Titel: Woodbury, Notizen über die Dampfmaschinen in den Vereinigten Staaten.
Autor: Woodbury, Levi
Fundstelle: 1839, Band 74, Nr. I. (S. 1–4)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj074/ar074001

I. Notizen über die Dampfmaschinen in den Vereinigten Staaten. Auszug aus dem Berichte, den Hr. Levi Woodbury im December 1838 dem Congresse der Vereinigten Staaten vortrug.

Aus dem Mechanics' Magazine, No. 833.

Die Zahl der Dampfboote, welche seit der Einführung derselben in den Vereinigten Staaten gebaut wurden, läßt sich auf 1300 anschlagen, wovon 260 durch verschiedene Unfälle zu Grunde gingen, 240 der Abnuzung erlagen, und die übrigen noch dermalen Dienste thun.

Das erste amerikanische Dampfboot, the North River genannt, ward im Jahre 1807 von Fulton gebaut, und legte mit einer Dampfmaschine von nicht mehr als 18 Pferdekräften auf dem Hudson die Streke zwischen New-York und Albany in 33 Stunden zurük. Obschon dieses Boot eine Maschine an Bord hatte, welche im Auslande, nämlich von den HHrn. Boulton und Watt gebaut worden, so wurde in Europa selbst das erste wirkliche Dienste leistende Dampfboot doch erst um fünf Jahre später, nämlich im Jahre 1812, von Hrn. Bell zu Glasgow vom Stapel gelassen. Um diese Zeit fuhren von New-York aus außer dem bereits genannten Boote schon drei andere: der Car of Neptune, gebaut im Jahre 1808, der Paragon, gebaut im J. 1811, und der Richmond, gebaut im J. 1812.

Rumney in Virginia machte schon im J. 1787 in einem kleineren Maaßstabe Versuche über die Schifffahrt mittelst Dampf, welche jedoch zu keinen praktischen Resultaten führten. Sowohl er als Fitch begannen ihre Versuche in den Jahren 1783 und 1784. Oliver Evans folgte ihnen in den Jahren 1785 und 1786 nach. In Frankreich ging ihnen übrigens der Marquis von Jeoffrey voran, und in England kam bereits im Jahre 1736 Jonathan Hulls auf die Benuzung des Dampfes zum Treiben von Schiffen.

Dermalen fahren in den Vereinigten Staaten im Ganzen 800 Dampfboote; in England schlug man im Jahre 1836 deren Zahl auf 600 an. Auf den westlichen und südlichen Gewässern allein, auf denen sich bis zum Jahre 1811 gar keines befand, und auf denen man im Jahre 1834 nur 234 zählte, beträgt die Zahl dermalen gegen 400. Am Ohio allein sollen im Jahre 1837 nicht weniger als |2| 413 verschiedene Dampfboote den Louisville- und Portland-Canal passirt haben, wobei die oberhalb und unterhalb fahrenden, die nie in den Canal einliefen, gar nicht mitgerechnet sind. Als ein Beweis der raschen Zunahme des Dampfboot-Verkehres auf dem Ohio kann auch noch angeführt werden, daß im Jahre 1831 nur 406 Reisende auf Dampfbooten den Louisville-Canal passirten, während im Jahre 1837 deren Zahl schon auf das Sechsfache, nämlich auf 1501 angewachsen war. Auf den nordwestlichen Seen, auf denen im Jahre 1835 nur 25 Dampfboote fuhren, zählt man ihrer dermalen schon 70.

Von den 800 Dampfschiffen der Vereinigten Staaten kommt die größte Zahl auf den Staat New-York, der ihrer 140 besizt. Zu verwundern ist, daß von diesen nur wenige für die hohe See bestimmt sind, da doch schon im Jahre 1819 das zu New-York gebaute Boot Savannah die Fahrt nach Liverpool versuchte und sie auch in 26 Tagen zurüklegte; und da der Robert Fulton schon im Jahre 1822 mehrere Fahrten nach New-Orleans und nach der Havannah machte. Eben so zu wundern ist, daß die Vereinigten Staaten nur ein einziges Kriegsdampfschiff besizen, während sie doch schon im Jahre 1815 den zu diesem Zweke bestimmten Fulton hatten. Die Regierung besaß überhaupt nie mehr als zwei Kriegsdampfschiffe, welche beide den Namen Fulton tragen, und von denen das erste im Jahre 1829 in Flammen aufging. 13 andere Dampfboote der Regierung werden zum Transporte von Truppen und zu anderen Zweken verwendet.

Die Gesammtzahl der in den Vereinigten Staaten mit Dampf getriebenen Locomotiven beträgt gegen 350, wovon die größte Zahl, nämlich ihrer 96 auf Pennsylvanien treffen. Bis zum Jahre 1831 lief noch keine Locomotive in Amerika, und dermalen stehen ihnen schon 1500 engl. Meilen Eisenbahnen offen! Der Staat Delaware besaß die erste Locomotive auf der Newcastle-Eisenbahn; ihm folgte der Staat Maryland, dem die Baltimore-Ohio-Bahn gehört. Oliver Evans versuchte die Locomotion mit Dampf im Jahre 1804; in England datiren die Versuche vom Jahre 1805. Für Güter kamen sie jedoch in lezterem Lande erst im Jahre 1811 und für den Personen-Transport im Jahre 1830 in Aufnahme.

An anderen Dampfmaschinen zählt man in den Vereinigten Staaten ungefähr 1860, wovon auf Pennsylvanien gleichfalls die meisten, nämlich 383 treffen. Um die Einführung derselben und namentlich der mit hohem Druke arbeitenden machte sich Oliver Evans um das Jahr 1804 herum besonders verdient. In den südlichen Staaten verwendet man sie hauptsächlich bei der Zukerfabrication, so wie auch zum Reinigen und Pressen der Baumwolle; in den westlichen |3| Staaten dienen sie vorzüglich zum Betriebe von Säg- und Mahlmühlen, so wie auch zu verschiedenen Eisenfabricationen; in den östlichen Staaten endlich verwendet man sie hauptsächlich in Mühlen, Drukereien, Baumwollfabriken und verschiedenen Werkstätten. Die Regierung besizt ihrer 17, welche an den Werften, Arsenalen, Gewehrfabriken etc. arbeiten.

Die Tonnenzahl sämmtlicher Dampfboote der Vereinigten Staaten kann auf mehr als 155,473 angeschlagen werden; in England schäzte man sie im Jahre 1836 auf 67,969 Tonnen. Im Durchschnitte treffen auf jedes, Boot 200 Tonnen. Die Kraft sämmtlicher Dampfmaschinen der Vereinigten Staaten mag 100,318 Pferdekräfte betragen, was der Kraft von 601,800 Menschen gleichkommt. Hievon kommen 57,019 Pferdekräfte auf die Dampfschiffe; 6980 auf die Eisenbahnen, und 36,319 auf die stehenden Dampfmaschinen. Hienach berechnen sich auf jedes Boot im Durchschnitte 70 Pferdekräfte und auf jede Pferdekraft zwischen 2 und 3 Tonnen.

Das größte Dampfboot der Vereinigten Staaten ist der Natchez von 860 Tonnen, und 300 Pferdekräften, welcher zur Fahrt zwischen New-York und dem Missisippi bestimmt ist. Diesem zunächst stehen der Illinois und der Madison auf dem Eriesee, von denen ersterer 755 und lezterer 750 Tonnen trägt; ferner der Massachusetts im Long Irland Sound mit 626 Tonnen; der Buffalo auf dem Eriesee mit 626 Tonnen.

Die größte Anzahl von Menschen verunglükte im J. 1837 auf dem Missisippi bei Gelegenheit des Zusammenstoßens des Monmouth mit einem anderen Boote, wobei gegen 300 Personen ertranken. Bei der Explosion der Oronoka, die sich im J. 1838 auf demselben Flusse ereignete, und welche das größte bisher vorgekommene Unglük dieser Art ist, verloren gegen 130 und bei der Explosion der Moselle bei Cincinnati zwischen 100 und 120 das Leben. Das größte durch Baumstämme und dergl. veranlaßte Unglük traf im Jahre 1834 auf dem Missisippi den St. Louis, wobei 13 Personen ertranken. Der größte Schiffbruch traf im Jahre 1837 an der Küste von North Carolina den Homa, bei welchem gegen 100 Personen in den Wellen umkamen. Die größte Feuersbrunst ereignete sich im Jahre 1837 auf dem Missisippi an Bord des Ben Sherrod, wobei gegen 130 Personen ihr Leben einbüßten.

Im Jahre 1834 wurden in den Vereinigten Staaten 88 neue Dampfboote erbaut; im Jahre 1837 war diese Zahl um 50 Proc., nämlich auf 134 gestiegen. Die meisten Dampfschiffe und Dampfmaschinen wurden in den westlichen Staaten in den Orten Pittsbury, Cincinnati und Louisville; in den östlichen zu New-York, Philadelphia |4| und Baltimore erbaut. Zu Louisville allein wurden vom Jahre 1819 bis 1838 nicht weniger als 244 Dampfmaschinen erbaut, wovon 62 für Dampfboote bestimmt waren.

Früher heizte man die Dampfboote bloß mit Holz; in den lezten Jahren benuzte man in vielen Fällen bituminöses Holz, und in einigen auch Anthracit anstatt desselben. Lezterer scheint sich wegen seines kleineren Volumens besonders für Seeschiffe und Locomotiven zu eignen. In Georgien sind einige eiserne Dampfboote in Gebrauch, von denen jedoch noch keines in den Vereinigten Staaten erbaut wurde, obwohl sie sich, da sie bei gleicher Ladung minder tief im Wasser gehen, besonders für die Schifffahrt auf seichteren Flüssen eignen dürften.

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