Titel: Ist es vortheilhafter Dampf von hohem oder von niederem Druke anzuwenden?
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 66, Nr. XVII./Miszelle 2 (S. 73–74)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj066/mi066017_2

Ist es vortheilhafter Dampf von hohem oder von niederem Druke anzuwenden?

Man wendet den Dampf bekanntlich auf zweierlei Art an: mir niederem Druk, d.h. vom Druke der Atmosphäre, oder mit vier- bis fünf- und selbst dreißig Mal größerem Druk, was man mittleren und hohen Druk nennt. Wenn das Ventil des Dampfkessels mit einem Gewichte von fünfzehn Pfund auf den Quadratzoll belastet wird, so ist dieß das Gewicht der entsprechenden Luftsäule, was man in der Industrie eine Atmosphäre nennt, und wenn her Dampf das so |74| belastete Ventil zu lüpfen vermag, so hält er also einer Wassersäule von 32 Fuß oder einer Queksilbersäule von 28 Zoll das Gleichgewicht.

Viele Ingenieure und Fabrikanten sind der Meinung, daß es hauptsächlich in Hinsicht auf Brennmaterialverbrauch vortheilhafter sey, Dampf von hohem Druke anzuwenden; der englische Ingenieur Palmer hat aber am 23. Mai v. J. der Gesellschaft der Civilingenieure in London eine Abhandlung vorgelesen, worin er zu beweisen sucht, daß Dampf von hohem Druke nicht mit so großer Ersparniß angewandt werden kann, als Dampf vom Druke der Atmosphäre. Die tägliche Erfahrung lehrt, daß 12 Kubikfuß Wasser durch 84 Pfd. Steinkohlen in atmosphärischen Dampf verwandelt werden; wenn man diesen Dampf direct anwenden würde, so könnte er 44 Millionen Pfd. einen Fuß hoch heben; da aber hiezu immer eine Maschine erforderlich ist, durch deren Reibungen etc. Kraft verloren geht, so reducirt sich die gehobene Wassermenge auf 26 Millionen Pfd. Dieses ist nach Palmer das Maximum von Effekt, welchen die gegebene Menge atmosphärischen Dampfes hervorbringen kann.

Nun behauptet er, daß der Hochdrukdampf, welchen ein gleiches Gewicht desselben Brennmateriales erzeugt, keinen so großen Nuzeffect hervorbringen kann, als der atmosphärische Dampf; er stüzt sich dabei auf folgende Geseze: 1) die Summe des latenten und des freien Wärmestoffs im Dampfe ist eine constante Größe, wie groß auch immer der Druk seyn mag; 2) alle Substanzen und auch der Dampf absorbiren, wenn sie sich ausdehnen, Wärmestoff; 3) obwohl gleiche Quantitäten Wasser gleiche Quantitäten Brennmaterial erfordern, um sich in atmosphärischen Dampf zu verwandeln, so folgt doch nicht, daß aller im Hochdrukdampfe absorbirte Wärmestoff ausschließlich vom angewandten Brennmateriale geliefert ist; 4) daß der Dampf von doppelter oder dreifacher Spannung kein zwei oder drei Mal so großes Wasservolum enthält als ein gleiches Volum atmosphärischen Dampfes, sondern in dem Verhältnisse weniger Wasser, als der Druk des erzeugten Dampfes steigt. Diese Principien wurden in das größte Detail discutirt, und Hr. Palmer folgert, daß der Hochdrukdampf, welchen eine gegebene Menge Brennmaterial liefert, wenn man ihn expansiv wirken läßt, keinen so großen Nuzeffect hervorbringen kann, als der von derselben Menge Brennmaterial gelieferte atmosphärische Dampf, es müßte sich denn der Dampf ausdehnen können, ohne daß freier Wärmestoff latent wird, was aber unmöglich ist.

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