Titel: [Poppe's technische Notizen.]
Autor: Poppe, Adolph
Fundstelle: 1838, Band 68, Nr. LXXIII. (S. 347–363)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj068/ar068073

LXXIII. Technische Notizen, auf einer Reise durch Belgien und Westphalen gesammelt von Dr. Adolph Poppe.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

A. Beschreibung einiger interessanter Maschinen auf der Saynerhütte bei Coblenz.

Das königl. Eisenhüttenwerk Saynerhütte liegt zwei Stunden von Coblenz in einem engen, überaus romantischen Thale. Aus einem Hohofen, zwei Kupolöfen und vier Flammöfen werden außer den gewöhnlichen Gußarbeiten, große Cylinder zu Gebläsen und Dampfmaschinen beliebigen Kabilers, Wasserradwellen, Kanonen, Gloken, alle Arten von Räderwerk u.s.w., so wie auch feine Galanteriewaaren gegossen. Die ganze Einrichtung dieses Werks, in welchem wöchentlich 700 Cntr. Eisen geschmolzen werden, ist großartig und wahrhaft königlich zu nennen. Die Schmelzhütte selbst, bis auf das Dach von Gußeisen, bietet durch ihre eigenthümliche beinahe gothische Bauart einen imposanten Anblik dar.

Der für das Maschinenwesen sich Interessirende findet hier mehrere bemerkenswerthe mechanische Apparate. Die günstige Lage des Etablissements in einem engen wasserreichen Thale macht die so kostspielige Anwendung von Dampfmaschinen zum Betriebe der Maschinerie entbehrlich. Es sind vier Wasserräder in Thätigkeit, wovon ein oberschlächtiges von 20 Fuß Höhe und 3 Fuß Breite die Gebläse, das zweite einen Hammer zum Zerklopfen des Kalksteines, das dritte ein Pochwerk mit 4 eisernen Stampfern, das vierte endlich mehrere Dreh- und Bohrwerke in Bewegung sezt.

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a) Beschreibung des Cylindergebläses.

Auf die von der Hütteninspection mir ertheilte Erlaubniß, die Maschinen, welche mich interessieren, nach meinem Belieben abzuzeichnen, war mein erstes Geschäft, das Cylindergebläse, dessen elegante, von der gewöhnlichen Construction abweichende Einrichtung mir besonders in die Augen fiel, so genau, als es die Kürze der zugemessenen Zeit gestattete, mit Hülfe des Maaßstabes aufzunehmen. Fig. 9 stellt diese Maschine in der Seitenansicht, Fig. 10 in der vorderen Ansicht dar. Das Gebläse besteht aus drei neben einander gestellten doppeltwirkenden Cylindern A, A, A, deren Kolben durch drei an einer starken eisernen Welle unter Winkeln von 120º von einander abstehende Krummzapfen in Thätigkeit gesezt werden. B, B, B, B ist das mit einem Schuzgeländer versehene gußeiserne Gerüst, worauf die Gebläsecylinder festgeschraubt sind. Diese sind bei einem inneren Durchmesser von 2 Fuß 3 Zoll für einen Hub von 4 Fuß eingerichtet und stoßen daher bei jedem Auf- oder Niedergang des Kolbens 15,8 Kubikfuß Luft aus. b, b, b sind die Kasten der oberen luftsaugenden Ventile, deren offene Seite ein feiner Flor bedekt, um den Staub abzuhalten. Die unteren Ventilkasten werden durch das Gestelle verdekt und sind deßwegen nicht leicht zugänglich; c und d sind die Röhren, welche oben und unten den Wind unmittelbar aus den Cylindern erhalten. Die Kolbenstangen treten durch die Stopfbüchsen e, e, e von Unten in die Cylinder. A und B, Fig. 12, zeigen die Stopfbüchsen in größerem Verhältniß.

Unter dem Maschinengestelle läuft zwischen vier soliden Lagern in 14 Fuß lothrechter Entfernung von den Gebläsecylindern die Krummzapfenwelle C, C. Sie erhält von dem oben erwähnten Wasserrad ihre Bewegung, indem ein am Wellbaume des lezteren sizendes gußeisernes Stirnrad von 10 Fuß Durchmesser und 88 Zähnen in das Rad a, a, welches bei 4 Fuß Durchmesser 36 Zähne besizt, eingreift. Die Anordnung der drei Krummzapfen, welche, wie schon bemerkt unter gleichen Winkeln von einander abstehen, ist aus der Zeichnung sichtbar; sie bewirken mittelst der 8 Fuß langen und 3 Zoll diken Lenkstange f, f die Kolbenbewegung in den Cylindern. Da bei der vorliegenden Construction die mit der Kurbelbewegung eintretenden todten Momente vermöge der Stellung der drei Kurbeln sich so weit compensiren, daß ein hinreichend gleichförmiger Luftstrom erfolgen kann, so hat man die Aufstellung eines Regulators für entbehrlich gefunden.

Weil der Kolbenhub 4 Fuß beträgt, so mußte man jedem Krummzapfen eine Länge von 2 Fuß geben. Der mittlere hat eine eigenthümliche Einrichtung, welche besondere Beachtung verdient. Die |349| beiden anderen gegenüberstehenden Theile g, g h, h, Fig. 10, dieses Krummzapfens weichen, wie Fig. 13 deutlicher zeigt, unter einem Winkel von etwa 30º von einander ab; g, g ist der eigentliche Kurbelarm, dessen Zapfen k von dem Ende der Lenkstange umfaßt wird. Der an die eine Hälfte der Krummzapfenwelle befestigte Arm h, h ist an die andere Hälfte der Welle durch das Verbindungsgelenk i gekuppelt, indem dieses mit dem einen Ende den Zapfen k, mit dem anderen Ende einen zweiten an dem Arm h, h befindlichen Zapfen umfaßt. Der Hauptzwek dieser Kupplungsmethode ist folgender. Weil man es für gut fand, die Hauptwelle C, C, Fig. 10, aus zwei Theilen bestehen zu lassen, so mußte auch dafür gesorgt werden, den Nachtheilen, welche aus der geringsten Verrükung einer Welle aus der gemeinschaftlichen Centralachse hervorgehen könnten, vorzubeugen. Diesen Zwek erreichte man durch das Verbindungsstük i, Fig. 13. Wenn sich nun auch eine der Wellen etwas senken oder seitwärts weichen sollte, so kann doch, so lange sie nur noch zu einander parallel sind, keine Torsion Statt finden, weil in diesem Fall das Zwischengelenk i sich nachgiebig bewegt.

Es erübrigt nun noch, die Einrichtung zu erklären, wodurch den Kolbenstangen die senkrecht auf- und niedersteigende Bewegung, welche für jedes doppeltwirkende Gebläse eine unerläßliche Bedingung ist, ertheilt wird. Die Art, wie dieser Zwek erreicht ist, erhellt aus Fig. 9 und 10 und der in größerem Maaßstabe gegebenen Darstellung Fig. 11. Die Kolbenstange ist nämlich mit ihrem unteren Ende in einen massiven Cylinder b, Fig. 11, geschraubt. Zu den Seiten dieses Cylinders sind zwei Frictionsräder a, a von einem Fuß Durchmesser angebracht, deren Peripherien rinnenartig einwärts gehöhlt sind. Die Frictionsräder laufen zwischen 4 Leitungen, wovon jedoch in den genannten Zeichnungen immer nur zwei sichtbar sind, indem die anderen zwei durch diese verdekt werden. Die Achse des Frictions-Räderpaares wird von der Kurbelstange f mittelst zweier Baken c, d umfaßt; sie ist au dieser Stelle beständig mit Oehl in Berührung, womit die kleinen oben bei d angebrachten Oehlbehälter gefüllt sind. Die Leitschienen sind wegen des unvermeidlichen Seitendrukes in der Mitte diker als an ihren Enden. Da die Maschine beständig im Gang war, so mußte der Verfasser auf die Hoffnung, einzelne interessante Details näher betrachten zu können, verzichten, und sich darauf beschränken, die gegebene Abbildung mit dem Maaßstabe aufzunehmen.

Der Gang des Gebläses ist sanft und geräuschlos; das etwas ungleichförmige Spiel mag in einem Fehler am Wasserrade seinen Grund haben, es kann aber auch von der bei drei Kurbeln wohl |350| noch zu unterscheidenden Veränderlichkeit des Widerstandes herkommen. Ich beobachtete 17 einfache oder 8 1/2 doppelte Hube in der Minute, wonach sich das von allen Cylindern in einer Minute gelieferte Luftquantum zu 805,8 Kubikfuß, mit 2 Pfd. Pressung auf den Quadratzoll, berechnet.

Neben dieser Maschine war seit kurzem noch ein einfaches Windfanggebläse, für die Flammöfen bestimmt, aufgestellt. In einem runden Gehäuse dreht sich eine Welle mit einer Anzahl krummer Schaufeln von Eisenblech so, daß die Convexität der lezteren gegen die Luft gestoßen wird. In der Mitte da, wo die Welle durchgeht, ist eine weite Oeffnung, durch welche die ausgetriebene Luft sich ersezt. Die Achsenbewegung wird mittelst eines endlosen Riemens durch dasselbe Wasserrad, welches das Cylindergebläse treibt, eingeleitet. Sollen beide Gebläse zugleich gehen, so läßt man mehr Aufschlagwasser auf das Rad. Die Flügelwelle liegt nicht vollkommen im Mittelpunkt des Gehäuses, sondern so, daß von einem Punkte des leztern aus, die Flügel sich immer mehr entfernen, und sich dann gegen die Ausgangsöffnung demselben nähern, wodurch die vermöge der Centrifugalkraft gegen den Umfang des Gehäuses getriebene Luft nothwendig eine gewisse Spannung erhalten muß.

b) Beschreibung der Maschine zum Zerkleinern des Kalksteins.

Besonders auffallender Art ist die Maschine, welche zum Zerkleinern des Kalksteines dient; sie befindet sich oben in der Nähe der Gicht. Ihrer Eigenthümlichkeit wegen habe ich auch diese Vorrichtung aufgenommen und in Fig. 14 dargestellt. Der 2 Fuß hohe 8 Zoll breite und gegen 4 Cntr. schwere Hammer A sizt am Ende eines 16 Fuß langen ungleicharmigen Hebebalkens, dessen Umdrehungszapfen zwischen einem eisernen, auf eine solide Weise an den Boden festgeschraubten Gestelle sich bewegt. Die Länge der Hebelarme A, B und B, C ist beziehlich 12 und 4 Fuß. Unter dem Hammer befindet sich eine starke eiserne mit quadratischen Oeffnungen gitterartig durchbrochene Platte a, b von 4 Fuß im Gevierte. An der von dem Hammer genossenen Stelle ist diese Platte unterstüzt und massiv ohne Oeffnungen. Auf diese Stelle legt ein Kind, während der Hammer in die Höhe geht, den Stein, welcher im folgenden Moment durch den niederfallenden Hammer in kleinere Stüke zerschlagen wird. Ein Theil der lezteren fällt durch die Löcher der Platte hindurch und sammelt sich unter derselben an; diejenigen Steine, welche noch zu groß sind, um durch das Gitter zu fallen, werden abermals unter den Hammer gelegt. Die Bewegung wird dem Hammer von dem 40 Fuß tiefer liegenden Wasserrade auf folgende Weise mitgetheilt.

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D, E, F ist ein starker 18 Fuß langer Balken, welcher, um die Achse F beweglich, mit seinem Ende D den Hebel B, C niederdrückt und das durch den Aufwerfhammer hebt. Er ist in seiner Mitte E mit der 40 Fuß langen Lenkstange verbunden, welche durch eine Bodenöffnung hindurch bis an das Wasserrad reicht, und durch einen Krummzapfen auf eine einfache Art in die hin- und herschiebende Bewegung gesezt wird, woraus die Oscillation des Balkens D, F hervorgeht. Es ist klar, daß der leztere beim Zurükgehen nicht gegen das Ende c des Hammers anstoßen darf, was aber wirklich der Fall seyn müßte, wenn der Zapfen F in einem unbeweglichen Lager sich drehen würde. Allein eine einfache und recht sinnreiche Anordnung verhindert dieses Begegnen der Balken A, C und D, F beim Aufgang des lezteren. Es ist nämlich noch ein um den fixen Punkt G bewegliches Zwischengelenk F, G angebracht, welches, im Verein mit dem schiefen Zug der Lenkstange den Endpunkt D nöthigt, während seiner Bewegung eine eigenthümliche ovale in der Zeichnung durch Punkte angedeutete Linie zu beschreiben. Auf dieser Bahn weicht der Punkt D bei seinem Steigen dem Endpunkt C des Hammers aus.

Der Hammer macht 12 Schläge in der Minute und 2 Knaben, welche abwechselnd Steine unterlegen, sind im Stande, auf diese Weise 300 Centner Steine in 8 Stunden zu zerklopfen. Gleich beim ersten Anblik fällt das gefährliche Geschäft der Kinder in die Augen, und die Maschine läßt daher schon in dieser Hinsicht manches zu wünschen übrig. In mechanischer Rüksicht bemerkt man, daß durch die Uebertragungsart der Bewegung ein bedeutender Kraftverlust Statt finden muß. Die Erschütterung durch den Rükstoß ist namentlich in den Punkten F und G sehr bedeutend und es läßt sich absehen, daß das Verbindungsstük F, G ziemlich oft erneuert werden muß. Wäre es bei der Anlegung dieser Vorrichtung nicht von besonderem Werthe gewesen, die Steine in der Nähe der Gicht zerkleinern zu lassen, so hätte sich derselbe Zwek durch ein einfaches, mit der Wasserradwelle in unmittelbarer Verbindung stehendes Quetschwerk mit gezahnten Walzen, wie solches z.B. in Wasseralfingen im Gang ist, ohne Zweifel weit besser erreichen lassen.

Noch erwähne ich eines Apparates, welcher im Inneren der Schmelzhütte angebracht ist, um die schweren gegossenen Waaren auf eine bequeme und leichte Weise aus dem Sande zu heben, und nach dem Haupteingang zu schassen. Es ist dieß nämlich eine schwebende Eisenbahn, welche in einer Höhe von 30 Fuß durch die ganze Länge des Hüttenraumes nach dem Thore führt; sie wird mittelst hängender Eisenstangen von dem Dachwerk getragen. Eine zierlich gebaute eiserne, sich selbst tragende Wendeltreppe führt zu |352| dieser Eisenbahn hinauf, längs deren Schienen eine kleine Galerie angebracht ist. Auf der Eisenbahn nun, deren Spurweite 12 Fuß beträgt, läuft ein eigenthümlicher eiserner Wagen, welcher durch 4 Männer mit Leichtigkeit vor- und rükwärts geschoben werden kann. Die Arbeiter verrichten diese Operation auf dem Wagen selbst stehend, mit Hülfe von Kurbeln; haben sie sich auf diese Weise senkrecht über den aus dem Sande zu hebenden schweren Körper hingearbeitet, so lassen sie vom Wagen aus vermittelst einer eigenen unten naher zu beschreibenden Vorrichtung einen Flaschenzug hinab, an welchen sofort von den unten befindlichen Arbeitern die Waare befestigt wird. Nun ziehen sie diese bis auf die erforderliche Höhe empor, und schieben den Wagen auf der Eisenbahn gegen den Eingang vor, wo dann der Cylinder, oder was es für ein Gegenstand seyn mag, auf einen bereitstehenden Wagen herabgelassen wird. Die in Fig. 15 von Vornen und in Fig. 16 im Profil dargestellte Zeichnung, deren Dimensionen gleichfalls auf den beigefügten Maaßstab zu reduciren sind, wird diesen Apparat anschaulicher machen.

Die Bahnschienen sind an ihrer oberen Fläche halbrund gestaltet, nach dem Princip des Engländers Wyatt, und die vier Räder a des Wagens sind daher an ihrer Peripherie rinnenartig vertieft. Der Mechanismus des Wagens zerfällt in zwei Theile, nämlich in eine Vorrichtung zur Fortbewegung des Wagens und in eine solche zum Heben und Senken der schweren zu transportirenden Lasten. Die erstere ist sehr einfach und in Fig. 16 sichtbar. An der Achse des hinteren Räderpaares sizt auf der einen Seite ein Rad A, A von 5 Fuß Durchmesser, in welches das Getriebe B von 1 Fuß Durchmesser eingreift. Die verlängerte Achse des lezteren ist in vier Kniee abgebogen, welche eben so viele Kurbeln bilden. An diesen Kurbeln stellt sich die Mannschaft, welche durch ein Geländer vor der Gefahr des Hinabfallens geschüzt ist, auf dem Wagen selbst auf, und bewegt mittelst des Eingriffes der Räder A und B den Wagen mit der angehängten Last und sich selbst mit Leichtigkeit vor- oder rükwärts. Die andere Vorrichtung, nämlich der Hebe-Apparat, läßt sich am deutlichsten aus Fig. 15 beschreiben. Zum Emporwinden der schweren Lasten dient der 12 Fuß breite Flaschenzug F, F mit 7 in einer Linie neben einander befindlichen, 1 Fuß im Durchmesser haltenden Rollen b, b... b, b, welchen 6 andere mir dem Wagengestell verbundene fixe Rollen c, c.... c, c entsprechen. Ein Seil läuft, wie aus der Zeichnung ersichtlich ist, abwechselnd um eine untere und obere Rolle, und seine beiden Enden sind dergestalt mit einer Seiltrommel C, C, Fig. 16, verbunden, daß das Seil bei erfolgender Umdrehung der lezteren von beiden Enden an gleichzeitig umgleiche |353| Stüke sich verkürzt, woraus folgt, daß der Flaschenzug, während er gehoben wird, beständig in horizontaler Lage bleiben muß. Die Seiltrommel, welche, wie Fig. 16 zeigt, aus zwei Hälften besteht, ist mit einem Sperrrad d, in welches ein Sperrhaken fällt, versehen, damit eine rükgängige Bewegung der einmal gehobenen Last unmöglich werde. Auf ihrer Achse sizt ein großes Rad R, R mit 120 Zähnen, in welches zwei kleine Getriebe r von 12 Zähnen greifen. Die Achse jedes dieser Getriebe enthält zwei Kurbeln. Dieselben 4 Männer, welche den Wagen über den zu translocirenden Gegenstand gerollt haben, stellen sich, nachdem der leztere an den Flaschenzug befestigt worden ist, an die 4 zulezt erwähnten Kurbeln, und winden die Last bis zur erforderlichen Höhe empor; sodann verlassen sie diese Kurbeln und bewegen den Wagen durch Umdrehung des Getriebes B nach dem Ort hin, wo die Last abgeladen werden soll. Nimmt man an, daß ein Mann an der Kurbel die Kraft von 22 Pfd. ausübt, so folgt aus den Dimensionen der Maschinentheile, so wie aus dem Princip des Flaschenzugs, daß jene 4 Männer mit der gegebenen Vorrichtung ein Gewicht von beiläufig 180 Cntr. zu heben vermögen.

B. Furnierschneidemaschine und Dampfsägemühle der HH. Boisserée in Köln. Steknadelfabrik der Madame Reinecker.

Auf dem linken Rheinufer, eine Viertelstunde vor Köln fällt ein ansehnliches in elegantem Styl erst seit dem Frühjahr 1836 aufgeführtes Gebäude in die Augen, welches seine ganze Fronte dem Rheine darbietet, und durch einen thurmhohen schlanken Schornstein schon von der Ferne auf ein industrielles, durch Dampfkraft betriebenes Etablissement rathen läßt. Dieß ist die Fabrik und zugleich das Wohnhaus der HH. Boisserée.

Eine Dampfmaschine von 20 Pferdekräften, niederen Drukes mit Expansion, treibt eine Furnierschneidemaschine, drei gewöhnliche Sägemaschinen, jedes Gatter zu 10 Blättern eingerichtet, und noch eine kleine Kreissäge zum Zerschneiden des von der Furniermaschine kommenden Abfalles zu Latten; dieselbe Dampfmaschine schleppt überdieß die schweren Baumstämme vom Rheinufer herbei.

Die Einrichtung der Furnierschneidmaschine ist äußerst sinnreich. Weil jedoch der innere Mechanismus durch das Gestell größten Theils verdekt ist, so war es mir unmöglich eine genügend deutliche Anschauung der Details zu erhalten, und obgleich der Eigenthümer der Fabrik mit zuvorkommender Liberalität mir die eigenthümlichen |354| Bewegungen und wundervollen Leistungen dieser Maschine erklärte, so erlaubte die nicht unbedeutende Complication derselben doch nur eine allgemeinere übersichtliche Anschauung. Die vertikale Kreissäge bildet eine Scheibe von 8 Fuß Durchmesser, auf deren Peripherie die gezahnten Segmente von Stahlblech festgeschraubt sind. Das Furnierholz, welches in feine Blätter zersägt werden soll, ist in senkrechter Lage auf einen Kloz angeleimt, und dieser leztere wird durch mehrere Schrauben auf dem Wagen, welcher sich der Säge entgegenbewegt, befestigt. Der Wagen selbst läuft mittelst Rollen auf einer Art Eisenbahn, und erhält seine langsame Bewegung mit Hülfe von Räderwerk und Schrauben von der Maschine selbst. In dem Augenblik, wo das dünne Furnier abgeschnitten ist, steht die Säge still, der Wagen geht von selbst zurük, das Furnierholz rükt um die Breite des Schnittes zur Seite, der Wagen rükt wieder langsam vorwärts, und die Säge greift von Neuem an, um ein zweites Blatt abzuschneiden. Diese manigfaltigen und scheinbar heterogenen Bewegungen werden durch keine Menschenhand geleitet, sie gehen alle aus dem inneren wohlberechneten Mechanismus der Maschine hervor, welche, ohne zu viel zu sagen, als ein Meisterwerk menschlichen Scharfsinnes angesehen werden darf. Ein Furnier von 5 Fuß Länge und 1 Fuß Breite war innerhalb 3 Minuten durchsägt. Dabei machte die Säge ungefähr 120 Umdrehungen in der Minute, was für einen Punkt der Peripherie einer Geschwindigkeit von 50 Fuß in der Sekunde entspricht.

Es wurde oben bemerkt, daß durch dieselbe Dampfmaschine auch noch drei gewöhnliche Sägegatter, jedes für 10 bis 12 Blätter eingerichtet, in Thätigkeit gesezt werden. Da nur selten der Fall eintritt, daß alle drei Gatter oder Rahmen zugleich in Bewegung sind, so hat die eiserne Kurbelwelle, welche senkrecht über denselben sich befindet, zugleich eine Einrichtung, um jedes einzelne Gatter aus dem Geschirr rüken, d.h. seine Verbindung mit den anderen aufheben zu können. Jeder Sägerahmen kann, wie gesagt, einen Holzstamm zu 12 Bretter auf ein Mal zersägen; daher ist die Möglichkeit gegeben, mit allen drei Rahmen innerhalb einer Stunde 3 Baumstämme in 36 Bretter zu verwandeln; in diesem Falle wäre jedoch beinahe die ganze Kraft der Dampfmaschine in Anspruch genommen, indem der Arbeit von 12 Sägeblättern 6 bis 7 Pferdekräfte entsprechen. Die Einrichtung der Sägerahmen ist durch Fig. 17 dargestellt; a, a, b, b sind die cylindrischen Leitungen, welche den Rahmen nöthigen, sich senkrecht auf und nieder zu bewegen; die Sägeblätter sind zwischen den beiden Seiten c, c und d, d des Rahmens aufgezogen und durch Schrauben gespannt; e, e, f, f sind dünne |355| Schienen mit Schlizen, durch welche die Sägeblätter gehen und in der erforderlichen, der Dike der Bretter entsprechenden Distanz gehalten werden; man kann sie herausnehmen und an ihre Stelle andere einschieben und befestigen, wenn eine größere oder geringere Dike der zu sägenden Bretter verlangt wird. Der ganze Rahmen und die Säulen, zwischen denen er spielt, ist von Eisen und sehr gefällig gebaut.

Dieselbe Dampfmaschine treibt außerdem eine kleine Circularsäge von 3 Fuß Durchmesser, welche mit der entsezlichen Geschwindigkeit von 800 Umdrehungen in der Minute umläuft. Hier wird der von der Furniermaschine kommende Abfall, d.h. derjenige Theil des Furnierbrettes, welcher keine fehlerfreien Furniere mehr geben kann, zu dünnen zu sonstigen Zweken verwendbaren Latten zerschnitten. Der Arbeiter drükt aus freier Hand das Stük gegen die Säge, und in weniger als 15 Sekunden ist ein Brett von 6 bis 8 Fuß Länge durchsägt. Der Lärm, welchen diese Operation verursacht, ist so ohrenzerreißend, daß man, aus Schonung für das Trommelfell, wohl thut, die Ohren sich zu verstopfen.

Wenige Schritte von dieser interessanten Fabrik steht eine im Ganzen recht gut eingerichtete Windsägemühle mit zwei Rahmen, jeder zu 4 Sägeblättern. Eine Dampfsägmühle und eine Windsägmühle dicht nebeneinander! Noch nie habe ich den Contrast in den Wirkungen zweier nach demselben Ziel gerichteter Kräfte, nämlich des Dampfes, dieser sicheren und energischen Triebkraft und des Windes, dieses unsicheren launischen Elementes, so lebhaft empfunden, als gerade bei dieser Gelegenheit. Hier ein rascher und gleichförmiger, dort ein schwankender ungleichförmiger, bald beschleunigter, bald verzögerter Gang.

Die Steknadelfabrik.

Wer sich unter den zahllosen Producten der Fabrikindustrie etwas näher umsteht, wird auf manche Fabricate stoßen, welche sowohl dem Preise, als auch dem Zweke und der Form nach beim ersten Anblik als so unbedeutend sich darstellen, daß man sich scheuen möchte, dieselben unter die Zahl der Nationalgewerbszweige einzureihen. Gleichwohl müssen auch sie, aus dem richtigen Gesichtspunkte betrachtet, als wichtige Glieder jener großen Kette angesehen werden, welche den Wohlstand der Völker befestigt und zusammenhält. Unter die Fabricate dieser Art gehört die Steknadel, diese einfache, kleine, spizige Waare. So einfach die Steknadel aussieht, so interessant |356| und merkwürdig ist ihre Fabrication im Großen, indem wohl bei keiner anderen Fabrik der Vortheil und die glänzenden Resultate einer zwekmäßig angeordneten Arbeitstheilung so auffallend hervortreten. Sollte man denken, daß dieses unbedeutende Ding, welches wir am Wege liegen sehen, ohne uns die geringe Mühe zu nehmen, es aufzuheben, das wir sprüchwörtlich in den Mund nehmen, wenn wir eine für uns möglichst werthlose Sache bezeichnen wollen, durch sechzig bis achtzig verschiedene Hände gegangen ist, ehe es als Waare in den Handel kam?

Die Steknadelfabrik der Madame Reineker in Köln gewährt dem Freunde der Industrie besonders dadurch ein höheres Interesse, daß ein und dasselbe Fabrikgebäude alle Operationen, welche der rohe Draht bis zur fertigen Steknadel durchzumachen hat, vereinigt und somit einen bequemen und sicheren Ueberblik über das Ganze gestattet. Allen Steknadelfabriken, welche ich gelegentlich später sah, mangelt diese dem Betrachter so erwünschte Annehmlichkeit.

In der Regel weist der Fabrikherr den verschiedenen Arbeitern ihre verschiedenen Arbeiten an, gibt ihnen das Material dazu, und sie gehen damit in ihre Hütten, verarbeiten den Draht, jeder der ihm angewiesenen Operation gemäß, und empfangen im Verhältniß der gelieferten Quantität ihren Lohn. Eine solche Fabrik bildet zwar auch ein Ganzes, aber ein Ganzes, dessen einzelne Theile im Umkreis von oft mehreren Stunden zerstreut liegen; daher es dem, welcher zum ersten Mal eine solche Fabrik besucht, schwer, ja oft unmöglich wird, einen richtigen Ueberblik und klaren Begriff von der Reihenfolge und dem Ineinandergreifen der verschiedenen technischen Acte, von der Art und Weise, wie ein Arbeiter dem anderen in die Hände arbeitet, zu erhalten. Im genannten Etablissement dagegen verfolgt man die progressive Umwandlung des Messingdrahtes in die zur Versendung fertige Steknadel vom Anfang bis zum Ende mit allen vorkommenden Nebenoperationen.

Im ersten Arbeitssaale beobachtete ich das Geraderichten, Zerschneiden und Zuspizen des Messingdrahtes. Dieser ist, so wie er aus dem Drahtzuge kommt, ringförmig zusammengelegt, und muß daher, bevor er in die einzelnen Stüke, welche nachher die Steknadeln bilden sollen, zerschnitten werden kann, ganz gerade ausgestrekt werden. Der Draht liegt, um eine Scheibe gerollt, auf einem etwa 18 Fuß langen Tische; mit Hülfe einer Beißzange wird er zwischen zwei Reihen dicht nebeneinander in den Tisch eingeschlagener eiserner Stifte gewaltsam hindurchgezogen, wodurch er seine Krümmung verliert. Die Stifte liegen nicht alle in einer geraden Linie, |357| sondern die vordersten Paare bilden eine sanfte Krümmung, wodurch die ursprüngliche Biegung des Drahtes auf der Rolle in eine entgegengesezte verwandelt wird, ehe einen Moment darauf das eigentliche Geradestreken erfolgt.

Die so vorbereiteten langen geraden Drahtstüke werden nun von demjenigen Arbeiter in Empfang genommen, welcher den ganzen Tag nichts weiter zu thun hat, als dieselben in lauter kleine Drahtstükchen oder Schäfte von gleicher Länge zu zerschneiden. Diese lezteren müssen indessen die doppelte Länge der daraus zu bildenden Steknadeln haben. Wenn jedes Drahtstük einzeln abgemessen und abgeschnitten werden sollte, so gäbe dieß eine entsezlich langwierige und zeitraubende Arbeit, welche eine ganze Legion Arbeiter in Anspruch nehmen würde; allein ein bewundernswürdig einfacher Apparat, der Schaftmodel, sezt einen einzigen Arbeiter in Stand, die ganze Fabrik mit Nadelschäften zu versehen. Dieses Meßinstrument ist bekanntlich weiter nichts als ein vierekiges, mit einem Handgriff versehenes Stük Holz, welches in gemessener Entfernung vom Rand eine ebene Rükwand besizt und seitwärts noch mit erhöhten Leisten versehen ist. Der Arbeiter nahm 80 bis 100 Drahte auf ein Mal in die Hand, stieß ihre Enden, um sie in einerlei Fläche zu bringen, gegen die erwähnte Rükwand des Models, und schnitt sie mittelst einer kolossalen, an einen Blok befestigten Scheere alle mit einem Ruk an der Kante des Models ab; so mußte er nothwendig lauter Nadelschäfte von gleicher Menge erhalten. Diese Operation wiederholte er in der Minute wenigstens zehn Mal und lieferte daher in dieser kurzen Zeit den Stoff zu 1600 bis 2000 Steknadeln.

Die rohen Steknadelschäfte, welche dieser Arbeiter zubereitet, werden den Händen von vierzehn Zuspizern übergeben. Vier Pferde sezen achtundzwanzig in zwei Reihen vertheilte Spizringe in ungeheuer schnelle Umdrehung. Fig. 18 zeigt ihre Anordnung. A, A ist die durch das Göpelwerk in Umdrehung gesezte Seiltrommel, welche durch einen großen Theil des Saales reicht; a und b die zu beiden Seiten derselben angeordneten Spizringe, welche, ihre Bewegung mittelst gekreuzter Schnüre von der Trommel aus erhalten. Diese die Stelle der Schleifsteine vertretenden Spizringe sind stählerne Scheiben von 5 bis 6 Zoll Durchmesser, deren Umfang, um eine rauhe Oberfläche darzubieten, feilenartig mit Querfurchen behauen ist. Jeder Arbeiter sizt vor zwei Spizringen, einem rauh und einem feiner behauenen; zwischen beide Daumen und beide Zeigefinger faßt er eine Partie von etwa 30 Steknadelschäften und drükt ihre Enden unter einem spizigen Winkel gegen die eine rauhere Scheibe, |358| indem er mit vieler Geschiklichkeit jedes einzelne Nadelstük zwischen den Fingern hin- und herrollt. Dann hält er die roh zugespizten Schäfte gegen die zweite feiner behauene Scheibe, um der Spize den gehörigen Grad der Feinheit und Politur zu geben. Nun kehrt er die Schäfte um und wiederholt mit den anderen Enden den eben beschriebenen Proceß. Ein Schleifer spizte nach meiner Beobachtung in sechzehn Sekunden eine Handvoll Schäfte oder etwa 25 Stük zu beiden Seiten, d.h. er versah innerhalb sechzehn Sekunden 50 Steknadeln mit Spizen. Acht Sekunden verflossen, bis er mit einer neuen Handvoll bereit war. Demnach wäre ein solcher Zuspizer im Stande, in einem Tage, bei einer Arbeitszeit von 8 Stunden, 60,000 Steknadeln mit ihren Spizen zu versehen. Dieß stimmt auch wirklich mit den Angaben anderer überein.

Es wunderte mich, bei den Spizringen keine Anordnung angebracht zu sehen, um die Arbeiter vor dem so schädlichen Feilstaub zu schüzen. Daß es an Erfindungen, welche diesem Uebel vorbeugen sollen, nicht fehlt, war mir wohl bekannt; wahrscheinlich haben sie ihrem Zweke nicht entsprochen. Indessen ist zu bedauern, daß der menschliche Erfindungsgeist, welcher zu Gunsten des Kraftsparungssystems und der körperlichen Bequemlichkeit der Arbeiter sich sonst so außerordentlich thätig zeigt, bis jezt noch kein befriedigendes Mittel ersonnen hat, um jenes Gift abzuwehren, welches der am Spizringe Arbeitende mit jedem Athemzuge einschluken und damit sein Leben verkürzen muß. Die Zuspizer übergeben die doppelt zugespizten Nadeln einem anderen Arbeiter, dessen Geschäft darin besteht, durch Halbiren dieser Drahtstüke den eigentlichen Steknadelschaft, welchem nur noch der Kopf fehlt, zu bilden. Dieß geschieht wieder, wie oben, auf sehr schnelle Weise mit Hülfe des Schaftmodels.

Aus dem zweiten Arbeitssaale tönte uns ein klapperndes Getöse entgegen. Hier erhält die Steknadel ihren Kopf, dieses wesentliche Glied ihres einfachen Körpers. Wenn man eine Steknadel näher betrachtet, so bemerkt man, daß Schaft und Kopf nicht aus einem Stüke gearbeitet sind; auch wird ein feiner Riß, welcher rings um den Kopf in einer Schraubenlinie läuft, dem Auge nicht entgehen. Der Kopf muß daher vorher besonders zubereitet und dann erst an den Nadelschaft befestigt worden seyn; und so ist es auch. Die Zubereitung des ganzen Bedarfs an Steknadelköpfen wird von wenigen Knaben mit unglaublicher Geschwindigkeit bewerkstelligt. Sie bedienen sich hiezu einer einfachen, Fig. 19 dargestellten Vorrichtung, deren Haupttheile eine kleine Rolle a und ein größeres Rad A sind, um welche eine sich kreuzende Schnur geschlagen ist, so daß, wenn |359| das Rad A von einem der Knaben mittelst der Kurbel umgedreht wird, auch die Rolle a sehr geschwind umläuft. Der zweite Knabe stekt in die Umdrehungsachse der lezteren einen ziemlich diken Draht b, c, führt einen feineren, auf die Rolle B aufgespuhlten Messingdraht durch das Oehr eines einfachen, mit einem Handgriff versehenen Werkzeuges d, d, und befestigt ihn an den stärkeren Draht b, c zunächst der Rolle a. Mittelst des Instrumentes d, d weiß der Knabe den feineren Draht so geschikt zu leiten, daß der Draht b, c, welcher mit der Rolle a sehr rasch sich umdreht, von dem ersteren der Länge nach übersponnen wird, wobei eine Windung genau an die andere sich anlegt. Darauf streift derselbe Knabe mit geringer Mühe den übersponnenen Draht von dem anderen herab und erhält dadurch eine dünne Drahtröhre von etwa 2 Fuß Länge, welche er sofort dem dritten Knaben übergibt. Dieser steht mit einer Schere in Bereitschaft und schneidet mit großer Gewandtheit die Drahtröhre in lauter kleine Stükchen von gleicher Größe. Jedes dieser Stükchen bildet ein Drahtgewinde von zwei Windungen und verwandelt sich durch die darauf folgende Operation in einen Steknadelkopf. In 12 Secunden war eine Röhre gebildet, welche Gewinde zu 300 Steknadeln enthielt. Rechnet man in Betracht des durch das Abschneiden und Wiederaufnehmen des zu überspinnenden Drahtes und durch zufällige Umstände verursachten Zeitverlustes 30 Secunden auf die Verfertigung der Röhre, so ist ein fleißiger Knabe im Stande, in einem Tage, bei achtstündiger Arbeit, zu 288,000 Steknadelköpfen den Stoff zu liefern, mithin wahrscheinlich die ganze Fabrik zu versehen. Die Kinder, welche aus den Röhren die Gewinde aus freier Hand schneiden, hatten eine solche Uebung, daß sie im Mittel 60 Schnitte in der Minute machten, wonach ein Kind in acht Stunden Arbeitszeit 28,800 Gewinde liefern kann.

Das Geklapper, welches mir, wie gesagt, schon von Weitem in die Ohren drang, rührte von einem Heer kleiner Fallmaschinen her, mit deren Hülfe das Anköpfen oder die Verbindung des Nadelschaftes mit dem Kopfe bewerkstelligt wird. Diese Operation besorgen ungefähr 40 Knaben von 6 bis 10 Jahren. Jedes Kind sizt vor seiner Wippe, deren Haupttheile ein kleiner Ambos und ein darauf passender, mittelst eines Fußtrittes auf und nieder bewegbarer Stempel sind. Stempel und Ambos bestehen aus gehärtetem Stahl. In dem Ambose befindet sich ein halbkugelförmiges Grübchen von der Größe des zu bildenden Steknadelkopfes, welches in eine kleine Rinne ausgeht, und in dem Stempel ein correspondirendes Grübchen, welche beide zusammen eine Form für den Nadelkopf abgeben. Neben sich hat das Kind zwei Behältnisse, wovon das eine mit den Nadelschäften, |360| das andere mit den kleinen Drahtgewinden gefüllt ist. Es fährt mit dem stumpfen Ende der Nadel in einen Haufen von Köpfen, spießt einen derselben auf, führt den Schaft in die Form auf dem kleinen Ambose, schiebt das Gewinde bis an das äußerste Ende der Nadel und läßt den schweren Stempel drei bis vier Mal darauf fallen, welches hinreicht, nicht nur den Kopf zu befestigen, sondern auch demselben die bekannte Kugelform zu geben. Die Gewandtheit und Geschiklichkeit, welche die zarten Geschöpfe bei dieser Manipulation beweisen, ist wahrhaft bewundernswürdig; das Ergreifen des Nadelschaftes, das Fassen des winzigen Ringchens, das Zurechtlegen auf dem Ambos, die vier Schläge mit der Wippe, alle diese partiellen Acte, in welche sich die Operation des Anköpfens theilt, sind das Werk von fünf Secunden, wonach ein Kind in einer Stunde 720 Steknadeln liefern kann. Der Grund, warum zu diesem Processe so kleine, zum Theil kaum sechsjährige Kinder genommen werden, liegt nicht sowohl in der Ersparniß durch den geringen Arbeitslohn, als besonders in der Natur des Geschäftes, welches zarte, gelenkige Hände und ein feines Gefühl in den Fingerspizen verlangt, wie man es nur bei Kindern suchen kann.

Von hier trat ich in ein anderes geräumiges Zimmer, wo die Köpfe an die Schäfte nicht angeschlagen, sondern angegossen werden. Dieses seltener angewendete Verfahren ist zwar viel leichter und productiver als ersteres, soll aber ein minder dauerhaftes Fabricat liefern. Auch hier finden wieder 30 bis 40 Kinder Beschäftigung. Jedes Kind hat eine Form vor sich, welche zum Gießen von fünfzig und mehr Köpfen auf ein Mal eingerichtet ist; sie ist in Fig. 20 im Durchschnitte dargestellt. Damit der Guß festhält, sind die Schäfte vorher an derjenigen Stelle, wo der Kopf hinkommen soll, durch eine der oben erwähnten Wippe ganz ähnliche Vorrichtung rauh geschlagen worden. Das Kind nimmt nun eine Handvoll Nadelschäfte und bringt sie auf die eine Hälfte a, b der Form in Rinnen, welche dicht neben einander liegen und sich in halbkugelförmige Vertiefungen endigen; sodann dekt es die zweite correspondirende Formhälfte a, c, welche bei a durch Charniere mit der ersteren verbunden ist, darüber, so daß nun das stumpfe, rauhgeschlagene Schaftende von einer kugelförmigen Höhlung umgeben ist, welche nur noch durch die Masse ausgefüllt werden darf. Ueber alle diese kleinen Höhlungen geht eine Rinne d, von deren Grund kleine Gießlöcher in die einzelnen Grübchen gebohrt sind. Wenn alle Formen zum Gusse bereit stehen, so füllt ein erwachsener Arbeiter die Composition, über deren Bereitung ich keine Auskunft erhielt, aus dem Schmelztiegel in einen Trichter mit feiner, durch eine Art Hahnen |361| oder Ventil verschließbarer Mündung. Er hält die Trichteröffnung über die nächste beste Form, öffnet den Hahn und fährt in einem Striche über alle Gießlöcher in der Rinne hinweg, wodurch sich alle Kopfhöhlungen füllen. Dieß ist das Werk einer Secunde. So schnell wie möglich eilt der Mann nun zu einer zweiten, dritten, vierten Form und füllt sie auf dieselbe Weise. Der Knabe aber schlägt, so bald der Guß erkaltet ist, die Form auseinander, nimmt die nunmehr mit Köpfen versehenen, zum Theil noch aneinander hängenden Steknadeln heraus, trennt das überflüssige Metall, und bereitet die Form zu einem zweiten Gusse vor. Von der ungemeinen Productivität dieser Methode kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß der erwähnte Arbeiter in Zeit von zwei Minuten an 2000 Steknadeln mit ihren Köpfen versehen hatte.

Die Nadeln, welche nun durch gar viele Hände schon gegangen sind, haben ein schmuziges schwarzes Aussehen, und werden daher vor dem Verzinnen durch Sieden in verdünnter Schwefelsäure gereinigt, wodurch sie den ursprünglichen messinggelben Glanz wieder erhalten. Vom Verzinnen selbst konnte ich nicht Augenzeuge seyn, weil die Operation mit einigen Hunderttausend Nadeln zugleich erst später vorgenommen werden sollte.

Nun ging es in den lezten Arbeitssaal, worin ich gegen 50 Kinder von acht bis zwölf Jahren, und zwar zum größten Theil Mädchen, mit Aufsteken der Steknadeln auf Briefe in emsiger Thätigkeit erblikte. Mit dieser Arbeit, welche mit großer Behendigkeit und Geschicklichkeit gehandhabt wird, schließt sich die Kette der verschiedenen technischen Acte, welche den rohen Draht in zwekmäßig angeordneten Uebergängen allmählich in die zur Verpakung fertige Steknadel umwandeln. Jedes Kind hat vor sich eine Art Mulde, in welcher die Steknadeln verworren nach allen Richtungen durcheinander liegen. Wenn es nun jede Steknadel einzeln aussuchen und ans Papier steken wollte, so würde diese Operation vielleicht mehr Zeit und Arbeit kosten, als die Verfertigung der Steknadel vom Anfang bis zum Ende. Daher kommt es erstens darauf au, die Steknadeln so zu ordnen, daß eine gewisse Quantität auf einmal bei den Köpfen gepakt werden könne, zweitens dieselben in größeren Partien zu zehn oder zwölf auf ein Mal auf das Papier zu stechen, und zwar in gleichen Distanzen. Zu dem Ende ist das muldenförmige Behältniß, worin die Steknadeln liegen, um eine Achse drehbar, und der Boden desselben ist reihenweise mit mehreren schmalen Rizen durchbrochen. Indem das Kind die Mulde einige Male hin- und herschwingt, geräth ein Theil der Nadeln in die Rizen, kann jedoch nicht ganz durchfallen, sondern bleibt an den Köpfen hängen, die Spizen nach |362| Unten gekehrt; nun pakt es mit dem Daumen und dem Zeigefinger eine Anzahl Nadeln und legt sie auf den eigentlichen Aufstekapparat, welcher eben so einfach als sinnreich ist. Er besteht aus einem horizontalen messingenen Lineal, so lang als die Breite des Briefs und so breit als zwei Drittel der Steknadellänge, welches seiner Breite nach mit so vielen kleinen, gleichweit von einander abstehenden Rinnen versehen ist, als der Brief Steknadeln in einer Reihe enthalten soll. Vor diesem Lineal ist eine Vorrichtung, welche das Papier an der Stelle bricht und einklemmt, wo die Nadeln durchgestochen werden sollen. Das Kind nimmt also, wie oben bemerkt, eine Anzahl von etwa 30 Nadeln aus der Mulde und streicht sie über das Messinglineal, wobei jede Nadel in eine Rinne so zu liegen kommt, daß alle Köpfe über die eine Kante des Lineals hervorstehen. Auf diese Weise liegen durch einen Strich alle Steknadeln in Reih und Glied neben einander vor dem Papiere, und es bedarf nur eines leichten Drukes mit der Hand aus die Köpfe, um zehn bis zwölf Steknadeln auf einmal auf den Brief zu stechen. Diese einzelnen Manipulationen gehen so rasch vor sich, daß im Durchschnitt jedes Kind in einer Minute einen Brief liefert. – In demselben Saale bemerkte ich außerdem noch mehrere Knaben, welche das ganze Quantum der producirten Steknadeln noch ein Mal belasen und die fehlerhaften Stüke aussonderten; andere waren ausschließlich damit beschäftigt, die krummen und verbogenen Nadeln auf einem kleinen Ambose wieder gerade zu klopfen.

Mit der Steknadelfabrication vereinigt dieß Etablissement auch noch die Fabrication der Häftchen und Haarnadeln, aber in einem beschränkteren Maaßstabe. Fig. 21 zeigt die Umwandlung des Drahtes in die Häftchen und Häkchen in der Reihenfolge der einzelnen Acte. Das Häftchen geht durch drei Hände; ein Knabe zerschneidet mit Benuzung des Schaftmodels den Eisen- oder Messingdraht in Stüke a von gleicher Länge; ein zweiter Knabe bildet mittelst eines einfachen Instrumentes A an beiden Enden des Drahtstükes a ein kleines Oehr, wie b zeigt. Die wirksamen Theile des Instrumentes A sind zwei Stahlstifte i und h, welche, ungefähr eine halbe Linie von einander entfernt, in einem Handgriffe steten; um nun das fragliche Oehr zu bilden, stekt der Knabe das eine Drahtende zwischen beide Stifte und läßt, während er das andere Ende mit den Fingern festhält, den Stift h einen Kreis um den Dorn i beschreiben, wobei das durchgestekte Drahtende nothwendig um diesen herumgebogen werden muß. Der dritte Knabe endlich biegt das Stük b nur noch um einen dünnen Cylinder, um das fertige Häftchen c zu erhalten. Das zugehörige Häkchen durchläuft auf ähnliche |363| Weise vier Hände. Das Abschneiden der etwas längeren Schäfte a, und das Bilden der geöhrten Stüke b, hat die Verfertigung der Häkchen mit den Häftchen gemein; nun wird aber das Stük b durch scharfes Umbiegen in der Mitte in das Stük d verwandelt, und aus diesem geht durch abermaliges Biegen das fertige Häkchen e hervor. Die Fabrication der Haarnadel ist noch einfacher; die geraden Drahtstüke werden zuerst an beiden Enden auf dem Spizringe flach zugespizt, dann in der Mitte umgebogen; zulezt wird die Haarnadel noch dadurch geschwärzt, daß man sie in Oehl taucht und auf einer heißen Platte abdampft.

Ich habe dieses Etablissement in hohem Grade befriedigt verlassen. Man sollte kaum denken, daß die Fabrication einer Waare, deren geringer Einzelwerth zum Sprichwort geworden ist, das Interesse noch anzuregen im Stande sey. Allein gerade die hier vor Augen liegende Thatsache, daß auch der scheinbar geringfügigste Artikel, in Masse erzeugt, zu großen Unternehmungen führen kann, verleiht der Steknadelfabrication im Großen einen eigenthümlichen, ich möchte sagen, verführerischen Reiz, der einen industriösen Kopf leicht zu ähnlichen Unternehmungen hinreißen kann. Man sieht das Ganze beinahe ausschließlich durch Kinder betrieben, welche hier eine ihrem zarten Alter und ihren Kräften angemessene Beschäftigung finden und dabei einen geringen Arbeitslohn in Anspruch nehmen; man überzeugt sich mit eigenen Augen von den unverkennbaren Vortheilen einer selbst bis auf die kleinsten Details ausgedehnten Arbeitsteilung; das Auge sieht sich vergebens nach großen complicirten Maschinen um, man erblikt nur höchst einfache, aber unendlich viel leistende Apparate zur Unterstüzung der Handarbeit; der zu verarbeitende Stoff ist wohlfeil, der Absaz der Waare muß bedeutend seyn, denn in unzähliger Menge geht die Steknadel aus den lezten Händen hervor; kurz, es vereinigt sich hier Alles, was den technischen Nachahmungstrieb zu erweken im Stande ist.

(Fortsezung folgt.)

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