Titel: 4. Preis von 3000 Fr. auf wohlfeile Desinficirung der Urine und der Ablaufwasser der Schwindgruben.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 63, Nr. LXXIX./Miszelle 5 (S. 395–396)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj063/mi063005_5

4. Preis von 3000 Fr. auf wohlfeile Desinficirung der Urine und der Ablaufwasser der Schwindgruben.

Zahlreiche, mit vollkommenem Erfolge gekrönte Arbeiten und Unternehmungen lieferten die Beweise, daß sich die thierischen Ueberreste sowohl als die thierischen Excretionen mit Vortheil in der Landwirthschaft benüzen lassen, ohne daß sie vorher eine langsame Zersezung zu erleiden brauchen; ja es ist sogar hergestellt, daß man den größten Nuzeffect aus diesen stikstoffhaltigen Substanzen ziehen kann, wenn man deren Zersezung unter der Erde mit der Entwikelung der Pflanzen, die deren Producte zu assimiliren im Stande sind, in Verhältniß bringt. Die Resultate der von der Société royale et centrale d'agriculture ausgeschriebenen Preisaufgaben, zahlreiche im Großen angestellte Versuche, und die Erfahrung vieler gebildeter Landwirthe haben dieß als Wahrheit über alle Zweifel erhoben.

Die Anwendung der kohligen Substanzen zur Desinficirung des Menschenkothes in den Schwindgruben hat zur Genüge beurkundet, mit welchem Vortheile man dieses Verfahren befolgen kann, um die mit dem Räumen der Schwindgruben verbundenen Unannehmlichkeiten zu vermindern. Die zahlreichen Versuche, die man über die Desinficirung der festen Stoffe der Schwindgruben mittelst thierischer Kohle anstellte, und worüber die Saniläts-Commission in Paris einen so vortheilhaften Bericht erstattete; die günstigen Erfolge, welche leztere ungeachtet des Eigensinnes des Schlendrians und ungeachtet der vielen absichtlich in den Weg gestellten Hindernisse nachwies, deuten unwiderlegbar auf die Vortheile, die man zu erwarten hätte, wenn man mehr oder weniger analoge Mittel anwenden wollte, um eine der widerlichsten und dennoch so oft wiederkehrenden Arbeiten aus unseren Wohngebäuden zu verbannen.

Zu diesen unmittelbaren Unannehmlichkeiten gesellen sich aber auch noch andere, nicht minder bedeutende, welche aus der langsamen Zersezung erwachsen, der man die aus den Schwindgruben genommenen Stoffe überläßt, um sie in sogenanntes Düngpulver zu verwandeln, und bei der sich nicht nur ein unerträglicher Gestank verbreitet, sondern bei der zugleich auch noch Flüssigkeiten abgeschieden werden müssen, die eine große Menge äußerst verwesbarer organischer Stoffe enthalten. Durch Desinficirung der in den Schwindgruben enthaltenen festen Stoffe nach Entfernung der Flüssigkeiten würden sich die Nachtheile, die das Räumen mit sich bringt, wesentlich vermindern; und andererseits würde durch Verwandlung der abgeschiedenen Flüssigkeiten in nüzliche Producte demnach ein Theil der Frage gelöst werden, indem das Wegschaffen dieser Flüssigkeiten der Gesundheit unserer Wohnungen nachtheilig wird. Uebrigens muß bemerkt werden, daß das Wegschaffen der Flüssigkeiten keineswegs dieselben Erstikungsgefahren droht, wie dieß bei den festen Kothstoffen der Fall ist; und daß bereits eine sehr große Verbesserung dadurch erzielt wurde, daß man die in den Schwindgruben von den Flüssigkeiten gesonderten festen Stoffe desinficirte, und hiedurch die Erstikungsgefahren für die beim Räumen beschäftigten Individuen großen Theils beseitigte.

Die Aufgabe muß jedoch unter einem weiteren Gesichtspunkte aufgefaßt werden, und zwar um so mehr, als auf dem gegenwärtigen Standpunkte der Künste und Wissenschaften auch eine Lösung derselben erwartet werden darf. Die Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn die festen Substanzen in den Schwindgruben vollkommen von den Flüssigkeiten geschieden würden, sowohl die einen als die anderen mit sehr geringen Beschwerden weggeschafft werden könnten. Ein Architekt in Versailles, Namens Gourlier, schlug bereits vor 50 Jahren einen auf Realisirung dieser Absichten zielenden Bau vor. Auch die sogenannten beweglichen Schwindgruben geben ein Mittel zur Abscheidung der beiderlei Stoffe von einander |396| an die Hand: doch behalten die Flüssigkeiten wegen ihres großen Gehaltes an organischen Stoffen immer noch die Eigenschaft in Fäulniß überzugehen.

Die Erfindung von Schwindgruben, in denen die festen Substanzen vollkommen abgeschieden würden, und eine solche Desinficirung der Flüssigkeiten, daß man sie ohne Nachtheil auf die Straße fließen lassen könnte, wäre demnach sowohl in sanitätspolizeilicher Hinsicht, als auch der größeren Bequemlichkeit der Wohnungen wegen, einer der wichtigsten Dienste. Die festen, mit kohligen Producten vermengten Stoffe würden unmittelbar einen Dünger liefern, der den durch langsame Zersezung erzielten bei weitem überträfe, und der überdieß von allen den Unbequemlichkeiten des Düngpulvers frei wäre. Die Flüssigkeiten dagegen ließen sich gleichfalls desinficiren und der in ihnen enthaltenen organischen Stoffe entledigen, so daß nur mehr die auflöslichen Salze des Urines in ihnen enthalten wären.

Die Gesellschaft ertheilt hienach im Jahre 1837 einen Preis von 3000 Fr. für ein im Großen angewendetes Verfahren, wonach die Urine in den Schwindgruben von den festen Substanzen geschieden und auf wohlfeile Weise so vollkommen desinficirt werden könnten, daß man sie ohne Nachtheil auf die Straßen oder in die Gassen oder Canäle laufen lassen könnte.

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