Titel: Golfier, über die Fabrication der Stearinkerzen.
Autor: Golfier,
Besseyre,
Fundstelle: 1839, Band 73, Nr. LXIX. (S. 284–296)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj073/ar073069

LXIX. Ueber die Behandlung der fetten Körper zur Fabrication der Stearinlichte, das Bleichen und Hartmachen der Fette, die Gewinnung des Talg- und Oehlstoffs aus der Talg- und Oehlsäure, und ihre verschiedenen Anwendungen; von Golfier-Besseyre.

Aus den Annales de Chimie et de Physique. Febr. 1839, S. 154.

Durch die schönen Untersuchungen Chevreul's über die fetten Körper, welche er im Jahre 1811 begann und im J. 1823 insgesammt bekannt machte, wurde erwiesen, daß alle Talgarten, Fette und |285| Oehle Gemenge von mehreren Substanzen sind; daß sie hauptsächlich einen festen Bestandtheil, Talgstoff genannt, und einen flüssigen, den sogenannten Oehlstoff enthalten; ferner, daß diese beiden Substanzen bei der Verseifung Veränderungen erleiden, die ihnen ganz verschiedene Eigenschaften ertheilen: sie werden nämlich zu Säuren und verbinden sich als solche mit den Alkalien zu Seifen; zersezt man diese Seifen, so erscheinen der Talgstoff und Oehlstoff nicht mehr so, wie sie vor der Verseifung waren, sondern bleiben Talgsäure und Oehlsäure, welche man leicht von einander trennen kann, weil die Talgsäure sehr zur Krystallisation geneigt ist.

Wir wollen im Nachfolgenden zuerst die technischen Verfahrungsarten angeben, welche bisher angewandt wurden, um den Oehl- und Talgstoff der fetten Körper von einander zu trennen; dann ausführlich die Methoden beschreiben, wonach man bisher die fetten Körper in Oehlsäure und Talgsäure umänderte, endlich die Verfahrungsarten, um diese Säuren von einander zu trennen und zu reinigen. Ueberdieß werden wir auch die Gestehungskosten der verschiedenen Producte, welche man aus den fetten Körpern fabricirt, einer genauen Prüfung unterziehen.

Ueber die Gewinnung des Talgstoffs und Oehlstoffs.

Bisweilen ist es sehr leicht, den Oehlstoff von dem Talgstoff, womit er in den Fetten gemengt ist, zu trennen; wenn man z.B. ein Stük Talg, Schmalz oder Butter mehrmals mit Löschpapier umwikelt und dann zwischen den Fingern zusammendrükt, so wird nur der Oehlstoff absorbirt werden, der Talgstoff aber darin zurükbleiben; wikelt man nun den Talgstoff in neues Papier, welches wieder eine Quantität Oehlstoff verschütten kann, so erhält man endlich sehr reinen Talgstoff. Wäre der fette Körper flüssig, wie z.B. die Oehle, worin Floken oder kleine Krystalle von Talgstoff suspendirt sind, so müßte man ihn vorher durch sehr dichte Leinwand filtriren, welche nur den Oehlstoff hindurchläßt. Die Temperatur, bei welcher man operirt, ist jedoch nicht gleichgültig, denn wenn sie nur etwas hoch ist, hält der Oehlstoff bisweilen den größeren Theil des Talgstoffs in Auflösung zurük; man muß also in der Regel nicht bloß die Temperatur des angewandten Körpers erniedrigen, sondern ihn auch möglichst lange kalt erhalten, weil der Talgstoff sich nicht immer sehr schnell vom Oehlstoffe, worin er aufgelöst ist, trennt. Im Allgemeinen ist gehöriges Auspressen das beste technische Verfahren zur Trennung der festen Fette von den flüssigen.

Bisweilen sind die fetten Körper an und für sich in einem solchen |286| Zustande, daß sie sich auspressen lassen. Ich besaß ein Muster Palmöhl und Cacaobutter, welche sich sehr gut auspressen ließen.

Vor Allem kommt es hiebei darauf an, den Talgstoff unter Umstände zu versezen, welche seiner Krystallisation günstig sind, und in sehr vielen Fällen bewirken seine Abscheidung scheinbar sehr unbedeutende Mittel, z.B. die Temperatur, bei welcher man die Fette schmilzt, der Wasserdampf, sehr viele Salze, Säuren, Alkalien, eine geringe Menge Alkohol oder irgend eines wesentlichen Oehls; man kann sogar auf diese Art den Talgstoff beim Reinigen der Oehle gewinnen; in vielen Fällen scheidet er sich aber in so kleinen Körnern ab, daß er sich nicht leicht in dem Filtrirzeuge zurükhalten läßt.

Bei den vielen Versuchen, welche ich über die Bereitung einer Kalkseife anstellte, beobachtete ich, daß wenn man Wasserdampf durch Talg streichen läßt, welchen man nach und nach mit 3 Proc. Aezkalk (als sehr dünne Kalkmilch) versezt, und den man sodann mit Schwefelsäure sättigt, der Talg sehr weiß, hart und zusammendrükbar wird; er ist dann etwas schwierig auszupressen, ich erhielt aber daraus doch 21,7 Proc. sehr schönen Oehlstoff, indem ich die Masse in sehr dünne Kuchen zertheilte, welche ich zwei bis drei Tage in der Presse ließ, wobei ich den Druk jedesmal nur wenig verstärkte. Dieses Verfahren ist gewiß auch eines der wohlfeilsten, um die zur Kerzenfabrication bestimmten Talgsorten zu bleichen und hart zu machen.

Ein sehr gutes Verfahren gab hiezu Hr. Lecanu an: man versezt nämlich den geschmolzenen Talg mit Terpenthinöhl und läßt ihn erkalten; der Oehlstoff läßt sich dann durch das Pressen sehr leicht abscheiden. Bei einem quantitativen Versuche, welchen ich nach diesem Verfahren anstellte, erhielt ich 36,5 Proc. Oehlstoff; man kann dann leicht ohne sonderliche Kosten das Terpenthinöhl bis auf die lezten Spuren absondern, welches wegen seines Geruchs natürlich nicht in den Producten bleiben darf. Ich würde dieses Verfahren allen anderen vorziehen, wenn ich mich überzeugen könnte, daß die aus Talgstoff verfertigten Kerzen so gut sind, wie diejenigen aus Talgsäure; Kerzen, welche ich aus sehr reinem Talgstoff47) darstellte und zwar mit denselben Dochten, die ich zu Kerzen aus Talgsäure, welche nur einmal kalt ausgepreßt worden war, verwendete, schienen mir aber bei weitem kein so starkes Licht zu geben. Doch habe ich diesen Gegenstand nicht mehr weiter verfolgt.

|287|

Verseifung der Fette oder Verwandlung ihres Oehlstoffs und Talgstoffs in Oehlsäure und Talgsäure.

Man hat lange Zeit nach Art der Seifensieder die Soda zur Fabrication dieser Körper angewandt; da uns aber die Erfahrung auf ein anderes Verfahren führte, so wollen wir dasselbe umständlich beschreiben.

Auf hundert Theile irgend eines Fettes, es mag nun Talg, Schweinefett, ranzige Butter oder Palmöhl seyn, welches leztere jezt im Handel häufig vorkommt, nimmt man 16 oder 17 Theile gebrannten Kalk und verfährt folgendermaßen: man bringt den Talg mit ein wenig Wasser in eine Kufe aus astfreiem Tannenholze; in den Boden derselben muß eine von einem Dampfkessel hergeleitete Röhre einmünden, welche durch einen Hahn abgesperrt werden kann; diese Röhre muß ferner an ihrem Ende ringsherum durchlöchert seyn oder sich in eine Brause endigen, damit sich der Wasserdampf gleichförmiger in der Masse vertheilt.

Während das Fett schmilzt, löscht man den Kalk ab und verdünnt ihn mit Wasser zu einer Milch, welche man durch ein Sieb in die geschmolzene Masse in die Kufe gießt (sollte der Kalk Steine enthalten, so bleiben diese auf dem Siebe zurük und können dann durch ein gleiches Gewicht reinen Kalks ersezt werden).

Der Wasserdampf muß ohne Unterbrechung bis zum Ende der Operation einströmen; die Dauer derselben hängt von der Quantität des angewandten Fetts ab (bei 59 Kilogr. sind etwa sechs Stunden erforderlich). Daß die Operation beendigt ist, läßt sich übrigens sehr leicht erkennen, indem sich die Seife fast augenbliklich körnt und ein ganz anderes Aussehen annimmt.

Dann schreitet man zur Zersezung der Seife, und bringt sie zu diesem Ende mittelst eines großen Schaumlöffels in eine Kufe, welche neben derjenigen, worin die Verseifung vorgenommen wurde, aufgestellt ist, und worin man bereits zweimal soviel concentrirte Schwefelsäure, als vorher Kalk angewandt wurde, mit ihrem doppelten Volumen Wasser vermischt hat; man läßt den Wasserdampf in diese Kufe strömen, worauf die Zersezung bald erfolgt und die fetten Säuren sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit ansammeln, während der schwefelsaure Kalk in dem Maaße, als er sich bildet, die auf der Oberfläche schwimmende Seifenkörnermasse beständig zerreißt und die Flüssigkeit so gut aufrührt, daß die Operation sehr rasch von Statten geht.

Nach beendigter Operation sperrt man den Dampfhahn ab, läßt die Masse einige Zeit in Ruhe und bringt dann den fetten Körper in eine andere Kufe (etwa diejenige, worin man die Verseifung |288| vorgenomen hat), wäscht ihn darin mit Wasser aus, wobei man stets einen Dampfstrom einleitet, welcher das Erwärmen und Umrühren zugleich verrichtet; hat man beim Probiren des Wassers gefunden, daß das Product hinreichend ausgewaschen ist, so sammelt man es und gießt es in Krystallisationsgefäße, worin man es bis zum anderen Tage stehen läßt.

Die erkaltete Masse wird nun zertheilt, um daraus Kuchen bilden zu können, welche in eine hydraulische Presse gebracht werden; hiebei verfahre ich folgendermaßen. Ich lasse mir einen hölzernen Rahmen verfertigen, welcher für alle Größen und Diken meiner Kuchen ausreicht; ein Mann bringt von der zertheilten Masse mittelst eines hölzernen Rührers schnell möglichst viel in den Rahmen und stellt ihn dann mit Masse gefüllt auf eine rechtwinkelige Platte, die auf demselben Tische befestigt ist; diese Platte oder Tafel muß so zugeschnitten seyn, daß sie den Rahmen genau ausfüllt, denn durch sie soll die Masse aus dem Rahmen verdrängt werden, so daß man sie leicht aus demselben heraus in einen bereits hiezu gefalteten Zeug treiben kann.

Zu diesem Auspressen eignen sich die croisirten hanfenen Trilliche des Hrn. Klimmerath und des Hrn. J. D. Kammerer zu Straßburg48) besonders gut, deßgleichen die Wollen- und Haargewebe des Hrn. Daniel-Bériot zu Lille. Ehe ich dieselben kannte, habe ich viel Geld unnüz aufgewandt.

Die Kuchen werden also in hanfene Trilliche oder in Wollenstoffe (malfil genannt) eingewikelt. Einige Fabrikanten wenden zum kalten Auspressen nur Hanfgewebe und andere zu beiden Operationen nur Wollenstoffe an; diese Zeuge, welche die auszupressende Masse auf allen vier Seiten umgeben, werden gewöhnlich Sake genannt und zu dreien neben einander in die Presse gebracht, deren untere Platte zuvor mit Weidengeflecht belegt worden ist; man bedekt die drei ersten Säke mit einer Platte aus starkem Eisenblech, auf welche man noch ein Weidengeflecht, dann drei andere Säke legt und so fort abwechselnd ein Weidengeflecht, eine Reihe Säke und eine Blechplatte. Wenn die Presse möglichst beschikt ist, gibt man einige Kolbenstöße mit der großen Pumpe49); nachdem man dann mehrmals den Cylinder steigen ließ, öffnet man den Hahn, um die Pression aufzuheben und sezt neuerdings Reihen von Weidengeflecht, Säken und Blechplatten ein. Endlich, wenn man glaubt, daß die Presse |289| gehörig gefüllt ist, fängt man an vollständig auszupressen; während ein Mann die Pumpe spielen läßt, muß ein anderer sehr aufmerksam die ganze Beschikung beobachten und bei dem geringsten nachtheiligen Umstand die Erhöhung der Pression einstellen lassen, z.B. wenn er Fett in feinen Nudeln austreten sieht, in welchem Falle das Pumpen eingestellt wird und man die Nudeln mit den Fingern auf den Oeffnungen zerdrükt, um die kleinen Löcher mit der daraus entweichenden Substanz selbst zu verstopfen. Uebrigens ist es gut, wenn man das kalte Auspressen, besonders Anfangs, nicht zu sehr beschleunigt; besser ist es, nur von fünf zu fünf Minuten einen oder zwei Kolbenstöße zu geben und die ganze Operation auf zwei Tage zu vertheilen; man erhält dann auch mehr und vorzüglicheres Product. Ich traf nicht selten im Handel Oehlsäure an, welche mir 17,3 Proc. Talgsäure lieferte; hätte man das kalte Auspressen langsamer vorgenommen, so würde man auch, wie ich, Producte erhalten haben, die in fünf Jahren und darüber noch keine Spur Talgsäure absezen.

Ich habe bei dem beschriebenen Verfahren empfohlen, 1) daß man die fette Substanz in einem Rahmen sammelt, damit in alle Säke gleich viel davon kommt und besonders auch, damit sie gleichförmig vertheilt wird, wo dann die Säke fast niemals zerreißen, was sonst sehr oft der Fall ist; 2) daß das kalte Auspressen sehr langsam vorgenommen wird, besonders Anfangs, weil man der Oehlsäure Zeit lassen muß, sich die kleinen Canäle, wodurch sie ausläuft, zu öffnen, wogegen sie bei raschem Auspressen nothwendig Talgsäure mitreißen muß; 3) empfahl ich Weidengeflechte unter die auszupressende Masse zu legen, um die Oberflächen zu vermehren, durch welche die Oehlsäure abläuft; 4) endlich wendet man Platten aus starkem Eisenblech an (welche so breit seyn müssen, daß sie fast das Gestell der Presse berühren), um die Bewegung der bedeutenden Anzahl von Säken, welche in eine große hydraulische Presse eingeschichtet werden, zu reguliren.

Nachdem das kalte Auspressen beendigt ist50) (wenn nämlich zwei Arbeiter die kleine Pumpe der Presse an ihrem längsten Hebel nur mehr mit Mühe in Wirksamkeit sezen können) und keine Oehlsäure mehr abläuft, dreht man den Hahn der Pumpe und entleert die Preßtücher; alle Kuchen wirft man in den Rumpf einer Schneidmaschine mit schiefen Klingen; die Preßtücher, aus welchen der Inhalt genommen ist, werden umgefaltet und in Ordnung gebracht, worauf |290| man zum Füllen der für das heiße Auspressen bestimmten Säke schreitet; hiebei sind Säke mit doppelter Naht, welche an ihrer Oeffnung breiter als am Boden sind, unentbehrlich; auch eignen sich hiezu nur dichte Wollenzeuge.

Zum heißen Auspressen ist eine horizontale Presse viel bequemer als eine senkrechte und da man sehr rasch operiren muß, so richtet man auf einer Seite die heißen Platten und auf der anderen die Säke und Haargewebe her.

Ueber die Presse stellt man ein Dampfgehäuse, welches alle erforderlichen Eisenplatten und Haargewebe (étindelles) zu fassen vermag; die Eisenplatten sind beiläufig 3 Centimeter (1 Zoll) dik und die Haargewebe bilden eben so dike Tafeln; nachdem alles Nöthige in das Dampfgehäuse gebracht ist, stellt man die Verbindung des Dampfkessels mit demselben und mit dem Kasten der Presse her, und wenn Alles gehörig erhizt ist, beschikt man die Presse möglichst rasch; hiezu ist natürlich nöthig, daß alle Säke vorher hergerichtet und auch ihr oberes Ende schon umgeschlagen ist, so daß man dieselben nur in die Presse zu legen braucht. Man zieht zwei Platten Haargewebe aus dem Dampfgehäuse heraus, schließt darin einen Sak ein und legt schnell das Ganze in den Kasten der Presse zwischen zwei heiße Blechplatten51); hierauf bringt man einen anderen Sak in ein anderes Paar Haartücher, legt ihn zwischen die vorhergehende Blechplatte und eine darauf folgende und so fort; alsdann preßt man möglichst rasch aus; man läßt ungefähr zehn Minuten in der Presse; die angewandte Masse vermindert sich hiebei sehr, ein großer Theil derselben schmilzt und lauft gefärbt in den Kasten der Presse, mit dem Wasser vermengt, welches die Haargewebe ausgeben; was aber zurükbleibt, ist die reinste und gewöhnlich außerordentlich weiße Talgsäure.

Wenn man glaubt, daß die zum Auspressen erforderliche Zeit verflossen ist, nimmt man so schnell als möglich alle Säke aus der Presse und entleert sie sogleich in eine neben derselben stehende Kiste. Das Entleeren der Säke ist um so leichter, da sie am Boden nicht so breit sind wie an der Oeffnung.

Um die Masse möglichst rein zu erhalten, braucht man sie nun bloß noch zu schmelzen und zu filtriren, wobei einige mechanische Unreinigkeiten beseitigt werden und sie eignet sich dann sehr gut zur Kerzenfabrication.

|291|

Was aus der heißen Presse abgelaufen ist, wird noch auf die von uns angegebene Art gereinigt. Bisweilen muß man jedoch das Product, wenn es durch leichte Unreinigkeiten, welche das Filtriren zu sehr erschweren, gefärbt ist, mit gehörig ausgeglühter Thierkohle und mit Eiweiß behandeln.

Jeder meiner Säke war vor dem kalten Auspressen beiläufig 40 Cent. (14'' 9''') lang, 20 Cent, breit und 5 Cent. (1'' 10''') dik, nach demselben aber nur mehr 2 bis 2 1/2 Cent.; mein Rahmen faßte beiläufig 4 Kilogr. auszupressende Masse. Die Säke für das heiße Auspressen sind vor demselben 4–5 Cent, dik, nach demselben nicht unter 1 Cent.

Von der Anwendung der Talgsäure und Oehlsäure.

Man Pflegte lange Zeit der Talgsäure bei der Kerzenfabrication etwas Wachs zuzusezen, welches, da es eher fest wird als die Talgsäure, deren Krystallisation hindert. Leztere ist nämlich ein großer Uebelstand, weil die Kerzen dadurch in den Formen zerreißen, die unversehrt herauskommenden aber kein gefälliges Ansehen haben und nicht leicht zu glätten sind. Später hat man jedoch gefunden, daß man ein eben so gutes Resultat wie bei Zusaz von Wachs erhält, wenn man die Talgsäure, sowie man sie nach obigem Verfahren gewinnt, bei möglichst niedriger Temperatur in die Kerzenformen gießt.

Im Jahre 1833 kannte ich den günstigen Einfluß der niedrigen Temperatur in diesem Falle noch nicht und half mir durch einen Zusaz von Talgstoff, welcher auf die S. 286 angegebene Weise bereitet war.

Der zwekmäßigste Docht ist nach meiner Erfahrung ein dreiflechtiger von mittelfeiner Baumwolle, der im Ganzen beiläufig 80 Fäden zählt. Manches Baumwollgarn liefert geradezu gute Dochte; in der Regel muß man es aber mit Substanzen tränken, welche die Trennung der Fädchen von einander, die zu sogenannten Räubern etc. Veranlassung gibt, verhindern können: eine dazu geeignete Flüssigkeit ist Schwefelsäure, mit ihrem 8–10fachen Volum Alkohol verdünnt, oder eine Auflösung von beiläufig 3 Theilen Boraxsäure in 100 Th. Wasser. Um das für die Zurichtung der Dochte erforderliche Verhältniß von Boraxsäure leicht und schnell zu ermitteln, zertheile ich eine gewisse Dochtlänge in mehrere Stüke, tränke sie in kalten Auflösungen von Boraxsäure, welche 1, 2, 3 und 4 Procent davon enthalten und lasse sie dann gut austroknen; hierauf tauche ich sie in die anzuwendende Talgsäure, ziehe sie sogleich heraus und sobald sie gehörig erkaltet sind, beobachte ich die Art ihres Brennens. |292| Die Dochte müssen etwas eng geflochten seyn; die Stühle, welche Hr. Cresson (rue des trois-bornes No. 26 in Paris) verfertigt, eignen sich zur Fabrication derselben ganz besonders; ein solcher Stuhl, welcher 140 Fr. kostet, macht gleichzeitig zwei Dochte und liefert davon in zwölf Stunden 200 bis 220 Ellen.

Die Kerzen werden folgendermaßen verfertigt: man benuzt dazu aus Zinn und Blei (ich glaube zu gleichen Theilen) gegossene Formen; sie sind an der Basis, welche nach Oben zu gerichtet ist, mit einer Erweiterung versehen, welche beinahe so viel Talgsäure fassen kann, als die ganze Form.52) Die Dochte werden vorher alle zurecht geschnitten und an einem Ende in geschmolzene Talgsäure getaucht, um hier die Fäden mit einander zu verbinden, damit sie sich nicht von einander trennen, sondern im Gegentheil eine Nadel, welche man quer durchfielt, aufnehmen und festhalten können. Darauf fädelt man das andere Ende in einen gebogenen Eisendraht, welcher mit einer Hornspize versehen ist, und zieht mit demselben den Docht von Oben nach Unten durch die Form, bis die am anderen Ende durchgestekte Nadel, die sich quer über die Basis der Form legt, den Docht aufhält; hierauf stekt man in das Spizenende der Form einen Holzpflok und richtet mittelst der Nadel den Docht genau in die Mitte, wobei man ihn ein paar Mal um sich selbst dreht, damit beim Brennen des Lichts der Docht sich nicht immer nach derselben Seite krümme.

Die zugerichteten Formen werden in ein Dampfgehäuse gebracht, worin sie eine Temperatur von beiläufig 55º C. annehmen; wenn dann andererseits die Talgsäure mit Dampf geschmolzen worden ist und man bemerkt, daß sie an den Rändern des Gefäßes zu erstarren anfängt, so gießt man sie schnell in die Formen, bis 4/5 der oberen Erweiterung angefüllt sind. Dieser Ueberschuß ist nöthig, damit sich die leeren Räume, welche in der Mitte der Kerze durch die bedeutende Zusammenziehung der Talgsäure entstehen, wieder ausfüllen können. Nachdem so das Gießen bei möglichst niedriger Temperatur vorgenommen wurde, läßt man die Formen auf besondern Gestellen 2 bis 3 Stunden hängen und nimmt dann die Kerzen heraus, welche man durch neue Dochte ersezt; auf diese Art kann man leicht dreimal täglich gießen. Wenn die Kerzen an der Form hängen, so stoßt man bloß die Basis derselben sanft auf einen Tisch oder besser, man hält die Form einen Augenblik in das Dampfgehäuse, worin sie sich ausdehnt, so daß die Kerze dann sehr leicht herausgeht. Geht die |293| Kerze dennoch nicht aus der Form, so ist die Form fehlerhaft und muß verworfen werden; bisweilen hat sie nämlich Löcher im Innern, welche sich dann mit Talgsäure füllen und eben so viele das Losgehen der Kerze verhindernde Anhaltspunkte bilden.

Nachdem die Kerzen aus der Form genommen sind, schneidet man den breiten Anhang an ihrer Basis ab und wirft ihn in den Kessel zum Umschmelzen; die Kerzen werden nun beschnitten, um ihnen eine gleiche Länge zu ertheilen. Dazu kann man entweder 1) ein ähnliches Messer anwenden, wie man es früher zum Tabakschneiden benuzte, wobei jedoch jede Kerze einzeln vorgenommen werden muß, oder 2) sie alle in eine Kiste bringen, deren eine Seite mit vielen Löchern versehen ist, wobei man alle über dieselben hinausreichenden Kerzenstüke mit einer Säge abschneidet; am reinsten fallen sie aber 3) aus, wenn man sie auf einer Drehebank nach Anleitung einer Schablone beschneidet, und dieses Verfahren ist auch wenigstens eben so ökonomisch, denn ein Arbeiter kann darnach in zehn Stunden leicht 30,000 Kerzen beschneiden, wenn man sie ihm bereit hält und ihm die beschnittenen immer abnimmt.

Hierauf werden die Kerzen alle nacheinander auf einen Stempel gedrükt, der auf einem Eisenblech befestigt ist, welches man durch eine darunter befindliche Lampe erhizt: das Blech ist rinnenförmig gestaltet, so daß man das von jeder Kerze Abfließende sammeln kann. Man benuzt dieses (die sogenannte pâte) dann zum Tränken der Dochte, wovon wir S. 292 sprachen.

Zulezt werden die Kerzen durch Reiben mit Flanell geglättet und dann pfundweise verpakt (ein Pfund wiegt jedoch selten über 470 bis 475 Gramme); gewöhnlich gehen fünf Kerzen auf das Pfund.

Wenn man Talgsäure in Broden verkaufen will, muß man sie einige Tage dem Thau aussezen, wobei sie etwas Wasser chemisch bindet und merklich weißer wird. Die fertigen Kerzen müssen ebenfalls sogleich dem Thau oder dem Dunst des Dampfkessels ausgesezt werden.

Die beschriebenen Verfahrungsarten scheinen mir die wohlfeilsten zur Fabrication der Talgsäure-Lichter zu seyn; durch genaue Befolgung derselben erhielt ich Kerzen erster Qualität, wovon mich das Pfund nicht ganz auf 1 Fr. 25 Cent. zu stehen kam; es kosteten mich nämlich:

|294|
25 Kilogr. geschmolzener Talg 31 Fr.
––––––––––––
diese lieferten:
15 Kilogr. Kerzen erster Qualität zu 3 Fr. das Kilogramm 45 Fr. 0 Cent.
8 Kilogr. Oehlsäure, welche wenigstens werth sind 6 – 72 –
3 Kilogr. (höchstens) Verlust 0 – 0 –
–––––––––––
Summe 51 Fr. 72 Cent.
Zieht man davon die Kosten des Talgs ab 31 Fr. 0 Cent.
–––––––––––
so bleibt Brutto-Gewinn 20 Fr. 72 Cent.
Kosten der Behandlung von 25 Kilogr.:
4 Kilogr., 25 gebrannter Kalk 0 Fr. 25 Cent.
8 Kilogr., 50 Schwefelsäure 1 – 70 –
7 Kilogr., 50 Steinkohlen 0 – 40 –
Handarbeit 0 – 90 –
Abnuzung der Apparate und Preßtücher 0 – 75 –
Unvorhergesehene Kosten 0 – 50 –
–––––––––––
Summe 4 Fr. 50 Cent. also 4 Fr. 50 C.
––––––––––––
Ueberschuß 16 Fr. 22 C.

Das Kilogramm kalt ausgepreßter Talgsäure kam mich also nur auf 1 Fr. 91 Cent. zu stehen.

Die Gestehungskosten der heiß gepreßten Talgsäure lassen sich nicht so genau angeben, weil man hie Rükstände, wovon man sehr wandelbare Quantitäten erhält, reinigen muß. Doch bin ich überzeugt, daß sie höchstens um 20 Cent. per Kilogr. höher zu stehen kommen kann; rechnen wir aber auch 30 Cent. per Kilogramm, so kostet uns das Kilogr. reine Talgsäure doch nur 2 Fr. 21 Cent.; schlagen wir dazu die Kosten für die Kerzenfabrication, welche von allen Fabrikanten zu 20 Cent. per Kilogramm angenommen werden (Papier und Bindfaden inbegriffen), so belaufen sich die Gestehungskosten eines Kilogramms Kerzen erster Qualität auf 2 Fr. 41 Cent. Bis jezt hat man aber das Pfund Talgsäure-Kerzen erster Qualität noch nicht zu 1 Fr. 50 Cent, verkauft, obgleich wir bei diesem Preise 20 Proc. vom angewandten Capital Nettogewinn hätten. Wir wollen deßhalb noch eine ausführliche Berechnung mittheilen:

1000 Pfd. Talg kosten netto im Durchschnitt 620 Fr.
und liefern im Mittel 610 Pfd. Talgsaure, wovon
das Pfund in Kerzenform jezt wenigstens 1 F. 50 C.
gilt


915 Fr.
320 Pfd. Oehlsäure, wovon das Pfund wenigstens
42 Cent, gilt

134 –
70 Pfd. Verlust (höchstens) 0 –
––––––
Summe 1049 Fr.
Davon abgezogen 620 Fr.
––––––
bleibt Brutto-Gewinn 429 Fr. 429 Fr.
|295|
Kosten zur Behandlung dieser 1000 Pfd.:
170 Pfd. gebrannter Kalk 5 Fr.
340 Pfd. Schwefelsäure 34 –
Heizungskosten 8 –
Sechs Tagelöhne 18 –
Abnuzung der Apparate und Preßtücher 15 –
Unvorhergesehene Kosten 10 –
15 Cent. per Pfd. als Kosten für das heiße Auspressen 91 –
10 C. per Pfund Kosten für die Kerzenfabrication 61 –
––––––
Summe 242 Fr. 242 Fr.
––––––
Netto-Gewinn 187 Fr.

Also 21,7 Proc. des angewandten Capitals.

Zieht man hievon den Preis der Oehlsäure ab, so ergibt sich 1 Fr. 19 Cent, für die Gestehungskosten eines Pfundes Kerzen.

Nach dem S. 286 erwähnten Verfahren würde sich die Rechnung folgendermaßen stellen:

1000 Pfd. Talg kosten netto 620 Fr.
und liefern: 610 Pfd. Talgsäure, welche zu Kerzen
verarbeitet jezt gelten

915 Fr.
220 Pfd. Oehlsäure, wovon der Centner um 42 Fr.
verkauft wird

92 –
100 Pfd. Oehlstoff, wovon das Pfd. wenigstens 4 Fr.
werth ist

100 –
–––––––
Summa 1107 Fr.
Zieht man ab 620 Fr.
–––––––
so bleibt brutto 487 Fr. 487 Fr.
Kosten der Behandlung dieser 1000 Pfund:
1) Kalk und Schwefelsäure 10 Fr.
Heizungskosten 8 –
Zwei Tagelöhne 6 –
Abnuzung der Apparate 10 –
2) Dieselben Kosten wie vorher, im Betrag von 242 –
–––––––
Summe 276 Fr. 276 Fr.
––––––
Bleibt netto 211 Fr.

Also 23,6 Proc. des angewandten Capitals; zieht man davon den Preis der Oehlsäure und des Oehlstoffs ab, so erhält man 1 Fr. 15 Cent. für die Gestehungskosten eines Pfundes Kerzen.

Wenn es sich darum handelt, den Preis der Stearinkerzen möglichst zu erniedrigen, um sie allgemein in Anwendung zu bringen, so bieten sich uns zweierlei Methoden hiezu dar: 1) man könnte Gemenge von heiß gepreßter Talgsäure mit bloß kalt gepreßter machen und würde dadurch sehr schöne Kerzen erhalten, welche mit denen erster Qualität fast den Vergleich aushielten, aber in folgendem Verhältniß wohlfeiler zu stehen kämen:

6 Kil. Säure zu 1 Fr. 88 C. = 11 Fr. 28 C.
4 Kil. Säure zu 2 Fr. 21 C. = 8 Fr. 84 C.
10 Kilogr. = 20 Fr. 12 Cent.
|296|

2) wenn man zu den Kerzen bloß kalt ausgepreßte Talgsäure verwenden würde, welche sehr troken und hart ist, sehr gut brennt und sich von der anderen nur durch einen schwachen Talggeruch unterscheidet (der übrigens um so schwächer ist, je weniger Masse man in jeden Sak bringt und je länger man sie in der Presse läßt), so würde das Kilogramm Kerzen nur auf 2 Fr. 8 Cent, zu stehen kommen.

Die Oehlsäure, welche man auf die angegebene Weise gewann, läßt man einige Zeit in guten Fässern ruhig stehen und filtrirt sie dann durch sehr dichte Zeuge. Bisher benuzte man sie hauptsächlich zum Verfälschen anderer Oehle, besonders solcher, welche an und für sich stark riechen, so daß der eigenthümliche Talggeruch der Oehlsäure verkappt wurde; man verkauft sie aber auch geradezu unter der Benennung huile de suif (das Pfund zu 65 bis 70 Cent.) an die Goldschmiede, Fabrikanten platirter Waaren, Knopfmacher etc., welche mit der Lampe löthen; sie gibt nämlich eine eben so starke Hize wie das Rüböhl und kommt überdieß wohlfeiler zu stehen.53)

Die Oehlsäure eignet sich auch ganz gut zur Seifenfabrication; um harte Seifen zu erhalten, muß man sie aber noch mit anderen Oehlen oder Fetten oder mit Harzen, welche von ihren wesentlichen Oehlen möglichst gereinigt worden sind, vermengen und mit Soda verseifen.

Wenn der Oehlstoff durch langsames und allmähliches Pressen gewonnen wurde, ist er sehr flüssig, vollkommen klar und hellgelb gefärbt. Ehe man ihn in den Handel bringt, wascht man ihn noch mit alkalischem Wasser aus, um etwas Schwefelsäure, die er noch zurükhält, und welche ihn zur Maschinenschmiere ungeeignet machen würde, daraus zu entfernen.

|286|

Er war nach Lecanu's Verfahren bereitet und schmolz bei 58º C.

|288|

Die Elle kostet bei 22 Zoll Breite 2 1/2–4 Frcs.

|288|

Ich seze voraus, daß die hydraulische Presse mit zwei Kolben, einem großen zum Beginnen und einem kleinen zum Beendigen des Pressens versehen ist. A. d. O.

|289|

Es versteht sich von selbst, daß man in Zwischenräumen und in dem Maaße als Oehlsäure ausgepreßt worden ist und folglich der Druk nachläßt, die Operation unterbrechen muß, um hinreichend dike Holzstüke in die Presse zu steken. A. d. O.

|290|

Da die heißen Platten alle an ihrem oberen Ende mit einem Oehr versehen sind, so kann man sie mittelst eines eisernen Hakens, der mit einem über eine Rolle gehenden Seil in Verbindung gebracht wird, leicht aus dem Dampfgehäuse schaffen. Uebrigens beträgt die Temperatur der Platten nie ganz 100º C. A. d. O.

|292|

Ich habe mir auch selbst mittelst der schönsten im Handel vorkommenden Stearinkerzen Formen aus Porzellanerde verfertigt. A. d. O.

|296|

Einer meiner Freunde verfährt folgendermaßen, um mit Oehlsäure eine Flamme hervorzubringen, welche zum Löthen sehr großer Stüke von Goldschmiede arbeit ausreicht: er bildet vor der Düse seiner Esse aus Kohkstüken einen Haufen, in dessen Mitte sich die Düse des Gebläses befindet; in dem Augenblik, wo gelöthet werden soll, richtet er auf die glühenden Kohks einen dünnen Strom Oehlsäure, welche sich entzündet und mittelst des Gebläses eine sehr schöne Flamme von 1–1 1/2 Fuß bildet. A. d. O.

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