Titel: Ueber Curtis akustische Geräthe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 64, Nr. XXIII. (S. 120–123)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj064/ar064023

XXIII. Ueber einige akustische Geräthe von der Erfindung des Hrn. John Harrison Curtis Esq., Ohrenarztes Sr. Maj. des Königs von Großbritannien.

Aus dem Mechanics' Magazine, No. 701, S. 274.

Mit Abbildungen auf Tab. II.

Was das Teleskop für das Auge ist, müssen die akustischen oder Hörröhren einst noch für das Ohr werden; und wahrscheinlich ist die Zeit nicht mehr fern, in der man sich auf mehrere Meilen eben so gut durch das Gehör verständigen kann, wie dieß gegenwärtig mit Hülfe des Teleskopes durch das Auge möglich ist. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat Hr. Curtis, einer der erfahrensten Männer in den Ohrenkrankheiten, einen sogenannten akustischen Lehnstuhl erfunden, worüber wir aus der neuesten Ausgabe des von diesem Künstler verfaßten Werkes Folgendes entlehnen.19)

„Mein akustischer Stuhl ist für den Gebrauch der unheilbar Schwerhörigen bestimmt. Es ist mir nicht unbekannt, daß Duguet, der Erfinder mehrerer Hörrohre, schon im Jahre 1706 einen einiger Maßen ähnlichen Stuhl baute; allein meiner hat vor jenem den sehr großen Vorzug voraus, daß die in demselben sizende Person nicht mit der Seite hört, von welcher sie angesprochen wird, sondern mit der entgegengesezten. Man vermeidet daher auf diese Weise das Unangenehme und Nachtheilige, welches daraus erwächst, daß sich der Sprechende dem Schwerhörigen so weit annähert, daß er ihm in das Ohr athmet, und dadurch eine noch größere Erschlaffung des Trommelfelles veranlaßt.20) Dieser leztere Erfolg ergibt sich auch |121| gewöhnlich bei der Anwendung der kurzen elastischen Hörröhren und der Hörtrompeten, welche leztere eben so oft angewendet werden um durch sie zu sprechen, als zu ihrem ursprünglichen Zweke. Viele Personen sind, nachdem sie sich der Trompete auch nur eine halbe Stunde lang bedient, in Folge der Einwirkung des Athems auf das Trommelfell beinahe ganz taub.

„Mein Stuhl ist so gebaut, daß das mit aller Bequemlichkeit in ihm sizende Individuum mit aller Genauigkeit hört, was in irgend einem der Gemächer, von denen aus die Hörröhren an den Stuhl geführt sind, vorgeht. Er beruht auf einer verbesserten Anwendung der Principien der gegenwärtig allgemein gebräuchlichen Sprachrohre; und ist um so schäzenswerther, als dessen Benuzung mit keiner Mühe verbunden ist, und überhaupt so einfach von Statten geht, daß sich ein Kind desselben eben so leicht bedienen kann, wie ein Erwachsener. Abgesehen hievon bildet er auch ein eben so bequemes als elegantes Möbel.

„Er hat die Größe eines Lehnstuhles, an dessen hohem Rüken zwei Schallröhren angebracht sind. An dem Ende einer jeden dieser Röhren befindet sich eine durchlöcherte Platte, die den von irgend einem Theile des Gemaches herbei gelangenden Schall in ein paraboloidisches Gefäß zusammendrängt. Der Schall wird auf diese Weise gesammelt und dadurch, daß er mit einer geringen Menge Luft verbunden wird, eindringender gemacht. Das convexe Ende des Gefäßes wirft den Schall zurük und macht ihn deutlicher, und die in der Röhre befindliche, durch den Schall aufgeregte Luft pflanzt ihre Wirkung auf das Ohr fort, welches auf diese Weise sowohl durch die articulirten Töne der Stimme, als auch durch jeden anderen Schall lebhafter afficirt wird.

„Mit Hülfe einer hinlänglichen Anzahl von Röhren kann man es dahin bringen, daß man in dem Stuhle sizend überall her, z.B. von dem Hause der Lords und der Gemeinen her in dem Pallaste von St. James und selbst im Pallaste von Windsor Nachricht erhalten kann. So sonderbar dieß auch klingen mag, so ist es nichts Neues, sondern ein abermaliger Beleg für Salomons Spruch, daß es unter der Sonne nichts Neues gibt. Itard erzählt nämlich in seinem vortrefflichen Werke über das Ohr, daß Aristoteles für seinen Zögling Alexander den Großen eine Schalltrompete erfand, mit der er auf 100 Stadien Entfernung (etwas mehr als 12 Meilen) seine Befehle ertheilen konnte. Schon dem Alcmeon und Hippokrates schreibt man übrigens die Erfindung der Hörtrompeten zu.“

So weit Hr. Curtis, der, wie man sagt, mit den Lords des Schazes über eine akustische Verbindung zwischen den Localen der |122| verschiedenen Verwaltungs- und Militärbureaux unterhandeln soll. Wir reihen hier noch Einiges von dem an, was Dick in seinem Werk über diesen Gegenstand bemerkt.

Biot stellte einige Versuche über die Mittheilung des Schalles durch feste Körper und durch die Luft an. Er wendete, um zu erfahren bis auf welche Entfernung die Töne hörbar wären, cylindrische, zu Wasserleitungen bestimmte Röhren von 1039 Yards Länge an, und stellte sich an das eine Ende derselben, während sein Freund Martin sich an das entgegengesezte Ende begab. Beide hörten in dieser Entfernung ganz deutlich jedes Wort, welches sie sprachen, und konnten also eine förmliche Unterredung mit einander führen. Ich wollte erforschen, sagt Biot, in welcher Entfernung die menschliche Stimme hörbar zu werden aufhört; allein es gelang mir nicht; Worte, die nur gelispelt wurden, wurden vollkommen deutlich gehört, so daß, um nicht gehört zu werden, nichts übrig blieb, als gar nichts zu sprechen. Die zwischen einer Frage und Antwort verlaufende Zeit war nicht größer, als es die Uebertragung des Schalles erheischte, und betrug in der angegebenen Entfernung von 1039 Yards gegen 5 1/2 Secunden. Pistolenschüsse, welche an dem einen Röhrenende abgefeuert wurden, erzeugten an dem anderen Ende eine bedeutende Explosion, und die Luft ward mit solcher Gewalt bei der Röhre ausgetrieben, daß leichte Substanzen einen halben Yard weit weggeschleudert und eine Kerzenstamme ausgeblasen wurde, obschon der Schuß in der bedeutenden Entfernung von 1039 Yards abgefeuert worden war. Don Gautier, der Erfinder des Telegraphen, gab auch eine Methode articulirte Töne weiter fortzupflanzen, an. Er schlug vor, sich horizontaler Röhren zu bedienen, die an dem entfernteren Ende weiter werden müßten, und hatte gefunden, daß man das Schlagen einer Uhr auf diese Weise in einer Entfernung von einer halben englischen Meile weit besser hören kann, als wenn man die Uhr dicht an das Ohr hält. Er berechnete, daß man mit Hülfe solcher Röhren jede Botschaft innerhalb einer Zeitstunde 900 engl. Meilen weit mittheilen könnte.

„Aus diesen Versuchen erscheint es als wahrscheinlich, daß sich der Schall auf eine unbestimmte Entfernung fortpflanzt. Denn, wenn man in einer Entfernung von beinahe 3/4 engl. Meile lispelnd mit Jemandem verständlich sprechen kann, so kann man mit Grund annehmen, daß man sich auch auf 30 bis 40 engl. Meilen verständlich machen kann, wenn für die hiezu erforderlichen Röhren gesorgt ist. Wenn dieß ein Mal durch zahlreichere und in größerem Maaßstabe unternommene Versuche hergestellt seyn wird, so werden aus der praktischen Benuzung ihrer Resultate mancherlei wichtige Folgen |123| erwachsen. Man wird z.B. von einer Stadt zur anderen und über ein ganzes Land mit größter Schnelligkeit und Leichtigkeit und zu jeder Zeit communiciren können, um sich alle wichtigeren Ereignisse mitzutheilen. Private werden schnell Nachricht von allenfallsigen Erkrankungen u. dergl. Nachricht geben. Ein in seiner Studierstube sizender Prediger wird im Stande seyn, sich nicht nur an seine Gemeinde zu wenden, sondern er wird auch an mehreren entfernten Orten nach einander das Wort Gottes predigen können; und es wird der Andacht gewiß nur Vorschub leisten, wenn man das Evangelium vernimmt, ohne die physische Gestalt des Predigers zu sehen.“

In der in Fig. 40 gegebenen Zeichnung des akustischen Stuhles ist A die akustische Röhre; B der akustische Conductor; C die Röhre, welche zum Ohre führt, und D die Röhre oder der Tunnel, in welchem der Schall herbeigeleitet wird. Wollte man diesen Stuhl auch benuzen, um von demselben aus in große Entfernungen zu sprechen, so müßte auch noch ein zweiter Conductor und ein Mundstük angebracht werden, in welches man hinein spricht.

Fig. 41 zeigt die von Hrn. Curtis erfundene Hörtrompete, welche ein parabolisches Conoid bildet, und die sich wie ein Zugfernrohr in Taschenformat bringen läßt.

Neuerlich erfand Hr. Curtis ein Instrument, dem er den Namen Keraphonit beilegte, und welches an dem Kopfe eines Schwerhörigen befestigt mehr leisten soll, als irgend eine andere der bisher zu diesem Zwek erfundenen Vorrichtungen.

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Das Werk des Hrn. Curtis, auf welches hier Bezug genommen ist, erschien unter dem Titel: A Treatise on the Physiology and Pathology of the Ear. By John Harrison Curtis Esq., Aurist of his Majesty. 6te Edit. 8. London 1836, by Longman and Comp.

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Es sind viele Fälle aufgezählt, in welchen aus der Sitte Schwerhörigen in die Ohren hinein zu sprechen, höchst nachteilige und traurige Folgen erwuchsen, besonders wenn der Athem des Sprechenden unrein war. So erzählt uns z.B. Lord Herbert, daß Cardinal Wolsey in der späteren Zeit seines Lebens seinem Monarchen, Heinrich dem VIII. von England, beständig in die Ohren zu flüstern pflegte, und daß die Uebel, an denen dieser Monarch litt, nicht mit Unrecht diesem schädlichen Einflusse zugeschrieben wurden. Nicht minder bekannt ist, daß viele katholische Geistliche durch die Ohrenbeichte Schaden genommen haben.

A. d. O.

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