich zu Grabe, obschon erwiesen war, daß er die fragliche Kunst wirklich besaß. – Neuerlich kam Jemand, der erfahren hatte, welches Interesse ich an der Sache nahm, zu mir, um mir zu sagen, daß einer seiner Freunde die Erfindung abermals gemacht habe. Ich gab ihm um die Wahrheit der Angabe zu erforschen eine kleine Handzeichnung aus meinem Portefeuille, zu meinem Erstaunen brachte er mir sie, obschon sie aus einem sehr schwierigen Muster bestand, schon den nächsten Morgen erhaben oder en relief und zwar sehr gut ausgeführt; es konnte bei dieser Kürze der Zeit kein Zweifel darüber obwalten, daß die Arbeit nicht mit der Hand vollbracht worden seyn konnte. Der Erfinder, der also das Geheimniß unstreitig besaß, wollte darüber verfügen, da er selbst kein Künstler war; ich schlug vor ein Patent zu nehmen; allein man antwortete mir hierauf, daß, wenn ein Mal die Patentbeschreibung erschienen seyn würde, man die Kunst unstreitig in jedem Winkel nachmachen könnte und nachmachen würde. Daß dieß wirklich der Fall ist, dafür lieferte das von Brewster erfundene Kaleidoskop einen Beweis; denn kaum war Brewsters Patent bekannt geworden, so machte man auch schon überall Kaleidoskope; der Erfinder konnte sich nicht Schuz genug verschaffen, und dürfte wohl kaum die Kosten seines Patentes gedekt erhalten haben! Ich weiß kein Mittel, wodurch das Eigenthum von derlei Erfindungen erfolgreich geschüzt werden könnte; und schlage demnach vor für solche nüzliche Erfindungen, die das Patentgesez nicht schüzen kann, aus dem Staatsschaze Belohnungen zu votiren. In dem von mir erwähnten Falle verlangte der Erfinder nur 500 Pfd. Entschädigung für die Bekanntmachung, und erhält er diese nicht, so dürfte die Sache abermals verloren gehen. Das Anrufen des Urtheiles des Publicums, worauf man so großes Gewicht legt, ist eine große Garantie für die Fortschritte, welche eine Erfindung machen wird; durchaus keine Garantie liegt darin aber dafür, daß dem Erfinder auch etwas von den Früchten seiner Entdekung zu gut kommen wird. – (Wir machen schriftlich noch ein Mal auf die Actenstüke der oben erwähnten Commission aufmerksam, indem sich hieraus die interessantesten Aufschlüsse über die Künste in England, über die Inferiorität derselben im Vergleiche mit Frankreich und Deutschland, über die Zwekmäßigkeit der Zeichenschulen und über die Einmischung der Verwaltung in Gegenständen dieser Art ergeben.)

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