Titel: Schüzenbach's neues Verfahren, krystallisirten Zuker aus Runkelrüben darzustellen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1836, Band 61, Nr. LXXXVI./Miszelle 17 (S. 483–484)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj061/mi061086_17

Schüzenbach's neues Verfahren, krystallisirten Zuker aus Runkelrüben darzustellen.

Hr. Schüzenbach theilt über seine Erfindung in der Allgemeinen Zeitung vom 7. September 1836 Folgendes mit:

„Mein Verfahren bei der Bereitung des krystallisirten Zukers aus Runkelrüben beruht auf richtigen physikalischen und chemischen Grundsäzen. Es ist rein rationell, bereits durch die Erfahrung erprobt, und daher auch ganz zuverlässig. Es unterscheidet sich wesentlich von den übrigen bis jezt fabrikmäßig in Anwendung gebrachten Verfahrungsarten, und seine Eigenthümlichkeit und Neuheit besteht hauptsächlich in Folgendem:

Die Runkelrüben werden in großen Massen auf eine neue, bisher nicht ausgeführte Weise, mit sehr geringen Kosten in trokenes Mehl verwandelt. Weder der darin enthaltene krystallisirbare Zuker, noch ein anderer ihrer Bestandtheile erleidet dadurch eine Veränderung. Der Zuker wird aus dem Mehle mittelst einer kleinen Menge Flüssigkeit ausgezogen; die Extraktion ist vollständig und es bleibt keine Spur von Zuker in dem Rükstande, der als Viehfutter verwendet werden kann. Das Extract selbst erscheint gleich Anfangs ganz klar und so concentrirt, daß es auf einen Gewichtstheil Zuker nur zwei bis höchstens drei Gewichtstheile Flüssigkeit enthält; der Zuker wird folglich in Gestalt eines durchsichtigen klaren dünnen Syrups unmittelbar aus dem Mehle selbst gezogen und dadurch seine fernere Behandlung und Darstellung in Krystallen wesentlich vereinfacht und erleichtert. Durch geeignete Vorrichtungen und zwekmäßige Behandlung wird der größtmögliche Theil des darin enthaltenen krystallisirbaren Zukers als schleimfreier trokener, krystallisirter Zuker gewonnen, und die Melasse, deren Erzeugung bei fabrikmäßigem Betrieb nicht ganz verhindert werden kann, wird bei Verarbeitung von unverdorbenen Rüben auf ein Minimum gebracht. Es wird folglich weit mehr an krystallisirtem Zuker gewonnen, als bei Anwendung der besten bisher bekannten Verfahrungsarten.

Die Anlage und Einrichtung einer Zukerfabrik nach meinem Verfahren fordert viel weniger Raum und viel weniger Capital für das gleiche Quantum Zuker, als die Anlage und Einrichtung einer Fabrik nach der bisherigen Art.

Die Kosten der Darstellung des Zukers sind aus dem einfachen Grunde um Vieles geringer, weil man aus einer gleichen Menge Rüben und bei gleichem Aufwand eine weit größere Menge krystallirsirten Zukers gewinnt.

Die Vorrichtungen, deren ich mich zur Verwandlung der Runkelrüben in trokenes Mehl bediene, können außerdem mit großem Vortheil auch bei der Branntweinbrennerei gebraucht werden. Man kann durch diese Vorrichtung einen Centner roher Kartoffeln in den meisten Gegenden Deutschlands um höchstens 4 bis 5 Kreuzer oder einen Groschen preuß. Courant in feines trokenes Mehl verwandeln, also mit kaum nennenswerthem Kostenaufwand, zu der Zeit, wo sie mit den größten Vortheil zur Branntweinfabrication verwendet werden können. Als Mehl nun kann man sie beliebig lang in völlig unverändertem Zustande aufbewahren.

Dieses Kartoffelmehl läßt sich wie Getreide einmaischen, die Maische kann man viel diker machen, als sonst, und man erhält hiebei, wie jeder Sachverständige leicht begreifen wird, bei weniger und leichterer Arbeit und mit geringerem Kosten, mehr Branntwein, als sonst unter gleichen Umständen geschehen kann.

Mein Trokenapparat kann ferner mit entschiedenem Vortheil dazu benuzt werden vegetabilische Stoffe nach Erforderniß zu troknen. |484| Feuchtes und dem Verderben ausgeseztes Getreide kann leicht damit getroknet und zur beliebig langen Aufbewahrung, im besten Zustande, geschikt gemacht werden.

Derselbe Apparat ist auch vorzüglich geeignet, große Quantitäten Obst und Gemüse aller Art sehr schnell zu troknen und sie dadurch vor dem Verderben zu bewahren, und zwar ohne daß ihr natürlicher Geschmak und Geruch im Geringsten leidet oder verändert wird, was bekanntlich bei gewöhnlichen Darröfen nicht möglich ist. Eben so kann man dadurch den Trauben, ohne sie sonst im Geringsten zu verändern, eine beliebige Menge Wasser entziehen und mithin den Weingeistgehalt des Weines, der daraus erzeugt wird, oder seine Stärke nach Belieben erhöhen, ohne seine übrigen guten Eigenschaften zu beeinträchtigen.

Auf meine unterthänigen Gesuche wurden mir, nach vorhergegangener sorgfältiger Prüfung durch sachkundige Männer, im Mai d. J. von der großherzoglich badischen, und im August von der königlich würtembergischen Regierung Erfindungspatente, oder ausschließliche Privilegien zur Benuzung meiner Entdekung auf eine Reihe von Jahren gnädigst verliehen. Aehnliche Gesuche habe ich bereits bei fast allen europäischen Regierungen eingereicht. Von allen erhielt ich vorläufig, obwohl zum Theil bedingungsweise, die Zusicherung der Patentertheilung, mit Ausnahme einer Regierung, welche mir das Patent verweigerte, und einer andern, welche die Ertheilung ablehnte, weil man dort die Erfindungspatente überhaupt für ein Hinderniß der Industrieentwikelung ansieht. Um meine Erfindung im Großen auszuführen, hat sich in Baden eine Actiengesellschaft mit einem Capital von einer Million Gulden gebildet, und mit mir deßhalb einen Vertrag abgeschlossen.

Wegen vorgerükter Jahreszeit und aus Mangel an der hinlänglichen Menge Rüben konnte in diesem Jahre nur eine einzige Rohzukerfabrik in Ettlingen bei Karlsruhe angelegt werden, welche den ganzen in dieser Gegend disponiblen Vorrath an Rüben, wenigstens 50,000 Centner, im Laufe des nächsten Winters auf Zuker verarbeiten wird. Die Gesellschaft zählt Mitglieder aus allen Ständen, und ist mit einer Umsicht und Loyalität von beiden Seiten gegründet, welche als Beispiel für ähnliche Unternehmungen gelten darf, wie die gedrukten Statuten derselben jeden überzeugen werden, weßhalb ich hier auf die weitere Auseinandersezung nicht einzugehen brauche.

Im Königreich Würtemberg wird auf denselben Grundlagen, wie im Großherzogthum Baden, eine ähnliche Unternehmung begründet werden, und meine Absicht und Wünsche gehen dahin, die Sache gleichzeitig auch in den übrigen deutschen Staaten auf ähnliche Weise in Aufnahme zu bringen. Weil aber die Erlangung von Patenten in manchen Staaten mit vielen Umständlichkeiten verknüpft ist, und viel Zeit darüber verloren geht, die man zur Ausführung selbst verwenden könnte, ich auch nicht überall zu gleicher Zeit selbst die Einleitung zu Unternehmungen treffen kann, wie in Baden und Würtemberg; so erbiete ich mich, mein Verfahren an Vereine oder auch an Einzelne, welche die Mittel zu größeren Unternehmungen dieser Art besizen, gegen einen Antheil an dem reinen Gewinn, oder gegen ein Honorar, abzutreten; und bin gerne bereit, jede Garantie zu leisten, die man vernünftiger Weise verlangen kann, d.h. diejenigen, welche sich mein Verfahren durch Vertrag mit mir aneignen wollen, vor jeder Gefahr der Täuschung und vor jedem Verlust, der in Folge einer Täuschung entstehen könnte, vollkommen sicher zu stellen, wie ich es auch bei der badischen Gesellschaft gethan habe. Es wird dafür Sorge getragen, daß sich in der Fabrik in Ettlingen, wo der praktische Unterricht ertheilt werden soll und Anfangs December beginnen wird, außer den, meinem Verfahren eigenthümlichen Vorrichtungen, auch noch jene befinden, welche die Erfahrung bis jezt als die vorzüglichsten und dem Zweke am meisten entsprechenden kennen gelehrt hat.“

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: