Titel: Russische Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 63, Nr. LXIV./Miszelle 6 (S. 313–314)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj063/mi063004_6

Russische Eisenbahnen.

Während in Deutschland selbst die gesichertsten Eisenbahnentwürfe so langsam von der Stelle rüken, daß man oft ungewiß ist, ob sie nicht ganz eingeschlafen sind, ist es erfreulich zu sehen, wie Rußland alle Bedenklichkeiten und Zweifel rasch durch die That widerlegt und den Beweis liefert, daß dieses Beschleunigungsmittel der Circulation überall gleich günstige Resultate liefert, mögen die staatlichen und socialen Verhältnisse auch noch so verschieden seyn. Diese Lehre, die gleich lautet in New-York wie in St. Petersburg, in Nürnberg wie in Manchester und Brüssel, wird doch endlich auch in Deutschland allgemein verstanden und befolgt werden! Die neuesten Berichte der St. Petersöurger Blätter vom 21. Januar lauten: „Am 14., 15. und 16. Jan. fanden die früher angekündigten Dampfwagenfahrten auf der hiesigen Eisenbahn Statt. Am ersten Tage wurden alle drei Locomotive in Gang gesezt und vier Fahrten von Pawlowsk bis Kusmino, 7 Werst weit, und von da wieder zurük nach Pawlowsk gemacht. Bei jeder Fahrt wurden 15 Reise- oder Güterwagen abwechselnd durch einen Dampfwagen, der an der Spize der 15 Wagen stand, nach Kusmino und sodann durch den am anderen Ende des Zuges befindlichen Dampfwagen wieder nach Pawlowsk zurükgebracht. Die Temperatur war des Morgens 10° R. und stieg am Abend während der lezten Fahrt bis auf 18° R. Kälte. Bei der dritten Fahrt sprang der Reifen an dem einen Rade des Cockerill'schen Dampfwagens, allein da derselbe, so wie die zwei anderen Dampfwagen, auf 6 Rädern läuft, so hatte dieß keine weitere unangenehme Folge als einen Aufenthalt von etwa 15 Minuten, bis der Zug durch einen zweiten Dampfwagen von Hinten geschoben in Pawlowsk |314| ankam. Auf die Reisenden, etwa 120 an der Zahl, machte dieß Greigniß so wenig Eindruk, daß Niemand seinen Plaz verließ, und sich mit aller Ruhe durch die zweite Locomotive weiter befördern ließ, obgleich das Springen des Reifens erst bei dem Rondelle im Parke von Pawlowsk oder nur eine halbe Werst weit vom Ende der Bahn Statt hatte. Am Sonntage, den 15. Jan., wurde ein Zug von 23 Wagen zusammengesezt; die Mehrzahl derselben war mit Reisenden gefüllt; zwei in Verbindung gesezte Wagen mit 7 Faden langen Bauholzftämmen waren zugleich mit Sizen für ein Corps Musikanten versehen; ein Wagen war mit drei Pferden, ein anderer mit Schafen, ein dritter mit Kälbern und Schweinen, sämmtlich in ordentlichen Stallungen auf den Wagen befindlich, geladen; auf 8 anderen Wagen waren Schlitten, Droschken, Reisekaleschen, große viersizige Wagen und Fourgons sammt den Rädern aufgefahren und mit Striken befestigt. Die Zusammenstellung dieser Wagen und die Aufnahme so vieler Reisenden, welche sich auf den Stationspläzen in Zarskoje-Sselo zusammendrängten, verursachte eine Verspätung in der ersten Abfahrt; der heftige Wind, welcher sich inzwischen erhoben hatte und gerade von der Seite kam, bewirkte einen solchen Widerstand, daß zwei Locomotive nur langsam diesen Zug, der beinahe 100 Faden Länge hatte, nach Pawlowsk bringen konnten. Dort hatte inzwischen ein Publicum von mehreren tausend Menschen die Ankunft des Zuges mit großer Ungeduld erwartet, es wurden sonach zur Erleichterung der Fahrt die Wagen mit lebenden Thieren und ein Theil der Wagen mit den aufgesezten Reiseequipagen zurükgelassen, und mit den anderen Wagen fünf Fahrten nach Zarskoje-Sselo und eben so viele zurük gemacht. Das Petersburger Publicum, welches in etwa 1000 Schlitten nach Zarskoje-Sselo und Pawlowsk gekommen war, drängte sich so sehr zu den Pläzen, daß bei einer Fahrt 115 Personen, und darunter Herren und Damen von Stande, auf den Bauholzwagen Plaz nahmen. Die Handhabung der Ordnung bei diesem ungeheuren Gedränge wurde beinahe unmöglich; um so mehr mußte man sich freuen, daß auch nicht der geringste Unfall während der Fahrten eintrat. Das Publicum kehrte mit der vollen Ueberzeugung nach St. Petersburg zurük, daß die Bahn sich eines ungemein lebhaften Zuspruchs zu erfreuen haben werde, sobald dieselbe im nächsten Sommer vollendet seyn wird. Am Montage trat ein sehr heftiges Schneegestöber mit Sturmwind ein; allein ungeachtet dessen hatten sich wieder Passagiere in etwa 100 Schlitten in Pawlowsk und Zarskoje-Sselo eingefunden; der Sturm hatte den Schnee von dem ganzen Damme zwischen Zarskoje-Sselo und Pawlowsk rein abgefegt, und es wurde sechs Mal von Zarskoje-Sselo nach Pawlowsk und eben so oft von dort zurükgefahren. — „Die bisherigen Fahrten haben sonach gezeigt, daß Eisenbahnen, zwekmäßig angelegt, auch bei dem schlechtesten Wetter befahren werden können, indem bereits während Regen, Sturm und Schneegestöber und 18° R. Kälte gefahren worden ist“. Es ist bei den bisherigen Fahrten noch kein Mensch beschädigt worden; es ist an der Bahn selbst bisher noch keine Schiene entwendet worden; es hat sich die Solidität des ganzen Baues in der Art bewährt, daß seit dem 20. Septbr. die Bahn von Zeit zu Zeit befahren wurde und bisher nur die gewöhnliche Senkung, wie bei allen Erddämmen, eintrat; es hat sich endlich bei der Population der Städte Zarskoje-Sselo und Pawlowsk die volle Ueberzeugung von dem großen Nuzen ausgesprochen, welcher denselben durch die Ausführung der Eisenbahn zu Theil wird.

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