Titel: Steinheil's galvano-magnetischer Telegraph.
Autor: Steinheil, Karl August
Fundstelle: 1838, Band 70, Nr. LXVI. (S. 292–302)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj070/ar070066

LXVI. Beschreibung des galvano-magnetischen Telegraphen zwischen München und Bogenhausen, errichtet im Jahre 1837 von Hrn. Prof. Dr. Steinheil.

Mit Abbildungen auf Tab. IV.

Der Telegraph (worüber bereits im polyt. Journal Bd. LXVII. S. 388 eine historische Notiz mitgetheilt wurde) besteht aus drei wesentlichen Theilen: 1) einer metallenen Verbindung zwischen den Stationen; 2) dem Apparat zur Erzeugung des galvanischen Stromes und 3) dem Zeichengeber.

1) Verbindungskette.

Man muß sich die sogenannte Verbindungskette als einen sehr verlängerten Schließungsdraht der Volta'schen Säule denken. Was von diesem gilt, gilt auch von ihr. Bei demselben Metall und gleicher Dike erleidet der galvanische Strom einen der Länge proportionalen Widerstand. Dieser ist aber bei derselben Länge und demselben Metall um so kleiner, je größer die Dike des Metalls ist, und zwar umgekehrt der Durchschnittsfläche proportional. Die Leitungsfähigkeit der Metalle ist aber sehr verschieden. Nach Fechner's Messungen leitet Kupfer z.B. sechsmal besser als Eisen, viermal besser als Messing. Die Leitungsfähigkeit von Blei ist noch geringer, so daß also die einzigen Metalle, welche bei technischer Anwendung mit Vortheil in Concurrenz treten können, Kupfer und Eisen sind. Indem nun der Preis von Eisen nahezu sechsmal geringer als der des Kupfers ist, man aber eine Leitung von Eisen sechsmal schwerer bei derselben Länge machen müßte als eine Kupferleitung, damit beide gleichen Widerstand leisten, so ist es in finanzieller Beziehung gleichgültig, |293| welches dieser Metalle man wählt. Kupfer scheint vortheilhafter, weil es in der Luft weniger der Oxydation ausgesezt ist als Eisen. Man kann aber auch lezteres durch einfache Mittel (galvanisiren) schüzen. Ja es scheint die bloße Benüzung einer Eisenleitung beim Telegraphiren durch galvanische Kräfte ausreichend, sie vor Rost zu schüzen, wie sich an einem Theile der hiesigen Leitung, die fast schon ein Jahr aller Witterung ausgesezt, ergeben hat.

Wenn der galvanische Strom die ganze Leitungskette mit gleicher Erregungskraft passiren soll, so darf der Draht sich selbst nirgends berühren. Er darf aber auch nicht in vieler Berührung mit Halbleitern stehen, weil sich sonst durch diese ein Theil der erregten Kraft den nächsten Weg bahnt, und also die entferntesten Stellen Kraftverlust erleiden.

Vielfache Versuche, die Drähte zu isoliren und unter dem Boden fortzuleiten, haben bei mir die Ueberzeugung begründet, daß dieß auf große Entfernungen unausführbar ist, weil unsere besten Isolatoren doch immer nur sehr schlechte Leiter sind. Wenn aber bei sehr großer Länge ihre Berührungsfläche mit dem sogenannten Isolator gegen die Durchschnittsfläche der Metallleitung ungemein groß wird, so entsteht ein nothwendiger allmählicher Kraftverlust, indem die Hin- und Zurükleitung in Zwischenpunkten, wenn auch nur wenig, communicirt. Man darf nicht glauben, daß diesem Uebelstande auszuweichen ist, durch große Abstände der Hin- und Zurükleitung von einander. Dieser Abstand ist, wie wir später zeigen werden, fast gleichgültig. Da es also wohl nicht gelingen wird, gehörig isolirte Leitungen im Innern des stets feuchten Erdreichs herzustellen, so bleibt nur eine Möglichkeit, nämlich: sie durch die Luft zu führen. Hier muß zwar die Leitung von Distanz zu Distanz unterstüzt werden, sie ist böswilliger Beschädigung ausgesezt, und kann von anhängendem Eis und starken Stürmen beschädigt werden. Da aber keine andere Möglichkeit gegeben ist, so muß man suchen, diesen allerdings erheblichen Uebelständen durch passende Anordnungen möglichst entgegen zu wirken.

Die Leitungskette des hiesigen Telegraphen besteht aus 3 Theilen. Der eine führt von der k. Akademie nach der k. Sternwarte zu Bogenhausen und zurük; dessen Drahtlange ist 30, 500 Pariser Fuß. Der dazu verwendete Kupferdraht wiegt 210 Pfund. Beide Drähte (hin und zurük) sind in Abständen zwischen 3 und 10 Fuß über die Thürme der Stadt hin gespannt. Die größten Längen von Unterstüzungspunkt zu Unterstüzungspunkt betragen 1200 Fuß. Dieß ist für einfachen Draht unstreitig viel zu groß, weil anhängendes Eis das Gewicht des Drahtes selbst bedeutend vermehrt, ihm auch eine viel größere Durchschnittsfläche gibt, so daß alsdann Stürme ihn zu zerreißen |294| vermögen. Ueber Streken, wo keine hohen Gebäude vorhanden sind, wurde die Drahtleitung durch Floßbäume unterstüzt, die 5 Fuß tief eingegraben, zwischen 40 und 50 Fuß hoch, auf einem oben befestigten Querholz den Draht tragen. An den Auflegungspunkten ist nur Filz untergelegt, und der Draht zur Befestigung um das Holz geschlungen. Die Abstände je zweier Bäume betragen zwischen 600 und 800 Fuß, was ebenfalls noch zu viel ist, weil, wie die Erfahrung zeigte, sich die Drähte durch Stürme etc. bedeutend dehnten, und mehrmals gespannt werden mußten.57)

Die auf solche Art geführte Leitung ist keineswegs vollkommen isolirt. Wenn die Kette z.B. in Bogenhausen geöffnet wird, so sollte ein in München bewirkter Inductionsstoß durchaus keine galvanische Erregung in den jezt getrennten Theilen der Kette hervorbringen. Das Gauß'sche Galvanometer zeigt aber auch dann noch einen schwachen Strom an; ja es haben Messungen ergeben, daß dieser Strom proportional wächst mit dem Abstande der Trennungsstelle von dem Inductor. Die absolute Größe dieses Stroms ist nicht constant. Im Allgemeinen wächst sie mit der Feuchtigkeit. Bei heftigen Regengüssen ist sie wohl fünfmal größer als bei andauernd trokenem Wetter. Auf kleine Entfernungen von einigen Meilen hat nun allerdings dieser geringe Verlust keinen erheblichen Einfluß, um so mehr, als man durch die Construction des Inductors über fast beliebig große galvanische, Kräfte disponiren kann. Er würde aber auf Entfernungen von 50 Meilen den größten Theil der Wirkung aufheben. Deßhalb müßte für solche Fälle weit größere Vorsicht an den Unterstüzungspunkten der Drahtleitung beobachtet werden.

Wenn sich Gewitter bilden, so sammelt sich auf dieser halb isolirten Leitung, wie auf einem Conductor, Elektricität der Luft. Diese stört jedoch den Durchgang galvanischer Ströme in keiner Art.58)

|295|

In der neuesten Zeit habe ich gefunden, daß man das Erdreich als die eine Hälfte der Leitungskette benuzen kann. So wie bei der Elektricität, kann auch bei galvanischen Kräften Wasser oder Erdreich einen Theil des Schließungsdrahtes bilden. Wegen der geringen Leitungsfähigkeit dieser Stoffe gegen Metalle ist jedoch erforderlich, daß an beiden Stellen, wo die Metallleitung den Halbleiter berührt, diese Berührungsfläche sehr vergrößert werde. Wenn z.B. Wasser 2 Millionenmal weniger leitet als Kupfer, so muß eine so vielmal größere Wasserfläche in Berührung mit Kupfer gebracht werden, damit der galvanische Strom gleichen Widerstand im Wasser und Metall von gleicher Länge finde. Beträgt z.B. der Durchschnitt eines Kupferdrahtes 0,5 Quadratlinien, so wird ein Kupferblech von 61 Quadratfuß Fläche erfordert, um durch den Boden den galvanischen Strom eben so fortzuleiten, wie ihn dieser Draht leiten würde. Da die Dike des Metalles hier gar nicht in Betracht kömmt, so wird die Herstellung der erforderlichen Berührungsflächen immer ohne bedeutende Kosten zu erlangen seyn. Man erspart dadurch aber nicht nur die Hälfte der Leitung, sondern kann auch den Widerstand im Erdreiche selbst kleiner als in der Metallleitung machen. Versuche an dem hiesigen Probe-Telegraphen haben dieß völlig bestätigt.

Ein zweiter Theil der Leitungskette führt von der k. Akademie nach meiner Wohnung und Sternwarte in der Lerchenstraße. Diese Leitung besteht aus Eisendraht, der hin und zurük 6000 Fuß lang ist, und auf dieselbe Weise über Thürme und hohe Gebäude gespannt wurde. Ein dritter Theil der Kette endlich führt im Innern des Gebäudes der k. Akademie nach der mechanischen Werkstätte des physikalischen Cabinettes, und ist ein 1000 Schuh langer dünner Kupferdraht, fortgeführt in den Fugen des Fußbodens, zum Theil eingemauert. Diese drei Theile zusammen bilden eine in sich selbst geschlossene Linie, in welche dann die Apparate zur Erzeugung des galvanischen Stromes und die Zeichengeber eingeschaltet sind.

2) Apparat zur Erzeugung des galvanischen Stroms.

Der Hydrogalvanismus oder der durch die Volta'sche Säule erzeugte galvanische Strom ist nicht wohl geeignet, sehr lange Schließungsdrähte zu durchlaufen, weil der Widerstand in der Säule, selbst wenn mehrere hundert Plattenpaare angewendet würden, immer noch klein wäre gegen den Widerstand in der Leitungskette selbst. |296| Was aber hauptsächlich gegen Anwendung der Säulen oder Trogapparate spricht, ist die Variabilität in ihrer Stärke und der Umstand, daß sie nach kurzer Zeit ganz unwirksam sind, also wieder neu aufgebaut werden müssen. Auch der sehr sinnreiche Telegraph von Morse unterliegt diesem Uebelstande. Alles dieß hört auf, wenn man nach Faraday's wichtiger Entdekung den Strom durch Induktion, d.h. durch Bewegung von Magneten gegen Metallleitungen erzeugt. Es ist jedoch vortheilhafter, nicht die Magnete selbst zu bewegen, wie es Pixii bei seinem elektro-magnetischen Apparate thut, sondern die Multiplicatoren zu drehen gegen feststehende Magnete. Im Ganzen ist die Construction von Clarke mit einigen Modifikationen hier angewendet worden. Wir dürfen bei unsern Lesern die Kenntniß des Apparates im Allgemeinen voraussezen, und führen also hier nur an, wie er dem Zwek der Telegraphie angepaßt wurde.

Der Magnet ist aus 17 Hufeisen von gehärtetem Stahl combinirt. Er wiegt mit der Armirung von Eisen circa 60 Pfd., und besizt eine Tragkraft von beinahe 300 Pfund. Zwischen den Schenkeln dieses Magnetes ist ein Metallstük befestigt, was in seiner Mitte eine mit Correctionsschrauben versehene Pfanne trägt, die der Achse der Multiplicatorsrollen als Stüze dient. Die Multiplicatorsrollen haben zusammen 15,000 Drahtumwindungen. Der Kupferdraht, von dem 1 Meter 1053 Milligramme wiegt, ist doppelt mit Seide übersponnen. Dessen beide Enden sind isolirt im Innern der verticalen Drehungsachse des Multiplicators hinaufgeführt, und enden dann in 2 hakenförmigen Stüken, wie aus Fig. 14 und 15 zu ersehen ist. Um die Isolirung sicher herzustellen, wurde die Verticalachse Fig. 14 hohl ausgebohrt. In dieses Bohrloch kamen, von Oben hereingeschoben, 2 halbcylindrische Kupferlamellen, die durch zwischengeleimten Taffet von einander getrennt, durch Umwiklung mit Taffet aber von der metallenen Achse isolirt sind. In jeden dieser Metallstreifen ist oben und unten ein Gewindloch geschnitten, und es sind in die unteren Löcher kleine Metallzapfen eingeschraubt, an welche die Enden des Multiplicatordrahtes fest gelöthet wurden. In die oberen Gewindlöcher aber sind, wie Fig. 15 und 16 deutlich zeigt, eiserne Haken eingeschraubt. Diese Haken bilden also die Enden des Multiplicatordrahtes der Inductionsrollen. Sie greifen hier, Fig. 21, in halbkreisförmige Queksilbernäpfe, die durch Holz von einander getrennt sind. Von den Queksilbernäpfen gehen Leitungen J, J, Fig. 14 und 19, nach den Ketten, so daß diese als ein eingeschalteter Theil der Leitungskette zu betrachten sind. Das Queksilber steht in den halbkreisförmigen Gefäßen, vermöge seiner Capillarität, höher als die Zwischenwände, so |297| daß die Endhaken der Multiplicatordrähte, bei Drehung um ihre Achse, über die Zwischenwände hinweg gehen. Man sieht, daß nach einem halben Umgange des Multiplicators die Endhaken die Queksilbernäpfe wechseln, wodurch bewirkt ist, daß der galvanische Strom, so lange man den Multiplicator in Einem Sinne herum dreht, dasselbe Zeichen behält, aber ändert mit der Richtung, in welcher man den Multiplicator dreht. Diese Commutation, die sich übrigens auch ohne Queksilber durch Berührung federnder Kupferstüke herstellen ließe, ist dem Zweke vollkommen entsprechend. Wir müssen jedoch noch zwei besonderer Einrichtungen erwähnen. Der erzeugte galvanische Strom soll, wie aus der Natur der Zeichengeber später erhellt, nur eine möglichst kurze Zeit hindurch wirken, aber während dieser Zeit sehr intensiv seyn. Es greifen daher die Endhaken des Multiplicatordrahtes nur an derjenigen Stelle, wo die erregte Kraft am größten ist, ein in Ausbeugungen der Queksilbergefäße nach Innen, Fig. 19, 20 und 21. Fig. 21. zeigt die Lage des Inductors, bei welcher gerade die Endhaken in die Gefäße eingreifen. In allen übrigen Lagen des Inductors aber soll dieser von der Kette ausgeschlossen seyn, damit die Zeichen der andern Stationen nicht durch den Multiplicatordraht desselben gegeben werden müssen. Es ist dieß um so wesentlicher, je größer der Widerstand im Inductor ist. Um also für alle anderen Lagen, als die in Fig. 21 dargestellte, den Inductor auszuschließen, ist über die Rotationsachse des Inductors ein hölzerner Ring, Fig. 17 und 18, geschoben. Dieser Ring ist umgeben von einem kupfernen Reife, und in den Reif sind wieder 2 eiserne Haken eingeschraubt. Diese Haken tauchen, wie Fig. 20 zeigt, in die halbkreisförmigen Queksilbernäpfe. In dem Augenblike aber, wo sie über die hölzerne Zwischenwand hinweg gehen, tauchen die Inductorhaken, welche mit ihnen einen Winkel von 90 Grad bilden, ein. Wenn also die Multiplicatorhaken mit den Queksilbernäpfen in Verbindung stehen, sind die Ausschließungshaken ausgelöst. In allen übrigen Lagen aber sind die Multiplicatorhaken ausgelöst, und es tauchen die Ausschließungshaken ein, wodurch natürlich bewirkt ist, daß der Strom, welcher von der andern Station her etwa die Kette durchläuft, direct durch die Ausschließungshaken, also direct von einem Queksilbergefäße zum andern übergeht, und nicht erst den Inductordraht zu durchlaufen hat. Zur bequemen Bewegung des Inductors ist endlich noch auf dessen Verticalachse ein horizontaler Balancier angebracht, der in 2 Metallkugeln endet, Fig. 5 und 6. Damit aber bei rascher Drehung des Multiplikators das Queksilber nicht durch die eingreifenden Haken zerstreut werde, ist noch ein cylindrischer Glasring über das Queksilbergefäß gesezt, Fig. 5. Bei jedem halben Umgange sieht man |298| das Ueberspringen der Funken, wenn die Multiplicatorhaken ihre Queksilbernäpfe verlassen.

Will man verzichten auf die Sichtbarkeit dieser Funken, die übrigens durchaus unwesentlich sind für die Anwendung des Instrumentes als Telegraph, so läßt sich der Inductor ungemein viel einfacher construiren. Man muß dann nur den Commutationsapparat unmittelbar über den Anker sezen, und die Rotationsachse weiter gegen den Balancier hin im Halse gehen lassen. Es ist alsdann nicht nöthig, die Achse zu durchbohren, sondern die Enden des Multiplicators sind unmittelbar an 2 Kupferplättchen durch Umwinden befestigt, welche Kupferplättchen in einen Holzring diametral gegenüber eingelassen sind. Der Holzring aber ist auf die Rotationsachse aufgestekt und festgeklemmt. Auf seinem cylindrischen Umfange ist außer den erwähnten Kupferplättchen noch ein von Innen getrennter Absperrungsbogen von Kupfer eingelassen, und zwei Enden der Kette, welcher der galvanische Strom mitgetheilt werden soll, bilden feststehende, gegen den cylindrischen Holzring diametral gegenüber andrükende Federn, so daß auch hier nur während eines kleinen Theils der halben Umdrehung die Enden des Inductors mit der Kette in metallischer Berührung sind, die übrige Zeit aber der Schließungsbogen die Enden der Kette unmittelbar verbindet. Diese Construction, bei welcher durchaus kein Queksilber vorkommt, verdient, ihrer größern Einfachheit und Dauer wegen, vor erstbeschriebener den Vorzug. Auch sind die Apparate auf den Stationen Bogenhausen und Lerchenstraße nach derselben ausgeführt.

3) Die Zeichengeber.

Wir haben in vorstehender Abhandlung gezeigt, daß es die Aufgabe ist, den durch den Inductor hervorgebrachten und durch die Leitungskette geführten galvanischen Strom dahin zu benüzen, daß er, an leicht drehbaren Magnetstäben vorübergeführt, nach Oerstedt's Entdekung Ablenkungen derselben bewirkt. Diese Ablenkungen müssen, wenn die Zeichen schnell hinter einander bewirkt werden sollen, möglichst rasch, also kräftig seyn. Dadurch aber sind die Dimensionen der abzulenkenden Magnetstäbchen gegeben. Man darf diese jedoch auch nicht zu klein annehmen, weil sonst die durch die Ablenkung resultirende mechanische Kraft zu klein wird, um unmittelbares Anschlagen an Gloken etc. hervorzubringen. Die Ablenkungen sind, bekannter Weise, bei gleicher galvanischer Erregung des Drahtes um so stärker, je größer die Anzahl der Umwindungen ist, oder je öfter der Draht längs dem Magnetstabe hin vorübergeführt wird. Die Größe des Durchmessers der einzelnen Umwindungen hat, wie bekannt, nur insofern |299| Einfluß, als sie die Länge des Schließungsdrahtes im Ganzen vermehrt. Der Zeichengeber ist also ein in die Leitungskette mit seinen beiden Enden eingeschalteter Multiplicator, in welchem der abzulenkende Magnetstab steht. Man darf aber nicht vergessen, daß durch ihn der Widerstand der ganzen Kette um so mehr vergrößert wird, je dünner dieser Multiplicatordraht, je größer die Umwindungen und je größer ihre Anzahl angenommen wird.

Fig. 22 und 23 stellt nun einen solchen Zeichengeber in horizontalem und verticalem Querschnitte abgebildet dar, der 2 um Verticalachsen drehende Magnete enthält, und sowohl zum Anschlagen an Gloken, als auch zum Fixiren einer aus Punkten bestehenden Schrift bestimmt ist. In den aus Messingblech zusammengelöteten Multiplicatorrahmen, Fig. 23, sind 2 Hülsen eingelöthet zur Aufnahme und freien Bewegung der Achsen beider Magnetstäbchen. Sie sind oben und unten mit Gewinden eingeschnitten und nehmen 4 Schrauben auf, welche den Achsen als Pfannen dienen. Durch sie können die Magnetstäbchen so gestellt werden, daß sie sich völlig frei und leicht bewegen. In den Multiplicatorrahmen sind 600 Umwindungen desselben isolirten Kupferdrahtes, der den Inductor bildet, gelegt. Anfang und Ende dieses Drahtes zeigt Fig. 22 M, M. Die Magnetstäbchen sind, wie aus der Figur ersichtlich, in solchen Lagen im Multiplicatorrahmen, daß der Nordpol des einen, dem Südpol des andern zunächst liegt. An diesen nächsten Enden, die wegen ihrer Wechselwirkung nicht füglich näher an einander gebracht werden dürfen, sind noch 2 dünne Aermchen von Messing angeschraubt, welche ganz kleine Gefäße tragen, Fig. 23 und 24. Diese Gefäßchen, bestimmt zur Aufnahme schwarzer Oehlfarbe, haben kleine, sehr fein durchbohrte und nach Vorne abgerundete Schnäbel. Wenn Oehlfarbe in die Gefäße kommt, zieht sie sich vermöge der Capillar-Attraction durch die Bohrung der Schnäbel und bildet an ihren Oeffnungen, ohne auszufließen, halbkugelförmige Erhöhungen. Die leiseste Berührung reicht also hin, einen schwarzen Punkt zu fixiren. Wird der Multiplicatordraht dieses Zeichengebers galvanisch erregt, so streben beide Magnetstäbchen, sich in demselben Sinne um ihre Verticalachse zu drehen. Es würde also eines der Farbgefäßchen aus dem Multiplicatorrahmen hervortreten, das andere in diesen hinein gehen. Um lezteres zu vermeiden, sieht man in dem Spielraume zur Schwingung der Magnetstäbe zwei Platten gegenüber befestigt, Fig. 23, gegen welche die andern Enden der Magnetstäbe andrüken. Es kann also immer nur eines der Gefäße aus dem Multiplikator heraustreten, während das andere in Ruhe bleibt. Um die Magnetstäbchen nach vollbrachter Ablenkung rasch wieder in die ursprüngliche Lage zurükzubringen, dienen gesonderte kleine Magnete, |300| deren Abstand und Lage so regulirt wird, bis dieser Zwek erreicht ist. Diese Stellung muß durch Versuche ermittelt werden, weil sie bedingt ist von der Intensität des erregten Stromes.

Sollte dieser Apparat dienen, um durch Anschlagen an Gloken zweierlei leicht zu unterscheidende hörbare Töne zu geben, so wird man Uhrgloken oder auch Glasgloken zu wählen haben, die leicht ansprechen, und etwa um die Sexte im Ton verschieden sind. Dieses Tonintervall ist keineswegs gleichgültig. Man unterscheidet die Sexte leichter als jedes andere Intervall, namentlich würden Quinten und Octaven bei minder Geübten zu häufiger Verwechslung Anlaß geben. Die Gloken kommen auf eine kleine Stativsäule mit Fußplatte zu stehen, und müssen den Widerlagplatten gegenüber in ihrer Stellung und in ihrem Abstand gegen die Magnetnadeln durch Versuche regulirt werden. Sie müssen die Gloke an derjenigen Stelle treffen, wo der Klang am leichtesten anspricht. Sie dürfen nicht zu nahe an den Hämmern stehen, weil sonst leicht ein Nachklingen erfolgt. Aber alles dieß ergibt sich leicht durch einige Versuche. Sollen die Zeichengeber schreiben, so muß sich eine Papierfläche vor den Schnäbeln derselben mit gleichförmiger Geschwindigkeit vorüber bewegen. Am schiklichsten wählt man dazu sehr lange Streifen des sogenannten endlosen Maschinenpapieres, welches man auf ein Holz aufwindet, und auf der Drehebank in schmale Streifen absticht. Ein solcher Papierstreifen muß sich von einem Cylinder abwikeln, an den Gefäßchen vorübergehen, dann eine Streke weit horizontal fortgeführt seyn, um die aufgetragenen Punkte sichtbar zu machen und endlich wieder auf einen zweiten Cylinder aufwinden. Dieser zweite Cylinder ist von einem Uhrwerk gedreht, die Regulirung der Bewegung geschieht durch ein Fugalpendel. Diese ganze Einrichtung ist aus Fig. 5 im Längendurchschnitt, in Fig. 6 aber von Oben ersichtlich. Der Rahmen, über welchen der Streifen hinweggeht, hat da, wo er Eken bildet, 2 um Spizen bewegliche Cylinder zur Verminderung der Friction. Er kann überdieß verschoben werden im Abstande von den Magnetstäbchen, und somit findet sich auch hier durch Versuche die vortheilhafteste Lage. Natürlich können dieselben Magnetstäbe nicht gleichzeitig an Gloken anschlagen und schreiben, weil schon eine dieser Operationen ihre kleine Kraft erschöpft. Um aber beides zu erlangen, ist bloß nöthig, noch einen zweiten Zeichengeber mit in die Verbindung zu bringen. Ja man könnte auf diese Art durch Vermehrung der Anzahl der Apparate die Glokentöne beliebig verstärken, was jedoch auf Kosten eines größeren Widerstandes in der Kette geschehen würde. Um diesen überhaupt möglichst wenig zu vermehren durch die Zeichengeber, wird man besser |301| in Zukunft deren Multiplicationen aus sehr starkem Kupferdrahte oder Kupferblechstreifen zu bilden haben.

Das bisher Gesagte wird für jeden Sachverständigen zur Herstellung des Apparates ausreichen. Wir müssen aber noch einiges beifügen über die

Zusammenstellung der Apparate.

Fig. 5 zeigt den Längendurchschnitt und die obere Ansicht eines pyramidalen, auf dem Fußboden des Zimmers aufstehenden Tisches, der sämmtliche Apparate enthält. Die Drahtleitung von Bogenhausen, die von der Lerchenstraße, die Enden des Zeichengebers und 2 Leitungen aus den Queksilbergefäßen des Inductors, also eigentlich auch die Enden seines Multiplicators, kommen in der Mitte des Tisches, wie Fig. 6 zeigt, zusammen. Hier führen sie in 8 mit Queksilber gefüllte Löcher, die in einem Holzcylinder angebracht sind, Fig. 9. Von der Verbindung dieser 8 Enden unter einander hängt es nun ab, wohin der erregte Strom geleitet wird. Wären z.B. diese 8 Löcher durch 4 Klammern von Kupferdraht so verbunden, wie es Fig. 9 zeigt, so ginge der erregte Strom durch sämmtliche Apparate und Ketten. Eine Verbindung wie in Fig. 12 aber, würde die Kette von Bogenhausen ausschließen und also bewirken, daß der Strom vom Inductor aus durch den Multiplicator und die Lerchenstraße ginge. Eben diese Figur um 180 Grad gedreht, bewirkte das Ausschließen der Lerchenstraße und führte den Strom nach Bogenhausen. Ein drittes System von Verbindungen ist durch die Kupferklammern von Fig. 13 gegeben. In der Lage der Zeichnung wäre der Inductor und Multiplicator verbunden, dagegen die Lerchenstraße und Bogenhausen ausgesperrt. Diese Fig. 13 aber um 90 Grad gedrekt, verbände Bogenhausen und die Lerchenstraße, so daß diese beiden Stationen, mit einander communiciren können, ohne daß man auf der Akademie die Nachricht empfängt. Diese dreierlei Systeme und Verbindungen sind nun in einem hölzernen Dekel mit Kupferdrähten eingetragen, Fig. 10. Aus diesem stehen also 24 Drahtenden hervor. Es sollen aber immer nur 8 davon wirksam seyn, deßhalb wurden in dem Cylinder, der die Queksilbergefäße enthält, noch 16 Löcher angebracht, in denen kein Queksilber ist, und die bestimmt sind zur Aufnahme derjenigen Drahtenden, die gerade nicht in Wirksamkeit seyn sollen. So entsteht die Möglichkeit, den Strom in jeder gewünschten Richtung zu leiten, und es sind die betreffenden Verbindungen auf der Außenseite des Dekels Fig. 8, der die verschiedenen Verbindungssysteme enthält (Fig. 10), durch beigeschriebene Buchstaben bezeichnet. S. Fig. 8. Durch Versezung dieses Dekels |302| gegen den auf dem Tische befindlichen Pfeil kann also über die Richtung des Stroms beliebig disponirt werden. Natürlich ließen sich statt Queksilbernäpfchen auch hier konisch gebohrte Kupferstiften anbringen, was auch auf den Stationen Bogenhausen und Lerchenstraße geschehen ist.

Wir haben jezt noch einige Worte beizufügen über die

Benüzung des Apparates zum Telegraphiren.

Nach dem Gesagten weiß man, daß, so oft der Balancier von Rechts nach Unten zur Linken einen halben Umgang macht, einer der Zeichengeber abgelenkt wird. Ich habe die Drahtenden so verbunden, daß bei dieser Bewegung jedesmal auf allen Stationen die hohe Gloke angeschlagen wird. Steht man auf der Seite B, B vor dem Apparate Fig. 6, so fixirt das Schreibgefäß zugleich einen Punkt auf dem bewegten Papierstreif. Die Zeitintervalle, in welchen man dieses Zeichen wiederholt, sind repräsentirt durch die wechselseitigen Abstände der auf dem Papier in einer Linie sich bildenden Punkte. Dreht man aber nun von Links nach Unten zur Rechten, so ertönen die tiefen Gloken, und das zweite Schreibgefäß trägt jezt einen Punkt auf den bewegten Papierstreifen auf, der nicht mehr in derselben Linie mit den ersteren liegt, sondern tiefer steht. So sind also die Töne hoch, tief auf dem Papierstreifen, gleichsam wie durch geschriebene Noten, dargestellt durch hohen Punkt, tiefen Punkt. So lange die Zwischenzeiten zwischen den einzelnen Zeichen gleich bleiben, bildet sich eine zusammengehörige Gruppe, sowohl in den Tönen, als in der sie darstellenden Schrift. Eine längere Pause trennt solche Gruppen kenntlich. Man ist dadurch also im Stande, durch schiklich gewählte Combinationsgruppen als Bezeichnung für das Alphabet oder für stenographische Zeichen irgend ein System zu bilden, und dadurch den Gedanken an allen Punkten der Kette, wo Apparate wie der beschriebene stehen, im Augenblike selbst wieder zu geben und zu fixiren. Das von mir gewählte Alphabet gibt die in unserer Sprache am öftesten wiederkehrenden Buchstaben durch die einfachsten Zeichen. Es hat sich eine Aehnlichkeit zwischen den lateinischen Lettern und diesen Zeichengruppen herstellen lassen, wodurch sie sich dem Gedächtnisse leicht einprägen. Die Vertheilung der Buchstaben und Zahlen in Gruppen, die bis 4 Punkte enthalten, ist aus Fig. 5 ersichtlich. (Aus der Vorlesung des Verf. über Telegraphie, gehalten in der königl. bayer. Akad. d. Wiss. am 25. August 1838.)

|294|

Alle diese Uebelstände sind zu vermeiden, wenn man die Leitung nicht aus einfachem Draht, sondern aus wenigstens dreifach zusammengewundenem bildet, und etwa von 200 Schuh zu 300 Schuh unterstüzt, dabei spannt mit einer Kraft, die nicht über 1/3 der Tragkraft geht. Dieß war jedoch bei dem hiesigen Probetelegraphen, aus Gründen, die nicht weiter entwikelt werden können, nicht ausführbar.

St.

|294|

Hier muß ich eines Vorfalles erwähnen, der für die Zukunft Vorsicht gebietet. Während eines heftigen Blizes am 7. Jul. 1838 durchzukte in demselben Augenblike ein sehr starker elektrischer Funke die ganze Leitungskette. An dem Zeichengeber, welcher in meinem Zimmer angebracht ist, erfolgte in dem Augenblik ein Knall, wie der einer Peitsche. Zugleich ertönte die tiefe Gloke des Zeichengebers, durch Ablenkung der Nadel so heftig angeschlagen, daß die Drehungsspizen des Magnetstäbchens Schaden litten. Die nämliche Erscheinung wurde auf einer andern Station bemerkt. Da die ablenkende Kraft der Reibungs-Elektricität auf Magnete sehr gering ist, so deutet dieser Fall auf bedeutende Elektricitätsmengen hin. Diese Erscheinung kann nur dadurch entstanden seyn, daß in diesem Augenblike Elektricität des Bodens sich den Weg zu der in der Kette |295| gesammelten bahnte. Ob dieß geschehen ist durch in der Nähe befindliche Blizableiter oder durch die nicht völlige Isolirung der Unterstüzungspunkte, kann nicht wohl entschieden werden.

St.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Tafeln


Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: