Titel: Zur Geschichte des Strumpfwirkerstuhles.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 64, Nr. XC./Miszelle 5 (S. 464–465)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj064/mi064090_5

Zur Geschichte des Strumpfwirkerstuhles.

Wir entnehmen aus Dr. Ure's neuestem Werke über die Baumwollwaaren-Fabrikation in England folgende interessante Notiz über die Geschichte des Strumpswirkerstuhles. „In der Strumpfwirkerhalle in London, Red Croß Street, ist das |465| Porträt eines Mannes aufgehängt, welcher auf einen eisernen Strumpfwirkerstuhl deutet, und dabei mit einem Weihe spricht, welches mit Nadeln strikt. Dieses Gemälde tragt folgende Inschrift: „Im Jahre 1589 erfand der talentvolle William Lee, A. M. vom St. Johns College in Cambridge diesen vortheilhaften Strikapparat, welcher zu Hause verachtet nach Frankreich kam, und der, obschon er für den Erfinder nur aus Eisen bestand, für uns und andere zu Gold wurde. Zum Andenken an ihn wurde dieses Gemälde gefertigt.“ Die Kunst Strümpfe mit Drähten, die mit den Händen bewegt wurden, zu striken wurde nur 28 Jahre vor der Erfindung der Strikmaschine aus Spanien nach England verpflanzt. Nach einer Sage wurde Lee von der Universität vertrieben, weil er sich den Statuten derselben entgegen verheirathete. Da er mit seinem Weibe nach seiner Vertreibung nichts zu leben hatte, so mußte er sich mit Strumpfstriken fortbringen, wo er dann von Roth gezwungen und um seine Produktion zu vermehren den Strumpfwirkerstuhl erfand. Wahrscheinlicher lautet jedoch eine andere Sage, welche zu Woodborough bei Nottingham, dem Geburtsorts Lee's geht. Nach dieser wäre seine Erfindung ein Kind der Liebe und der verweigerten Gegenliebe. Der junge Lee soll sich nämlich in eine schöne Strikerin verliebt haben, die das durch, daß sie mehrere Mädchen mit Strikerei beschäftigte, reich geworden war. Der junge Schüler machte sich durch eifriges Studium der gewandten Bewegungen der Hände seiner Geliebten nicht nur die Strikerkunst eigen, sondern kam auch bald auf die Idee künstlicher Finger, womit mehrere Maschen auf ein Mal gestrikt werden sollten. Sey es nun, daß dieß die Eifersucht seiner Geliebten erregte, oder daß seine männlichen Reize durch die weibliche Beschäftigung in ihren Augen verlor, so ist so viel gewiß, daß seine Bewerbungen mit Spott abgewiesen wurden. Rache trieb ihn nun an auf Realisirung seiner Idee zu sinnen; Tage und Nächte widmete er dem Studium und dem Baue seiner Maschine, und in Kürze brachte er sie auch wirklich beinahe so vollkommen zu Stande, wie er sie seinen Nachkommen hinterließ. Nachdem er die Anwendung dieser Maschine seinem Bruder und seinen übrigen Verwandten gezeigt hatte, stellte er dieselbe in Cleverton bei Nottingham auf, um als furchtbarer Rival der weiblichen Hand, arbeit aufzutreten, und um seiner ehemaligen Geliebten zu zeigen, daß die Liebe eines Mannes von Talent sich nicht ungestraft verachten läßt. Nach fünfjähriger Arbeit mit seinem Stuhle erkannte er die nationale Wichtigkeit, die derselbe erlangen könnte, er brachte ihn daher nach London, um daselbst bei Hofe Unterstüzung und Aufmunterung zu finden. Die Zeit war ihm jedoch nicht günstig; Elisabeth war am Ende ihrer Laufbahn, und ihr Nachfolger war zu sehr in politische Intriguen verwikelt, als daß er sich mit einem beginnenden Industriezweige hätte abgeben können. Ja man sagt sogar, daß, obschon Lee in des Königs Gegenwart ein Paar Strümpfe auf seinem Stuhle wirkte, dieser die Maschine dennoch als eine gefährliche Neuerung ansah, die die Armen eher um Arbeit und Brod bringen müßte, als daß sie zur Vermehrung der Hülfsquellen der Industrie und zur vortheilhaften Beschäftigung vieler Tausende führen könnte. Die Aufmunterung, welche der schwachsinnige Pedant Jakob dem englischen Erfindungsgeiste versagte, ward von Heinrich dem IV. und seinem weisen Minister Sully gewahrt; denn Lee wurde eingeladen mit seinen Maschinen nach Frankreich zu kommen. Er fixirte sich mit diesen zu Rouen, und trug dadurch nicht wenig zur Gründung der Industrie bei, die nunmehr im Departement der unteren Seine einen so hohen Aufschwung erlangte. Nach Heinrichs Ermordung ward Lee aber von den Eingebornen, deren Talente er verdunkelte, neidisch angesehen und als Kezer verbannt, so daß er gezwungen war in Paris einen Schlupfwinkel gegen die Verfolgungen einer blutdürstigen Bigotterie zu suchen. Hier endete er seine Tage in geheimem Kummer und in Sorge. Einige seiner Arbeiter entkamen jedoch nach England, wo sie unter der Anleitung Aston's, eines gewandten Lehrling's Lee's, den Strumpfwirkerstuhl neuerdings einführten und verbesserten, und dadurch ihrem Vaterlande eine Erfindung wiedergaben, die ihm beinahe verloren gegangen wäre. Der erste Stuhl ward im Jahre 1640 in Leicestershire errichtet, und von daher datirt sich die Strumpfwirkerei, die in den Grafschaften Nottingham und Derby eine so außerordentliche Ausdehnung erlangt hat.“

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