Titel: Mechanische Flachspinnerei in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 71, Nr. LI./Miszelle 5 (S. 250–253)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj071/mi071051_5

Mechanische Flachspinnerei in Frankreich.

Jedermann weiß, daß Napoleon in einem Decret vom 7. Mai 1810 dem Erfinder der besten Maschine zum Hanfspinnen eine Million Fr. versprach. Er that es aus Haß gegen England, um dem Bedürfnisse von Baumwollenwaaren durch eine wohlfeilere Bereitung der Leinwand entgegenzuarbeiten, aber die Aufgabe ist seitdem von den Engländern in ihrem Interesse gelöst worden, und der Augenblik einer neuen Revolution in der Fabrication eines der verbreitetsten Erzeugnisse von Europa ist jezt auch für den Continent gekommen. Die Hanfspinnereien sind im Begriff, die lezte häusliche Manufactur zu zerstören, was ein wahres Unglük für die ganze ländliche Bevölkerung von Europa ist, und die Sache ist namentlich für Deutschland von einem sehr großen Interesse. Es ist daher wohl der Mühe werth zu sehen, wie die Sache in Frankreich, das in dieser Rüksicht mit Deutschland in derselben Lage ist, steht, und welche Schritte die Regierung thun zu müssen glaubt. Die Production von Linnen ist von großer Ausdehnung in Frankreich, und man rechnet, daß etwa 180,000 Hectaren mit Hanf und Flachs besäet werden, welche an Pachtgeld und Arbeitslohn 115 Millionen Fr. jährlich kosten, 125 Mill. Pst. Product liefern, das einen Werth von etwa 175 Will. Fr. hat. Man sieht daraus, daß Linnen noch immer ein wichtigerer Artikel geblieben ist als Baumwolle, von der nur 80 Mill. Pfd. jährlich verbraucht werden, obgleich die Baumwollenmanufacturen die Aufmerksamkeit der Regierung und des Publicums weit mehr auf sich ziehen, weil sie in den Händen großer und concentrirter Etablissements sind, welche ihre Klagen leicht vorbringen können, während die Cultur und Manufactur von Linnen eine vereinzelte häusliche Industrie ist. Aber doch haben die Klagen derselben seit einiger Zeit so zugenommen, daß man sich genöthigt sah, darauf Rüksicht zu nehmen. Der von Napoleon ausgesezte Preis hätte nämlich bald die Erfindung von Flachsspinnmaschinen zur Folge, die in mehreren Orten eingeführt wurden, ohne jedoch eine namhafte Ersparniß an Material und Arbeitslohn hervorzubringen; aber die Engländer erfanden gegen das Jahr 1825 eine Art, den Flachs vor dem Spinnen so zu bereiten, daß er sich so leicht als Baumwolle und in bei weitem einfacheren Maschinen spinnen läßt. Namentlich Marshall in Leeds überwand die Schwierigkeiten, welche das dem Flachs eigene Harz dem Spinnen entgegensezte, so vollkommen, daß sich bald eine große Menge Fabriken dieser Art erhoben.20) Leeds allein besizt deren gegenwärtig 113, und ganz England 178, und so große, daß eine einzige Fabrik in Leeds 2100 Arbeiter beschäftigt. Die Vortheile der Maschinenspinnerei über Handspinnerei sind sehr bedeutend: die Maschine spinnt wohlfeiler und gleicher; sie spinnt das Werg eben so sein als |251| den Flachs selbst, und auf eine Art, die es selbst einem geübten Fabrikanten schwer macht, den Faden von Werg von dem andern zu unterscheiden; dieser lezte Vortheil allein ist so groß, daß er bei dem großen Abgange, den früher das Werg gab, die Handspinnerei verdrängen würde. Eine Zeit lang wurde aller Flachs, der auf diese Art gesponnen ward, in England selbst verbraucht, und die Spinnereien dehnten sich auf Irland und Schottland aus, wo in Belfast und Dundee große Etablissements dieser Art entstanden. Aber nach und nach sing die Concurrenz im Innern an zur Ausfuhr anzutreiben, und im Jahre 1830 erhielt Frankreich zum erstenmal 6000 Pfd. flächsenes Maschinengarn; im Jahre 1831 stieg die Quantität auf 21,000 Pfd., im Jahre darauf auf 112,000 Pfd. Dieß erlegte die Aufmerksamkeit des Handelsrathes, der sogleich nach alter beliebter Sitte sein Universalrecept eines Prohibitivzolls darauf anzuwenden bereit war, und den ehemaligen Zoll von 12 Fr. per Centner auf 50 Fr. zu erhöhen vorschlug. Der Minister wollte ihn jedoch nur auf 25 Fr. erhöhen; die Commission der Kammer wollte nur 15 zugeben, und am Ende geschah gar nichts; denn die Ideen von Handelsfreiheit hatten schon angefangen, einen Eindruk zu machen. In der alten guten Zeit, vor 30 oder 20 Jahren, hätte man mit dem Verbote der Einfuhr angefangen, um die Errichtung einheimischer Fabriken hervorzurufen, aber diese Zeiten sind vorbei, und in der Deputirtenkammer ließen sich Stimmen hören, daß man einen Versuch machen müsse, die neue Industrie ihrem eigenen Gange zu überlassen, und daß die künstlich hervorgerufenen und durch Prohibitionen erhaltenen Industrien besser ganz unterblieben. Dieses erwachende Vertrauen von Frankreich auf seine eigenen Kräfte war ein ungeheurer Fortschritt, der aber unter dem hohlen Lärmen gewöhnlicher politischer Streitigkeiten unbeachtet vorüberging. Die Sache blieb daher beim Alten, d.h. der Zoll blieb auf 12 Fr. vom Cntr. Flachsgarn, und 7 Fr. vom Cntr. Werggarn – eine Unterscheidung, die seit der Vervollkommnung der mechanischen Spinnerei keinen Sinn mehr hätte, und deren Folge war, daß fast alles Garn als Werggarn eingeführt wurde. Unter diesen Umständen nahm die Einfuhr schnell zu: im Jahre 1833 stieg sie auf 836,000 Pfd.; im Jahre 1834 auf 1,654,000 Pfd.; im J. 1835 auf 2,590,000 Pfd.; im J. 1836 auf 3,802,000 Pfd.; im J. 1837 auf 6,400,000 Pfd., und im J. 1838 muß sie, so viel man aus den Douanentabellen der acht ersten Monate sehen kann, 12,000,000 Pfd. überstiegen haben. Die nördlichen Provinzen, welche hauptsächlich Flachs und Hanf bauen, klagten nun, daß die Einfuhr von Maschinengarn die Concurrenz des französischen Akerbaues und der Handspinnerei unmöglich mache, daß die Engländer russischen Flachs wohlfeil kaufen und als Garn in Frankreich einführen, daß daher die Produktion in Frankreich abnehme, und daß besonders die ganze weibliche Bevölkerung von der Bretagne, Normandie und Picardie durch die Concurrenz des Maschinengarnes unendlich leide, indem das Handspinnen so gut als gar nicht mehr bezahlt werde, und eine Spinnerin den ganzen Tag nur 2 Sous verdiene. Die armen Leute in der Bretagne glauben, es gehe mit Hexerei zu, und daß eine böse Fee, genannt la mère Canique (la mécanique), die sieben Fäden zugleich spinne, ihnen das Brod nehme. Die Regierung veranstaltete nun eine Enquete, deren Bericht dem Geseze zur Basis dienen sollte, das der Kammer in der gegenwärtigen Sizung vorgelegt werden soll, und diese Enquete, so wie der Bericht, der darauf gefolgt ist, sind einer der erfreulichsten Beweise, daß gesunde Ideen über Nationalökonomie in die Hauptcitadelle des Prohibitivsystems eingedrungen sind. Die Commission erklärt, daß der Akerbau kein Recht zu klagen habe, indem der Boden von Frankreich der Flachscultur vollkommen angemessen sey, und daß jede Ausdehnung des Gebrauchs von Linnen, welche durch wohlfeileres Spinnen herbeigeführt werde, am Ende dem Akerbau zu gut kommen müsse, und daß an keine directe Hülfe für ein vorübergehendes Uebel, das am Ende sich nothwendig in einen großen Gewinn für den Akerbau selbst verwandeln müsse, zu denken sey. Die Roth der Spinnerinnen wurde in der Commission mit herzbrechenden Farben geschildert, und diese erkennt an, daß der Zerfall dieser Industrie ein großes Unglük sey, daß es aber kein Mittel gebe, sie gegen die Macht der Maschinen zu retten, eben so wenig als sich die bisherigen französischen Spinnmaschinen gegen die neueren halten lassen. Diese Maschinen, sagt die Commission, machen wiederholtes Kämmen nöthig, das viel Abfall gibt; sie erfordern eine Spinnerin zu je 28–36 Spindeln, während in Leeds Eine Person 132 Spindeln besorgt. Ein Fabrikant, der bisher nach |252| diesem Systeme gesponnen hätte, ging aus Veranlassung der Enquête nach England, wo er über die Resultate der dortigen Spinnereien erstaunte. Er schrieb von Leeds, daß es ihm unbegreiflich sey, daß er so lange habe in der Unwissenheit dessen bleiben können, was bei seinen Nachbarn geschehe, und sich mit einem Systeme von Maschinerie beholfen habe, dessen Mängel ihm der erste Anblik einer englischen Spinnerei gezeigt habe. Aber, sagt er, es ist umsonst, über das Geschehene zu klagen, ich muß anfangen, auf eine neue Art zu arbeiten, und will und muß mir die vollkommensten Maschinen verschaffen. Daher rathet die Commission den Besizern alter Spinnereien, sich die Vervollkommnung ihrer Industrie angelegen seyn zu lassen, indem sie für ihre bisherige keine Aussicht auf Schuz haben. Alles concentrirt sich daher auf die Frage, was für die Errichter von Spinnereien nach dem neuen Systeme geschehen soll. Die Commission erkennt an, daß ihre Lage sehr delicat sey, ihre Maschinen können bis jezt noch nicht in Frankreich in hinlänglicher Menge gebaut werden, sie müssen sie daher aus England kommen lassen, wo ihre Ausfuhr verboten ist, und 70–100 Proc. für die heimliche Ausfuhr bezahlen. Die Maschinen sind bei der Einfuhr in Frankreich einer neuen Auflage von 15 Proc. unterworfen, und brauchen englische Arbeiter zur ersten Einrichtung. Der Fabrikant muß seine Arbeiter erst bilden, seine Steinkohlen theurer bezahlen, und mit einer schon ausgebildeten und reichen Industrie concurriren. Die Fabrikanten haben daher einen Einfuhrzoll von wenigstens 30 Proc. verlangt. Dieß wäre noch vor nicht sehr vielen Jahren mäßig erschienen, und Tuchfabrikanten, Baumwollenspinner, Eisenhüttenbesizer etc. würden es auf diesen Tag als ihren augenbliklichen Ruin ansehen, wenn sie nicht besser beschüzt wären. Aber die Commission hat ihnen geantwortet, daß es unmöglich sey, die Einfuhr von Maschinengarn durch einen hohen Zoll auch nur temporär zu unterbrechen, daß viele Fabrikstädte bloß durch diese Einfuhr (wie z.B. Chottel, Lisieux, Vilmoutiers u.s.w.) ihre Industrie wieder gehoben hätten, daß der Verbrauch linnener Stoffe sich seit zwei Jahren um ein Drittheil vermehrt habe, bloß weil die mechanische Spinnerei eine Reduktion der Preise von etwa 25 Proc. hervorgebracht habe und so die Anwendung dieser Zeuge anstatt baumwollener zu einer Menge von Zweken erlaube, wo früher baumwollene troz ihrer geringen Dauer vorgezogen worden seyen, daß bei hohen Zöllen auf Maschinengarn an Ausfuhr von Linnen gar nicht mehr zu denken wäre, und somit England vollends alle Markte in Besiz nehmen würde, und endlich, daß die französische Industrie offenbar keiner so übertriebenen Beschüzung bedürfe, um im Spinnen mit der englischen zu concurriren. Denn auf den bisherigen Zoll hin seyen nicht nur schon vier große Spinnereien entstanden, sondern vier neue werden in diesem Augenblike eingerichtet, und die Einrichtung von noch sechs anderen sey beschlossen; die bisherigen haben nicht nur mit den Engländern concurrirt, sondern verkaufen ihre Garne um 10 Procent theurer, als die englischen, weil sie mit besserem Flachs arbeiten als die englischen, welche ihn aus Rußland in mittelmäßiger Qualität einführen. Der Anstoß sey gegeben, die Fabriken können nicht liefern, so viel man von ihnen verlange, und es sey in diesem Augenblik ein großes Etablissement in Paris bloß für Erbauung der, Maschinen zu Flachsspinnereien im Gange, dessen Preise schon gegenwärtig nur 20 Proc. höher als die englischen seyen, und das die sichere Hoffnung gebe, daß sie bald zu denselben Preisen werden geliefert werden. Die französischen Fabriken seyen in der Mitte der Gegenden, welche das Material hervorbringen, und wenn sie noch in irgend einem Nachtheile stehen, so sey die bisherige Beschüzung durch einen Zoll, der auf 15 Proc. berechnet sey, wehr als hinlänglich. Dagegen erkennt die Commission an, daß die Einfuhr der Maschinen erleichtert werden müsse, und schlägt vor, daß der Zoll auf Einfuhr der Spinnmaschinen aufgehoben werde, bis England die Ausfuhr derselben erlaube. Ferner erkennt sie an, daß die Unterscheidung des Zolls zwischen Garn aus Flachs und aus Werg wegfallen müsse, indem diese beiden Produkte nicht mehr unterschieden werden können, und schlägt daher vor, anstatt der respectiven Zölle von 7 und 12 Fr. per Centner das Garn von Flachs und Werg in den Nummern 1–20 mit 10 Fr., in den Nummern 20–40 mit 30 Fr., in den höhern mit 50 Fr. zu belegen, d.h. mit höchstens 10 Proc. Die Commission sezt hinzu: „Man wird sagen, dieß sey eine kleine Beschüzung und ein unbedeutender Zoll auf eine Waare, die Frankreich hervorzubringen ein so großes Interesse habe; aber wir glauben, daß in unserer Zeit die Industrie in Frankreich hinlänglich Vertrauen auf sich selbst hat, hinlängliche |253| Fortschritte gemacht hat, hinlänglich auf verbreitetere wissenschaftliche Kenntnisse und auf größere Consumtion zählen kann, als daß sie noch der Hülfe bedürfte, welche ihr die Gesezgebung ehemals gewährte.“ Wenn man bedenkt, daß diese Phrase von dem französischen Handelsministerium ausgeht, so wird man darin den baldigen und gänzlichen Ruin des Prohibitivsystems, dieses größten Irrthums neuerer Zeit, erkennen, denn wenn es hier fällt, so wird man nirgends mehr versuchen, es zu vertheidigen. (Augsb. Allgem. Zeitung.)

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Man vergleiche über dessen Manufactur das polyt. Journal Bd. LXVI. S. 75.

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