Titel: Mulder's chemische Untersuchung der Seide.
Autor: Mulder, Gerardus Johannes
Fundstelle: 1836, Band 62, Nr. XXI. (S. 118–128)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj062/ar062021

XXI. Chemische Untersuchung der Seide; von G. I. Mulder in Rotterdam.23)

Die einzige Analyse, welche wir von roher Seide haben, ist die von Roard; sie genügt aber den gegenwärtigen Anforderungen der Wissenschaft nicht mehr. Roard fand einen Stoff in der Seide, den er Gummi nannte, einen Färbestoff in der gelben, und einen von ihm Wachs genannten Stoff in beiden bekannten Sorten, der gelben und weißen. Besonders stellte er die Wirkung der Alkalien und Seifen auf die Seide hinsichtlich der Zubereitung des Stoffes zur Färbung fest.

Analyse der Seide.

Es wurde gleichzeitig eine gelbe neapolitanische Rohseide und eine weiße levantische rohe Amasinseide der Analyse unterworfen. Diese Sorten bestanden in 100 Theilen aus:

Gelbe. Weiße.
Seidenfaserstoff 53,37 54,04
Gallerte 20,66 19,08
Eiweißstoff 24,43 25,47
Wachsstoff 1,39 1,11
Farbstoff 0,05 0,00
Fettstoff und Harz 0,10 0,30
––––––––––––
100,00 100,00
|119|

Außerdem fanden sich noch Spuren einer eigenthümlichen Säure, Seidensäure, welche nicht dem Gewichte nach bestimmt wurde, und von Salzen.

Gang der Analyse: dieser war für beide Seidensorten derselbe. Nachdem man die Seide mit kaltem Wasser geknetet hatte, wobei die gelbe Seide schon einen großen Theil ihres färbenden Stoffs an das Wasser abgab, kochte man dieselbe mit destillirtem Wasser so lange, bis die Abkochung nicht mehr von Gallustinctur gefällt wurde; hiezu war ein tagelanges Kochen nöthig, die gelbe Seide war dabei etwas heller, beide Seiden zarter geworden. Man troknete die Seide und fand, daß beide Sorten über 25 Proc. an das Wasser abgegeben hatten. Die wässerigen Auszüge dampfte man zur völligen Trokniß ab, und zog die zurükbleibende, brökliche, luftbeständige, bei beiden Sorten grüne Masse mit Alkohol aus. Beim Erkalten der alkoholischen Tincturen schieden sich durchscheinende und farblose Floken aus, welche beim Abrauchen sehr an Umfang verloren und eine teigige Masse bildeten, welche sich als Wachsstoff verhielt. Das wässerige Seidenextract konnte, nach Ausziehung des Wachsstoffs, mittelst heißen Wassers in zwei Theile geschieden werden, einen in kochendem Wasser löslichen, Gallerte, und einen in kochendem Wasser unlöslich gewordenen Eiweißstoff. – Die durch Wasser erschöpfte Seide wurde nun mit absolutem Alkohol ausgekocht, wobei sich die gelbe Sorte fast ganz entfärbte; bei Abrauchung der Tincturen schieden sich in verschiedenen Zeiträumen Floken von Wachsstoff aus, gleichzeitig aber in der Tinctur von der gelben Seide gelbe Häutchen. Durch Abrauchen der vom ausgeschiedenen Wachsstoff getrennten Flüssigkeit erhält man einen klebrigen, in Streifen am Boden des Gefäßes klebenden, bei der gelben Seide schön gelb gefärbten Rükstand, welcher bei der weißen Seide nur aus Fettstoff und Harz, bei der gelben außerdem aus einem rothen Farbstoffe bestand. Man trennte diese Bestandtheile durch Kalilauge, welche in der Kälte den Fettstoff aufnahm, darauf im Kochen das Harz löste und den Farbstoff zurükließ. Aus der durch Alkohol ebenfalls erschöpften Seide zog nun Aether noch etwas Fettstoff und Harz aus. Die gelbe und weiße Seide waren sich nun völlig gleich geworden. Man kochte sie nun wiederholt mit concentrirter Essigsäure, welche noch viel Eiweißstoff auszog, aber den Seidenfaserstoff ungelöst zurükließ. – Durch Destillation der weißen und der gelben Seide mit vierfach verdünnter Schwefelsäure |120| wurde ein saures Destillat erhalten, in welchem die dem Gewichte nach nicht näher bestimmte Seidensäure enthalten war. – Der Faserstoff läßt beim Verbrennen 0,6 Proc. einer aus Bittererde, Natron, Kalk, Eisenoxyd, Kohlensäure, Schwefelsäure, Salzsäure und Phosphorsäure bestehenden röthlichen Asche zurük; der Eiweißstoff enthält 3 Proc., die Gallerte 3,6 Proc. fixe Bestandtheile.

Eigenschaften der einzelnen Stoffe. Die Kenntniß der hauptsächlichsten Eigenschaften der oben gefundenen Bestandtheile der Seide ist für ihre technische Behandlung wichtig, daher wir sie nicht übergehen können.

Der Seidenfaserstoff, welcher die Hauptgrundlage der Seide bildet, sieht ganz wie die Seide selbst aus, ist aber zarter, biegsamer, dagegen auch minder haltbar, seine Fädchen splittern beim Durchbrechen in viele einzelne Theile; er ist schwerer als Wasser; beim Verbrennen verhält er sich als stikstoffhaltige Substanz; auf einem glühenden Eisen erweicht er sich, bläht sich auf, brennt mit hellblauer Flamme unter Geruch nach verbranntem Horn und hinterläßt viel Kohle. In Wasser, Alkohol, Aether, fetten und ätherischen Oehlen und in Essigsäure ist er unlöslich. In concentrirter Schwefelsäure löst er sich bei gewöhnlicher Temperatur zu einer hellbraunen diklichen, beim Erhizen roth, später unter Entwiklung schwefliger Säure braun und schwarz werdenden Flüssigkeit, welche durch Wasser nicht, aber durch Galläpfelaufguß reichlich gefällt wird. Auch in concentrirter Salzsäure und in concentrirter Salpetersäure löst er sich; durch Kochen mit lezterer wird er zu Oxalsäure. Schwache Kalilauge verändert ihn nicht, starke löst ihn auf, doch wird er durch Wasser und verdünnte Schwefelsäure wieder gefällt. Mit trokenem Aezkali erhizt, gibt er ebenfalls Oxalsäure. In kohlensaurem Kali und in Aezammoniak ist er unlöslich. Von dem Faserstoff des Bluts (dem eigentlich sogenannten thierischen Faserstoff) ist er schon dadurch verschieden, daß er ganz troken seyn kann, ohne zusammenzuschrumpfen und spröde zu werden, daß er sich in Wasser nicht aufweichen läßt und durch langes Kochen in Wasser durchaus nicht hart und spröde wird. Gegen concentrirte Säuren und Alkalien verhält er sich ebenfalls anders. Sein Gehalt an Salzen beträgt etwa das Doppelte wie im Faserstoff des Bluts.

Die Gallerte ist spröde, geruch- und geschmaklos, gelblich, durchscheinend, luftbeständig, schwerer als Wasser, schwillt beim Erhizen auf, verbrennt mit Flamme und hinterläßt eine voluminöse Kohle, welche bis auf etwas weiße, vorzüglich kohlensaures Natron enthaltende Asche verbrennt. In Wasser ist die Seidengallerte zu einer klebrigen, an der Luft sich schnell unter ammoniakalischem Geruche |121| zersezenden Flüssigkeit löslich, in Alkohol, Aether und Oehlen unlöslich. Von concentrirter Salpetersäure, Salzsäure und Schwefelsäure wird sie bei gewöhnlicher Temperatur ohne Farbenveränderung gelöst; verdünnte Schwefelsäure erzeugt im Kochen Zuker, welcher sich durch Sättigen der Flüssigkeit mit Kreide, Filtriren, Abrauchen und Ausziehen des Rükstands mit Alkohol leicht erhalten läßt; concentrirte Salpetersäure liefert beim Erwärmen damit Stikstoffoxydgas und Oxalsäure. In concentrirter Essigsäure bildet die Gallerte eine Lösung, welche beim Abrauchen diklich, dann durch Wasser nicht, aber durch Blutlaugensalz schön grün, in Wasser löslich, gefällt wird. So wie die Gallerte sich in Säuren löst und aus diesen Lösungen durch Alkalien gefällt wird, so löst sie sich auch in äzenden und basisch kohlensauren Alkalien und wird durch Säuren aus diesen Auflösungen niedergeschlagen. – Dieser Stoff, welcher in Verbindung mit dem Eiweißstoff dasjenige ausmacht, was man sonst das Gummi der Seide nannte, ist theils durch den wahrscheinlichen Stikstoffgehalt, theils dadurch, daß er mit Salpetersäure keine Schleimsäure, sondern Oxalsäure liefert, daß seine Lösung von Borax, salzsaurem und schwefelsaurem Eisenoxyd nicht gefällt wird, hinreichend vom Gummi verschieden, dagegen ist er in fast allen Stüken dem thierischen Leim oder der thierischen Gallerte ähnlich und nur in folgenden davon verschieden: er ist schon gebildet vorhanden und wird nicht erst durch die Siedhize gebildet; seine Lösung wird von Sublimatlösung nicht getrübt, aber von Chlorgold und essigsaurem Blei gefällt.

Der Eiweißstoff, früher mit dem vorigen Stoffe zusammen, da er mit ihm zugleich durch Wasser ausgezogen wird, als Gummi angesehen, ist im völlig trokenen Zustande bröklich, schwerer als Wasser, verbrennt unter gleichen Erscheinungen mit Hinterlassung gleicher Asche wie der Faserstoff, gibt bei trokener Destillation viel kohlensaures Ammoniak und brenzliches Oehl. Im trokenen Zustande wird er selbst von concentrirter Schwefelsäure nur bei Erhizung geschwärzt, im feuchten schon bei gewöhnlicher Temperatur gelöst; verdünnte Schwefelsäure löst ihn gar nicht, concentrirte Salpetersäure beim Erwärmen, in feuchtem Zustande auch bei gewöhnlicher Temperatur, und verwandelt ihn in Oxalsäure; Salzsäure löst ihn nur in der Wärme, oder wenn er feucht ist. In concentrirter Essigsäure löst er sich zu einer fettig anzufühlenden Flüssigkeit, welche mit Blutlaugensalz einen schön grünen, in Wasser löslichen Niederschlag gibt. In äzenden Alkalien löst er sich und wird durch Säuren gefällt. Das Verhalten der essigsauren Lösung gegen Blutlaugensalz ist so ausgezeichnet, daß man es zur Entdekung des Eiweißstoffes in sehr |122| kleinen Mengen brauchen kann. Das oben angegebene Verhalten der Gallerte beweist z.B., daß dieselbe noch nicht ganz frei von Eiweißstoff ist. – So wie der geronnene Eiweißstoff des Blutes in allen Eigenschaften dem Faserstoff des Blutes gleichkommt, so ist auch dieser Eiweißstoff der Seide dem Seidenfaserstoff ganz ähnlich, nur durch die Löslichkeit in Essigsäure verschieden; in so fern also der Seidenfaserstoff vom Faserstoff des Bluts verschieden ist, ist es auch der Seideneiweißstoff vom geronnenen Eiweißstoff der Eier und des Bluts. Das Verhalten der essigsauren Lösung gegen Blutlaugensalz zeigt auch der Faserstoff und Eiweißstoff des Bluts. Der Verfasser schreibt die Unlöslichkeit des Seidenfaserstoffs in Essigsäure dem Gehalt an Salzen zu und glaubt, daß sich, wenn diese nicht vorhanden wären, die ganze Seide in Essigsäure auflösen würde. Von dem gewöhnlichen Eiweiß ist das Seideneiweiß noch durch die Abwesenheit freien Schwefels verschieden.

Der Wachsstoff der Seide kommt vollkommen mit dem Cerin des Bienenwachses überein.

Der Farbstoff der gelben Seide ist im reinen Zustande roth; durch concentrirtes Aezkali wird er dunkler; in Wasser ist er nicht, aber in Alkohol, Aether, fetten und ätherischen Oehlen löslich. Durch Chlor und schweflige Säure wird er hellgelb, fast farblos.

Fettstoff und Harz bieten nichts Besonderes dar.

Die Seidensäure, welche sich in dem mit Schwefelsäure erhaltenen Destillate der Seide vorfindet, ist eine eigenthümliche flüchtige Säure, welche für den Techniker durchaus nicht in Betracht kommt und welche wir daher hier übergehen können, um so mehr, da sie noch lange nicht genug untersucht ist.

In Bezug auf die Bildung der Seide scheint sich aus dieser Untersuchung das interessante Resultat zu ergeben, daß der ganze Proceß nicht sowohl, wie man sonst glaubte, mit dem Fädenziehen aus einem gummösen, klebrigen Safte, sondern vielmehr mit der Bildung des Blutkuchens beim Gerinnen des Blutes die größte Aehnlichkeit hat. So wie nämlich das Blut, welches innerhalb des Körpers aus einer Flüssigkeit besteht, die man als Eiweiß- und Fettlösung ansehen kann, in welcher der Faserstoff in Form von Kügelchen herumschwimmt, den Körper verläßt, so zieht sich der Faserstoff zu einer Masse zusammen; aus den Kügelchen werden Fasern, die aber nothwendig, als aus Kügelchen zusammengesezt, die cylindrische Gestalt annehmen; der Eiweißstoff gerinnt, und Fett und Farbstoff hüllen die so gebildete feste Masse ein, welche durch ihre Zusammenziehung die wässerigen Theile von selbst auspreßt. Aehnlich scheint es sich mit dem Seidenstoff zu verhalten, welcher, ehe er aus der |123| Oeffnung im Körper der Raupe, wo die beiden Seidenstoffbehälter zusammenstoßen, als doppelter Faden hervortritt, ebenfalls mehr flüssig, aber der Gallerte wegen zäher als das Blut ist, wodurch erst das Fädenspinnen möglich wird. Hat der Faden einmal den Körper verlassen, so findet schnell jene Gerinnung Statt, es entsteht statt der früheren zähen und bleibend dehnbaren Masse ein fester, elastischer, nicht mehr bleibend ausdehnbarer Faden von Fasterstoff und geronnenem Eiweiß, eingehüllt von Gallerte, den fettigen und harzigen Stoffen und dem Farbstoffe; das Wasser wird an die Oberfläche gepreßt und dadurch die Verdunstung und völlige Austroknung des Fadens beschleunigt. – Der Seidenfaden, wie er von der Raupe gesponnen wird, ist nicht einfach, sondern doppelt; zwei cylindrische Fäden sind an einander geklebt, selten so lose, daß die cylindrische Form eines jeden deutlich erhalten ist, meist mehr oder minder fest, so daß eine Abplattung und mehr elliptische Form des Doppelfadens entsteht.

Beleuchtung der fabrikmäßigen Zubereitung der Seide.

Wird rohe Seide verwebt, so entsteht ein weniger glänzender harter Zeug. Diese Harte ist bei manchen Seidenstoffen, z.B. den Gazen, erwünscht. Will man jedoch den Stoff geschmeidig haben oder färben, so muß die Seide zuvor ihres im Wasser löslichen Ueberzuges entledigt werden. Denn was die Färbung betrifft, so haften einerseits die Farbestoffe besser auf der ihres Ueberzuges entblößten Seide, andererseits aber würde beim Eintauchen der Seide in heißes Wasser, und selbst bei langem Liegen derselben in lauem oder kaltem Wasser der Ueberzug, und somit ein beträchtlicher Theil des Farbestoffs verloren gehen.

Durch die Zubereitung der Seide, wobei man sie von ihrer äußeren Hülle befreit, bezwekt man bei der einen Sorte noch außerdem die Entfärbung des gelben Pigments. Dieses ist zwar zum Theil in Wasser oder wässerigen Flüssigkeiten auflöslich, oder wenigstens zertheilbar, zum größeren Theil bleibt es aber in dem Seidenstoffe zurük, welcher an die wässerige Flüssigkeit nicht Alles abgeben kann.

Es gibt zwei Zubereitungen, denen man rohe Seide unterwirft, nämlich die Auskochung und die Schwefelung.

Auskochung. Die Chinesen scheinen die Kunst die Seide geschmeidig zu machen und von ihrer natürlichen Hülle zu befreien, sehr gut zu verstehen; wenigstens ist die chinesische Seide außerordentlich zart, aber in demselben Grade dünn und fein, weil sie bei der Zubereitung viel an Gewicht verliert. Baumé und Giobert haben |124| sich viel Mühe gegeben, um europäischer Seide ein eben so gutes Aussehen, wie das der chinesischen ist, zu verschaffen.

Baumé bleicht und verarbeitet die gehaspelte Seide unmittelbar, weil sonst die aneinander klebenden Fäden sich verwirren und alsdann nicht gut gereinigt werden können. Es ist ein Fehler der deutschen Seide, daß sie vor der Verarbeitung zu wenig präparirt worden, und dieß ist ein Grund, warum es unmöglich ist, diese Seidengewebe so zur Färbung vorzubereiten, daß sie den chinesischen gleich werden.

Baumé räth daher, die abgehaspelte Seide zuvor in Wasser zu weichen, damit die durch die Gallerte (Seidenleim) verklebten Fäden sich von einander lösen, was ohne Behandlung mit Wasser unmöglich ist. Ungehaspelte Seide klebt fest auf einander, und man muß beim Haspeln einige Kraft anwenden, um von dem verklebten Knäuel die einzelnen Fäden zu trennen. Beim Spinnen ist eine befeuchtete Hand hinreichend, um mehrere feine Fäden zu einem diken so fest zu vereinigen, daß man mit Mühe erkennen kann, wie vieldrähtig dieser ist. Wird nämlich der Seidenleim, welcher den Faden umgibt, ein wenig angefeuchtet, so erweicht er, und verbindet die feinen Fäden so zu einem Ganzen, als wären sie mit Leim bestrichen gewesen.

Die rohe Seide wird also in Wasser geweicht und die feinen Fäden von einander gesondert, d.h. es wird die dünne Gallertlage, welche die Fäden verklebt, im Wasser aufgelöst.

In diesem kalten Wasser ist, wie wir oben nachgewiesen haben, ein Theil der Gallerte und des Farbstoffs aufgenommen. Hinsichtlich der Zeit, während welcher man die Seide maceriren läßt, bedarf es keiner großen Vorsicht, indem sie selbst bei der Sommerhize keine schädliche Veränderung durch das Liegen im Wasser erleidet und äußerst lange der Fäulniß widersteht. Die Ursache davon ist die große Härte des feinen Gewebes, und besonders der Ueberzug von Wachs, Fett und Harz, welcher die Seide vor aller Einwirkung von Außen schüzt, und gegen Fäulniß im Wasser, wie in der feuchten Atmosphäre beständig macht. Rohe Seide widersteht also der Fäulniß wegen ihrer Hülle von Wachs, Harz und Fett, zubereitete Seide wegen ihrer Zusammensezung aus bloßem Faserstoff und geronnenem Eiweißstoff.

Nachdem Baumé die Seide aus diesem Wasser genommen, brachte er z.B. 6 Pfund derselben in ein irdenes Gefäß, in welchem 48 Pfund Alkohol von 0,840 spec. Gew., mit 12 Unzen reiner Salzsäure versezt, sich befanden, und ließ sie hier 24 bis 36 Stunden, oder überhaupt so lange liegen, bis das schöne Grün der Flüssigkeit sich in die Farbe verwelkter Blätter verwandelt hatte. Hierauf wurde |125| sie sorgfältig mit Wasser ausgewaschen, bis alle Säure entfernt war, alsdann aus einander gehängt und getroknet. Durch dieses Verfahren entsteht ein Verlust von einem Achtel der Seide. Die Flüssigkeit ist nicht unbrauchbar, sondern man kann, nachdem man sie mit Kalk gesättigt, von dem dadurch entstehenden Chlorcalcium den Alkohol abdestilliren.

Die chemischen Vorgänge bei dieser Bearbeitung ergeben sich aus obiger Analyse. Die Seide wird nämlich von ihrer, in Salzsäure auflöslichen Gallerte befreit, behält aber den Eiweißstoff zurük, und verliert den Wachsstoff, das Fett, Harz und den Farbstoff.

Wäre nun diese Behandlung nicht zu theuer, so würde sie sich zur Anwendung sehr eignen, indem auf diese Art die Seide vollkommen der chinesischen gleich wird. Außerdem bleibt der Faserstoff mit allem Eiweißstoff verbunden zurük, daher der Gewichtsverlust viel geringer ist, als bei der unten anzugebenden Zubereitung nach Roard's Methode.

Giobert's Zubereitungsart ist folgende: Er weicht die Seide in lauem Wasser, drükt sie aus und bringt sie unmittelbar in eine schwache wässerige Chlorauflösung. Nachdem sie hier zwei Stunden gelegen ist, wird sie in eine wässerige Auflösung von schwefligsaurem Gas gebracht. Dieß Verfahren wiederholt er abwechselnd, bis die gelbe Seide völlig weiß geworden ist. Der Gewichtsverlust dabei ist unmerklich, weil nur der Farbstoff abgeht. Allein eben darum ist diese Methode nicht zu empfehlen, weil die Seide gerade das verlieren muß, was sie im rohen Zustande zur Färbung untauglich macht. Daher auch die nach Giobert's Methode gereinigte Seide wegen ihres Gehaltes an Gallerte und Wachsstoff viel weniger Glanz hat, als die nach Baumé bearbeitete, welche aus reinem mit Eiweißstoff überzogenem Faserstoff besteht.

Es gibt eine Art die Seide zu bearbeiten, welche man Degummation nennt.24) Diese findet ihre Anwendung, wenn man die Seide von ihrer Sprödigkeit und Steifheit befreit wünscht, ohne die gelbe Farbe zerstören zu wollen. Zu diesem Zwek kocht man dieselbe einige (etwa 7 bis 8) Stunden in Wasser, wodurch sie fähig wird Beizen und alsdann Farbstoffe aufzunehmen und zu halten. Zugleich wird bei diesem Verfahren die Gallerte aufgelöst und ein Theil des Eiweißstoffes im Wasser zertheilt, wie man aus oben mitgetheilter |126| Analyse ersieht. Es muß hiebei indessen die Quantität des Wassers bestimmt werden, sonst weiß man nicht, wie viel Eiweißstoff sich im Wasser zertheilt, indem von dem lezteren die Dike und Resistenz des Fadens abhängt. Da wir oben in der Analyse gesehen haben, daß selbst nach mehrtägigem Kochen der Seide mit Wasser sich noch Gallerte und Eiweißstoff abscheidet, so wird nach achtstündigem Kochen gewiß ein großer Theil derselben zurükbleiben, zumal Eiweißstoff, da die Gallerte sich früher auflöst. Nur reines (Regen- oder destillirtes) Wasser ist dazu brauchbar; denn Brunnenwasser macht durch seine Kalksalze die Gallerte hart, und zieht sie daher nicht aus.

Mit dieser Degummation hat sich Roard vorzüglich beschäftigt. Sie wird bewerkstelligt durch Kochen der Seide in Seifenlauge. Obgleich man dabei in dem Verhältniß der Seife zum Wasser sehr willkürlich verfährt, so ist es doch nach Roard's Versuchen von der größten Wichtigkeit, das richtige Maaß zu treffen.

Die Auskochung mit Seife entspricht einem mehrfachen Zweke. Man löst, wie man aus obigen Versuchen schon entnehmen kann, den Farbstoff, das Fett, das Harz, den Wachsstoff, die Gallerte und einen beträchtlichen Theil des Eiweißstoffes auf. Eine gewisse Quantität Eiweißstoff muß jedoch in Verbindung mit dem Faserstoff zurükbleiben, weil davon der Glanz und die Steifigkeit des Stoffes abhängt. Sezt man aber das Kochen mit Seife zu lange fort, so wird die Seide wieder rauh, und verliert zugleich an Stärke, indem man ihr alsdann zu viel Eiweißstoff entzieht. Kocht man sie nicht lange genug, oder in zu schwacher Seifenlauge, so bleibt noch Wachsstoff, besonders aber Farbstoff, Harz und Fett, vielleicht auch Gallerte darin zurük. Es ist daher sehr wichtig, sowohl die Zeit des Kochens als die gehörige Stärke der Seifenlauge genau zu kennen, um die Seide nicht bloß, wie man sagt zu degummiren, sondern im Sinne Baumés, für die Färbung vollkommen tauglich zu machen. Roard's Methode erfordert indessen noch eine Schwefelung, die für die Baumé'sche überflüssig ist, weil hier Farbstoff, Wachsstoff, Fett und Harz durch den in seiner Wirkung von der Salzsäure unterstüzten Alkohol bereits ausgezogen sind.

Roard's Methode besteht in Folgendem: Man kocht die Seide, weiße wie gelbe, eine Stunde lang mit 15 Theilen Wasser und so viel Seife, als man braucht, um jener die gewünschte Farbe zu geben; denn je mehr Seife man anwendet, desto weißer wird die Seide. Roard räth für rohe weiße Seide 1/12, bis 1/6 vom Gewicht der Seide, für rohe gelbe 50 bis 60 Proc. Seife auf 15 Theile Wasser zu nehmen. Die Auskochung geschieht in einem zinnernen Gefäß unter stetem Umrühren und Ersezen des verdunsteten Wassers.

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Einige halten die Seide in einem Seifenbade, und zwar 100 Pfund Seide auf 30 Pfund Seife in einer Temperatur von 75° R. so lange, bis sie ihre Farbe beinahe verloren hat; alsdann nehmen sie dieselbe heraus, binden sie je zu 25 Pfund in leinene Säke, und lassen sie in einem neuen Seifenbade, welches aus 15 bis 20 Pfund Seife auf 100 Pfund Seide besteht, zwei Stunden kochen. Roard hat jedoch gezeigt, daß dieß zu lang und zu stark, und daß selbst jenes Einweichen in einer Temperatur von 75° R. überflüssig ist.

Das Appretiren geschieht durch Seifenbäder, worin Farbstoffe aufgelöst sind. Für den chinesischen Appret nimmt man eine starke, schäumende Seifenlauge, in welcher ein wenig feines Orleans, und läßt die bereits in Seife ausgekochte Seide hierin einige Zeit verweilen. Azur und Silberweiß erhält man, wenn einem solchen Seifenbad etwas Indigo zugesezt wird.

Das Schwefeln der rohen Seide dient dazu, den Farbstoff zu verdeken; bei schon (etwa nach Roard) zubereiteter Seide, um den noch übrigen Farbstoff zu entfernen. Durch die Schwefelung verschwindet indeß der Farbstoff nur momentan; denn sobald die schweflige Säure verflüchtigt ist, kommt er wieder zum Vorschein.

Die Seide kann troken oder feucht geschwefelt werden. Im ersten Falle wird sie in einem Zimmer aus einander gehängt, in welches man schwefligsaures Gas einströmen läßt. Da die Seide, um sie für lezteres empfänglich zu machen, vorher mit 2 Proc. Potaschenlauge befeuchtet worden ist, so bildet sich nun schwefligsaures Kali, welches, mit dem Farbstoff in Berührung gekommen, das Pigment entfärbt. Hat man die Entfärbung dadurch zu Stande gebracht, daß man bloß unter der aufgehängten Seide bei geschlossenem Zimmer Schwefel verbrannte, so muß die Seide, zur Entfernung des schwefligsauren Kalis, In Wasser oder schwacher Seifenlauge ausgewaschen werden. Der Farbstoff bleibt dann, wenn auch unbemerkt, mit der Seide verbunden.

Besser ist es, die Seide, nachdem man sie vorher mit 1/200 Kalilauge befeuchtet, in mit schwefligsaurem Gase gesättigtes Wasser zu tauchen, und darin so lange verweilen zu lassen, bis sie weiß geworden ist. Zu diesem Behufe leitet man die Dämpfe von Schwefelsäure und Stroh, von Schwefelsäure und Holzkohle, oder von mit Schwefelsäure erhiztem Schwefel in Wasser, welches auf diese Weise mit schwefligsaurem Gase gesättigt wird. Die nun weiß gewordene Seide wird endlich, zur Entfernung des schwefligsauren Kalis mit Wasser ausgespült, und die Schwefelung ist somit beendigt.

Warme Beize verträgt die Seide nicht, weil, wenn man sie in heißes Wasser oder heiße Alaunauflösung bringt, der Eiweißstoff |128| augenbliklich coagulirt und den Faserstoff wie mit einem festen Ueberzug umkleidet, so daß der Alaun diesen nicht zu erreichen vermag. Eben dadurch kann später der Farbstoff den Faden nicht gehörig durchdringen, und die sonst haltbarste Farbe muß also durch das Licht oder durch Waschen bald verschießen, da sie nur lose an der Oberfläche haftet. Drukt man aber die Seide mit einer kalten Alaun- oder essigsauren Thonerdeauflösung, oder taucht sie völlig hinein, so kann der Alaun den Faden gehörig durchdringen, und es wird bei dem Eintauchen der Seide in Farbstoff, z.B. in Färberröthe, das Alizarin sich mit der Alaunerde verbinden, und dadurch also auch mit dem Faserstoff vereinigt werden, wie dieß bei jeder anderen Färbung der Fall ist. Dieselbe Ursache, welche gallerthaltige oder rohe Seide für die Beize unzugänglich macht, benimmt die Möglichkeit der Färbung, sobald sie mit einer Schicht geronnenen Eiweißstoffes umkleidet ist.

Von dieser Abhandlung, welche der Verfasser in seinem Natuur en Scheikundig Archief (Jahrgang 1835) bekannt machte, wurde eine deutsche Uebersezung in Poggendorff's Annalen der Physik (1836 Nr. 4) mitgetheilt; wir geben den wissenschaftlichen Theil derselben hier im Auszuge (nach dem polytechnischen Centralblatt Nr. 45), den technischen aber vollständig. A. d. R.

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Man unterscheidet gewöhnlich die vorbereitende Bearbeitung, welcher man die Seide unterwirft, in Degummiren, Auskochen und Entfärben. Das erstere geschieht durch warme Digestion in Seife, das zweite durch Kochen der in leinenen Säken eingeschlossenen Seide in Seife; das lezte dagegen wird bewirkt, indem man die Seide in Seifenlauge, die entweder rein oder mit verschiedenen Substanzen gemengt ist, verweilen läßt.

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