Titel: Neukrantz, über die Eigenschaften der Kurbel.
Autor: Neukrantz, Amandus Ferdinand
Fundstelle: 1839, Band 74, Nr. V. (S. 29–40)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj074/ar074005

V. Beleuchtung der Kurbel und Widerlegung der von Herrn John Scott Russell aufgestellten Meinung, daß die Kurbel nicht jene Unvollkommenheiten besize, die ihr von den berühmtesten, sowohl theoretischen als praktischen Mechanikern aller Länder und aller Zeiten zugeschrieben worden sind, von Amand. Ferd. Neukrantz, Ingenieur etc.

Mit Abbildungen auf Tab. I.

Vor Hrn. Russells Vortrag in der Sizung der Society of Arts von Schottland – welcher in Jameson's Edinburgh new philosophical |30| Journal, Vol. XXIV. pag. 35 gedrukt erschien und aus diesem in Dingler's Journal 1838, Heft 5, und in mehrere andere technische Zeitschriften übergegangen ist, – wäre es überflüssig gewesen, die Unvollkommenheiten des Krummzapfens als Uebertragungsmittel der geraden hin- und hergehenden Bewegung in Kreisbewegung zu erweisen, denn jeder Mechaniker war davon überzeugt, kannte dieselben aus hundertfachen praktischen Erfahrungen, die sich ihm täglich darboten.

Durch Hrn. Russell's Trugschlüsse aber scheinen über diese höchst wichtige Sache die Meinungen getheilt worden zu seyn.

Durch praktische Versuche und durch wissenschaftliche Beleuchtung bin ich von der Unrichtigkeit der Behauptung des Hrn. Russell überzeugt und im Stande, dieselbe gründlich zu widerlegen.16) Vorweg spricht für mich das, daß so glänzende Namen vor Hrn. Russell meiner Meinung waren, und gewiß ohne diesen Beweis noch sind.

Endlich ist die Sache von so hoher Wichtigkeit, daß sie wohl gründlicher Beleuchtung werth ist.

––––––––––

Der Zwek der Abhandlung des Hrn. Russell ist: die irrigen Ansichten darzulegen, in denen die Erfinder der rotirenden Dampfmaschinen befangen seyn sollen.

Als Beweggrund, der alle diese Erfindungsversuche veranlaßt, betrachtet Hr. Russell die (nach seiner Meinung, irrige) Ansicht, nach welcher der Krummzapfen ein die Kraft nicht ohne Verlust übertragender mechanischer Apparat ist, und beabsichtigt zu dem Ende zu beweisen: „daß die gewöhnliche, mit Krummzapfen versehene Dampfmaschine nicht die Mängel habe, welche ihr zugeschrieben werden, und ferner:

„Daß der Krummzapfen der gewöhnlichen Dampfmaschine gewisse bemerkenswerte Eigenschaften besize, die der Natur der Materie, der Bewegung des Dampfes und des menschlichen Geistes angemessen seyen.“

Ohne den rotirenden Maschinen das Wort reden zu wollen, will ich nur die zulezt angeführten Behauptungen widerlegen und gegentheils beweisen, daß sich Hr. Russell geirrt habe, indem ich zeige:

I. Daß die gewöhnliche, mit Krummzapfen versehene Dampfmaschine |31| die ihr zugeschriebenen Mängel allerdings besize, und daß diese im Krummzapfen liegen, so wie, daß der Krummzapfen nicht die von Hrn. Russell angeführten bemerkenswerthen Eigenschaften besize, sich der Natur der Materie, der Bewegung des Dampfes und des menschlichen Geistes anzupassen, sondern daß im Gegentheil diese den Eigenthümlichkeiten des Krummzapfens sich haben anpassen müssen;

II. noch andere Mängel hervorhebe, die aus der Anwendung des Krummzapfens hervorgehen, und

III. andeute, auf welche Weise eine bessere Benuzung der Dampfkraft, so wie überhaupt eine gleichmäßigere Uebertragung der geradlinigen Bewegung in Kreisdrehung zu erreichen sey.

Ad I. Ehe ich zu diesen Beweisen selbst gehe, kann ich mich einer Vorbemerkung nicht erwehren.

Wenn Hr. Russell im Anfange seiner Abhandlung meint:

„Daß es einer radical falschen Auffassung der Natur dieser Elementarmaschine zuzuschreiben sey, daß Legionen von Planen entstanden seyen, um die Kreisbewegung ohne Anwendung des Krummzapfens hervorzubringen, und dann zugibt, daß unter diesen Legionen die ausgezeichnetsten praktischen Männer und die musterhaftesten Schriftsteller sich befinden“

so bin ich der Meinung, daß diese Legionen von praktischen Männern durch praktische Erfahrung, und die musterhaften Schriftsteller durch eine andere richtigere, wissenschaftliche Auffassung des Gegenstandes zu der Ueberzeugung der Mangelhaftigkeit des Krummzapfens gekommen seyen.

Die Bemerkungen, welche Hr. Russell seinem vermeintlichen Beweise voranschikt, sind fast allemal auf Trugschlüsse gebaut, und führen (Hrn. R. selbst schon oft) zu Widersprüchen, oder es sind auch Ursachen und Wirkungen in denselben mit einander verwechselt. Ich könnte dieß leicht durch Aufzählung und Widerlegung aller einzelnen Säze beweisen, wenn ich nicht dadurch die Geduld der Leser ohne Noth zu ermüden fürchtete, und wenn ich nicht glaubte, daß dieß schon durch Widerlegung des einen Haupsazes und durch meinen Beweis erhellen werde.

Hr. Russell benuzt zu seiner Beweisführung die Fig. 22 und 23, welche die Cylinder nebst den Kreisen vorstellen sollen, in denen sich die Krummzapfenwarzen bewegen.

In Fig. 22 denke man sich die Bewegung der Warze gleichförmig, daher den Kreis in gleiche Theile getheilt; bei Fig. 23 die Bewegung des Kolbens gleichförmig, daher die Achse des Cylinders in gleiche Theile getheilt. Ferner zieht Hr. R. folgende Tabelle an:

|32|
Punkte
in der Figur
Bogen, den die
Krummzapfenwarze
durchläuft
Kraft in der
Richtung
der Umwälzung
Relative Schnelligkeit
der Warze im
Verhältniß zum Kolben.
0 und 20 0,00 unendlich
1 – 19 18 30,90 3,236
2 – 18 36 58,78 1,711
3 – 17 54 80,90 1,236
4 – 16 72 95,11 1,051
5 – 15 90 100,00 1,000
6 – 14 108 95,11 1,051
7 – 13 126 80,90 1,236
8 – 12 144 58,78 1,701
9 – 11 162 30,90 3,236
10 – 10 180 63,138 mittlere unendlich

Wenn Hr. R. in dieser Tabelle in den verschiedenen Standpunkten der Warze die wirkliche Kraft in der Richtung der Umwälzung mit der relativen Geschwindigkeit der Warze zum Kolben multiplicirt, um dadurch zu beweisen, daß die Momente in den verschiedenen Standpunkten der Warze gleich sind, so ist er im argen Irrthum; denn man wird nimmermehr durch Multiplication einer wirklichen Kraft mit einer relativen Geschwindigkeit ein wirkliches Moment erhalten können.17) Um ein solches zu erhalten, wird man vielmehr die wirkliche Kraft mit der wirklichen Geschwindigkeit multipliciren müssen – leztere ist aber in der Warze des Krummzapfens zu allen Zeiten gleich, und im Kolben von der Mitte des Hubes nach den Enden zu immer kleiner werdend, während die Kraft in der Warze zu- und abnehmend, im Kolben aber gleich ist, so, daß die Momente im Kolben und in der Warze in correspondirenden Punkten verglichen zwar gleich sind, nicht aber die Momente in den verschiedenen Standpunkten der Warze unter sich, und darin liegt der Irrthum des Hrn. Russell! Vielmehr werden diese von der Mitte nach dem Ende zu immer kleiner, während die bezwekten Momente der bewegenden Kraft – ich bitte wohl zu beachten: die bezwekten |33| Momente der bewegten Kraft, nicht die effectuirten des Kolbens – zu allen Zeiten gleich sind.18)

Wir sehen also, daß Hr. Russell während seiner Arbeit aus den Augen verlor, worauf es eigentlich ankam; so seinen Zwek verfehlte und – auf Abwege gerieth.

Er verglich nämlich die wirklich zur Ausführung kommenden Momente in der Warze der Kurbel und im Kolben mit einander, wobei er auf den allerdings richtigen, aber bekannten Saz kam, daß die Momente in der Warze in jeder Stellung gleich seyen den correspondirenden im Kolben – nicht aber unter sich, denn in demselben Maaße, als die Momente in der Warze, werden auch die effectuirten im Kolben kleiner und größer, wegen der bezüglichen kleiner und größer werdenden effectuirten Geschwindigkeit des Kolbens, was Hr. Russell ganz unbeachtet gelassen zu haben scheint! –

Es handelte sich aber darum: das wirklich zur Ausführung kommende (das effectuirte) Moment in der Warze oder im Kolben mit dem bezwekten der bewegenden Kraft zu vergleichen.

In eben denselben Fehler verfällt Hr. Professor Russell, wenn er, im Verfolg seiner Abhandlung, das mittlere Moment der Warze während eines halben Kreislaufes = 63,1 × 1,57 = 100 circa mit dem mittleren effectuirten Moment im Kolben während derselben Zeit = 100 × 1 = 100 vergleicht, und daraus einen Schluß auf Kraftverlust ziehen will, den er doch erst hätte machen können, wenn er das effectuirte Moment in der Warze, und das bezwekte Moment der bewegenden Kraft mit einander verglichen hätte. In dem zulezt Gesagten ist schon der Weg angedeutet, der uns unfehlbar auf die Wahrheit bringen muß, und um diese selbst zu finden, d.h. um zu erfahren, ob ein wirklicher Kraftverlust Statt findet bei Uebertragung der Geradbewegung in kreisförmige durch die Kurbel, so dürfen wir nur die effectuirten Momente in den verschiedenen Stellungen der Warze und des Kolbens gegenseitig und unter sich, und mit den gleichzeitigen bezwekten Momenten der bewegenden Kraft vergleichen und die Resultate dieser Vergleichung dann in einer Tabelle zusammentragen.

Wir nehmen die schon früher angezogene Fig. 22 zu Hülfe, und wollen, weil es mir den Gang des Beweises zu erleichtern |34| scheint, unsere Betrachtungen bei der (mittlern) Stellung des Kolbens beginnen, bei welcher er seine größte Geschwindigkeit und die Warze ihre vortheilhafteste Stellung in Bezug auf Kreisdrehung hat. Diese correspondirenden Punkte sind in der Fig. 22 mit 5 bezeichnet. Der Kolben wird hier den Weg bis zu 6 in einem gewissen Zeittheile zurüklegen, und wir wollen diese seine Geschwindigkeit = 1 sezen, während wir seine stets gleichdrükende Kraft mit 100 bezeichnen. Sein effectuirtes Moment während dieses Weges wird also = 100 × 1 = 100 seyn. Eben so wird das gleichzeitige Moment (bei 5) in der Warze = 100 seyn, da angenommen wird, daß aus ihr in dieser Stellung der volle Druk von 100 auf Kreisdrehung wirke (was wenigstens vorläufig als annähernd richtig angenommen werden mag, bis weiter mehr darüber bemerkt wird) und da ihre Geschwindigkeit dann auch = 1 ist. –

Betrachten wir nun den Kolben in der Stellung 6, in Bezug auf die bewegende Kraft und auf sein effectuirtes Moment.

Die bewegende Kraft wird natürlich das Bestreben haben, den Kolben in dieser Stellung während desselben Zeittheiles einen eben so großen Weg durchlaufen zu machen, als den sie ihn im vorigen Zeittheile von 5 aus hat durchlaufen lassen. Die bezwekte Geschwindigkeit der bewegenden Kraft ist also in diesem Zeittheile ebenfalls = 1, die Kraft = 100, also das bezwekte Moment = 100 × 1 = 100. Anders ist es mit dem, in Folge seiner Verbindung mit dem Krummzapfen effectuirten Moment des Kolbens. Seine wirkliche Geschwindigkeit ist nämlich in diesem Zeittheile nicht = 1, sondern nur 0,95, sein wirkliches Moment also = 100 × 0,95 = 95; ganz dasselbe, was zu gleicher Zeit in der Warze Statt findet. In derselben wird nämlich in diesem Zeittheile bei einer auf Kreisdrehung wirkenden Kraft = 95 und der constanten Geschwindigkeit = 1 ein Moment von 95 effectuirt werden. Das an 100 fehlende ist = Achsendruk, und also für die Bewegung verloren. Ebenso finden wir in Punkt 7 das stets gleichbleibende bezwekte Moment der bewegenden Kraft = 100, während das wirkliche zur Ausführung kommende im Kolben bei einer Geschwindigkeit von 0,80 und der Kraft von 100, gleich ist 100 × 0,80 = 80, – ebenso wie in dem correspondirenden Punkte der Warze bei der gleichbleibenden Geschwindigkeit von 1 und der Kraft nach Kreisdrehung = 80, das effectuirte Moment nur 80 × 1 = 80 ist. –

Die Differenz von 100, mit 20 geht als Achsendruk für die Bewegung verloren, und sofort in den übrigen Punkten.

Nach diesen Grundsäzen habe ich nun alle die bezwekten und effectuirten Momente in den zehn, in Fig. 22 angenommenen verschiedenen Stellungen der Warze und des Kolbens nebst ihren beziehlichen bezwekten und effectuirten Geschwindigkeiten in der nachfolgenden Tabelle zusammengestellt und verglichen.

|35|
Textabbildung Bd. 74, S. 35
|36|

Betrachten wir nun die vorstehende Tabelle näher und sehen, welche Folgerungen wir daraus machen können, so finden wir, daß die effectuirten Momente im Kolben einerseits und in der Warze des Krummzapfens andererseits in den correspondirenden Punkten stets gleich sind, nicht aber die Momente in den verschiedenen Stellungen unter sich; vielmehr sehen wir, daß dieselben von der Mitte aus, nach den todten Punkten zu – in der Warze sowohl als im Kolben, und das ist besonders zu beachten – immer kleiner werden, bis sie auf 0 reducirt sind, was ganz mit der praktischen Erfahrung übereinstimmt. Ferner ergibt sich, daß die mittleren effectuirten Momente im Kolben und im Krummzapfen gleich sind (und das ist's wahrscheinlich, was Hrn. Prof. R. irregeführt hat), nämlich = 63,1; daß aber das mittlere bezwekte Moment der bewegenden Kraft = 100, und also die mittlere Differenz zwischen dem bezwekten und dem effectuirten Moment, die uns den Verlust durch Achsendruk angibt, = 36,8 ist, welches leztere wir sowohl finden, wenn wir die einzelnen Differenzen addiren und durch 10 dividiren, als auch, wenn wir das mittlere effectuirte Moment von dem mittleren bezwekten abziehen. – Mittlerer Verlust = 36,8. Und darin liegt der Saz!

Eben dasselbe finden wir, wenn wir die Momente während eines ganzen Kolbenhubes mit einander vergleichen. Der Kolben durchläuft mit zu- und abnehmender Geschwindigkeit bei stets gleich auf ihm lastendem Druk, den wir = 100 sezen wollen, seinen Weg gleich dem Durchmesser des Krummzapfenkreises = 1, während die Warze mit einem mittleren Druk auf Kreisdrehung von 63,1 – bei stets gleichbleibender Geschwindigkeit die halbe Peripherie = 3,141/2 = 1,57 durchläuft, und die bewegende Kraft wird bei einem constanten Druk von 100, und einer stets gleichbleibenden bezwekten Geschwindigkeit den Kolben einen Weg gleich dem der halben Peripherie = 1,57 durchlaufen zu lassen das Bestreben haben, – wie das aus der Tabelle noch deutlicher wird, wenn wir die bezwekten Geschwindigkeiten mit den effectuirten der Warze des Krummzapfens vergleichen und finden, daß ihre Summen während eines Kolbenhubes gleich sind.

Das effectuirte Moment im Kolben ist also = 100 × 1 = 100. Das effectuirte der Warze = 63,1 × 1,57 = 100 (nahe genug). Das bezwekte Moment der bewegenden Kraft aber = 100 × 1,57 = 157.

Die beiden ersteren sind also einander gleich, das leztere aber größer nach dem Verhältnisse von 157 : 100 = 100 : 63,1, und die Differenz also zwischen dem bezwekten und dem effectuirten Moment = 36,8, und das ist der Verlust an Kraft bei Anwendung der Kurbel.

|37|

Ad II. In dem Vorstehenden habe ich die Mängel der Kurbel nachgewiesen, deren Vorhandenseyn Hr. Russell in seiner Abhandlung bestreiten wollte. Im Folgenden will ich noch andere Unvollkommenheiten nachweisen, die aus der Anwendung des Krummzapfens hervorgehen und deren Hr. R. gar nicht erwähnt, und zu dem Ende die Fig. 24 zu Hülfe nehmen.

Hr. R. hat nämlich in seiner Abhandlung angenommen, daß die Wirkungen der Kraft auf die Warze in den verschiedenen Standpunkten derselben parallel seyen, unter sich und mit der Achse der ursprünglichen Bewegung, und hat dann diese parallelen Richtungen zerfällt in die jedesmalige, auf Achsendruk und in die tangentiel auf Kreisdrehung wirkende wie bei A in Fig. 24, wo die Pfeile die parallelen Richtungen der Kraft andeuten.

So ist er zu den Zahlen in der Tabelle gekommen, und ich habe diese Annahme einstweilen beibehalten, um der Erleichterung in der Uebersicht Willen.

In der Wirklichkeit nun stellt sich die Sache noch viel unvorteilhafter, denn wenn wir in Fig. 24 die Grade a, b als die Achse der Kolbenstange betrachten, also als die Richtung der ursprünglichen Bewegung, und die Linien 1.1', 2.2', 3.3', 4.4', 5.5' etc. als die Richtungen der Treibstange in den verschiedenen Stellungen, so sehen wir, daß diese Richtungen nicht parallel sind, weder unter sich, noch mit der Achse der ursprünglichen Bewegung, ausgenommen in den beiden Punkten, wo dieselben gar nicht auf Kreisbewegung zu wirken im Stande sind. Wir finden sogar, daß da, wo die Richtung der Treibstange die vortheilhafteste in Bezug auf Kreisdrehung ist, sie fast am meisten von der Parallelität mit der Achse der ursprünglichen Bewegung abweicht. Wenn wir sonach die Richtung der ursprünglichen Kraft im Punkte 6 nach dem Geseze der Zerlegung der Kräfte in die nach der Richtung der Treibstange, und in die darauf normale zerlegen, so repräsentirt uns die Länge der Linie 6'6'' die Intensität der in der Treibstange wirksamen Seitenkraft, die natürlich kleiner ist, als die durch die Linie 6'6'' repräsentirte ursprüngliche (Mittel-) Kraft. Die Differenz zwischen beiden wird nach den todten Punkten zu immer kleiner. Wir sehen also, daß die volle ursprüngliche bewegende Kraft nicht auf die Warze wirkt, und daß, als wir dieses im vorigen Abschnitte annahmen und die volle Kraft in Seitenkräfte zerlegten, wir dort schon zu große Resultate erhielten, und daß sich hier also von Neuem ein Verlust an Kraft herausstellt. Die Größe desselben ist von der Länge der Treibstange abhängig; je kürzer dieselbe, desto größer der Verlust.

Ich will mich auf weitere und genauere Berechnungen hierüber |38| nicht einlassen, weil es außer der Tendenz dieser Abhandlung liegt, und dieselbe über meine Absicht verlängern würde, ich will nur anführen, daß dieser Verlust in schlimmen Fällen auch noch 5 Proc. der ursprünglichen Kraft betragen kann.

Ein anderer Uebelstand des Krummzapfens ganz praktischer Natur ist die nochwendig starre Verbindung desselben mit der Kolbenstange des Dampfcylinders. Den großen Nachtheil dieser Verbindung, besonders für Schiffsmaschinen und Locomotive, will ich kurz andeuten. Wenn bei stürmischer See die Maschine abgestellt werden muß, so stehen die Ruderräder mit der Welle natürlich fest, und die Schaufeln der ersteren sind daher den Wellen Preis gegeben. Welche Folgen dieses hat, ist aus häufiger Erfahrung leider bekannt genug, und wie vortheilhaft es daher wäre, wenn die Räder mit der Welle außer Verbindung mit der Maschine gesezt werden, und dann sich frei drehend den Bewegungen des Elements folgen könnten, ist leicht zu erkennen. Ebenso bei Locomotiven wird jede Erschütterung, welche die Achse der Treibräder trifft, der Maschine übertragen, und größten Theils diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß Locomotive auf gewöhnlichen Straßen bis jezt noch nicht haben mit Erfolg angewendet werden können.

Bei der Anwendung des Krummzapfens für Locomotive tritt einer der Hauptfehler desselben, ungleichmäßige Uebertragung der Kraft, besonders nachtheilig hervor; denn sobald die Neigung der Bahn in dem Maaße steigt, daß das Beharrungsvermögen der Bewegung durch die zunehmend entgegengesezt wirkende Kraft der Schwere ausgeglichen wird, so kann der Krummzapfen nicht mehr über die todten Punkte hinweg, denn nur durch das überflüssige Beharrungsvermögen konnte er über dieselben hinweg geholfen werden.

Wir sehen also, daß der Krummzapfen nicht die Vollkommenheiten besizt, die Hr. Russell demselben zuschreiben wollte, daß er im Gegentheil ein die ursprünglich geradlinig wirkende Kraft nur mit großem Verlust übertragender mechanischer Apparat ist, und daß er am wenigsten die ihm von Hrn. R. zugemutheten bemerkenswerthen Eigenthümlichkeiten besizt, sich der Natur des Dampfes und der Bewegung anzupassen. Vielmehr haben diese jener angepaßt werden müssen, wie es zur Genüge bewiesen wird: durch die Einrichtung der Expansion, durch die Anbringung zweier oder gar dreier, unter gewissen Winkeln gegen einander gestellten Krummzapfen, oder des Schwungrades zur Ueberwindung der todten Punkte und zur Ausgleichung der Bewegung, durch Anbringung der Geradeführungen und noch durch manches Andere.

Ich kann nicht unterlassen, hier noch Versuche einzuschalten, |39| welche aufs Schlagendste beweisen, welche Verluste an Kraft die Kurbel bedingt, und wie sie das vorzüglichste Bremsmittel ist, auch die größte Kraft auf Null zu reduciren.

Die Versuche wurden mit einer hydraulischen Presse angestellt, um zu sehen, welchen Effect eine gleichmäßig und langsam wirkende Kraft, ohne Einfluß des Beharrungsvermögens der bewegten Masse hervorbringen würde.

Der Kolben der Presse wirkte mittelst einer Treibstange auf einen Krummzapfen, wie bei der Dampfmaschine. Die Einpumpungen geschahen gleichmäßig, so daß das Steigen der Kolben ebenfalls gleichmäßig, während das der Warze im Kreise ziemlich nach der in der Tabelle berechneten variabeln Geschwindigkeit Statt fand. Hiebei stellte sich genau der in der Tabelle angegebene Kraftverlust heraus, mit wohlweislicher Berüksichtigung der zurükgelegten Wege, so zwar, daß es überzeugend hätte seyn müssen, und wenn alle Theorie dagegen gewesen wäre, was glüklicher Weise, wie vorhin gezeigt, nicht der Fall ist.

Bei diesen Versuchen stellte sich noch ferner heraus, daß der eiserne 2', 5'' starke Warzenzapfen mehreremale zerbrach, wenn derselbe noch in circa 20° von den obersten und untersten Punkten des Kreises entfernt war, ein in die Augen fallender Beweis für den großen Achsendruk und die geringe Kraft nach Kreisdrehung.

Ad III. Wenn wir nun im Vorstehenden die Mängel der Kurbel nachgewiesen haben, so führt uns das von selbst auf den Weg, wie dieselben zu umgehen sind. Und einen solchen will ich jezt schließlich andeuten, nachdem wir zuvor noch gesehen haben, welcher Meinung einer der ersten englischen Schriftsteller, Robert Brunton, über diesen Gegenstand ist.

Derselbe sagt nämlich in seinem Compendium of Mechanics' S. 125: (The first is, in furnishing the means of giving to the moving force the most commodious direction, and when it can be done, of causing its action to be applied immediately to the body to be moved etc. etc.) „Der erste Zwek (der Maschinen) ist, sich durch dieselben die Mittel zu verschaffen, um einer bewegenden Kraft die vortheilhafteste Richtung zu geben, und, wo möglich die Wirkung derselben unmittelbar auf den zu bewegenden Körper erfolgen zu lassen,“ und auf S. 126: (The grand object in all practical cases, is, to procure a uniform motion, beacuse it produces the greatest effect. All irregularities of motion idicate the there is some point resisting the motion, and to overcome which a part of the proppeling power is wasted, and the greatest varying velocity is only equal to that velocity by which the Machine would move, when its motion is uniform etc. etc.) „Das vorzüglichste |40| Bedingniß in allen praktischen Maschinen-Anwendungen ist, eine gleichmäßige Bewegung hervorzubringen, denn nur dadurch wird der größte Effect erzielt. Jede Unregelmäßigkeit im Gange einer Maschine zeigt an, daß ein Hinderniß vorhanden ist, welches die Bewegung aufhält, und wodurch ein Theil der Kraft ungenüzt verzehrt wird, und die größte Geschwindigkeit, die eine solche Maschine dann zuweilen annimmt, ist gleich der, die ohne das Hinderniß für immer zu erreichen gewesen wäre. Die eintretenden Verzögerungen geben den Maaßstab für den Verlust der Kraft, und keinerseits hat die Maschine der vollen Kraftanwendung so genügt, wie es bei einer gleichförmigen Bewegung der Fall gewesen seyn würde.

Wir behaupten nun zum Schluß, und glauben, diese Behauptung durch all das Vorstehende begründet zu haben:

daß eine gleichmäßig wirkende Kraft gleiche Widerstände und möglichst direct treffen müsse, wenn solche am effectvollsten soll wirken können. Und ein Apparat, welcher in dieser Weise die Dampfkraft zu übertragen im Stande ist, wurde kürzlich ausgeführt und hier in England patentirt.

Ich glaubte diese Erörterungen machen zu müssen, weil ein durch hundertfach gemachte und alle Tage eben so vielfach zu machende Erfahrungen begründeter und bekannter Saz, durch Hrn. R's Abhandlung angetastet wurde, in der zwar wohlgemeinten Absicht, dem von allen Seiten rege gewordenen Bestreben nach Abhülfe und Verbesserung dieses allgemein erkannten Uebelstandes Einhalt zu thun. – So wenig ich nun für die Erfinder des Perpetuum mobile oder die der Quadratur des Cirkels sprechen möchte, so wenig glaube ich doch auch, daß man einem Dinge das Wort reden müsse, wenn gleich es durch Alter und Gewohnheit geheiligt zum Wesen der Sache zu gehören scheint, und sich freilich nur schwer von dieser trennen läßt, sobald man seine Mängel erkannt hat.

London, im Mai 1839.

|30|

Wir glaubten die Aufnahme dieser Abhandlung nicht verweigern zu können, obgleich der Verfasser die Ausdrüke des Hrn. Russell offenbar zu streng nimmt und denselben öfters einen Sinn unterlegt, wie er den Ansichten des berühmten englischen Gelehrten gewiß nicht entspricht. A. d. R.

|32|

Das Unrichtige und Unstatthafte einer solchen Multiplication ist nach algebraischen Regeln sowohl, als nach denen der gesunden Vernunft unbestreitbar. Wem es aber dennoch nicht gleich einleuchten sollte, dem will ich zeigen, auf welchen Unsinn es führt. Wenn wir nämlich nach dieser Weise zu rechnen die mittlere Kraft in der Umlaufsrichtung, die nach der Tabelle = 63,33 seyn wird, mit der Mittlern Geschwindigkeit, die nach der Tabelle = unendlich seyn müßte, multipliciren wollten, um ein mittleres Moment zu erhalten, so würden wir dieses = unendlich finden. A. d. V.

|33|

Ich schließe den Fall von Maschinen mit Expansion hier aus, weil diese Einrichtung eine Folge der Mangelhaftigkeit des Krummzapfens war, indem man erkannte, daß der zulezt eingeführte Dampf doch größten Theils für Bewegung verloren gehen würde.

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