Titel: Boussingault, über Einfluß der Witterung auf den Weinbau.
Autor: Boussingault,
Fundstelle: 1837, Band 65, Nr. LV. (S. 225–230)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj065/ar065055

LV. Ueber den Einfluß der Witterung auf den Weinbau. Von Hrn. Boussingault.35)

Aus den Annales de Chimie et de Physique. Februar 1837, S. 174.

Es gibt wenige Kulturen, auf welche der Witterungseinfluß so groß ist, wie auf den Weinbau; und wenn schon die am günstigsten gelegenen Weingarten selten mehrere Jahre nach einander gleich gute Weine liefern, so sind die Producte an den Gränzen der zum Weinbaue geeigneten Klimate noch schwankender. Dieser Einfluß bedingt daher eine für die Landwirthschaft höchst wichtige meteorologische Frage, zu deren Lösung einerseits zahlreiche meteorologische Beobachtungen und andererseits positive Angaben über die Producte eines und desselben gut kultivirten Weingartens nöthig sind. Ich bediente mich, um zu den Resultaten, die ich hier vorlege, zu gelangen, in erster Hinsicht der Beobachtungen des Hrn. Prof. Herrenschneider; und in lezterer der Daten, welcher mir der meiner Familie angehörige Schmalzberg lieferte.

Die Weinpflanzung am Schmalzberge ist gut gelegen; ihre Kultur wird sehr sorgfältig betrieben, und die Weinbereitung geschieht immer nach einem und demselben Verfahren. Ich habe die Bestimmung des Gehaltes der verschiedenen, in den lezten Jahren gekelterten Weine an absolutem Alkohol auf eine solche Genauigkeit getrieben, daß ich angeben kann, wie viel eine bestimmte Bodenfläche jährlich an Alkohol lieferte. Ich werde meine Arbeiten fortsezen; allein schon dermalen dürften sie den Landwirth und Meteorologen interessiren und zu ähnlichen Beobachtungen an anderen Orten auffordern.

Meine Weinpflanzung ist gegen Norden und Osten durch einen Wald geschüzt und bildet einen südlichen Abhang, dessen kultivirter Theil nicht mehr als 146,47 Aren beträgt. Der Boden ist thonigkalkig, |226| ziemlich loker, und enthält Thon, rothen eisenschüssigen Sand und sehr kleine Kalkgeschiebe. Er enthält 8530 Stöke, worunter von französischen Reben rother Pineau, rother Noirin, rother Morillon, weißer Sauvignon; von rheinischen Reben weißer Raßlinger, goldener Raßlinger, Traminer und Roulander, und endlich etwas Tokayer.

Die Pflanzung ward im Jahre 1818 angelegt, wobei der Boden 0,7 Meter tief umgestürzt und jedem Stoke 39 Kubikdecimeter Raum gegeben wurde. Man wählte anfangs Reben aus der Gegend von Perpignan, die zwar üppig wuchsen, aber nie ihre Trauben zur Reife brachten, so daß man gezwungen war, sie im Jahre 1822 durch die angedeuteten Sorten zu ersezen. Die Kultur wird an Geländern von 1,3 Meter Höhe vorgenommen; vielleicht wäre eine geringere Höhe, wie man ihnen z.B. in einigen Gegenden der Pfalz gibt, vorzuziehen gewesen; denn man hat überall die Bemerkung gemacht, daß die Trauben um so schneller reifen, je näher sie sich am Boden befinden. Der Schnitt wird im März und April, wenn man sich vor Frösten sicher hält, vorgenommen; im Julius werden die Ranken befestigt, im August begätet, und nach Formirung der Traube ausgebrochen. Die Lese fällt gewöhnlich im Oktober; dabei wird an Ort und Stelle gekeltert und die zertretenen Trauben bringt man in die Hütten, um sie nach begonnener Gährung zu pressen. Das Mark wird in großen Behältern gegen den Zutritt der Luft verwahrt, und den Winter über destillirt.

Vom Jahre 1825 an gab die Weinpflanzung am Schmalzberge folgenden Ertrag.

Jahrgang 1825 11 Hectoliter.
1826 32
1827 0 Der Frost zerstörte Alles.
1828 25
1829 9
1830 0 Gänzliches Mißrathen.
1831 24,5
1832 33,5
1833 49,75
1834 66
1835 100
1836 87

Zur Bestimmung des Weingeistgehaltes schlug ich folgendes Verfahren ein. Ich destillirte 280 Kubikcentimeter Wein, und wenn 1/3 hievon übergegangen war, und er eine Temperatur von 15° C. erlangt hatte, so senkte ich Gay-Lussac's Alkoholmesser ein. Indem ich dann die von dem Instrumente angegebene Zahl mit 3 theilte, erhielt ich das Volumen absoluten Alkohols, welches in dem dem Versuche unterworfenen Weine enthalten war.

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Ich habe die vom Jahre 1833 bis zum Jahre 1836 gekelterten Weine untersucht und mit den Witterungsbeobachtungen verglichen, und kam dabei zu folgenden Resultaten.

Jahr 1833. Ungünstige Lese eines sehr schlechten Weines. 280 Kubikcentimeter gaben bei der Destillation 93,33 Kubikcentim., welche am Alkoholmesser 15° andeuteten. Der absolute Alkohol betrug daher dem Volumen nach 0,05. Am Schmalzberge beginnt der Rebstok am 1. April zu vegetiren; die Lese begann am 26. Oktober. Die meteorologischen Beobachtungen zeigten:

Textabbildung Bd. 65, S. 227

Mithin betrug die ganze Kultur 208 Tage; die mittlere Temperatur während derselben 14,7°; die mittlere Temperatur des Sommers 17,3°; die mittlere Temperatur des Anfanges des Herbstes 11,4°. Der mittlere hydrometrische Zustand der Luft während der Kultur betrug 76°; während der Kultur fielen 45,9 Kubikcentim. Regen; vor der Blüthe, welche auf das Ende Mai fiel, 11,2 Kubikcent.; am Anfange des Herbstes 12,8 Kubikcent.

Jahr 1834. Die Lese begann am 29. September, und gab einen vortrefflichen Wein. 280 Kubikcent. gaben bei der Destillation 93,33 Kubikcent., welche am Alkoholmesser 33,7° zeigten. Der absolute Alkohol war daher dem Volumen nach = 0,112.

Textabbildung Bd. 65, S. 227

Die Dauer der Kultur betrug also 181 Tage; die mittlere Temperatur während derselben 17,3°; jene des Sommers 20,3°; jene des Herbstanfanges 17,0°. Der mittlere hygrometrische Zustand während der Kultur war 73,5; während derselben fielen 35,2 Kubikcent. Regen; vor der Blüthe 4,2, am Anfange des Herbstes 2,8 Kubikcent.

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Jahr 1835. Die am 10. Oktober begonnene Lese gab reichlichen Wein von ziemlich guter Qualität. 280 Kubikcent. der Destillation unterworfen lieferten 93,33 Kubikcent., welche 24°,3 zeigten, wonach das Volumen des Alkohols = 0,081.

Textabbildung Bd. 65, S. 228

Dauer der Kultur 192 Tage; mittlere Temperatur während derselben 15,8°; während des Sommers 19,5°; während des Herbstanfanges 12,3°. Mittlerer hygrometrischer Zustand der Luft während der Kultur 72°. Gefallener Regen während der Kultur 24,5, vor der Blüthe 6,9; am Anfange des Herbstes 5,7 Kubikcent.

Jahr 1836. Die am 19. Oktober begonnene Lese gab reichlichen Wein von mittlerer Qualität. 280 Kubikcent. lieferten bei der Destillation 93,33 Kubikcent., welche am Alkoholmesser 21,3° zeigten. Der Alkohol war also = 0,071.

Textabbildung Bd. 65, S. 228

Dauer der Kultur 201 Tage; mittlere Temperatur während derselben 15,8, während des Sommers 21,5, während des Herbstanfanges 12,3. Mittlerer hygrometrischer Zustand der Luft während der Kultur 74°. Gefallener Regen während der Kultur 24,5, vor der Blüthe 8,4; am Anfange des Herbstes 10,4 Kubikcent.

Eine Zusammenstellung dieser Details liefert die am Schlüsse beigegebene Tabelle. Untersucht man hienach, welche meteorologischen Verhältnisse den meisten Einfluß auf die Qualität des Weines zeigten, so ergibt sich zuvörderst, daß die mittlere Temperatur während der ganzen Dauer der Kultur obenan steht; denn die mittlere Temperatur jenes Jahrganges, der den geistigsten Wein gab, betrug 17,0°C. |229| während sie im Jahre 1833, wo der Wein so mittelmäßig war, nur auf 14,7° stieg.

Ein heißer Sommer begünstigt die Vegetation der Rebe von Natur aus. Im Jahre 1833 stieg die mittlere Temperatur des Sommers nicht über 17 1/2°; während sie in den übrigen Jahren nicht sehr verschieden war, und sich meistens 20° annäherte. Dessen ungeachtet entspricht aber dem heißesten Sommer keineswegs der geistigste Wein; denn zum vollkommenen Reifen der Trauben muß auch noch der Anfang des Herbstes eine milde Temperatur haben. Es erhellt aus einem Blike auf die Tabelle, daß der September 1834 eine Temperatur von 17° C. hatte, während seine Temperatur im Jahre 1833 nur 11 1/2° C. betrug.

Was die Quantität des während der Kultur gefallenen Regens betrifft, so scheint diese auf die Qualität der Weine keinen merklichen Einfluß zu haben, wohl aber auf dessen Quantität: jedoch so, daß das trokenste Jahr mehr Wein gab, als das nässeste. Untersucht man den Einfluß der Vertheilung des Regens während der Kultur, so ergibt sich, daß in guten Jahren vor der Blüthe des Rebstokes weniger Regen fiel, als in schlechten oder mittelmäßigen; auch zeigt sich, daß jene Jahrgänge, in denen es in der der Lese zunächst liegenden Zeit am wenigsten regnete, die geistigsten Weine gaben.

Umgeht man von den vier hier abgehandelten Jahren den Jahrgang 1833, der ganz schlecht war, so kann man annehmen, daß die meteorologischen Umstände mehr auf die Qualität der Weine, als auf die Totalquantität des erzeugten Alkohols wirkten. So enthält der im Jahre 1836 gezogene Wein, obschon er dem im Jahre 1834 gekelterten an Güte weit nachsteht, doch eine stärkere Totalsumme Alkohols. Die in den Jahren 1834, 35 und 36 erzielten Quantitäten Weingeist sind beinahe gleich; sie betragen nämlich 5 bis 6 Hectoliter per Hectare.

Die während der Dauer der Weinkultur herrschende Temperatur hängt großen Theils von der Hize des Sommers ab. Im Elsaß muß, wenn das Jahr günstig seyn soll, die Temperatur des Sommers 2 oder 3° über seiner mittleren Temperatur, welche von Hrn. Herrenschneider auf 17,8° Cels. berechnet ist, betragen. Unter solchen Umständen kann daher der Weinbau nicht sehr vorteilhaft seyn; ja er müßte sogar als ganz ungeeignet betrachtet werden, wenn der Werth des Weines nicht in einem weit rascheren Verhältnisse stiege als dessen Qualität, so daß ein günstiger Jahrgang oft für mehrere ungünstige entschädigt.

Im Elsaß muß die mittlere Temperatur während der Dauer der Weinkultur über 16° C. betragen, wenn der Wein von erträglicher Qualität werden soll; im Jahre 1833, wo diese Temperatur nicht ein Mal 15°C. erreichte, war der Wein daher auch äußerst schlecht. Noch schlechtere Resultate sind in allen jenen Gegenden zu erwarten, wo die mittlere Temperatur nicht ein Mal diesen Grad erreicht. Dieß ist z.B. im Dept. de la Seine der Fall, wo ungeachtet die mittlere Temperatur des ganzen Jahres eine höhere ist, auf die Dauer der Weinkultur doch kaum eine mittlere Wärme von 14,5° kommt. Unter solchen Umständen ist es offenbar unmöglich, Weine von guter |230| Qualität zu erzielen; und selbst wenn die mittlere Temperatur in günstigen Jahren auf 15 oder 16° stiege, würde der daselbst gewonnene Wein doch immer noch kaum besser seyn, als jener, der am Rheine in den schlechtesten Jahrgängen wächst.

Textabbildung Bd. 65, S. 230

Dieser Artikel dient zur Ergänzung dessen, was wir in diesem Bande des Polyt. Journals S. 78 in einer Miszelle mittheilten. Wir kommen hierauf zurük, weil uns die Beobachtungen des Hrn. Boussingault, wenn sie auch nur an einem einzelnen Orte angestellt wurden, doch von großem Interesse für die Weinbergsbesizer, noch mehr aber für jene zu seyn scheinen, die neue Weingarten anzulegen gesonnen sind.

A. d. R.

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