Titel: Ueber die Beaufsichtigung der Dampfschiffe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 73, Nr. XVI./Miszelle 2 (S. 72–73)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj073/mi073016_2

Ueber die Beaufsichtigung der Dampfschiffe.

Bei den zahlreichen Unfällen, welche in England, noch mehr aber in Amerika sich mit den Dampfbooten ereigneten, glaubte auch die englische Regierung einige Sicherheitsmaßregeln dagegen vorkehren zu müssen. Man dachte an die Aufstellung eigener Dampfschiff-Untersucher oder Inspectoren: ein Institut, welches jedoch allgemein mit entschiedener Ungunst aufgenommen wurde. Als ein Beispiel der hierüber vorherrschenden Ansichten, ziehen wir Einiges aus einem Aufsaze aus, der im Civil-Engineer and Architects Journal in dieser Beziehung erschien. „Mit Bedauern hörten wir, heißt es nämlich daselbst, daß die Regierung, einigen müßigen Scriblern nachgebend, im Begriffe steht, dem Parlamente Maßregeln vorzuschlagen, welche der Dampfschifffahrt in hohem Grade nachtheilig werden müßten. Es handelt sich nämlich um die Aufstellung von Inspectoren, welche alle Maschinen zu untersuchen und über deren Sicherheit abzuurtheilen hätten: eine Maßregel, die nicht nur ihren Zwek verfehlen, sondern auch den wichtigsten Unternehmungen den Todesstoß geben würde. Thatsachen, und nicht das Geschwäz einer Thoren, müssen hier als Anhaltspunkte dienen; und es läßt sich durch Zahlen beweisen, daß durch die gewöhnliche Schifffahrt und durch die gewöhnlichen Kutschen jährlich verhältnißmäßig weit mehr Menschen umkommen, als durch die Dampfschisse und Dampfwagen. Dabei darf man nicht vergessen, daß viele von den mit Dampfschiffen vorgekommenen Unglüksfällen auf Rechnung der Stürme etc. kommen, und daß andere der Habsucht der Eigenthümer und der Unwissenheit der Maschinisten zugeschrieben werden müssen. Wir sehen demnach keinen Grund, warum man ein Communicationsmittel, durch welches schon so viele Millionen Menschen mit verhältnißmäßig höchst seltenen Unfällen von einem Orte zum anderen geschafft wurden, einer wahren Unterdrükung preisgeben will. Warum geht man nicht lieber an die Schiffseigner, welche Tausende von Menschenleben opfern? Weil Niemand daran denkt, ein Interesse anzugreifen, welches Macht und Mittel genug zur Abwehr hat. Warum stellt man keine Inspectoren auf, die zu entscheiden haben, ob ein Wagen mit einer schlechten Achse noch länger fahren darf oder nicht? Nur die Dampfschiffbesizer, die man nicht für hinreichend geschüzt hält, hat man sich als das Opfer ausersehen, welches dem Vorurtheile Unkundiger und der Unwissenheit der Administration gebracht werden soll! Durch die Aufstellung der Inspectoren würden die Talente aller Fabrikanten Männern untergeordnet, die, wie competente Richter sie auch in vielen Dingen seyn mögen, doch immer Vorurtheilen unterliegen werden, welche der Wissenschaft und den Interessen der Parteien gleich nachtheilig seyn müssen. Allen Verbesserungen und allen Versuchen wird ein Ende gesezt seyn, und ein Paar Männer werden die Controle über diesen ganzen so höchst wichtigen Industriezweig in Händen haben. Welcher Fabrikant wird es wagen, sich dem Veto dieser Despoten auszusezen, und welcher Capitalist wild unter diesen Umständen sein Geld noch an Versuche wagen? Wahrlich es braucht nicht viel, um einzusehen, daß dieß das notwendige Resultat einer derlei Maßregel seyn würde; denn wir haben es hier mit einer Wissenschaft zu thun, welche nichts weniger als abgeschlossen, sondern in raschem Fortschreiten begriffen ist, und in welcher nur die Zeit und Erfahrung über Vieles entscheiden können. Nehmen wir nur, wie hartnäkig sich Watt der Hochdrukdampfmaschine widersezte, und welche Meinungsverschiedenheit sogar |73| noch dermalen in dieser Hinsicht obwaltet. Ware Watt ein Dampfboot-Inspector gewesen, so hätten wir dermalen weder die Locomotiven, noch die Trevithik'sche Maschine, welche an den Gruben von Peru Wunder that! Was wäre geworden, wenn Lardner die Frage zu entscheiden gehabt hätte, ob die Dampfschifffahrt über den atlantischen Ocean thunlich ist oder nicht? Wie weit wären wir zurük, wenn man vor 30 Jahren dieses System eingeführt hätte! Und sollen wir jezt nach so vielen Anstrengungen als Opfer fallen, und verdammt seyn, hinter allen Nationen, die so vernünftig sind, die Wissenschaft nicht in Fesseln zu legen, zurükzubleiben! Ueberdieß wird aber auch noch die Maßregel ihren Zwek gar nicht erreichen. Die Inspektoren müßten so zahlreich seyn als das Zollpersonal, wenn die Untersuchungen auf eine Weise vorgenommen werden sollen, daß sie wirklich einen Schuz gewähren können. Und die Folge der Untersuchungen wird seyn, daß sich die Maschinisten etc. aller Verantwortlichkeit überhoben wähnen, und noch größere Sorglosigkeit und mithin größeres Unheil daraus entsteht. Wie schon oben gesagt, liegt der Fehler nicht an den Fabrikanten, sondern hauptsächlich in der Habsucht der Schiffseigner und in der Unwissenheit der Maschinisten. Gegen diese Uebel sind die amerikanischen Verordnungen auch hauptsächlich gerichtet. Das Genie des Fabrikanten kann keiner Regulirung von Seite eines Inspectors unterliegen; dadurch aber, daß man die Schiffseigner und Capitäne einer größeren Verantwortlichkeit unterwirft, kann Manchem abgeholfen werden.“

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