Titel: Nachträgliches über Daguerre's Erfindung die Bilder der Camera obscura zu fixiren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 71, Nr. LI./Miszelle 7 (S. 253–254)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj071/mi071051_7

Nachträgliches über Daguerre's Erfindung die Bilder der Camera obscura zu fixiren.

Wir fügen der im vorhergehenden Hefte S. 173 enthaltenen Notiz über Daguerre's Erfindung, nachdem der Bericht Arago's darüber im Compte rendu der Pariser Akademie (Echo du monde savant, No. 404) erschienen ist, noch Folgendes bei: Aus den Tafeln des Hrn. Daguerre produciren sich die Bilder wie eine Tuschzeichnung; man unterscheidet darauf nur Weiß, Schwarz und Grau, nur Licht, Dunkelheit und Halbschatten. Die Formen der äußeren Gegenstände werden aber durch das Licht auf den präparirren Tafeln mit einer fast mathematischen Genauigkeit producirt; die photometrischen Verhältnisse der verschiedenen weißen, schwarzen und grauen Theile sind genau beibehalten) aber Halbschatten repräsentiren das Roth, Gelb, Grün etc.

Die zur Ausführung eines Gemäldes nöthige Zeit ist, wenn man kräftige Töne erzielen will, nach der Lichtstärke und folglich nach der Tages- und Jahreszeit verschieden. Im Sommer und Mittags reichen in unserem Klima acht bis zehn Minuten hin; in anderen Klimaten aber, z.B. in Aegypten, könnte man sich wahrscheinlich auf zwei oder drei Minuten beschränken.

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Hr. Daguerre mußte, um seinen Zwek zu erreichen, nicht nur eine Substanz entdeken, welche gegen die Einwirkung des Lichts empfindlicher als alle diejenigen ist, womit sich die Physiker und Chemiker schon beschäftigt haben; sondern er mußte auch ein Mittel ausfindig machen, wodurch man ihr diese Eigenschaft jeden Augenblik wieder benehmen kann, und dieß gelang ihm auch, denn feine Zeichnungen können, nachdem sie fertig sind, der Sonne ausgesezt werden, ohne sich dadurch im Geringsten zu verändern.

Das von Hrn. Daguerre benuzte Präparat unterscheidet sich jedoch nicht bloß durch feine außerordentliche Empfindlichkeit von dem Chlorsilber. Lezteres ist bekanntlich vor ihm schon zum Zeichnen von Silhouetten benuzt worden; es ist weiß und das Licht schwärzt es; der weiße Theil der Bilder wird also auf der Chlorsilberschichte schwarz, während im Gegentheile die schwarzen Theile weiß bleiben. Auf Daguerre's Tafeln wird aber die Zeichnung dem Gegenstande ganz ähnlich; denn das Weiß entspricht dem Weiß, die Halbschatten den Halbschatten, das Schwarz dem Schwarz.

Daguerre's Entdekung ist keineswegs ein unerwarteter glüklicher Fund, sondern die Frucht langjähriger Versuche. Schon auf dem jezigen Standpunkte derselben läßt sich voraussehen, daß sie nicht ohne wichtige Folgen für Kunst und Wissenschaft bleiben wird. Die Darstellung der Gegenstände ist so vollkommen, daß die Bilder, wenn man sie mit dem Vergrößerungsglase untersucht, selbst die kleinsten Details zeigen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben. Man erhält also keine Nachahmung mehr, sondern die absolute und vollkommene Wahrheit, und ein Reisender braucht künftig nicht mehr zeichnen zu können, um bessere Bilder von Monumenten und Ansichten von Gegenständen mitzubringen, als der größte Maler sie hätte liefern können. Bei Landschaften hat die Methode den Nachtheil, daß die Bäume etwas undeutlich werden, theils weil die grünen Lichtstrahlen die Materie, womit die Platte bedekt ist, weniger zu afficiren scheinen, theils weil die Blätter immer etwas vom Winde bewegt werden, was natürlich den Eindruk verwischt; aber für Gebäude, für Kunstwerke, für Gebirge, für Perspektive ist sie unvergleichlich. Für Portratiren hat sie den Nachtheil, daß die Augen des Modells sich immer etwas bewegen und daher undeutlich werden; aber für Copien von Gemälden ist sie vortrefflich. Die erste Anwendung, die auf wissenschaftliche Gegenstände gemacht werden wird, besteht ohne Zweifel im Fixiren der Bilder, welche das Mikroskop gibt, und man kann bei Hrn. Daguerre mikroskopisch vergrößerte und so fixirte Insekten sehen, welche ahnen lassen, welche Erleichterung seine Erfindung den Physiologen gewahren muß, die bisher mit so vieler Mühe und mit Aufopferung ihrer Augen nach dem Mikroskop zeichnen mußten.

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