Titel: Einiges über den Eisenbahntunnel bei Kilsby.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 73, Nr. L./Miszelle 4 (S. 236–237)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj073/mi073050_4

Einiges über den Eisenbahntunnel bei Kilsby.

Zu den merkwürdigsten Bauten an der London-Birmingham-Eisenbahn gehört der Tunnel bei Kilsby, welcher im Jahre 1835 von Baucontrahenten übernommen, im Jahre 1836 aber wegen der großen Schwierigkeiten, die sich zeigten, von diesen aufgegeben, und im Oktober 1838 von der Compagnie selbst zu Ende geführt wurde. Bevor man den Bau unternahm, wurden, um sich von der Beschaffenheit des Bodens Kenntniß zu verschaffen, mehrere Probeschachte abgetäuft. Man kam hiebei meistens auf Lias-Schiefer, in welchem sich einige Steinlager befanden, und der an einigen Stellen troken, an anderen sehr wasserreich war. Beim Abläufen des zweiten Arbeitsschachtes fand man aber, daß über einem Theile des Tunnels ein Sand- und Kiesbett, welches sehr wasserreich war. lag, und daß dieser Sand so beweglich war, daß unmöglich auf gewöhnliche Weise durch ihn gebaut werden konnte. Hr. Stephenson war der Ansicht, daß das Wasser ausgepumpt, und der Tunnel dann nicht so gar schwer gebaut werden könnte. Man stellte daher Pumpen auf, und diese mußten, obwohl sie eine lange Zeit über in jeder Minute 2000 Gallons auspumpten, beinahe 9 Monate lang spielen, bevor der Sand so troken gelegt war, daß der Bau des Tunnels beginnen konnte. Der bewegliche Sand erstrekte sich in einer Länge von 450 Yards über dem Tunnel hin, und seine Bodenfläche reichte bis auf 6 Fuß unter den Bogen des Tunnels hinab. Der ganze Tunnel hat 2423 Yards in der Länge, und sollte anfänglich in einer Dike von 18 Zollen mit Baksteinen ausgemauert werden, an den meisten Stellen fand man jedoch nöthig, diese Dike bis auf 27 Zoll zu steigern. Der ganze Bau wurde entweder mit römischem oder mit metallischem Cemente geführt. Im Mai 1836 ward einer der großen Ventilirschachte begonnen und in 12 Monaten zu Ende gebracht. Er hat 60 Fuß im Durchmesser und 132 Fuß Tiefe; seine Wände sind senkrecht und durchaus 3 Fuß dik gemauert. Der zweite Ventilirschacht hat um 30 Fuß weniger Tiefe. Beide Schachte wurden von Oben nach Abwärts gebaut, indem man immer nur kleine Streken der Wände, z.B. von 6 bis 12 Fuß in der Länge und von 10 Fuß Tiefe auf einmal ausgrub. Im November 1836 brach plözlich eine große Menge Wasser in den Tunnel, und zwar an einer Stelle, an der sich keine Pumpen befanden. Das Wasser stieg sehr rasch, und um zu verhüten, daß hiedurch an dem einen Tunnelende das Erdreich nicht zu sehr aufgelokert werde, mußte man zu einer neuen Baumethode seine Zuflucht nehmen. Man baute nämlich einen großen Floß, auf den die Arbeiter und das zum Baue nöthige Material gebracht wurden, und auf dem die Arbeiten nicht ohne große Schwierigkeiten und auch nicht ohne Gefahr von Statten gingen. Man war so glüklich, alle Schwierigkeiten zu überwinden, und nach beinahe dreijähriger Arbeit den Tunnel zu Ende zu führen, was freilich einen ungeheuren Kostenaufwand veranlaßte. Während nämlich der Contract für den ganzen Tunnel anfänglich auf 99,000 Pfd. Sterl. lautete, beliefen sich die Kosten am Ende auf mehr dann 300,000 Pfd. St., so daß also der Yard ungefähr auf 130 Pfd. St. |237| zu stehen kam. Der Bau verzehrte nicht weniger als 30 Millionen Baksteine; der tiefste der Ventilirschachte verschlang allein eine Million, deren Gesammtgewicht gegen 4034 Tonnen betragen dürfte. Das Gewicht des ganzen beim Tunnel verwendeten Baumaterials läßt sich auf 118,620 Tonnen anschlagen, was der Ladung von 480 gewöhnlichen Kauffahrteischiffen zu je 300 Tonnen gleichkommt! Ende an Ende gelegt, würden die verbrauchten Baksteine 4260 engl. Meilen weit reichen. Die Quantität des ausgegraberen Erdreiches und Gesteines beträgt 177,452 Kub. Yards. Die großen Ventilirschachte sind wahre Meisterstüke der Baukunst, und entsprechen vollkommen dem Zweke, zu dem sie bestimmt sind; denn die Tunnelluft ist unmittelbar nach dem Durchgange eines Wagenzuges gleich wieder vollkommen rein. Einen Begriff von ihrer Größe erhält man nur, wenn man unmittelbar unter ihnen im Tunnel steht und die Augen nach Aufwärts richtet. (Aus dem Civ. Engin. and Archit. Journal. Jun. 1839.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: