Titel: Ueber den geschmolzenen Bergkrystall des Hrn. Gaudin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 73, Nr. LXXII./Miszelle 6 (S. 316–317)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj073/mi073072_6

Ueber den geschmolzenen Bergkrystall des Hrn. Gaudin.

Es ist Hrn. Gaudin gelungen, schreibt das Echo du monde savant, den Bergkrystall durch Schmelzung in eine fadenartige Substanz zu verwandeln. Unter den Mustern, welche Hr. Becquerel im Namen des Hrn. Gaudin der Akademie der Wissenschaften in Paris vorlegte, befand sich ein gegen 4 Fuß langer Krystallfaden, welcher strähnartig zusammengesezt war, und ein anderer, den man um den Finger wikeln konnte. Die Fäden haben eine merkwürdige Zahheit und Elasticität. Nach Gaudin ist der Bergkrystall bei einer etwas höheren Temperatur, als sie zu seiner Schmelzung erforderlich ist, sehr flüchtig, so zwar, daß ein Krystallkügelchen unter Beibehaltung seiner Kugelgestalt und lediglich in Folge der an seiner Oberfläche vor sich gehenden Verdampfung in einigen Secunden ganz verschwindet. Die Thonerde verhält sich etwas anders als die Kieselerde; sie ist minder flüchtig und stets vollkommen flüssig oder krystallisirt. Es ist schwer, sie zum klebrigen Zustande zu bringen, während die Kieselerde unter der Einwirkung des Sauerstofflöthrohres stets klebrig ist, und keine Neigung zur Krystallisation hat. Ist der Bergkrystall einmal geschmolzen, so läßt er sich durch Druk ziemlich leicht in verschiedene Formen bringen. Für die Physiker dürfte, wie Hr. Arago meint, die Anwendung der Krystallfäden von größter |317| Wichtigkeit werden, indem sie durch ihre eigenthümliche Beschaffenheit und Feuerbeständigkeit gegen die Dimensionsveränderungen geschüzt sind, welche die Metallfäden in Folge ihrer Elasticität und bei verschiedenen Temperaturveränderungen erleiden. – Einer späteren Mittheilung gemäß haben die Versuche, die Hr. Gaudin anstellte, um die Krystallfäden zu härten und anzulassen, zu ganz unerwarteten Resultaten geführt. Bringt man die Fäden nämlich in eine Platinröhre; erhizt man sie in dieser bis zum Weißglühen, und läßt man dann das Ganze von selbst abkühlen, so erscheinen die Faden, wenn man sie aus der Röhre herausnimmt, mit kleinen Splittern besezt, und in ihrem Zusammenhange beinahe vollkommen gestört. Taucht man dagegen einen zum Weißglühen erhizten Krystallfaden in Wasser, so wird er nicht bloß nicht abspringen, sondern eine außerordentliche Cohäsion und Elasticität erlangen. Ein Krystalltropfen, den man in dem Momente, wo er sich in Folge der Schmelzung von der Masse ablöst, in Wasser fallen läßt, bleibt wasserklar und bekommt keine Sprünge, obwohl das dabei stattfindende Rauschen eine starke innere Molecularbewegung andeutet. Man kann aus diesen Tropfen gute Linsen für Mikroskope anfertigen; schlägt man mit einem Hammer auf sie, so weiden sie sich eher in den als Unterlage genommenen Bakstein eindrüken als zerspringen. Wird der Schlag mit sehr großer Heftigkeit geführt, so zerspringen die Tropfen unter Lichtentwiklung. Hr. Gaudin glaubt, daß die stets gleichbleibende Klebrigkeit der Kieselerde von dem durch ihre fortwährende Verdünstung bedingter Gleichbleiben ihrer Temperatur herrühre. Der Kieselerdedampf färbt die Löthrohrflamme gelb; jener des Kalkes oder der Wittererde färbt sie orange; jener des Chromoxydes purpurfarben. Smaragd läßt sich vor dem Löthrohre sehr gut in Fäden ausziehen, welche den Quarz rizen und eine größere Zähigkeit haben, als die Quarzfäden. Der Pariser Pflasterstein spinnt sich wie der Bergkrystall, seine Fäden sind aber nicht durchsichtig, sondern perlmutterfarbig und seidenartig, so zwar, daß man sie für Seide und die aus ihnen geschmolzenen Kügelchen für seine Perlen halten könnte. Die optichen Eigenschaften des Bergkrystalles erleiden durch die Schmelzung eine außerordentliche Veränderung.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: