Titel: Petit-Lafitte, über die Heizung der Dampfkessel mit Anthracit.
Autor: Petit‐Lafitte, Hector
Fundstelle: 1838, Band 70, Nr. LXXI. (S. 323–326)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj070/ar070071

LXXI. Ueber die Heizung der Dampfkessel oder Dampfgeneratoren mit Anthracit. Von Hrn. Hector Petit-Lafitte, Director der Zukerraffinerie des Hrn. Klose in Offenburg.

Aus dem Bulletin de la Société industrielle de Mulhausen, No. 55.

Das der Anwendung des Anthracites zum Grunde liegende Princip ist eine starke Concentration der Wärme, die dadurch erlangt wird, daß man eine große Menge Brennstoff auf einmal in Brand bringt. Die Feuerstelle und der Rost können ebenso gebaut seyn, wie für die Heizung mit Steinkohlen; da jedoch zur Verbrennung des Anthracites viermal soviel Zeit erheischt wird, als zur Verbrennung der Steinkohlen, so muß die Oberfläche des Rostes noch einmal so groß, und die Höhe zwischen ihm und dem Kessel gleichfalls die doppelte seyn. Wie zu jeder gehörigen Verbrennung, so ist auch hier ein guter Zug unerläßlich.

Um das Feuer aufzuzünden, was nur geschehen kann, indem man eine große Oberfläche auf einmal in Brand bringt, wird von Seite des Heizers große Sorgfalt, Geduld und Geschiklichkeit erfordert. Man beginnt die Feuerung mit Holz und etwas Saarbrüker-Steinkohlen |324| von bester Qualität. Wenn die ganze Oberfläche gut in Feuer sieht, so trägt man gleichmäßig Anthracit ein, wobei man sich wohl hüten muß, das bereits Eingetragene zu berühren, oder es gar mit einem Eisen anschüren zu wollen. Die Anthracitstüke, welche nicht zerschlagen werden dürfen, behalten im Feuer ihre Form, sie blähen sich weder auf, noch schmelzen sie. Hieraus folgt, daß, da die Zwischenräume zwischen den Stüken dieselben bleiben, die Luft frei zwischen ihnen durchstreichen kann. Da die Weite der Roststangen darauf berechnet ist, daß ein Theil der Zwischenräume durch das Schmelzen der Steinkohlen verstopft wird, so folgt hieraus, daß eine zu große Menge Luft durch das Feuer streichen würde, wenn nicht soviel Anthracit gleichmäßig eingetragen würde, daß der Rost überall stark damit beladen ist. Es muß deßhalb soviel Anthracit als möglich eingetragen werden; d.h. man muß damit fortfahren, so lange man sieht, daß die ganze Masse immer in guter Gluth bleibt.

Diese starke Schichte Brennstoff, welche die doppelte Höhe der üblichen Steinkohlen-Schichte haben soll, ist nöthig: 1) damit nur soviel Luft als zur Unterhaltung einer vollkommenen Verbrennung eben nöthig ist, durchdringen kann; und 2) damit das Brennmaterial eine hohe Temperatur zu erlangen im Stande ist: eine unumgängliche Bedingung bei der Heizung mit Anthracit. Die ganze Masse bleibt glühend ohne beinahe irgend eine Formveränderung zu erleiden, wobei sie eine enorme Hize entwikelt, ohne eine Flamme oder Rauch zu erzeugen. Die Hize ist so stark, daß die ganze Masse stets im Weißglühen ist. Zur gänzlichen Verzehrung des Brennstoffes ist wenigstens viermal soviel Zeit erforderlich, als zur Verzehrung der Steinkohle, so daß, um in gleicher Zeit gleiche Quantitäten Steinkohle und Anthracit zu verbrennen, für lezteren ein doppelt größerer Rost nöthig ist.

Wenn eine Feuerstelle mit einem Roste von gewisser Größe in einer Stunde einen Centner Steinkohle verbraucht, so wird dieselbe in 4 Stunden 4 Cntr. verbrennen. Wenn eine Feuerstelle mit doppelt größerem Roste und doppelt höherer Schichte Brennstoff 4 Cntr. Anthracit trägt, so werden diese in vier Stunden verzehrt, so daß also innerhalb gleicher Zeiträume gleiche Quantitäten Steinkohlen und Anthracit verbraucht und derselbe Nuzeffect erreicht wird. Hiebet ist vorausgesezt, daß beide Brennstoffe in Hinsicht auf Wärme-Production einander gleich stehen: eine Annahme, die der Wahrheit nahe kommt, da 12 Cntr. Anthracit in Stüken soviel werth sind, als 10 Cntr. gewöhnliche Steinkohlen. Dieß Verhältniß, welches ich aus der Erfahrung abstrahirte, wechselt natürlich je nach der Güte der Steinkohlen und der Reinheit des Anthracites.

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Wenn der Anthracit einmal entzündet ist, so muß man dessen Berührung und das Schüren soviel als möglich verhüten, weil er sonst gleich zu Pulver zerfällt, wodurch die Zwischenräume so verstopft würden, daß das Feuer in Kürze verlöschen müßte. Wenn sich die Schlaken gebildet haben, muß man warten, bis das Brennmaterial beinahe verzehrt ist, wo man dann den Rost gänzlich reinigt und ein neues Anthracitfeuer auf dieselbe Weise anmacht. Diese Operation hat des Tages nur ein oder zweimal zu geschehen; denn wäre der Anthracit so unrein, daß der Rost oft gereinigt werden müßte, so ist es beinahe unmöglich, sich dieses Brennstoffes zu bedienen.

Die Gruben zu Offenburg liefern zwei Sorten Anthracit; ich bediene mich der reineren, schwerer entzündbaren. Der unreinere, welcher leichter brennt, kann auf gewöhnlichen Herden und in Schmieden verwendet werden; für Hammerwerke eignet er sich nicht, und auch ich konnte mich seiner nicht mit Vortheil bedienen.64)

Die Anthracit-Feuerung erfordert von Anfang bis zum Ende große Sorgfalt; man muß anfangs Geduld haben, und wenn das Feuer schnell und gleichmäßig fangen soll, ist auch einige Gewandtheit nöthig. Die Anthracitstüke dürfen nicht zerbrochen werden; man muß sie in gehöriger Menge eintragen, um die möglich beste Feuerung zu erhalten, und doch darf die Schichte auch nicht zu dik seyn, weil sonst das Feuer ganz auslöschen könnte: und ein erloschenes Anthracit-Feuer läßt sich nur sehr schwer wieder anfachen. Kurz, man muß dieses Brennmaterial auf eine seiner Natur entsprechende Weise behandeln, wozu geräumige Feuerstellen und ein starker Zug erforderlich sind. Unter diesen Umständen wird man ihn bei einiger Ausdauer gewiß mit Vortheil zu benuzen lernen, während er auf einem gewöhnlichen Roste und nach Art der Steinkohlen behandelt, keine guten Resultate geben kann. Ich sezte den anfänglich im Wege stehenden Schwierigkeiten Geduld und Ausdauer entgegen und befinde mich nun ganz gut dabei, so zwar, daß ich im lezten Winter täglich 100 Centner Anthracit brannte. Man hat vor mir in mehreren Anstalten Versuche mit ihm angestellt und ihn aufgegeben; jezt, nachdem man mein Beispiel gesehen, kommt man abermal auf ihn zurük, und |326| ich zweifle nicht, daß man bald überall dieselben Vortheile davon ernten wird, wie ich.

Anhang.

Die Société industrielle in Mülhausen ertheilte Hrn. Petit-Lafitte für die von ihm bewerkstelligte Einführung des Anthracites zur Heizung von Dampfkesseln ihre goldene Medaille. Aus dem von Hrn. Leonhard Schwartz hierüber erstatteten Berichte fügen wir Folgendes bei.

Was soll während der Reinigung des Rostes und der Aufzündung eines neuen Feuers, wobei vielleicht eine ganze Stunde lang wenig oder gar kein Dampf erzeugt wird, geschehen? Am besten dürfte es seyn, während dieser Zeit auf einer anderen Feuerstelle zu brennen; oder unter einem und demselben Kessel mehrere von einander geschiedene Roste anzubringen, welche gemeinschaftlich oder einzeln geheizt werden könnten. Auch wäre es der Mühe werth, um die Roststangen entbehrlich zu machen und doch die Schlafen herausschaffen zu können, einen tiefen Ofen, z.B. von 3 bis 4 Fuß Höhe auf 6 bis 8 Fuß Länge, welcher oben breit wäre, nach Unten zu aber sich bedeutend verengerte, zu probiren. Man könnte überdieß auch noch durch seitliche Oeffnungen Luft zutreten lassen. Derlei Oefen müßten ganz aus Baksteinen gebaut und gleich den immer brennenden Kalköfen von Oben mit Brennmaterial gespeist werden.

Da sich bei der Anthracit-Heizung das Feuer nicht ohne großen Nachtheil plözlich steigern oder mäßigen läßt, so würde in den Dampffärbereien die Anwendung großer Dampfbehälter nöthig; denn hier braucht man bald eine sehr große Menge Dampf auf einmal, bald aber auch beinahe gar keinen.

Endlich unterliegt keinem Zweifel, daß die Anthracitfeuer besser und vollkommener brennen würden, wenn man ihnen heiße Luft zuführte, wie dieß in neuerer Zeit in England geschieht.

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Hr. Petit-Lafitte bedient sich auch der kleineren Anthracitstüke, indem er 9/10 Anthracit mit 1/10 Thonerde vermengt und daraus mit Wasser eine Masse anmacht, aus der er Kuchen formt, welche an der Sonne getroknet und dann in Magazinen aufbewahrt werden. Diese Kuchen verwendet er hauptsächlich zum Heizen der Trokenstuben, einige Reiser trokenes Holz reichen zu ihrer Entzündung hin. Uebrigens gilt ganz besonders auch von ihnen, daß man das Feuer nicht schüren darf.

A. d. O.

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