Titel: Ueber die Einrichtung der englischen Flachsspinnereien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 72, Nr. XXIX. (S. 110–115)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj072/ar072029

XXIX. Ueber die Einrichtung der englischen Flachsspinnereien.15)

Aus Dr. Ure's Dictionary of arts, manufactures and mines.

Mit Abbildungen auf Tab. III.

Wir wollen hier, sagt Hr. Dr. Ure am Schlusse des im angeführten Werke dem Flachse gewidmeten Artikels, in einigen Umrissen |111| die Einrichtung der wichtigsten Säle einer dermaligen Flachsmühle zeigen.

Fig. 14 ist ein der Zubereitung des Werges gewidmeter Saal, in welchem man folgende Maschinerien bemerkt. A die sogenannte Lap- oder Wikelmaschine. B eine Vorkraze (breaker card) von 4 Fuß. C eine dergleichen von 3 Fuß 6 Zoll. D eine Feinkraze (finisher card) von 3 Fuß mit drei sogenannten Wokern. E die zweite Band- oder Ziehmaschine (second drawing) für geschnittenes Werg (cut tow), 5 Köpfe (heads). F die erste Bandmaschine (first drawing) für geschnittenes Werg, 4 Köpfe. G die Vorspinnmaschinen für geschnittenes Werg, zu 32 Spindeln. H die Vorkraze von 4 Fuß. I die Feinkraze von 4 Fuß. K die erste Bandmaschine für langes Werg (long tow), 3 Köpfe. L die zweite Bandmaschine für langes Werg, 4 Köpfe. M die Vorspinnmaschinen für langes Werg, zu 4 Spindeln.

Fig. 15 ist ein der Zubereitung des Werges gewidmeter Saal, worin A die erste Bandmaschine für geschnittenen Flachs (cut line); B die zweite derlei Maschine, 4 Köpfe; C die dritte, 5 Köpfe; D die Vorspinnmaschinen für geschnittenen Flachs, jede zu 32 Spindeln; E die erste Bandmaschine für langen Flachs (long line); F die zweite derlei Maschine, jede zu 4 Köpfen; G die dritte, jede zu 4 Köpfen; H die Vorspinnmaschinen für langen Flachs, jede zu 16 Spindeln.

Fig. 16 zeigt die Einrichtung eines Spinnsaales.

I. Der Flachszubereitungssaal enthält:

1) Die Hechelmaschinen (heckling machines) mit den Hecheln;

2) die Flachsausbreiter (line spreaders) oder die ersten Bandmaschinen;

3) die zweiten Bandmaschinen (frames for the second drawing), jede zu 3 Köpfen;

4) die dritten Bandmaschinen (frames for the third drawing), jede zu 4 Köpfen;

5) die Vorspinn- oder Lokenmaschinen (roving frames), jede zu 16 Spindeln;

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6) die sogenannten Sparefallers für die erste Bandmaschine mit Hecheln (gills);

7) die Sparefallers für die zweite und dritte Bandmaschine mit Hecheln;

8) dieselben für die Vorspinnmaschine.

II. Der zum Zurichten des geschnittenen Flachses bestimmte Saal enthält:

1) Hechelmaschinen (excentrische);

2) die Schneid- oder Brechmaschine (cutting or breaking machine);

3) die Flachsausbreiter oder ersten Bandmaschinen;

4) die zweiten Bandmaschinen, jede zu 4 Köpfen;

5) die dritten Bandmaschinen, jede zu 5 Köpfen;

6) die Regulator-Vorspinnmaschinen (frames for regulator roving), jede zu 32 Spindeln;

7) Sparefallers mit Hecheln für die ersten Bandmaschinen;

8) deßgleichen für die zweiten und dritten Bandmaschinen;

9) deßgleichen für die Vorspinnmaschinen.

III. Der zum Zurichten von langem oder ungeschnittenem Flachswerg bestimmte Saal enthält:

1) Die Lapmaschine;

2) die Vorkrazen (breaker cards) von 4 Fuß Durchmesser;

3) die Feinkrazen (finishing cards) von gleichem Durchmesser;

4) die ersten Bandmaschinen, jede zu 3 Köpfen;

5) die zweiten Bandmaschinen, jede zu 3 Köpfen;

6) die Vorspinnmaschinen, jede zu 16 Spindeln;

7) die Sparefallers mit Hecheln für die ersten und zweiten Bandmaschinen;

8) deßgleichen für die Vorspinnmaschinen.

IV. Der zum Zurichten von geschnittenem Flachswergs bestimmte Saal enthält:

1) Die Lapmaschine;

2) die ersten Vorkrazen von 4 Fuß Durchmesser;

3) die zweiten Vorkrazen von 3 Fuß 6 Zoll Durchmesser;

4) die Feinkrazen mit 8 Wokern (wockers);

5) die ersten Bandmaschinen, jede zu 4 Köpfen;

6) die zweiten Bandmaschinen, jede zu 5 Köpfen;

7) die Regulator-Vorspinnmaschinen, jede zu 32 Spindeln;

8) die Sparefallers mit Hecheln für die ersten und zweiten Bandmaschinen;

9) deßgleichen für die Vorspinnmaschine.

V. Die zum Spinnen des Flachses und Werges bestimmten |113| Säle enthalten Spinnmaschinen mit einer Spindelzahl, welche der Anzahl obiger Vorbereitungsmaschinen und mithin der Quantität und Qualität des zu erzeugenden Flachsgarnes entspricht.

VI. Die für die verschiedenen Geräthe und Werkzeuge bestimmten Räume.

Hiezu habe ich noch folgende erläuternde Bemerkungen anzufügen:

Der lange oder ungeschnittene Flachs wird in Garn versponnen, wovon im Durchschnitte 30 Gebinde (leas) auf das Pfund gehen.

Jede Hechelmaschine liefert im Durchschnitte täglich 4 1/2 Cntr., wovon 200 Pfd. Flachs und 266 2/3 Pfd. Werg. Mit drei Maschinen erhält man also in Summa 600 Pfd. Flachs und 800 Pfd. Werg.

Obige Aufzählung enthält drei Flachs-Zubereitungssysteme, von denen jedes besteht aus:

einem Flachsausbreiter (line spreader) oder einer ersten Bandmaschine;

einer ersten Bandmaschine zu 3 Köpfen; einer zweiten deßgleichen, jede zu 2 Wiklern;

einer deßgleichen zu 4 Köpfen; einer dritten deßgleichen, deßgleichen;

zwei Vorspinnmaschinen von 32 Spindeln, welche ungefähr 640 Spinnspindeln zu versehen im Stande sind;

einem für Zufälle bereit gehaltenen Flachsausbreiter.

Obige Aufzählung enthält drei Systeme für die Zubereitung von ungeschnittenem Werge, und jedes dieser Systeme besteht aus:

einer Vorkraze;

zwei Feinkrazen;

einer ersten Bandmaschine mit 3 Köpfen, jeden zu 4 Wiklern;

einer zweiten Bandmaschine mit 4 Köpfen, jeden zu 4 Wiklern;

2 1/3 Vorspinnmaschinen zu 37 Spindeln, welche ungefähr 660 Spinnspindeln zu versehen im Stande sind;

einer Lapmaschine, welche für 2 oder 3 Systeme hinreicht;

einer Feinkraze für außerordentliche Fälle.

Die Aufzählung enthält 2 Systeme von Hechelmaschinen für geschnittenen Flachs, von denen eines aus 8 oder 10 Maschinen besteht; für gröbere Arbeit sind 8 nach einander immer feinere und feinere Maschinen genügend; für die feinsten hingegen sind 10 bis 12 erforderlich. Jedes System erzeugt täglich zwischen 2 und 300 Pfund rohen Flachs, welcher im Durchschnitte in 170 Pfd. Flachs und 280 Pfd. Werg getheilt wird. Dieß wird beiläufig zur Speisung des fünften, in der Aufzählung enthaltenen Systemes genügen. Dieses System besteht aus:

|114|

einem Flachsausbreiter oder einer ersten Bandmaschine;

einer zweiten Bandmaschine zu 4 Köpfen, jeden zu 4 Wiklern;

einer dritten Bandmaschine zu 5 Köpfen, jeden zu 4 Wiklern;

einer Vorspinnmaschine zu 32 Spindeln, welche beiläufig 480 Spinnspindeln versehen.

Die Aufzählung enthält 2 Systeme von Zubereitungsmaschinen für geschnittenes Flachswerg, und jedes dieser Systeme besteht aus:

zwei zweiten Vorkrazen;

vier Feinkrazen;

vier ersten Bandmaschinen zu 4 Köpfen, jeden zu 4 Wiklern;

vier zweiten Bandmaschinen zu 5 Köpfen, jeden zu 4 Wiklern;

vier Regulator-Vorspinnmaschinen mit 128 Spindeln, welche gegen 1800 Spinnspindeln versehen.

Eine erste Vorkraze und eine Lapmaschine reichen für zwei oder drei Systeme aus. Als summarische Uebersicht ergibt sich hieraus:

Langer oder ungeschnittener Flachs 3 Systeme zu 640 Spindeln = 1920
Langes oder ungeschnittenes Werg 3 Systeme zu 660 Spindeln = 1980
––––––
3900
Geschnittener Flachs 5 Systeme zu 480 Spindeln = 2400
Geschnittenes Werg 2 Systeme zu 1800 Spindeln = 3600
––––––
6000
–––––
Summa der Spinnspindeln 9900

3900 Spindeln geben, 30 Gebinde Garn auf das Pfund gerechnet, täglich 9 Gebinde auf die Spindel mit beiläufig 1400 Pfd. Abfall.

6000 Spindeln geben, 100 Gebinde Garn auf das Pfund gerechnet, täglich 6 Gebinde auf die Spindel mit beiläufig 450 Pfd. Abfall.

Die Production beläuft sich also wöchentlich:

an Garn, wovon 30 Gebinde auf das Pfund gehen, auf beiläufig
1050 Boles zu 9 Schill 472 Pfd. St. 10 Sch. 0 D.
an Garn, wovon 100 Gebinde
auf das Pfd. gehen, auf beiläufig
1080 – 486 – – 0 – 0 –
–––––– ––––––––––––––––––––––
Summa 2130 958 Pfd. St. 10 Sch. 0 D.

Die Kosten dagegen sind:

an wöchentlichem Arbeitslohn, an Abgaben
150 Pfd. 0 Sch. 0 D.
am Preise des Flachses 400 – 0 – 0 –
an wöchentlichen Ausgaben 40 – 0 – 0 –
an Interesse von 60,000
Pfd. St. zu 10 Proc. 120 – 0 – 0 –
–––––––––––––––
710 – – 0 – 0 –
––––––––––––––––––––––
Bleibt wöchentlicher Gewinn 248 Pfd. St. 10 Sch. 0 D.
|115|

Die für das Flachsgarn für ganz Großbritannien angenommenen Maaße sind:

Ein Gebind (lea) Flachsgarn von Leeds ist = 300 Yards
Eine schottische Spindel (spindle scotch) = 38 Gebinden = 11400 Yards.
Ein Rand (rand) = 6 – = 1800 –
Ein Duzend (dozen) hat 12 Rands = 72 – = 21600 –

Wenn das Garn nach Nummern gerechnet wird, so bezieht sich dieß auf die Zahl der Gebinde, welche auf ein Pfund gehen, so wie bei der Baumwolle darunter die Zahl der Strähne von 840 Yards, die auf das Pfund gehen, verstanden ist.

Die Einfuhr an Flachs und Werg oder an Codilla von Hanf und Flachs zu einem Zoll von 1 D. auf den Centner belief sich für ganz Großbritannien in folgenden Jahren nach dem Gewichte auf:

1834. 1835. 1837. 1838.
811,722 Pfd. 740,814 Pfd. 1,529,116 Pfd. 1,002,256 Pfd.

Verbraucht wurde:

794,272 Pfd. 728,143 – 1,532,059 – 1,002,408 –

Der declarirte Werth der ausgeführten Leinenfabricate, mit Einschluß des Flachsgarnes, belief sich auf:

3,208,139 Pfd. St. 3,645,097 Pfd. St. 2,613,298 Pfd. St.

Wir waren, als wir die lezten Lieferungen des neuen und in vielen Hinsichten sehr schäzbaren Werkes des Hrn. Dr. Ure zur Hand nahmen, sehr begierig auf den der Behandlung und Verarbeitung des Flachses gewidmeten Artikel, und hofften darin eine ausführliche Beschreibung des in den neuesten englischen und schottischen Flachsmühlen eingeführten Fabricationssystemes zu finden. Da sich der Verf. viel mit diesem Gegenstande beschäftigt und sich auch in seinen beiden früheren Werken über das englische Fabrikwesen schon mehr oder weniger ausführlich darüber verbreitet hatte, so erwarteten wir hier nichts weniger als eine originelle und gedrängte Zusammenstellung desjenigen, was sich in der Praxis am meisten bewahrt hat, und bei dessen Verfolgung die englische mechanische Flachsspinnerei auf jene Höhe kam, auf der sie sich schon dermalen befindet, und auf der sie den Continent ebenso zu überflügeln droht, wie es die englische Baumwollspinnerei that. Leider sahen wir uns in unseren Erwartungen getäuscht; denn wir fanden den Hrn. Verf. hier in diesem Fache als einen wahren Plagiarius, indem er, ohne auch nur mit einem Wörtchen eine Andeutung zu geben, den ganzen Artikel aus der trefflichen Abhandlung entnahm, welche unser verdiente Karmarsch für Prechtl's technologische Encyklopädie über diesen Gegenstand bearbeitete. Von Anfang bis zu Ende ist diese Abhandlung wörtlich oder im Auszuge übersezt, mit Hinweglassung dessen, was Karmarsch über das Spinnen mit der Spindel und mit den verschiedenen Handspinnrädern, oder mit Hinweglassung alles dessen, was darin in Bezug auf die Leistungen der Franzosen, und namentlich des wakern Girard gesagt ist. Sogar die Beschreibungen einiger der in England patentirten Maschinen sind mehr nach den von Karmarsch gegebenen Erläuterungen derselben, als nach den englischen Patentspecificationen gehalten. Den Schluß machen Bemerkungen über das Nezen des Flachses beim Spinnen, die wörtlich aus der von dem Verf. herausgegebenen Philosophy of Manufactures, S. 222 bis S. 226 abgedrukt sind. Mit Ausnahme dieses Abdrukes und mit Ausnahme der Darstellung der inneren Einrichtung einer englischen Flachsspinnerei, die wir hier für unsere Leser ausziehen, findet man in dem ganzen Artikel nur noch folgende Zusäze zu der Abhandlung unseres Karmarsch. Bei den Vorrichtungen zum Brechen und Zurichten des Flachses die Beschreibung der im Jahre 1819 von Bundy erfundenen Maschine (polytechn. Journal Bd. II. S. 290) beigefügt. Bei den Hechelmaschinen ist das im Jahre 1833 dem Hrn. Evans ertheilte Patent (polyt. Journal Bd. L. S. 265) im Auszuge gegeben. Bei den Flachsspinnmaschinen ist das Patent der HHrn. Westley und Lawson vom J. 1833 (polyt. Journal Bd. LII. S. 434), auf welches von Karmarsch nur hingewiesen wird, ausführlicher gegeben, und endlich auch das Patent der HHrn. Hope und Dewhurst vom J. 1835 (polyt. Journal Bd. LXII. S. 162), welches Karmarsch noch nicht bekannt seyn konnte, beigefügt. Wenn demnach Hr. Ure wirklich das angegeben hat, was in den dermaligen Flachsspinnereien Englands als das Beste und Zwekmäßigste betrachtet wird, und wonach man daselbst arbeitet, so ist dieß dem deutschen Publicum aus der Abhandlung unseres Karmarsch und aus dem polyt. Journal vollkommen bekannt. Denn die besten Maschinen sind hienach die Flachshechel-Zurichtmaschinen von Wordsworth (polyt. Journal Bd. LV. S. 109), von James Kay (polyt. Journal Bd. XXVI. S. 317) und von Evans; die Flachsvorspinnmaschinen von Wordsworth (polyt. Journal Bd. L. S. 345); die Maschine der HHrn. Westley und Lawson, und die Maschine der HHrn. Hope und Dewhurst. Es fragt sich demnach nur, ob Hr. Ure mit den englischen Flachsspinnereien wirklich vertraut ist, und ob er das, was er wußte, auch aufrichtig bekannt machte. Bei dem Plagiat, welches er sich hier erlaubte, möchte in lezterer Hinsicht eben kein sehr großes Vertrauen in ihn zu sezen seyn; denn so ehrenvoll es für uns Deutsche ist, daß ein Engländer in einem Werke, welches in England noch alles Lob geerntet hatte, über die Behandlung des Flachses in allen Stadien nichts Besseres zu sagen wußte, als was ein Deutscher hierüber in einer deutschen Encyklopädie bekannt machte, ebenso wenig Ehre dürfte dem engl. Verf. die gänzliche Verschweigung der Quelle, aus der er so reichlich schöpfte, bringen.

A. d. R.

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