Titel: Cochran's vielkammerige Schießgewehre.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 64, Nr. VIII. (S. 43–45)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj064/ar064008

VIII. Ueber die vielkammerigen, nicht schlagenden Schießgewehre des Hrn. John Webster Cochran aus New-Hampshire.

Im Auszuge aus dem American Railroad Journal und aus dem Mechanics' Magazine, No. 707.

Hr. John Webster Cochran, der Sohn eines Kaufmannes in Enfield im Staate New-Hampshire, machte in seinem achtzehnten Jahre eine neue, auf alle Arten von Schießgewehren, von der Flinte bis zur Kanone, anwendbare Erfindung. Nachdem er sich drei Jahre mit deren Vollendung beschäftigt hatte, begab er sich damit in den Jahren 1833 und 34 nach England und Frankreich, wo er sie vergeblich den dortigen Armeeministerien anbot. Auf die Einladung des türkischen Gesandten machte er vor diesem in Woolwich mehrere Versuche, welche so gut ausfielen, daß Hr. Cochran aufgefordert ward, sich nach Constantinopel zu begeben, wo er im Februar 1836 anlangte. Er ward dem Sultan vorgestellt, und diesem gefiel das Modell so gut, daß er den Erfinder beauftragte, einige Zwölfpfünder nach demselben zu gießen. Dieser schwierigen Aufgabe unterzog sich Cochran, obwohl er keinen Unterricht im Maschinenbaus genossen, und obwohl er wegen Mangels an einer entsprechenden Stükgießerei und an Mechanikern gezwungen war, selbst überall Hand anzulegen. Der Guß und das Bohren zweier einpfündiger Kanonen gelangen ihm, und dasselbe Glük verließ ihn auch nicht bei der Herstellung eines Zwölfpfünders, den er auf das Vollkommenste zu Stande |44| brachte. Mit diesem lezteren stellte er in Gegenwart der türkischen Großoffiziere Proben an, bei denen er 100 Schüsse in 15 Minuten machte, und die einen so günstigen Bericht veranlaßten, daß der Sultan selbst einer abermaligen Probe beizuwohnen wünschte. Bei lezterer, bei der gleichfalls 100 Schüsse in 15 Minuten fielen, erreichte der Lauf oder das Rohr eine Temperatur von 650° F., während der umlaufende Cylinder, der zur Aufnahme der Ladungen bestimmt ist, nur eine Temperatur von 250° F. annahm. Reich beschenkt von dem höchst befriedigten Sultan und beauftragt mehrere Kanonen nach demselben Principe zu liefern, kehrte Cochran in sein Vaterland zurük, wo er seine Erfindungen nun seinen Landsleuten im American Institute schauen läßt.

Die ausgestellten Gegenstände bestehen in einem Kanonenmodelle, ähnlich dem dem Sultan vorgelegten, und in einer Büchse, die er bereits 1200 Mal, und zwar 500 Mal rasch hinter einander abgefeuert hat, ohne daß irgend eine Ausdehnung der Kammern des Cylinders oder eine größere Erhizung derselben als bis auf 100° F. dabei Statt gefunden hätte. Der Cylinder dieser Büchse besteht aus einem massiven Stük Eisen, welches sich in der Fläche des Laufes umdreht, und welches mit der Basis des Laufes in inniger Berührung steht; er hat beiläufig 4 Zoll im Durchmesser und 7/8 Zoll in der Dike. Die 9 Kammern, die er hat, und die zum Behufe der Aufnahme der Ladungen offen sind, sind an ihrem Umfange durchlöchert, und convergiren gleich Radien gegen den Mittelpunkt hin. Die Kegel, auf die die Zündkapseln gestekt werden, bilden gleichfalls Radien, welche mit den eben erwähnten concentrisch sind; und sämmtliche Kapseln sind durch metallene Scheidewände von einander geschieden. Jeder der für die Zündkapseln bestimmten Kegel communicirt mit seiner Kammer, in deren Mittelpunkt er sich öffnet, so daß die ganze Pulverladung mit einem Mal entzündet wird. Die Folge hievon ist, daß das Pulver in der Hälfte jener Zeit explodirt, welche an den gewöhnlichen Büchsen hiezu nöthig ist; daß also eine größere Kraft entsteht, und daß mithin eine weit geringere Ladung erforderlich wird. Die für jede Kammer nöthige Ladung beträgt auch wirklich nur 1 1/2 Gran; indem, abgesehen von der eben angegebenen Ursache, auch noch dadurch bedeutend an Kraft gewonnen wird, daß die ganze Gewalt der Ladung bis zum Austritte der Kugel aus dem Laufe hinter derselben bleibt. In dem Augenblik, wo eine Kammer beim Umlaufen des Cylinders genau in die Linie des Laufes geräth, fällt der Hahn auf die Zündkapsel, wo dann augenbliklich die Entzündung erfolgt. Dabei werden die Kammern, so wie sie genau in die nöthige Stellung gelangt sind, durch einen sogenannten |45| Regulator (regulating dog), welcher da an dem Cylinder angebracht ist, wo dieser an die Schwanzschraube stößt, momentan in dieser Stellung erhalten; und zwar indem die Zapfen oder Stifte dieses Regulators in die kleinen Löcher einfallen, die in gleichen Entfernungen von einander zu deren Aufnahme ausgebohrt sind. Der Hahn kann nicht eher auf die Zündkapsel schlagen, als bis sich diese genau in der erforderlichen Stellung befindet; denn wenn die Kammer nicht genau an ihrer gehörigen Stelle ist, so bietet die Scheide, in welche der Hammer des Hahnes fällt, demselben nur die metallenen, zwischen den Kegeln befindlichen Theile dar, so daß, indem der Hammer auf diese fällt, keine Entzündung erfolgen kann. Die Explosion oder Entzündung jener Kammern, die nicht mit dem Laufe zusammenfallen, ist unmöglich; und wenn sich auch ja eine solche ereignen könnte, so ist die Richtung dieser Kammern eine solche, daß nicht wohl ein Unglük aus der Entzündung erwachsen kann. Die Entzündung und Explosion kann sich unmöglich von der mit dem Büchsenlaufe zusammenfallenden Kammer auf die benachbarten Kammern fortpflanzen, indem die Kammern luftdicht an den Lauf passen.

Bei einer Ladung von 1 1/2 Gran Pulver sind Kugeln nöthig, wovon 50 auf das Pfund gehen. Die Triebkraft ist hiebei so groß, daß die Kugeln in einer Entfernung von 60 Fuß durch 8 zolldike Bretter geschlagen werden. Die für die neue Art von Büchse bestimmten Kugeln haben einen Durchmesser, welcher ganz genau der Kammer entspricht, dagegen aber den Durchmesser des Laufes um so viel übertrifft, als die Tiefe der spiralförmigen Furchen der sogenannten gezogenen Läufe beträgt. Es ist daher keine solche Pflasterung der Kugeln nöthig, wie an den gewöhnlichen Büchsen; denn die Kugel wird so in den Lauf getrieben, daß sie genau in denselben paßt, und eine cylindrische Gestalt und Furchen bekommt, welche den Spiralen des Laufes entsprechen. Hieraus folgt, daß die Kugel fest in ihrer Bahn erhalten wird, und eine so ruhige und sichere Bewegung bekommt, wie dieß nicht leicht mit einer anderen Art von Büchse der Fall ist. Die Pflasterung der Kugel nüzt sich nämlich auf dem Laufe durch die Büchse ab, wodurch nothwendig eine Unregelmäßigkeit in der Bewegung der Kugel entstehen muß. Als Beweis für die Genauigkeit, womit die Büchse des Hrn. Cochran schießt, mag angeführt werden, daß ihr Erfinder auf einer Bärenjagd zum großen Erstaunen seiner Jagdfreunde dem auf ihn zukommenden ergrimmten Thiere nicht weniger als 9 Kugeln hintereinander in den Kopf jagte.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: