Titel: Anwendung der Heidelbeerpflanze zur Gerdung des Leders.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 66, Nr. XXIX./Miszelle 15 (S. 159–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj066/mi066029_15
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Anwendung der Heidelbeerpflanze zur Gerdung des Leders.

Der Lederfabrikant, Hr. Siebel in Münden, hat mit glüklichem Erfolge die Anwendung der Heidelbeerpflanze zum Gerben versucht. Drei mit diesem Materiale zubereitete Felle, nämlich ein braunes Kalbfell, ein schwarzes Kalbfell und ein braunes Ziegenfell, sind von der Direction des Gewerbevereins in Hannover zwei gründlichen Sachverständigen zur Begutachtung vorgelegt worden, welche ein sehr günstiges Urtheil darüber fällten. Nach einer von Hrn. Siebel gemachten Mittheilung verfuhr derselbe bei der Anwendung des Heidelbeerstrauches folgendermaßen.

Der in der Mitte des Maimonats völlig ausgewachsene Strauch wurde mit der Sichel abgeschnitten, möglichst gereinigt eingebracht, auf dem Boden getroknet, kurz zerhakt und auf der Lohstampfmühle zerstoßen Lezteres hatte einige Schwierigkeit, weil die bei Eichenlohe von selbst Statt findende Wendung der Masse im Stampftroge hier so lange von einem Arbeiter verrichtet werden mußte, bis durch allmählige Nachfüllung eine hinreichende Menge des Strauchwerks eingebracht war. Der gestampfte Strauch fühlte sich auffallend fettig an, und verursachte einen lakartigen Ueberzug an den Stampfeisen. Die geringe zu dem Versuche angewendete Menge des Heidelbeerstrauchs konnte nicht so fein zerstoßen werden, als dieß bei einer größeren Quantität zu erreichen seyn würde, weßhalb zur Extraction siedendes Regenwasser angewendet wurde. Nach 24ständiger Ausziehung wurden 10 Stük Kalbfelle und 5 Ziegenfelle nach dem Haaren geschabt, zum Einbringen in die Lohe zubereitet und mit 21 Pfd. gebrühtem Heidelbeerstrauch eingetrieben. Am dritten Tage darnach zeigten sich die Felle sehr matt, weßhalb sie am vierten Tage gleich ausgeschabt und zum zweiten Mal frisch mit einer gleichen Menge eingetrieben wurden. Nach Verlauf von 7 Tagen wurde ein Ziegenfell herausgenommen und getroknet; es fand sich zwar noch ungar, verhielt sich aber, noch etwas feucht und gezogen, eben so wie die in Alaun gegerbten Felle. Nun bekamen die noch übrigen eingeweichten Felle die dritte Lohe. Ein nach 8 Tagen herausgenommenes Kalbfell, welches eingeschmiert wurde, zeigte sich bis auf den Kopf ziemlich durchgegerbt, daher den übrigen eine vierte Lohe gegeben wurde. Es ist zu bemerken, daß die 3 lezteren Male, wie das erste Mal, mit siedendem Wasser eingebrüht wurde. Nachdem die Felle 8 Tage in der vierten Lohe gewesen waren, wurden sie ausgestrichen und auf Stangen zum Abtroknen aufgehängt. Diejenigen Kalbfelle, welche braun bleiben sollten, wurden auf beiden Seiten mit Talg und Thran eingeschmiert; die hingegen schwarz werden sollten, wurden nur auf der Fleischseite mit Talg und Thran, auf der Narbenseite bloß mit Bergerthran geschmiert, so wie auch hiemit die Ziegenfelle leicht auf beiden Seiten.

Die unvollkommene Zerkleinerung des Heidelbeerstrauchs bei diesem Versuche ist wahrscheinlich Ursache gewesen, daß derselbe nicht so ausgiebig sich gezeigt hat, als die vorhandenen Angaben ihn rühmen, wonach 3 1/2 Pfd. Heidelbeerstrauch an Gerbekraft 6 Pfd. Eichenloche gleich kommen sollen. (Mittheilungen des hannöver'schen Gewerbevereins.)

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