Titel: Ueber die Paris-St. Germain-Eisenbahn.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1837, Band 66, Nr. LXIX./Miszelle 5 (S. 314–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj066/mi066069_5

Ueber die Paris-St. Germain-Eisenbahn.

Das Mechanics' Magazine, welches bekanntlich zu den antifranzösischen Zeitschriften gehört, enthält in seiner Nr. 738 einen längeren Aufsaz über diese Bahn, welche Speculanten, Journalisten und auch Techniker schon so sehr beschäftigte. Wir entnehmen das Wesentlichste hieraus für unsere Leser. Bei dem ersten Tritte, sagt der englische Berichterstatter, welchen man in die am Pariser Ende der Bahn befindliche Station macht, wird man davon überrascht, wie der an Gepräng und Flitter hängende Nationalsinn selbst auf eine Unternehmung ausgedehnt |315| wurde, bei der es sich so sehr um große Lasten und um riesenhafte Stärke handelt. Wenn man sein Billet, auf welchem sich die Nummer des Plazes befindet, gelöst hat, wird man von einem Gendarme in einen prachtvollen, des Nachts herrlich erleuchteten Salon gewiesen. Dieser Salon, welcher die Form eines Halbmondes hat, ist durch ein Gitter in zwei Flügel getheilt, von denen der eine für die Passagiere, welche theurere Pläze nahmen, der andere für jene bestimmt ist, welche wohlfeiler zu fahren gedenken. Von jedem, dieser Flügel führt eine breite steinerne Treppe an die Seiten der Bahn herab. Die Wände dieses Wartsalons sind im Style Ludwigs XIV. gemalt und decorirt; die Hauptfelder enthalten sehr geistreiche Allegorien auf die Wissenschaften, die Industrie, den Handel und die Landwirthschaft. Auf kleineren Tafeln liest man die Namen von Newcomen, Savery, Watt, Washbrough, Trevethick etc.; in der Mitte aber jenen Papin's, wahrscheinlich weil nach einer neuen Entdekung des Hrn. Baron Dupin in diesem der Erfinder der Eisenbahnen und Locomotiven verehrt werden soll! Die Wartenden können sich auf eleganten, gut gepolsterten, mit scharlachrothem Damaste überzogenen Sizen niederlassen, und sich dadurch dafür schadlos halten, daß sie sich den Ankündigungen gemäß um eine Viertelstunde vor der Abfahrt an dem Rendezvous einzufinden und also mehr dann halb so lange zu warten haben, als die zum Zurüklegen der ganzen Fahrt erforderliche Zeit beträgt. Das Gebäude, dessen Inneres so eben beschrieben worden, ist über dem Anfange des ersten Tunnels, der sich an dem Bahnende befindet, und außerhalb welchem die Bahn nur noch eine kurze Streke bis zu einem ähnlichen Gebäude fortläuft, erbaut. Der zwischen beiden Gebäuden befindliche Raum bildet eine Art von Hafen, in welchem die Passagiere ein- und aussteigen, und wo auch die Wagen ab- und aufgeladen werden. Der Fußweg zu den Seiten der Bahnlinien ist hier so erhöht, daß er mit dem Boden der Wagen auf gleichem Niveau steht, und daß die Passagiere von ihm unmittelbar und ohne alles Risico in die Wagen treten können. Man will diese sehr zu empfehlende Einrichtung auch an der London-Birmingham-Eisenbahn in Anwendung bringen. Die Bahn beginnt dermalen im Norden von Paris auf der Place de l'Europe man will sie aber durch die Straße Trouchet bis in das Herz von Paris weiter führen. Ihre ganze Länge beträgt 18,430 Meter oder 11,160 engl. Meilen. In Paris befindet sie sich 40,55, in St. Germain 31,497 Meter über der Meeresfläche, wonach die Differenz in der Höhe beider Endpunkte 8,071 Meter beträgt. Die Bahn läuft in einem 264 Meter langen Tunnel unter der Place de l'Europe weg, und gelangt, nachdem sie einen zu beiden Seiten gemauerten Durchstich passirt hat, in einen zweiten Tunnel von 403 Meter Länge, welcher bis in das Dorf Batignolles führt. Von hier an läuft sie unter dem äußeren Boulevard fort, um auf Brüken über mehrere Straßen zu sezen; an einer dieser Brüken bei der rue Cardinet ist zur Aufnahme der Güter, welche auf der Eisenbahn nach Paris gebracht werden, ein Magazin von 250 Meter Länge auf 100 Meter Tiefe erbaut worden. Hinter Asniéres sezt die Bahn auf einer Brüte mit fünf Bogen von je 50 Meter zum ersten Mal über die Seine, worauf sie mit einem Radius von 2000 Meter eine Curve beschreibt. Bei der Insel Chiard werden die beiden Arme der Seine abermals auf Brüken, von denen die eine drei Bogen zu je 28 Meter hat, überschritten. Die ganze Bahnlänge zerfallt in drei gerade Streken und in drei Curven; leztere sind wagrecht, erstere haben ein Gefäll von einem Millimeter in jedem Meter. Die Ingenieurs berechneten, daß dieselbe Kraft, welche die Locomotive anwenden muß, um diese Steigung zu überwinden, bei der Fahrt von St. Germain nach Paris auch nöthig ist, um jede der Curven zu durchlaufen; während das auf der Fahrt von Paris nach St. Germain erzielte Bewegungsmoment zur Zurüklegung der Curven genügt. In der Nahe von Paris wurde durch besondere Umstände eine Curve von 900 bis 800 Meter nöthig, wodurch die Geschwindigkeit der Wagenzüge gegen das Ende ihres Laufes vermindert wird. – Das Material der Gesellschaft besteht aus 12 Locomotiven. welche zusammen 360 Pferdekräfte besizen; aus 5 geschlossenen Wagen mit Raum für 150, aus zwei offenen Wagen mit Raum für 80, aus 8 Diligencen mit Raum für 240, aus 20 furnirten Waggons mit Raum für 800, und aus 70 unfurnirten mit Raum für 2800 Personen. Im Ganzen können also 4070 Personen auf ein Mal Raum finden. Von Paris bis zu den Batignolles führen vier; von da bis Asniéres drei, und von hier bis St. Germain zwei doppelte Bahnlinien. Die Schienen wiegen 60 Pfund per Yard, während jene |316| an der Liverpool-Manchester-Bahn nur 30 Pfd. wiegen. Zwischen den Schienen ist 1 1/2 Meter, zwischen den Bahnen 1,80 Meter Raum gelassen, und zu beiden Seiten ist noch ein Raum von 1,45 Meter. Der Tunnel an den Batignolles besteht aus zwei Stollen von je 7,40 Met. Breite und 6 Met. Höhe) durch jeden dieser Stollen führen zwei Bahnen. Vor Errichtung der Bahn schlug man an, daß jährlich 400,000 oder täglich 4100 Personen zwischen Paris und St. Germain verkehren. Man rechnete, daß sich dieser Verkehr nach Errichtung der Bahn verzehnfachen würde; eine Vermuthung, die man nicht für übertrieben halten wird, wenn man bedenkt, daß an schönen Abenden und Sonntagen der Zudrang zu der Bahn beinahe eben so groß ist, wie in London an den Weihnachtstagen zu den Theatern. Bis jezt hat sich der Verkehr schon um das Sechsfache gesteigert; denn vom 26. August bis 24. September befuhren für 250,533 Fr. 205,735 Passagiere die Bahn, wonach also auf den Tag ihrer 6857 kamen. Täglich werden 10 Fahrten hin und her gemacht, wobei eine solche Anordnung getroffen ist, daß sich nicht mehr als immer nur ein Wagenzug auf der Bahn befindet. Eine Fahrt dauert 25 bis 30 Minuten, und das Fuhrlohn beträgt 1 bis 2 1/2 Fr. – Man kann mit Recht sagen, daß die Bahn zwischen Paris und St. Germain ihrer Kürze ungeachtet beinahe für Alles, was bei dem Baue einer Eisenbahn vorkam, wen kann, ein Beispiel liefert. Man findet an ihr zwei Tunnels, drei große Brüken über die Seine, fünfzehn Brüken über Straßen und Gassen, Durchstiche bis auf 17 Meter Tiefe, Dämme von 40 bis zu 20 Meter Höhe und selbst einen Bau durch einen Steinbruch hindurch! Wenn ein Mal von allen Seiten her Eisenbahnen in Paris einmünden werden, so werden sich die immer fühlbarer werdenden Schwierigkeiten der Versorgung einer großen Menschenmenge mit den nöthigen Erzeugnissen des Bodens größten Theils heben, und weit entfernt, daß hiedurch, wie viele fürchten, das Uebel der Centralisirung in Paris noch erhöht werden dürfte, wird man in den Eisenbahnen im Gegentheile eine Abhülfe dagegen finden.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: