Titel: Schlumberger, über Prüfung der Krappsorten.
Autor: Schlumberger, Heinrich
Fundstelle: 1838, Band 70, Nr. XXXI. (S. 124–140)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj070/ar070031

XXXI. Ueber den Einfluß des Vaterlandes und des Alters auf das Färbevermögen der Krappsorten und über die Prüfung der lezteren; von Hrn. Heinrich Schlumberger in Mülhausen.

Aus dem Bulletin de la Société industrielle de Mulhausen, No. 53. u. 54.

Eine von der Brüßler Akademie im Jahre 1837 gestellte Preisaufgabe verlangte eine Untersuchung folgender Fragen:

„Wie groß ist der Farbstoffgehalt des belgischen Krapps im Verhältniß zum Avignoner und holländischen? Können mit belgischem Krappe alle jene Nüancen erzeugt werden, wie mit anderen Krappsorten? Hat alter, gelegener Krapp in der That Vorzüge vor frischem? Welches ist das leichteste und sicherste Prüfungsmittel der Krappsorten?“

Ich habe diese Fragen in einer der Akademie überschikten Abhandlung beantwortet, welche jedoch von den Berichterstattern keiner ernstlichen und gründlichen Prüfung unterworfen wurde, daher ich dieselbe nach dem Wunsch einiger in diesem Gegenstand sehr erfahrenen Personen hiemit bekannt mache. Ich werde zuerst jede einzelne der von der Akademie gestellten Fragen besonders beantworten und dann einige allgemeine Bemerkungen über die Krappsorten beifügen.

Es kommen im Handel bekanntlich ziemlich viele Krappsorten vor; der avignoner, holländer und levantische Krapp kommt in der größten Menge vor und wird auch am meisten angewandt; während von Krapp aus dem Elsaß, Belgien, Schlesien, dem Bannat, vom Rhein etc. bei weitem weniger verbraucht wird. Die Krappwurzeln stammen zwar alle von Rubia tinctorum ab, sind aber doch nach dem Klima, der Bodenbeschaffenheit und der Behandlungsart beim Troknen, Zerkleinern und Verpaken am Ursprungsorte bedeutend von einander verschieden. Ich habe bereits in einer früheren Abhandlung (polyt. Journal Bd. LII. S. 193) gezeigt, daß die Solidität der mit dem Krapp erzielbaren Farben von einem Gehalte des Bodens und des darauf gewachsenen Krapps an kohlensaurem Kalk abhängt. Nun ist klar, daß Krapp aus wenig von einander entfernten, in Klima und Bodenbeschaffenheit keine bedeutende Differenz zeigenden Gegenden beim Färben im Wesentlichen gleiche Resultate geben wird, während Krappsorten sehr weit entfernten Ursprungs bestimmtere Verschiedenheiten darbieten müssen.

Erste Frage. Wie groß ist der Farbstoffgehalt des |125| belgischen Krapps im Verhältnisse zum avignoner und holländischen?

So wie diese Frage gestellt ist, weiß man nicht, ob sie theoretisch oder bloß praktisch gelöst werden soll, d.h. ob man den absoluten Farbstoffgehalt dieser Krappsorten oder nur ihre relative Ergiebigkeit bei dem gewöhnlichen Färbeverfahren bestimmen soll. Bekanntlich geht nämlich bei dem Färben ein Theil des im Krapp enthaltenen Farbstoffs verloren und dieser beträgt höchst wahrscheinlich über die Hälfte; um sich davon zu überzeugen, braucht man nur solchen Krapp, welcher bereits zum Färben benuzt worden ist, mit einer verdünnten Säure zu behandeln, und man wird dann finden, daß er neuerdings Farbstoff an die gebeizten Gewebe abgibt, daß aber die Farben nur eine geringe Solidität haben.28)

Da man nun bis jezt noch kein Mittel kennt, den Krapp beim Färben vollständig zu erschöpfen und also bloß seine Ergiebigkeit bei den Färbeoperationen die Fabrikanten interessiren kann, so habe ich die vier Hauptkrappsorten, den belgischen, holländischen, elsässer und avignoner nur in dieser Beziehung mit einander verglichen. Ich benuzte zu diesen Versuchen das schon früher (im polytechn. Journal Bd. LVII. S. 457) von mir beschriebene Verfahren und wählte von holländischem und avignoner Krapp je 12 und von den anderen je 6 Proben verschiedenen Preises und Ursprungs. Die Versuche ergaben, daß innerhalb der Gränzen jeder Hauptsorte bedeutende, selbst bis zu 60 Proc. steigende Differenzen des Färbevermögens Statt finden, daß aber, bei Vergleichung der besseren Proben unter einander, das Färbevermögen aller vier Hauptsorten ganz gleich ist, d.h. von gleichen Mengen gleich guter Proben jeder Sorte gleiche Farbe-Intensitäten erzielt werden.29)

Durch das weiter unten von mir angegebene Verfahren zur Bestimmung des absoluten Farbstoffgehalts des Krapps kann man sich auch überzeugen, daß guter belgischer Krapp wirklich eben so viel Farbstoff enthält als guter avignoner, holländer und elsasser Krapp.

Zweite Frage. Können mit belgischem Krapp alle jene Nüancen erzeugt werden, wie mit anderen Krappsorten?

Ich habe schon bemerkt, daß die Solidität und Lebhaftigkeit |126| der Krappfarben von der Natur des Erdreichs, worin die Wurzeln angebaut wurden, abhängt. In zwei früheren Abhandlungen (polyt. Journal Bd. LII. S. 193 und Bd. LVIII. S. 283) habe ich gezeigt, daß in kalkhaltigem Boden die Krappwurzeln sich eine gewisse Menge kohlensauren Kalk assimiliren, und daß der Krapp während des Färbens an die Thonerde und das Eisenoxyd, womit die Stoffe gebeizt sind, eine gewisse Menge Kalk abgibt, wodurch die Krappfarben erst solid werden. Wenn der Krapp nicht schon ursprünglich kohlensauren Kalk enthält, kann man lezteren durch einen Zusaz von Kreide bei dem Färben ersezen. So liefert z.B. die unter dem Namen Palud bekannte Sorte avignoner Krapp, welche auf einem sehr kalkreichen Boden wächst (der über 90 Proc. kohlensauren Kalk enthält), direct solide Farben, während der elsasser Krapp, welcher gewöhnlich in einem Kiesboden, der nur wenig Kalk enthält, angebaut wird, beim Färben zwar eben so dunkle Farben wie der avignoner Krapp gibt, die aber den Aviviroperationen nicht widerstehen; sezt man hingegen lezterer Krappsorte beim Färben Kreide zu, so liefert sie eben so lebhafte und schöne Farben wie der beste avignoner Krapp von den Paluds.

Ich habe in meinen früheren Abhandlungen den holländer Krapp nicht besonders berüksichtigt und ihn in die Kategorie des elsasser Krapps gebracht; ich mußte also jezt untersuchen, ob allen Sorten von holländer Krapp der kohlensaure Kalk fehlt, und wie es in dieser Hinsicht mit den belgischen Krappsorten steht.

In dem Erdreiche von Hasselt, worin leztere angebaut werden, so wie in demjenigen der Krappdistricte von Seeland, fand ich bei der Analyse immer nur wenig oder gar keinen kohlensauren Kalk; als ich dann mit 12 verschiedenen holländischen und 6 belgischen Krappsorten Färbeversuche anstellte, überzeugte ich mich bald, daß sie mit dem elsasser Krapp identisch sind, denn alle ohne Unterschied erheischen beim Färben einen starken Zusaz von Kreide. Ich nahm zu meinen Versuchen immer destillirtes Wasser, sezte dem rosenfarbigen avignoner Krapp 2 Proc., dem elsasser, holländischen und belgischen Krapp aber 12 Proc. Kreide zu; während bei avignoner Krapp von den Paluds dieser Zusaz ganz unterblieb. Der Kreidezusaz richtet sich nach der Beschaffenheit des zum Färben dienenden Wassers: wenn dieses hart ist, muß man ihn vermindern und bisweilen ganz unterlassen. Der Grund, weßwegen der elsasser, holländer und belgische Krapp einen so großen Zusaz von Kreide erheischen, ist der, daß ein bedeutender Theil von ihr zur Neutralisation der in diesen Krappsorten enthaltenen freien Säure nöthig ist und also nicht mehr als Befestigungsmittel des Pigments wirken kann.

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Durch diese Färbeversuche ergab sich, daß der belgische, elsasser, holländische und rosenfarbige avignoner Krapp, wenn sie alle gehörig mit Kreide versezt werden, gerade so wie der avignoner Krapp von den Paluds ohne Kreidezusaz, Farben liefern, die nach den Aviviroperationen sehr schön und lebhaft sind, und daß in dieser Hinsicht zwischen jenen vier Krappsorten kein merklicher Unterschied Statt findet. Zu den bisherigen Versuchen hatte ich einen mit einem Weißbodenmuster bedrukten Baumwollenzeug angewandt; sie ließen in Bezug auf die Lebhaftigkeit der Nüancen nichts zu wünschen übrig und bewiesen genügend, daß der belgische Krapp für diesen Fabricationszweig die anderen Krappsorten ersezen kann; nun entstand aber die Frage, ob dieß auch bei den übrigen Krappartikeln der Fall ist. Die Färber ziehen nämlich für gewisse Artikel sehr oft eine Krappsorte der anderen vor; so nimmt man z.B. zum Türkischrothfärben der Baumwolle vorzugsweise avignoner Krapp, für seidene Foulards holländer Krapp etc. Ich färbte daher mit denselben vier Krappsorten einen für Türkischroth gebeizten Baumwollzeug und zwar sowohl mit als ohne Kreidezusaz; nach dem Färben zeigte sich kein merklicher Unterschied im Roth; als die Proben aber im geschlossenen Kessel avivirt und einige Tage auf den Bleichplan ausgelegt wurden, zeigten sich dieselben Unterschiede, wie vorher bei den Weißböden, es war nämlich das mit belgischem, elsasser und holländischem Krapp ohne Kreidezusaz gefärbte Roth hell und schäbig, während es bei Anwendung von Kreide ebenso intensiv und lebhaft war, wie ein mit avignoner Krapp (Palud) ohne Kreidezusaz gefärbtes.

Bei der Seidenfärberei kommt es hauptsächlich darauf an, den Boden schön weiß zu erhalten und ein in Scharlach stechendes Roth, so wie ein intensives Schwarz zu erzielen. Ich stellte in dieser Beziehung einige Versuche mit den vier Krappsorten an, wobei ich der Flotte, wie es gewöhnlich geschieht, Kleie zusezte und den Zeugen (um den weißen Grund zu bleichen) dann noch eine Kleienpassage gab. Es ergab sich dabei, daß der belgische Krapp in der Seidenfärberei hinsichtlich des Nichteinschlagens in den weißen Grund, der Lebhaftigkeit und Intensität der Farben eben so gute Resultate liefert wie der holländische, elsasser und avignoner.

Ich nehme es daher als ausgemacht an, daß der belgische Krapp mit dem holländischen ganz identisch ist, und den avignoner und elsasser für alle Artikel ersezen kann.

Dritte Frage. Hat alter Krapp in der That Vorzüge vor frischem, und worin bestehen sie?

Alle Praktiker geben altem Krapp den Vorzug und behaupten, daß der Krapp wenigstens eine gewisse Zeit in Fässer verpakt gelegen |128| haben muß, damit er beim Färben ganz gute Resultate geben kann; nur wenige Personen haben aber bis jezt die Ursache dieser Verbesserung des Krapps zu ermitteln versucht.

In der deutschen Ausgabe von Bankroft's Färbebuch30) bemerken die HHrn. Dingler und Kurrer, daß gemahlener und in gut verschlossenen Fässern aufbewahrter Krapp sich während mehrerer Jahre in Folge einer Gährung verbessert; daß er dabei um 4–5 Procent an Gewicht und um ein Drittel an Färbevermögen zunimmt. Diese Verbesserung erreicht nach diesen Chemikern vom dritten bis zum vierten Jahre ihr Maximum, und der Krapp fängt nach dem sechsten Jahre an Güte zu verlieren an; sie sezen hinzu, daß dagegen ungemahlene Wurzeln sich in Folge ihrer beständigen Berührung mit der Luft mit der Zeit verschlechtern.

Einige Versuche, welche ich im Kleinen anstellte, bestätigen die bisherige Erfahrung im Großen vollkommen. Als ich das Färbevermögen frischer Wurzeln (so wie sie aus der Erde kommen) mit denselben Wurzeln, welche unmittelbar nach der Ernte rasch getroknet worden waren, verglich, fand ich wenig oder keinen Unterschied; ich nahm zu diesen Versuchen von den frischen Wurzeln immer eine dem Gewichte der getrokneten entsprechende Quantität, indem ich nach der Stärke der Wurzeln 80–85 Proc. Gewichtsverlust durch das Austroknen rechnete. Der geringe Unterschied, welcher sich bei diesen Färbeversuchen zeigte, war bald zu Gunsten der frischen, bald zu Gunsten der getrokneten Wurzeln, je nach ihrer Güte, ihrem Alter, und besonders nach dem Verfahren beim Austroknen; wenn das Troknen einige Tage dauert und man dann die gepulverten Wurzeln noch drei bis vier Tage bis zur Prüfung liegen läßt, so färbt der getroknete Krapp immer schwächer als der frische.

Zu solchen Versuchen mußte ich immer 18 bis 20 Gramme getrokneter und gepulverter Wurzeln nehmen, um einen Quadratfuß Baumwollenzeug zu sättigen, welcher mit einem weißbodigen Dessin bedrukt war. Ich hatte auf diese Art im November 1833 ein Muster von neuem Krapp probirt und es dann in einer mit einem Korkpfropf versehenen Glasflasche aufbewahrt; im December 1836 lieferten zwölf Gramme von diesem Krapp eben so dunkle und satte Farben als drei Jahre zuvor 18 und 20 Gramme, was für diese Zeit eine Verbesserung um 50 bis 60 Proc. ausmacht.

Beim Färben im Großen ist indessen der Unterschied selten so beträchtlich; öfters sind 100 Kilogr. Krapp, welcher zwei Jahre lang |129| auf den Fässern gelegen hat, gleich 120 Kilogr. Krapp, der nur zwei Monate lag; mittelmäßige, 10 Jahre aufbewahrte Krappwurzeln lieferten, obgleich sie ganz braun geworden waren, beim Färben dieselben Resultate wie Krapp von erster Qualität.

Ich habe Krapp sogar 14 Jahre lang in gut verschlossenen Glasflaschen aufbewahrt, und er färbte dann noch ganz gut. Eine der merkwürdigsten Thatsachen, welche ich in dieser Hinsicht beobachtete, war eine Zunahme des Färbevermögens um 80 Proc. bei avignoner und elsasser Krapp nach zehnjähriger Aufbewahrung; ich ließ diese Krappe vor der Aufbewahrung einige Tage an einem sehr feuchten Orte liegen, wodurch sie auf das Vierfache ihres anfänglichen Volums aufquollen, worauf ich sie erst wieder troknete und dann in eine mit einem Korkpfropf verschließbare Glasflasche brachte. Von diesem alten Krapp färben jezt sieben Gramme einen Quadratfuß Zeug eben so dunkel und satt, als vor 10 Jahren zwölf Gramme eine mit demselben Muster bedrukte Fläche färbten.

Auch die nicht in Pulver, sondern unzerkleinert aufbewahrten Krappwurzeln (Alizaris) zeigen eine Verbesserung, und zwar tritt dieselbe bei ihnen schneller ein, weil sie der Luft und Feuchtigkeit mehr ausgesezt sind, als das in Fässer eingeschlagene Krapppulver. Die schnelle Verderbniß der ganzen Wurzeln, von der Manche sprechen, trifft nur den Zuker, Schleim etc., aber nicht den Farbstoff, wenigstens war es so bei Wurzeln, welche 8 Jahre lang im Haufen in einem Magazine gelegen hatten und nach dieser Zeit ein um 50 bis 60 Proc. größeres Färbevermögen zeigten, als 2–3 Tage nach ihrer Ernte. – Frischer Krapp hat außer dem geringeren Färbevermögen noch den Nachtheil, daß er beim Färben weit mehr in den weißen Grund schlägt.

Nachdem nun die Vorzüglichkeit alter Krappe erwiesen ist, wollen wir die Ursachen davon aufsuchen. Daraus, daß alter Krapp beim Färben besser ausgibt als neuer, kann man keineswegs schließen, daß lezterer weniger Farbstoff enthält, oder daß sich bei seiner Aufbewahrung Pigment bildet. Betrachtet man den ursprünglichen Zustand des Krappfarbstoffs in der Wurzel, und die Behandlung, welcher leztere bis zum Färben unterworfen wird, so kann man nur Luft und Feuchtigkeit als Ursachen jener Veränderung ansehen, da der Krapp ohne Unterlaß mit diesen beiden Agentien in Berührung ist. Diese Einflüsse bewirken, daß der Farbstoff, welcher in der frischen Wurzel gelb ist, roth wird, daß der Krapp anfänglich an Gewicht zunimmt (später wieder abnimmt), dunkler wird, sich zusammenballt, hart wird.

Der Einfluß der Luft, oder vielmehr ihres Sauerstoffs auf den |130| Krapp ist schon von vielen Chemikern anerkannt und bezeichnet worden. Wenn man eine frische Krappwurzel durchschneidet oder ihren Saft auspreßt, so sieht man deutlich, daß die gelbe Farbe des Krapps in Berührung mit der Luft in Roth übergeht. Diese Modification oder Oxygenation des Farbstoffs findet schon beim Troknen der Wurzeln Statt, welches zwei Mal vorgenommen wird und lange dauert, namentlich aber auch beim Zerkleinern derselben, wobei sie erst an allen Theilen mit der Luft in Berührung kommen.

Um zu erfahren, welchen Einfluß diese Veränderung des Farbstoffs auf das Färbevermögen hat, stellte ich folgende Versuche an: ich wusch 60 Gramme frischer Krappwurzeln rein ab, zerrieb sie in einem porcellanenen Mörser zur Breiconsistenz, und sezte den hellgelben Brei in dünnen Lagen unter öfterem Umwenden 24 Stunden lang der Luft aus; er wurde dadurch dunkelrothbraun. Den anderen Tag zerrieb ich nochmals 60 Gramme Krapp zu Brei, um denselben, ohne ihn vorher der Luft auszusezen, zum Färben verwenden zu können. Beide Proben verdünnte ich nun mit 1 Liter Wasser und färbte in diesen Flüssigkeiten zwei gleichgroße weißbodige Zeugproben aus; die Operation wurde in weiten Schalen vorgenommen und das Bad beständig umgerührt, um es so viel als möglich mit der Luft in Berührung zu bringen. Gleichzeitig wurde ein dritter Versuch mit 60 Grammen (unter Wasser) zerriebenen frischen Krapps gemacht, welche man aber gleich nach dem Reiben in eine enghalsige Flasche mit 1 Liter luftfreien destillirten Wassers brachte, die man, nachdem die gebeizte Zeugprobe hineingethan war, mit einem Kork verschloß, durch welchen eine ausgezogene Glasröhre ging.

Bei diesen Färbeversuchen erhielt ich mit dem Krapp, welcher sich vorher an der Luft oxydirt hatte und auch mit demjenigen, welcher gegen den Luftzutritt verwahrt worden war, hellere Farben als mit Krapp, welcher vorher nicht oxydirt war und nur während der Farbeoperation selbst sich modificiren oder oxydiren konnte. Wiederholungen der Versuche mit den verschiedensten Krappsorten gaben stets dasselbe Resultat.

Diese Beobachtungen sind für die Krappfärberei von großem Interesse; sie beweisen, daß, wenn sie möglichst gut und vortheilhaft bewerkstelligt werden soll, man den Farbstoff in desoxydirtem Zustande anwenden und erst während der Färbeoperation selbst (oder während seiner Verbindung mit den Beizmitteln) sich oxydiren lassen muß. Ich muß auf diese Bemerkung ganz besonders aufmerksam machen, weil sie uns wahrscheinlich zur Lösung des wichtigsten Problems führen wird, nämlich allen im Krapp enthaltenen Farbstoff durch die Färbeoperation ausziehen zu können, und ich stimme ganz |131| Hrn. Kuhlmann bei, welcher in einer interessanten Abhandlung31) sagt: „nur durch ein genaues Studium des Einflusses, welchen der Sauerstoff auf die Entstehung der Farben hat, werden wir zu eines vollständigeren Theorie von der Wirkung der Beizmittel und der Erscheinungen in den Färbereien überhaupt gelangen.“ – Wie also die getrokneten und zerkleinerten Krappwurzeln zur Aufbewahrung gelangen, enthalten sie den Farbstoff im oxydirten, für das Färben ungünstigen Zustande; in den Fässern tritt aber eine äußerst langsame Gährung ein, welche, wie wir später sehen werden, den Farbstoff wieder desoxydirt.

Diesen verschiedenen Zustand des Farbstoffs in den frischen und den alten Krappwurzeln erkennt man leicht, wenn man beide einige Minuten in Wasser von 16° R. maceriren läßt, filtrirt und die Infusionen theils einige Stunden stehen läßt, theils sogleich betrachtet. Bei frischem Krapp fallen beide Infusionen in der Farbe nicht merklich verschieden aus, während bei altem Krapp die an der Luft gestandene dunkler ist. Nach diesem sollten nun freilich frische, ungetroknete Krappwurzeln besser färben als getroknete; der Unterschied ist aber sehr gering, theils weil schnelles Troknen und Pulvern kurz vor dem Färben die Wirkung der Oxydation nicht vollständig werden läßt, theils weil der nachtheilige Einfluß der schleimigen Bestandtheile bei den frischen Wurzeln hier mit in Betracht kommt.

Frisches Krapppulver zieht die Feuchtigkeit aus der Luft schnell an, namentlich elsasser, holländischer und belgischer Krapp. Bringt man neuen Krapp sogleich nach dem Troknen und Mahlen in gläserne Gefäße, die man ganz damit füllt und luftdicht verschließt (auch gegen das Licht verwahrt), so erhält er sich ins Unbestimmte, ohne an Gewicht zuzunehmen und ohne dunkler oder hart zu werden, sowie ohne Vermehrung des Färbevermögens. Anders verhält es sich in leicht verschlossenen Flaschen oder Fässern; hier wird das Pulver dunkler, härter, schwerer, jedoch in verschiedenem Grade nach dem Alter der Wurzeln vor dem Pulvern, nach der Feuchtigkeit, nach Größe, Art und Aufbewahrungsort der Fässer, so wie nach der Jahreszeit. – Krapppulver aus neuen Wurzeln, welches gleich nach der Pulverisirung in Fässer geschlagen wird, nimmt im ersten Jahre um 1–3 Proc., im zweiten um 1/2–2 Proc. an Gewicht zu, im dritten Jahre aber dann gewöhnlich nicht mehr, und von nun an nimmt das Gewicht wieder ab. – Häufig müssen die Krappwurzeln, nachdem sie an der Luft (wie in Avignon) oder in Trokenstuben (wie in den übrigen Gegenden) getroknet worden sind, längere Zeit in Ballen |132| oder Haufen liegen, wo sie stets mit Luft und Feuchtigkeit in Berührung sind. Dabei nehmen die an der Luft getrokneten Wurzeln nicht, die künstlich getrokneten bis 2 Proc. an Gewicht zu. Alte Wurzeln geben ein dunkles Pulver, welches weniger an Gewicht in den Fässern zunimmt und sich weniger verhärtet als das Pulver von neuen Wurzeln. Wo das Pulver, ehe es in Fässer geschlagen wird, einige Zeit an der Luft liegen bleibt, nimmt es natürlich nachher in den Fässern weniger an Gewicht zu. Obgleich das Krapppulver in den Fässern fest eingestampft ist, dringt doch die Feuchtigkeit allmählich bis in die Mitte der Fässer ein, wenn diese auch sehr gut verfertigt und mit Pappe gefüttert sind. – Diese Bemerkungen gelten von allen Krappsorten, und das verschiedene äußere Ansehen des avignoner Krapppulvers hat seinen Grund mehr in der verschiedenen Behandlung als in dem Kalkgehalte; wenigstens geben die anderen Krappsorten bei gleicher Behandlung ganz ähnliche Pulver. Bei Avignon erntet man die Wurzeln im August und September, troknet sie gleich auf dem Felde, bewahrt sie in Ballen und Haufen in den Magazinen auf, troknet sie dann in geschlossenen Trokenstuben bei 48–52° R., mahlt sie zu Pulver, läßt lezteres sich an der Luft röthen, und schlägt es dann erst in Fässer. In Elsaß, Holland und Belgien troknet man die Wurzeln künstlich gleich nach der Ernte und dann noch ein Mal vor dem Mahlen. Die Trokenstuben lassen die Dämpfe leicht entweichen, und man sorgt sehr für die Entfernung derselben, damit das Pulver gelb ausfalle. Das Pulver wird sogleich in die Fässer gebracht. Behandelt man avignoner Krapp auf leztere Art, so fällt er heller aus und wird auf den Fässern hart; gelb wird er allerdings nie, weil ihm die freie Säure der anderen Krappsorten abgeht, welche wahrscheinlich pektische Säure ist.

Wasser bestimmt den Krapp bald zur Gährung auf Kosten seiner schleimigen und zukerigen Bestandtheile, welche dann für das Färben unschädlich werden, so daß gegohrener Krapp besser färbt als ungegohrener. Ich habe hierauf schon in einer früheren Abhandlung (polyt. Journal Bd. LVII. S. 478) aufmerksam gemacht und diese Beobachtung machten auch die HHrn. Köchlin-Schuch 32) und Kurrer.33) Die Gährung des Krapps ist im Anfang die geistige, sie geht aber bald in die saure über. Ganz ähnlich, nur natürlich viel langsamer, wirkt bloße Feuchtigkeit; auch sie zerstört allmählich die fremden Stoffe, macht den Krapp dunkler und desoxydirt den Farbstoff.

Ich mußte nun untersuchen, ob bei dem Altern des Krapps in |133| den Fässern ebenfalls Kohlensäure und Alkohol und später Essigsäure entsteht, wie bei der bereits besprochenen Gährung seiner zukerigen Bestandtheile. Schon früher habe ich einmal bemerkt, daß der avignoner Krapp etwas freie Kohlensäure enthält, welche sich beim Kochen desselben in Wasser entbindet, während dieß bei elsasser Krapp nicht der Fall ist34); seitdem habe ich gefunden, daß die freie Kohlensäure nur in altem Krapppulver, und in geringerem Grade auch bei den übrigen Krappsorten, in frischem Pulver aber gar nicht vorkommt. Sie ist also ein zurükgehaltener Rest des bei der Gährung entwikelten und durch die Fässer gedrungenen kohlensauren Gases, und avignoner Krapp hält vielleicht deßwegen mehr davon zurük, weil der kohlensaure Kalk zu doppelt-kohlensaurem wird. Daß alter Krapp Alkohol enthält, erkennt man schon an seinem weinartigen Geruche, welchen der frische fast gar nicht besizt. – Wenn der Krapp in den Fässern die geistige Gährung durchgemacht hat, dauert es gewöhnlich längere Zeit, ehe die saure Gährung eintritt; in einem warmen und feuchten Locale geschieht dieß schneller. Den Eintritt der sauren Gährung erkennt man leicht daran, daß der Krapp beim Erwärmen sauer reagirende Dämpfe von Essigsäure entwikelt. Die freie Säure ist namentlich vorherrschend in den alten kalkfreien Krappsorten, während sich im avignoner Krapp die Essigsäure mit dem Kalke verbindet.

Die Erfahrung zeigt, daß man durch künstlich unterstüzte Gährung das Färbevermögen frischen Krapps bald vermehren kann, und daß eine solche Vermehrung nicht Statt findet, wenn der Krapp unter Umständen aufbewahrt wird, die der Gährung hinderlich sind. Schon in meiner früheren Abhandlung35) habe ich angeführt, daß es mir gelang, das Färbevermögen eines Krapps um 12 Proc. dadurch zu vermehren, daß ich ihn fünfzehn Tage lang in einem feuchten und etwas warmen Locale der Luft aussezte; seitdem habe ich hierüber noch mehrere Versuche angestellt. Ich ließ verschiedenartige Krappproben 10 Tage lang in flachen Schüsseln an einem feuchten Orte bei + 16 bis 20° R. stehen; eine gleiche Reihe von Proben bei –4° bis + 3 1/2° R. Natürlich fand nur bei der ersten Reihe Gährung Statt, obgleich beide aufquollen, schwerer und dunkler wurden. Bei der ersten wurde eine Vermehrung des Färbevermögens um 10–12 Proc. beobachtet, bei der zweiten nicht. Neuer elsasser, belgischer und holländischer Krapp hatten in der Wärme den größten Theil der freien Säure entweichen lassen, was mit der Zeit auch auf Fässern geschieht, da die wässerigen Aufgüsse sehr alter Krappe |134| kaum oder gar nicht mehr sauer reagiren. – Krapp, der lange in Fässern aufbewahrt wird, zieht kein Wasser mehr an; er wird nach acht bis zehn Jahren fast geschmaklos und gibt dann an Wasser keine schleimigen Theile mehr ab. – In kleinen Fässern, feuchten Waarenlagern, namentlich aber bei ganzen Alizariwurzeln in Säken, ist die Gährung besonders lebhaft; leztere sind schon nach vier Jahren geschmaklos.

Ueber die Wirkungsart von Luft und Feuchtigkeit auf Krapp kann also kein Zweifel mehr seyn; die Gährung zerstört einen Theil der zukerigen und schleimigen Bestandtheile, welche beim Färben das rothe Pigment zurükhalten und auch das Einschlagen desselben in den weißen Grund verursachen; besonders aber vernichtet sie auch wieder den anfänglichen nachtheiligen Einfluß der oxydirenden Luft auf sein Pigment, und verbessert somit den Krapp.

Vierte Frage. Welches ist das leichteste und sicherste Prüfungsmittel der Krappsorten?

Da das Färbevermögen des Krapps nicht allein vom absoluten Farbstoffgehalte, sondern auch von den übrigen eine völlige Ausziehung des Farbstoffs wehr oder weniger hindernden Stoffen36) abhängt, so sind die wichtigsten Proben unbedingt die praktischen Färbeproben. Indem diese den wahren praktischen Werth eines Krapps nicht nur hinsichtlich der Intensität, sondern auch der Aechtheit und Schönheit der damit erzielbaren Farben kennen lehren, lassen sie auch jede absichtliche Verfälschung desselben leicht erkennen.

Den Krapp nach der Farbe des Pulvers zu beurtheilen ist sehr trügerisch, denn sehr unscheinbares altes Krapppulver kann gerade sehr gut färben. Diese sehr übliche Art der Beurtheilung verführt auch die Krappproducenten zu Versuchen, ihrem Producte, selbst auf Kosten des wahren Gehaltes, ein schönes Ansehen zu geben.

Das Verfahren, welches ich zur Prüfung des Krapps vorschlage und wodurch sehr geringe Unterschiede in seiner Güte entdekt werden können, ist dasselbe, welches ich schon früher beschrieben habe37); es beruht auf einer Vergleichung der mit dem zu prüfenden Krapp gefärbten Zeugproben mit Normalproben, und wird folgender Maßen ausgeführt:

Man bereitet sich eine Quantität gleichförmig gebeizten Stoffes vor; die Kattundruker können hiezu einen mit Mordant für doppeltrothe Böden bedrukten Zeug, die Türkischrothfärber einen geöhlten |135| und gebeizten Zeug, die Garnfärber gebeiztes Garn etc. wählen. Nur versteht sich, daß man bei der Zubereitung des Stoffs in der Folge immer wieder auf gleiche Art verfahren muß. Man verschafft sich nun einen kleinen Kessel von Kupfer oder Eisenblech, welcher beiläufig 7 Zoll hoch ist und 1 bis 1 1/2 Fuß im Durchmesser hat, je nach der Anzahl von Proben, die man auf ein Mal machen will; 1 Zoll vom Boden muß er mit einem durchlöcherten Doppelboden versehen seyn, auf welchen man die Glasflaschen (von 1 Liter Inhalt) zur Ausführung der Proben stellt. Der Kessel hat einen Dekel mit Oeffnungen für die Flaschenhälse. Zum Aviviren der gefärbten Muster ist noch ein kleiner Kessel von verzinntem Kupfer nöthig, welcher 6 bis 8 Liter faßt. Nun bereitet man sich eine Normalreihe von Proben, indem man gleich große Stüke des gebeizten Zeuges (von beiläufig 1 Quadratfuß) mit abgewogenen Mengen (von 1, 2, 3 bis 15 oder 20 Grammen) eines anerkannt guten Krapps ausfärbt; jedenfalls muß die lezte Probe mit Krapp übersättigt seyn. Man nimmt zum Färben destillirtes Wasser und erhizt im Wasserbade so, daß die Temperatur der Flotten jede Viertelstunde um 4° steigt; nach anderthalb Stunden oder wenn die Flotten auf 56° R. gekommen sind, steigert man das Wasserbad zum Kochen, welches man 1/2 Stunde unterhält. Um so zu sagen ohne besondere Aufmerksamkeit eine sehr regelmäßige Temperaturerhöhung zu bewirken, füllt man einen kleinen Ofen mit glühenden Kohlen, verschließt das Aschenloch und bedekt das Feuer mit einer Eisenblechtafel, auf welche man den Kessel stellt, der sich so sehr regelmäßig erhizt. Von Zeit zu Zeit ändert man die Lage des Kessels, damit sich alle Flaschen gleichmäßig erhizen können.

Nach dem Färben werden die Muster gewaschen, getroknet, in zwei gleiche Theile getheilt, wovon man den einen, so wie er ist, aufbewahrt, den anderen aber nochmals gerade so wie zuvor färbt, nämlich mit eben so viel Krapp im Verhältnisse zur Zeugoberfläche. Nach diesem zweiten Färben wird von jedem Muster ein Theil weggeschnitten, und dann werden sie alle mit einander den für den Artikel passenden Avivagen unterworfen. Für meine Muster von doppelrothem Grund bestanden sie in einem Seifenbade von 48° R. (2/3 Loth Seife auf 8 Pfd. Wasser), einem Säurebade von 48° R. (1/3 Loth Salpetersäure von 34° Baumé auf 8 Pfd. Wasser) und endlich einem kochenden Seifenbade wie das erste. Jede Passage dauerte 1/2 Stunde und die Muster wurden nach jeder Operation gewaschen.

Die eigentlichen Proben stellt man nun mit einer den mittleren Nüancen der Musterreihe entsprechenden Quantität des zu prüfenden |136| Krapps an; das Krappgewicht muß jedenfalls so gewählt werden, daß man eine Farbe erhält, die hinreichend satt ist, um den Avivagen widerstehen zu können, die aber doch noch viel höher getrieben werden kann, so daß sich selbst bessere Krappsorten, als zur Musterreihe dienten, noch erkennen lassen.

Zu meinen Versuchen nahm ich immer 2/3 Loth (10 Gramme) des zu prüfenden Krapps auf einen Quadratfuß gebeizten Zeug, den ich in eine Glasflasche brachte, welche 3/4 Liter (1 1/2 Pfd.) auf 32° R. erwärmtes Wasser faßte und schritt dann auf die angegebene Weise zur Färbeoperation. Wenn man die gefärbten Proben mit den Nüancen der Normalreihe vergleicht, so kann man die Güte oder den Werth des geprüften Krapps leicht beurtheilen und bestimmen; wenn z.B. 10 Gramme eines probirten Krapps eine Nüance gaben, welche der mit 4 Grammen bei der Normalreihe erzielten entspricht, so hat jener einen um 60 Proc. geringeren Werth als der zur Darstellung der Normalreihe angewandte.

Die Krappprobe ist nach dem ersten Färben beendigt, wenn man nur sein Färbevermögen erfahren will; wenn man aber die erhaltenen Farben auch noch auf ihre Solidität und Lebhaftigkeit prüfen will, so muß ein zweites Färben vorgenommen werden, indem man, wie ich bereits bemerkte, die Hälfte des einmal gefärbten Zeuges abschneidet und die andere, so wie sie ist, aufbewahrt. Jene Hälfte wird mit 5 Grammen desselben Krapps und 1/2 Liter auf 32° R. erhizten Wassers gerade so wie vorher gefärbt. Ein Theil der Muster von diesem zweiten Färben wird avivirt, wo sie dann neuerdings das Färbevermögen des Krapps und zugleich die Lebhaftigkeit und Solidität der Farben anzeigen.

Wenn man elsasser, holländischen oder belgischen Krapp probirt, muß man ihn mit 1/10 Kreide versezen; kennt man hingegen den Ursprung des Krapps nicht, so färbt man mit und ohne Kreide und avivirt beide Proben.

Ich ziehe es vor, die Muster mit der erforderlichen Menge Krapp auf zwei Mal zu färben; denn da man dann beim ersten Färben ziemlich helle Nüancen erhält, so ist der Unterschied auffallender; überdieß erfordern schwere Muster zu ihrer Sättigung eine ziemlich bedeutende Portion Krapp, welcher bei nur einmaligem Färben von zwei Stunden Dauer nicht erschöpft werden könnte. (Durch zweimaliges Färben erhält man bekanntlich mit derselben Menge Krapp dunklere Nüancen als durch einmaliges; dehnt man hingegen die Dauer des einmaligen Färbens auf vier Stunden aus – also auf dieselbe Zeit, wie beide Operationen zusammengenommen – so findet kein Unterschied in den Nüancen mehr Statt.)

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Nach dem verschiedenen Zweke kann das Färbeverfahren bei diesen Proben sich ändern, nur bleibt es Regel, die Proben auf dieselbe Art zu färben wie die Musterreihe. So färbt man leichte Dessins auf ein Mal in drei Stunden; bei Türkischroth kocht man länger u.s.w.

Die zu prüfenden Krappproben müssen, sobald man sie aus dem Fasse genommen hat, in Glasflaschen verwahrt werden, welche man damit voll füllt und dann mit einem Korkpfropf wohl verschließt.

Durch diese Probe, welche seit einigen Jahren mit Erfolg in mehreren Färbereien angewandt wird, ist man gegen jeden Betrug gesichert; sie zeigt nämlich nur die Menge des nuzbaren Farbstoffs in einem gegebenen Gewicht Krapp an, und also auch den Verlust an Pigment, welchen betrügerischer Weise zugesezte Substanzen verursachen können, indem sie eine Quantität desselben niederschlagen oder sich mit ihm verbinden. Wenn der Krapp mit anderen Farbstoffen von geringerem Werth verfälscht ist, erkennt man dieß an der Nüance der gefärbten Muster oder daran, daß sie den Avivagen nicht widerstehen.

Eine Probe, welche den absoluten Farbstoffgehalt des Krapps auf bequeme Art finden läßt, ist jedoch für viele Fälle ebenfalls wünschenswerth, namentlich wenn man einen jungen Krapp kauft, um ihn auf dem Fasse alt werden zu lassen und also den künftig zu erwartenden Effect zu wissen wünscht.38)

Das beste Auflösungsmittel für Krappfarbstoff ist Essigsäure von 1,012 spec. Gew. (1 1/2° Baumé) und sie wurde auch schon vor mir zu diesem Zwek einmal empfohlen. Kocht man Krapp mit Essigsäure und filtrirt, so scheidet sich beim Erkalten ein orangefarbiger, stark färbender Stoff aus, der meiste Farbstoff bleibt aber nebst Schleim aufgelöst. Wäscht man erst mit Wasser Schleim und Zuker aus dem Krapp fort, so ist der orangefarbige Absaz wohl viermal stärker. Wegen dieses Einflusses der schleimigen Theile ist die Essigsäure für den vorliegenden Zwek sehr unsicher. Elsasser Krapp gibt mit Essigsäure nur 1/4 desjenigen Farbstoffniederschlags, welchen avignoner Krapp bei gleichem Farbstoffgehalt liefert. Es war also ein Mittel aufzufinden, welches die schleimigen und zukerigen Stoffe aus dem Krapp auflöst, ohne den Farbstoff mit aufzunehmen oder zu verändern. Nach zahlreichen Versuchen, welche ich deßhalb anstellte, blieb ich bei folgenden vier Behandlungsweisen stehen:

1) Man digerirt 10 Gramme (2/3 Loth) Krapp in der Kälte 12 Stunden lang mit Wasser, welches 1/50 Essigsäure von 1,012 spec. |138| Gew. (1 1/2° Baumé) enthält, filtrirt dann durch Baumwollzeug und behandelt den Rükstand wieder 2 Stunden lang auf gleiche Weise. Dadurch werden dem avignoner Krapp die schleimigen Theile vollständig entzogen, ohne daß sich Farbstoff auflöst; der elsasser, holländische und belgische Krapp hingegen färben die Flüssigkeit ein wenig.

2) Man digerirt 10 Gramme Krapp in der Kälte 12 Stunden lang mit einem halben Liter einer gesättigten Kochsalzauflösung, filtrirt durch Baumwollzeug und digerirt ihn dann noch 2 Stunden mit Wasser, welches 1/50 Essigsäure von 1 1/2° Baumé enthält. Die gesättigte Kochsalzauflösung entzieht dem avignoner Krapp keine Spur Farbstoff; der elsasser, holländische und belgische Krapp hingegen, welche freie Säure enthalten, färben sie schwach.

3) Das Verfahren ist dasselbe wie das vorige, nur wendet man statt der Kochsalzlösung eine gesättigte Glaubersalzlösung an, womit man den Krapp bei 12 bis 16° R. digerirt. In diesem Falle findet aber gerade das Gegentheil Statt, denn es löst sich aus dem elsasser, holländischen und belgischen Krapp keine Spur Farbstoff auf, während sich die Flüssigkeit bei dem kalkhaltigen avignoner Krapp schwach färbt. Ein Gemisch von gleichen Theilen dieser Salzlösungen hingegen löst aus keiner Krappsorte Farbstoff auf.

Die ersten Digestionen müssen bei diesen verschiedenen Lösungsmitteln nothwendig 10–12 Stunden lang fortgesezt werden, weil sie alle in der ersten Zeit Farbstoff auflösen, der sich dann erst wieder niederschlägt. Zum Filtriren nimmt man einen Baumwollzeug, welchen man dann auswäscht, worauf der Krapprükstand erst noch mit schwach essigsaurem Wasser digerirt wird, um ihm den Rest der schleimigen Theile (nebst dem Kochsalz oder Glaubersalz) ganz zu entziehen. Diese zweite Digestion kann 2 Stunden dauern, ohne daß sich Farbstoff auflöst.

4) Am zwekmäßigsten ist jedoch die wässerige Gährung zur Entfernung der Nebenbestandtheile ohne Nachtheil für den Farbstoff. Man wägt 10 Gramme des zu prüfenden Krapps ab, bringt sie in einer Glasflasche mit 1/2 Liter (1 Pfund) destillirten Wassers von 20 bis 24° R. und etwas Bierhefe zusammen, läßt 24 Stunden lang bei 20 bis 24° R. maceriren, filtrirt dann durch ein rund geschnittenes Stük Baumwollzeug von beiläufig 8 Zoll Durchmesser, welches man in einen kleinen Glastrichter stekt, wobei man das Ganze umrührt und das zuerst Durchgelaufene zwei bis drei Mal aufs Filter zurükgibt. Nun bringt man den Filterinhalt in die Flasche zurük und wäscht das Filter mit essigsäurehaltigem Wasser aus, welches man dann auf den Krapprükstand gießt und unter öfterem Umrühren 2 Stunden damit digeriren läßt. Man filtrirt dann wieder durch dasselbe |139| Baumwollfilter (nachdem es ausgewaschen worden ist), bringt jezt den Rükstand in einen Glaskolben, wäscht dann das Filter mit 1 Pfd. Essigsäure von 1 1/2° Baumé sorgfältig aus und gießt die saure Flüssigkeit ebenfalls in den Kolben. Man kocht nun 10 Minuten lang, läßt dann eine Minute absezen und gießt dann das Klare siedendheiß auf ein Papierfilter. Auf den Rükstand im Kolben gießt man wieder 1 Pfd. Essigsäure von 1 1/2° B., kocht abermals 10 Minuten und gießt nun das Ganze sogleich auf dasselbe Papierfilter wie die vorige Flüssigkeit. Die filtrirten Flüssigkeiten vereinigt man in einem großen Cylinderglase, wo sie beim Erkalten orangefarbige Floken absezen. Alsdann sättigt man die ganze Flüssigkeit mit krystallisirtem Kochsalze, läßt noch 8–10 Stunden lang absezen und filtrirt dann durch ein kleines, vorher getroknetes und gewogenes Papierfilter39), worauf man dasselbe so lange mit destillirtem Wasser auswäscht, bis das Durchgelaufene das Lakmuspapier nicht mehr röthet. Man troknet und wägt endlich den im Filter enthaltenen Farbstoff.

Die saure Flüssigkeit hält selbst nach dem Erkalten noch eine gewisse Menge Farbstoff zurük, welche sich erst bei ihrer Sättigung mit Kochsalz niederschlägt. Man muß sie daher sogleich nach dem Erkalten mit 600 Grammen (2 1/4 Pfd.) Kochsalz versezen, welche zur Sättigung von zwei Litern hinreichend sind. Es versteht sich, daß der ausgeschiedene Farbstoff so lange ausgewaschen wird, bis er kein Kochsalz mehr enthält.

Ich habe nach diesem Verfahren den absoluten Farbstoffgehalt aller vier Hauptkrappsorten bestimmt und fast gleichgefunden, nämlich 4 1/10 bis 4 2/10 Procent; dazu wurden anerkannt gute Qualitäten gewählt. Schlechtere Qualitäten enthielten nur 1 9/10 bis 2 7/10 Proc. Farbstoff. Frische Krappwurzeln von ganz schwachem Färbevermögen lieferten nach diesem Verfahren doch 3 8/10 bis 4 2/10 Procent Farbstoff.

––––––––––

Der Bulletin enthält über die vorstehende Abhandlung Schlumberger's auch einen Bericht von Scheurer, welcher im Ganzen nur ein beifälliger Auszug daraus ist. Hinsichtlich der Ausscheidung des Krappfarbstoffs auf dem Wege der Gährung fügt jedoch Hr. Scheurer einige Bemerkungen bei. Die verdünnte Essigsäure und noch mehr die beiden andern Mittel lösten stets etwas Farbstoff mit auf, welcher sich durch Ammoniak zu erkennen gab. Auch bei der Gährung ist nach Scheurer Farbstoffverlust möglich, wenn dieselbe nicht vollständig war; er räth daher, ziemlich viel Hefe anzuwenden |140| und das Gemenge bei einer Temperatur von mindestens 16 bis 20° R. vollständig ausgähren zu lassen. Am sichersten fand er ein gemischtes Verfahren, nämlich die Gährung nicht mit bloßem Wasser, sondern mit verdünnter Essigsäure anzustellen; dadurch scheint die Bildung von etwas Alkohol, welcher einen Farbstoffverlust bedingen könnte, verhindert zu werden. Scheurer hat bei Anwendung des gemischten Verfahrens stets farblose Flüssigkeiten erhalten. Im Uebrigen verfährt er ganz wie Schlumberger und erhielt aus den vier Hauptkrappsorten bei seinen Versuchen 3 bis 4 1/2 Proc. Farbstoff. Er bemerkt sehr richtig, man habe zwar keinen Beweis, daß der auf die angegebene Weise ausgeschiedene Farbstoff ganz rein und unverändert sey, daß dieß aber den Werth der Methode für vergleichende Untersuchungen nicht schmälern könne.

|125|

Die Société industrielle in Mülhausen hat schon vor drei Jahren einen Preis von 28,000 Fr. auf die Entdekung eines Färbeverfahrens ausgeschrieben, wobei aus dem Krapp um ein Drittel mehr Farbstoff als gegenwärtig ausgezogen wird; dieses Problem ist aber noch nicht gelöst.

|125|

Der Abhandlung, welche Hr. Schlumberger der Brüßler Akademie einschikte, waren über 400 Proben von mit Krapp gefärbten Baumwollzeugen beigelegt.

|128|

Bankroft's Färbebuch; deutsche Ausgabe von Dingler und Kurrer (Nürnberg, bei Schrag) Bd. II. S. 292.

|131|

Polyt. Journal Bd. LII. S. 137.

|132|

Polyt. Journal Bd. XXVII. S. 223.

|132|

Polyt. Journal Bd. XXIII. S. 73.

|133|

Polyt. Journal Bd. LII. S. 193.

|133|

Polyt. Journal Bd. LVII. S. 182.

|134|

Wahrscheinlich wird bloß durch einen einzigen der fremdartigen Bestandtheile des Krapps diese Wirkung hervorgebracht.

|134|

Polyt. Journal Bd. LVII. S. 457.

|137|

Die von dem Verfasser angegebene möchte jedoch für Techniker zu schwierig seyn. A. d. R.

|139|

Das Filtriren geht sehr leicht von Statten.

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