Titel: Talbot's Verfahren die photogenischen Gemälde darzustellen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 71, Nr. XCVI. (S. 468–477)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj071/ar071096

XCVI.  Talbot's Verfahren die sogenannten photogenischen (durch das Licht erzeugten) Gemälde oder Bilder darzustellen.103)

Im Frühling 1834, sagt Hr. Talbot, fing ich zuerst an von der merkwürdigen Eigenschaft des salpetersauren Silbers, sich in den violetten Lichtstrahlen zu entfärben, eine praktische Anwendung zu machen. Ich dachte mir nämlich, daß wenn man auf einem Blatt Papier eine hinreichende Menge salpetersauren Silbers ausbreitet und dann das Papier dem Sonnenlicht aussezt, nachdem man vorher einen Gegenstand davor gestellt hat, welcher einen genau begränzten Schatten darauf wirft, das Licht, indem es auf das darüber hinausreichende Papier wirkt, dasselbe schwärzen mußte, während die im Schatten befindlichen Theile desselben weiß bleiben. Auf diese Art hoffte ich ein Bild oder ein Gemälde hervorbringen zu können, das seinem Gegenstande bis auf einen gewissen Grad ähnlich wäre; doch glaubte ich, daß es nöthig seyn würde, solche Bilder in einer Mappe aufzubewahren und sie nur beim Kerzenlicht zu betrachten, weil beim Tageslicht derselbe chemische Proceß, welcher die Bilder hervorbrachte, sie auch wieder zerstören müßte, indem sich nämlich das übrige Papier dadurch schwärzen würde.

Dieß war anfangs meine leitende Idee, welche jedoch durch zahlreiche Versuche bald erweitert und berichtigt wurde. Nachdem ich einmal einige neue und merkwürdige Resultate erhalten hatte, forschte ich auch nach, ob dieses Verfahren jemals in Vorschlag gebracht oder probirt worden ist, fand jedoch nur im ersten Bande des Journal of the royal Institution S. 170 eine bestimmte Nachweisung, wonach es scheint, daß Hr. Wedgwood zuerst auf dieselbe Idee verfiel; wirklich stellte er auch mit Sir Humphry Davy in dieser Hinsicht zahlreiche Versuche an, welche jedoch fehlschlugen. Davy sagt nämlich daselbst: „Die Copie eines Gemäldes muß, sobald man sie erhalten hat, an einem dunkeln Orte aufbewahrt werden; man kann sie zwar im Schatten betrachten, doch darf dieß nur wenige Minuten dauern. Alle unsere Versuche, die Wirkung des Lichts auf die ungefärbten Theile des Papiers zu verhindern, sind bis jezt erfolglos gewesen. Wir überzogen sie mit einer dünnen Schichte guten Firnisses, was jedoch ihre Färbung nicht verhinderte. Läßt man die Sonnenstrahlen durch gedruktes Papier auf ein präparirtes Papier fallen, so werden die ungeschwärzten Theile langsam copirt; das Licht |469| aber, welches die geschwärzten Theile hindurchlassen, bringt selben eine genaue Aehnlichkeit derselben durch verschiedene Intensitäten der Farben hervor. Die Bilder, welche man mittelst der Camera obscura erhält, fanden wir zu schwach, um in nicht gar zu langer Zeit eine Wirkung auf das salpetersaure Silber hervorzubringen. Hr. Wedgwood versuchte zuerst diese Bilder zu copiren, aber seine zahlreichen Versuche blieben alle erfolglos.“

Ich härte die Verfolgung dieses Gegenstandes wahrscheinlich ebenfalls sogleich wieder aufgegeben, wenn es mir nicht schon bei den ersten Versuchen gelungen wäre, die Hauptschwierigkeit – daß nämlich die erhaltenen Bilder nach und nach ganz schwarz werden – vollkommen zu beseitigen.

Der chemische Proceß, wodurch dieß geschieht, ist bei weitem wirksamer als man glauben sollte; das Papier, welches anfangs so empfindlich für das Licht war, wird dadurch vollkommen unveränderlich, so daß man die Bilder selbst im Sommer ohne allen Nachtheil eine ganze Stunde dem Sonnenlicht aussezen kann. Gegenwärtig besize ich eine Anzahl solcher Bilder, welche schon fünf Jahre lang aufbewahrt worden sind und nicht im Geringsten gelitten oder sich verändert haben.

Beschaffenheit dieser Bilder. Die Bilder, welche man auf diese Art erhält, sind selbst weiß, der Grund aber, worauf sie sich befinden, ist mannigfaltig und gefällig gefärbt. Durch mein Verfahren lassen sich mittelst unbedeutender Abänderungen folgende Farben erzielen: himmelblau, gelb, rosenroth, braun in vielen Schattirungen, schwarz. Nur grün fehlt in der Reihe; man erhält nämlich bloß eine dunkle Schattirung davon, welche sich dem Schwarz nähert.104) Die blaue Farbenreihe macht einen sehr angenehmen Effect; sie bleibt auch beim Aufbewahren der Bilder in einer Mappe ganz unverändert, ohne daß man eine ihre Erhaltung bezwekende Behandlung damit vorgenommen hat. Die verschiedenen blauen Schattirungen bestehen aus eben so vielen chemischen Verbindungen, welche man bisher nicht näher kannte.

Erste Anwendungen dieses Verfahrens. Die ersten Gegenstände, welche ich zu copiren versuchte, waren Blumen und Blätter, theils frische, theils aus meinem Herbarium genommene. Diese werden durch meine Methode mit der größten Wahrheit und Treue abgebildet, so daß man selbst die Adern der Blätter, die kleinen Haare auf der Oberfläche der Pflanzen etc. sieht.

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Damit man sich einen Begriff von der Genauigkeit zu machen im Stande ist, womit einige Gegenstände mittelst dieses Verfahrens nachgeahmt werden können, will ich nur ein Beispiel anführen. Ich habe einmal ein Stük von einem sehr feinen Spizenmuster abgebildet und es mehreren Personen in Entfernung von einigen Fuß gezeigt, welche es aber nicht für ein Bild, sondern für das Spizenstük selbst hielten. Ein Zeitraum von einigen Secunden ist hinreichend, um eine solche Abbildung zu erzeugen.

Ueber das Fixiren eines Schattens. Der flüchtige Schatten läßt sich, was freilich dem Laien wunderbar vorkommen wird, im Verlauf einer einzigen Minute auf Papier vollkommen fixiren; ich lasse es übrigens dahingestellt seyn, welcher Anwendung in den Künsten diese merkwürdige Erscheinung fähig seyn wird.

Ehe ich weiter gehe muß ich bemerken, daß es nicht immer nöthig ist, die Bilder der Behandlung zu unterwerfen, welche ich ausgemittelt habe, um sie gegen die fernere Einwirkung des Lichtes zu schüzen. Diesen Umstand entdekte ich aber erst, nachdem ich schon eine bedeutende Uebung in dieser Kunst erlangt hatte, denn anfangs glaubte ich, daß alle diese Gemälde mit der Zeit undeutlich werden müßten, wenn man sie nicht auf irgend eine Art gegen die Veränderung präparirt. Die Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, daß es wenigstens zweierlei oder dreierlei Methoden gibt die Bilder zu erzeugen, so daß sie unverändert bleiben, wenn man sie nur gegen die directe Einwirkung des Sonnenlichts verwahrt; allein ich kann noch nicht bestimmt angeben, auf welchem Umstande diese Halbdauer beruht oder was für ein Verfahren am besten eingeschlagen wird, um sie zu erzielen. Da ich aber gefunden habe, daß gewisse Bilder, ohne gegen die Einwirkung des Lichts zubereitet worden zu seyn, nach einem und sogar zwei Jahren ganz weiß und unversehrt blieben, während andere, die auf eine abweichende Weise dargestellt waren, in einem bis zwei Monaten ganz dunkel wurden, so glaube ich auf diesen sonderbaren Umstand aufmerksam machen zu müssen. Ob er von großem Werth ist, weiß ich nicht; vielleicht wird man es in der Regel für zwekmäßiger halten, noch die geringe Mühe anzuwenden und die Bilder gegen das Licht zu präpariren, um so wehr, da sie dann dem Sonnenschein ausgesezt werden können, während die nicht präparirten, wenn man sie auch ein Jahr nach ihrer Darstellung aus der Mappe nimmt, keinem sehr starken Licht ausgesezt werden können, ohne sich zu verändern. Für Naturforscher, welche entfernte Länder bereisen, gestattet jedenfalls dieses halbdauerhafte Papier, welches Jahre lang im Schatten weiß bleibt, eine nüzliche Anwendung; denn anstatt die Pflanzen zu troknen und mitzunehmen, brauchen sie dieselben nur auf solches Papier |471| abzubilden und es in ihre Mappe zu legen. Dieses eigenthümliche Papier hat zwar meistens den Fehler, daß der Grund nicht gleich ist; dieß kommt jedoch nicht in Anschlag, wenn man nur auf den Nuzen und nicht auf die Schönheit der Wirkung sieht.

Silhouetten. Für Schattenrisse oder Silhouetten wird meine Methode ganz besonders sich eignen.

Glasmalereien. Die Schattenrisse, welche man bekommt, wenn man Glasgemälde dem Sonnenlicht aussezt, sind sehr hübsch. Das Glas selbst sollte um die Malerei herum geschwärzt seyn, wie man es z.B. für die magische Laterne oft anwendet. Auch sollte in den Glasgemälden kein lebhaftes Gelb oder Roth vorkommen, weil diese die violetten Lichtstrahlen, welche die einzig wirksamen sind, aufhalten. Die so erzeugten Bilder sind vielleicht den durch des Künstlers Pinsel producirten ähnlicher als alle anderen. Nur in diesen Bildern sind auch, soweit bis jezt meine Beobachtungen reichen, Anzeichen von Farbe.

Anwendung auf das Mikroskop. Die Anwendung meiner Methode zum Abzeichnen von Gegenständen mittelst des Sonnenmikroskops dürfte besonders nüzlich und wichtig werden. Das wundervolle Bild, welches das Sonnenmikroskop hervorbringt, mußte mich natürlich auf den Gedanken führen, ob es nicht möglich seyn sollte zu bewirken, daß es sich selbst auf Papier abdrukt, so daß der unnachahmliche Pinsel der Natur unsere unvollkommenen, langwierigen und fast hoffnungslosen Versuche so verwikelte Gegenstände zu copiren, ersezen müßte.

Meine ersten Bemühungen in dieser Hinsicht hatten keinen Erfolg. Obgleich ich einen schönen Sommertag wählte und ein gutes Bild meines Objects auf präparirtes Papier warf, so fand ich doch nach Verlauf einer Stunde, daß keine Einwirkung Statt gefunden hatte. Ich war daher fast versucht, diesen Versuch aufzugeben, als ich auf die Vermuthung kam, daß das gewöhnliche Chlorsilber wohl nicht als die empfindlichste Substanz für die Lichtstrahlen zu betrachten seyn dürfte. Es wurde daher eine Reihe von Versuchen angestellt, um den Einfluß verschiedener Bereitungsarten desselben kennen zu lernen, und ich fand auch, daß es hienach sehr abweichende Resultate liefert. Ich habe diesen Gegenstand hauptsächlich aus einem praktischen Gesichtspunkt betrachtet, denn was die Theorie betrifft, so gestehe ich, daß ich noch keinen Grund auffinden kann, warum auf die eine Art bereitetes Papier empfindlicher seyn sollte, als auf die andere Art dargestelltes.

Das Resultat dieser Versuche war, daß ich eine Methode entdekte, |472| ein höchst empfindliches Papier zu bereiten, womit sich, was vorher nur theoretisch möglich schien, nun wirklich realisiren ließ.

Bringt man ein Blatt von diesem empfindlichen Papier in eine dunkle Kammer und läßt das vergrößerte Bild irgend eines Gegenstandes durch das Sonnenmikroskop darauf fallen, so wird man nach Verlauf von beiläufig einer Viertelstunde das Gemälde vollendet finden. Ich habe noch keine sehr bedeutenden Vergrößerungen versucht, wegen der daraus folgenden Verschwächung des Lichts. Ein empfindlicheres Papier würde aber eine stärkere Vergrößerung wünschenswerth machen. Als ich ein vor etwa drei Jahren dargestelltes derartiges Bild in Vergleich mit seinem Objecte abmaß, ergab sich, daß lezteres 17 Mal im linearen Durchmesser, folglich in der Fläche 289 Mal vergrößert ist.

Hält man mein empfindliches Papier gegen ein Fenster, aber nicht gegen eines, wodurch die Sonne scheint, sondern gegen ein in der entgegengesezten Richtung befindliches, so fängt es sogleich an sich zu färben. Aus diesem Grunde muß man das Papier, wenn man es am Tageslichte bereitet hat, niemals unbedekt lassen, sondern sobald es fertig ist, in eine Schublade verschließen und darin troknen lassen, oder bei Nacht durch die Wärme eines Feuers. Ehe ich dieses Papier zum Abzeichnen eines Gegenstandes benuze, nähere ich es gewöhnlich kurze Zeit dem Lichte und färbe es also absichtlich sehr schwach, um mich zu überzeugen, daß der Grund gleichförmig darüber vertheilt ist. Ist dieß bei einer solchen Probe der Fall, so wird in der Regel bei vollständiger Einwirkung des Lichts darauf das Resultat dasselbe seyn; sind hingegen einige Stellen oder Fleken darin, welche nicht dieselbe Färbung annehmen wie die übrigen, so muß ein solches Blatt Papier verworfen werden, denn sonst läuft man Gefahr, bei Anwendung desselben anstatt eines gleichförmig dunklen Grundes, der für die Schönheit der Zeichnung wesentlich ist, große weiße Fleken zu erhalten, welche ganz unempfindlich für die Einwirkung des Lichts sind. Auf diesen sonderbaren Umstand komme ich später wieder zurük.

Ein Papier, welches so empfindlich für das Licht eines gewöhnlichen Fensters ist, muß es natürlich noch weit mehr für das directe Sonnenlicht seyn. Lezteres wirkt in der That auch so schnell, daß man beinahe sagen kann, das Bild ist eben so schnell vollendet als begonnen. Bei vollem Sonnenscheine habe ich in einer halben Secunde Bilder mit ganz deutlichen Umrissen erhalten.

Architektonische Zeichnungen und Landschaften. Ich wollte nun auch versuchen, ob es nicht möglich ist, die lebhaften Bilder der äußeren Gegenstände, welche man in der Camera obscura |473| erhält, auf dem empfindlichen Papiere zu fixiren. Da mir auf dem Lande aber keine Camera obscura von bedeutender Größe zu Gebot stand, so construirte ich mir eine solche aus einer großen Büchse, indem ich das Bild auf das eine Ende derselben durch ein im entgegengesezten Ende angebrachtes gutes Objectivglas warf. Nachdem dieser Apparat mit einem empfindlichen Papiere ausgerüstet war, wurde er an einem Sommernachmittage in einer Entfernung von beiläufig 360 Fuß von einem durch die Sonne günstig beleuchteten Gebäude angebracht. Nach anderthalb Stunden öffnete ich die Büchse und fand dann auf dem Papiere eine sehr deutliche Abbildung des Gebäudes, mir Ausnahme derjenigen Theile desselben, welche im Schatten lagen. Fortgesezte Versuche belehrten wich, daß in kleineren Camera obscurae die Wirkung in kürzerer Zeit hervorgebracht wird. Ich ließ mir daher mehrere kleine Büchsen verfertigen, worin ich Linsen von kürzerem Focus befestigte, und erhielt damit sehr vollkommene, aber außerordentlich kleine Bilder, deren Details in der That nur bei der Betrachtung mit einer Lupe erkenntlich sind.

Abbildungen von Bildhauerarbeiten. Um Bilder von Statuen zu erhalten, stelle ich dieselben an einem Orte auf, welcher von der Sonne stark bescheint ist, und bringe vor ihnen in geeigneter Entfernung und in gehöriger Lage eine kleine Camera obscura an, welche das präparirte Papier enthält.

Copien von Kupferstichen und Schriften. Durch meine Erfindung kann man sich auch sehr leicht Copien von Zeichnungen oder Kupferstichen, sowie Facsimiles von Manuskripten verschaffen. Man drükt nämlich den Kupferstich möglichst gleichförmig auf das präpariere Papier an, so daß seine geschwärzte Seite mit lezterm vollkommen in Berührung kommt; wenn der geringste Zwischenraum Statt findet, muß natürlich das Resultat schlecht ausfallen, indem dann die scharfen Striche des Originals wolkig werden. Stellt man das Papier nun an die Sonne, so dringen die Sonnenstrahlen allmählich durch dasselbe, ausgenommen an denjenigen Stellen, wo die dunklen Linien des Kupferstichs dieses verhindern. Man erhält folglich ein genaues Bild oder einen Abdruk der Zeichnung. Dieß war einer der Versuche, welche Davy und Wedgwood anstellten, er mißlang ihnen aber, weil ihr Papier nicht empfindlich genug war.

Die Zeit, welche erforderlich ist, um die Copie zu bewirken, hängt von der Dike des Papiers ab, worauf der Kupferstich gedrukt wurde. Anfangs glaubte ich, daß man mit dikem Papiere den Zwek nicht erreichen würde, dasselbe macht jedoch kein Hinderniß, und es ist genügend, wenn das Papier nur einen kleinen Theil der Sonnenstrahlen hindurchlaßt. Ist das Papier dik, so braucht man zu einer |474| guten Copie eine halbe Stunde. Auf diese Art gelang es mir, sehr kleine, complicirte und zarte Kupferstiche ganz genau zu copiren. Man könnte vermuthen, daß der Kupferstich durch das Andrüken an präparirtes Papier beschmuzt oder beschädigt würde; dieß ist jedoch nicht zu befürchten, wenn beide vollkommen troken sind. Sollte man aber auch einen Flek auf dem Kupferstiche bemerken, so kann er ohne allen Nachtheil für das Papier durch ein chemisches Agens beseitigt werden.

Bei einer auf solche Art dargestellten Copie ist freilich der Effekt des Originals ganz geändert, denn wo lezteres Licht hat, hat die Copie Schatten, und umgekehrt. Präparirt man aber die erhaltene Copie nach meiner Methode gegen das Sonnenlicht, so läßt sie sich selbst wieder als ein zu copirendes Object anwenden, und man erhält dann beim Copiren desselben Licht und Schatten an ihrer urspünglichen Stelle.

Ich habe nun noch einige Bemerkungen über den sonderbaren Umstand zu machen, daß das Papier sich bisweilen bei der Probe als ganz unempfindlich gegen das Licht Zeigt, wenn man es auch auf eine Art präparirt hat, wodurch es höchst empfindlich werden sollte. Ein sehr geringer Unterschied in der Zubereitung desselben reicht schon hin, ein so ganz verschiedenartiges Resultat hervorzubringen. Wenn man sich auch bemüht hat, ein Papier möglichst gleichförmig mit der Silberverbindung zu tränken, so kann es sich doch bisweilen treffen, daß ein Theil desselben dem Sonnenlicht ausgesezt große weiße Fleken behält, während die übrigen Stellen sehr schnell schwarz werden. Manchmal sind die Fleken blaß himmelblau und mit einem ganz weißen Rande ungemein scharf begränzt, was mit dem Schwarz der zunächst liegenden Theile sehr contrastirt. Das Verfahren bei der Zubereitung des Papiers ist der Art, daß eine von zwei bestimmten chemischen Verbindungen entstehen kann, und wenn man sich zufällig der Gränze zwischen beiden Fällen nähert, so hängt es von ganz unbedeutenden Umständen ab, welche von den beiden Verbindungen sich bildet. Daß sie beide ganz bestimmte Verbindungen sind, ist bis jezt nur eine Vermuthung von mir; jedenfalls unterscheiden sie sich aber durch ihre ungleichen Eigenschaften.

Nachdem Hr. Talbot diese Bemerkungen der Royal Society mitgetheilt hatte, machte er bald darauf sein Verfahren, das empfindliche Papier zu bereiten und die erhaltenen Bilder gegen die fernere Einwirkung des Lichts zu schüzen, in folgendem Schreiben an Hrn. Biot (dd. 20. Febr.) bekannt:

„Zur Bereitung des photogenischen Papiers wähle ich ein festes |475| Papier von guter Qualität (sehr feines Briefpapier), tauche es in eine schwache Auflösung von Kochsalz und wische es dann mit einem leinenen Lumpen ab, damit das Salz möglichst gleichförmig indem Papier vertheilt ist; dann überziehe ich eine Seite des Papiers mit einer Auflösung von salpetersaurem Silber, welche mit Wasser verdünnt ist.105) Man troknet es nun am Feuer und kann sich desselben sogleich bedienen. Wenn man diesen Versuch auf verschiedene Art wiederholt, so wird man finden, daß ein gewisses Verhältniß zwischen der Menge des Salzes und derjenigen der Silberauflösung existirt, welches man vorzugsweise anwenden muß. Vergrößert man die Menge des Salzes über diesen Punkt hinaus, so wild der Effect geringer und in gewissen Fällen kann er sogar fast Null werden. Dieses Papier läßt sich zu sehr vielen gewöhnlichen photogenischen Anwendungen benuzen; so lassen sich besonders im Sommer die vollkommensten Bilder von Blättern und Blumen damit erzeugen.

„Breitet man nun ein so zubereitetes Blatt Papier über einer gesättigten Kochsalzlösung aus und läßt es am Feuer troknen, so wird man gewöhnlich die Empfindlichkeit des Papiers sehr vermindert und bisweilen fast auf Null reducirt finden, besonders wenn man es einige Wochen aufbewahrt hat, ehe man es probirte; trägt man aber noch einmal Silberlösung darauf, so wird es wieder empfindlich gegen das Licht werden und selbst noch mehr als es früher war. Indem ich auf diese Art abwechselnd Salz und Silberlösung auf das Papier auftrage und es dazwischen jedesmal trokne, mache ich es so empfindlich, daß ich die Bilder der Camera obscura in kurzer Zeit fixiren kann.

„Ich muß jedoch hier auf einen besonderen Umstand aufmerksam machen. Indem man auf diese Art in Folge kleiner zufälliger Abänderungen zu bald mehr bald weniger genügenden Resultaten gelangt, findet man, wenn man den Versuch oft wiederholt, daß bisweilen das erzeugte Chlorsilber geneigt ist sich allmählich zu schwärzen, ohne daß es dem Licht ausgesezt wird. In diesem Falle ist man zu weit gegangen, aber doch ist dieß die Gränze, welcher man sich möglichst nähern muß, ohne sie ganz zu erreichen. Nachdem ich mir eine gewisse Anzahl von Papierblättern in etwas abweichenden Verhältnissen zubereitet habe, seze ich nummerirte Muster davon an demselben Orte eine Viertel-, oder halbe Stunde einem sehr schwachen Tageslicht aus. Findet sich dann unter diesen Mustern ein auffallend |476| besseres, so wähle ich das dieser Nummer entsprechende Papier aus und bediene mich desselben so bald als möglich nach seiner Zubereitung.

„Ich habe Ihnen nun noch das Verfahren zu beschreiben, wodurch ich die photogenischen Bilder gegen das Licht schüze oder sie fixire. Nach mehreren fruchtlosen Versuchen gelang wir dieses zuerst durch eine sehr verdünnte Auflösung von Jodkalium. Es bildet sich dann Jodsilber, worauf das Sonnenlicht gar nicht wirkt. Dieses Verfahren erheischt jedoch Vorsicht; denn wenn man eine zu starte Auflösung anwendet, könnte sie die schwarzen Theile des Bildes, welche man unversehrt lassen muß, wegnehmen; mit einer gehörig verdünnten Auflösung wird man jedoch den Zwek sehr gut erreichen. Auf diese Art zubereitete Bilder habe ich nun schon fünf Jahre lang aufbewahrt und sie während dieser Zeit schon oft dem direkten Sonnenlicht ausgesezt.106)

„Ein einfacheres Verfahren, dessen ich mich schon sehr oft bedient habe, besteht darin, die Bilder in eine starke Auflösung von gewöhnlichem Kochsalz zu tauchen, schwach abzuwischen und zu troknen.

„Je stärker das Sonnenlicht war, wodurch die Gemälde erzeugt wurden, desto wirksamer ist auch dieses Conservirungsmittel; denn alsdann wirkt die Salzauflösung nicht im Geringsten auf die schwarzen Theile des Gemäldes. Sezt man nun das Gemälde der Sonne aus, so färben sich die weißen Theile sehr oft hell lilas und werden dann unempfindlich. Bei öfterer Wiederholung dieser Versuche fand ich, daß diese violette Färbung nicht gleichförmig ist und daß Verhältnisse existiren, wobei sie nicht eintritt. Man erhält alsdann die lichten Stellen der Gemälde vollkommen weiß.

„Sir J. Herschel hat mir kürzlich eine von ihm entdekte Methode die photogenischen Gemälde gegen das Licht zu schüzen mitgetheilt, welche ich ohne seine Erlaubniß nicht bekannt machen darf; ich habe sie übrigens mit dem besten Erfolg angewandt.“

Nachdem Hr. Biot dieses Schreiben der Akademie der Wissenschaften vorgelesen hatte, nahm Hr. Dumas das Wort, um die Theorie aller dieser Operationen auseinanderzusezen. Es ist klar, daß bei Talbot's Verfahren Chlorfilber gebildet wird, wie bei den ersten Versuchen des Hrn. Daguerre und daß dieses Chlorsilber zulezt ganz schwarz werden müßte, wenn man den noch unveränderten Theil desselben nicht wieder auflösen würde. Nun löst das Kochsalz oder Chlornatrium gerade so wie das Jodkalium frisch erzeugtes Chlorsilber |477| bekanntlich leicht auf, während sie den schon geschwärzten Theil nicht aufzulösen vermögen; andererseits bildet ein Ueberschuß von Chlornatrium mit dem Chlorsilber eine Verbindung, welche viel beständiger ist und dem Licht viel mehr widersteht als bloßes Chlorsilber. Das von Herschel aufgefundene Verfahren, welches Talbot nicht mittheilt, ist nicht schwer zu errathen und beruht offenbar auf der Anwendung des unterschwefligsauren Kalis oder Natrons, welches Salz nach früheren Beobachtungen des berühmten englischen Astronomen die Eigenschaft hat, das unveränderte Chlorsilber sehr leicht aufzulösen. Man begreift hienach, daß sich die Methoden zur Darstellung photogenischer Bilder sehr mannigfaltig abändern lassen.

The Athenaeum No. 589 u. 591. Echo du monde savant No. 416.

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Unsere Leser werden sich aus der Notiz über Daguerre's Bilder in diesem Bande des polytechnischen Journals S. 253 erinnern, daß bei ihnen dasselbe der Fall ist. A. d. R.

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Die gesättigte Silberauflösung wird mit 6–8 Mal soviel Wasser verdünnt.

|476|

Die mit Jodkalium behandelten Bilder sind immer sehr blaßgelb, werden beim Erwärmen an einem Feuer dunkelgelb und erhalten beim Erkalten wieder ihre frühere Farbe.

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