Titel: Versuch der Anwendung der Locomotivkraft an Canälen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1839, Band 74, Nr. LIV./Miszelle 3 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj074/mi074054_3

Versuch der Anwendung der Locomotivkraft an Canälen.

Der Transport auf dem Forth- und Clyde-Canal wurde bisher bekanntlich mit Pferden bewerkstelligt, wobei die Geschwindigkeit für die schwer befrachteten Boote mit einer Bespannung von 2 bis 5 Pferden je nach der Witterung 1 1/2 bis 2 engl. Meilen in der Zeitstunde betrug, während die Passagierboote mit einer Bespannung von 2 Pferden 8 bis 9 engl. Meilen in der Stunde zurüklegten. Hr. John Macneill, Ingenieur der Canalcompagnie, suchte nun zu ermitteln, ob anstatt der Pferde nicht eine Locomotivdampfkraft zum Zuge der Boote verwendet werden könnte. Er legte daher längs einer Streke des Canales auf Blöken eine einfache Eisenbahnlinie, und sezte auf diese am 21. Aug. l. J. in Gegenwart des Canaldirectors und mehrerer Ingenieure eine von W. Dodds gebaute Locomotive mit Tender. Bei dem ersten Versuche hängte man dieser Maschine ein Passagierboot mit 90 Personen sammt Gepäk an. Der Erfolg war in hohem Grade überraschend; denn beinahe unmittelbar erlangte das Boot eine Geschwindigkeit von 17 1/3 engl. Meilen in der Zeitstunde, welche es auch unter dem Jubel der Passagiere durch zwei Curven und bis zum Ende der Bahn beibehielt. Dieser Versuch ward den ganzen Tag hindurch mit jedem der Passagierboote, so wie sie an der Eisenbahnstreke anlangten, wiederholt, und zwar stets mit gleichem Erfolge. Einmal brach eines der Zugtaue an einer schadhaften Stelle, ohne daß jedoch ein anderes Unheil als ein Verzug von einer Minute daraus gefolgt wäre. Die bei den Versuchen verwendete Maschine war, da sie nur für den langsamen Verkehr bestimmt war, für keine größere Geschwindigkeit als eine von 18 engl. Meilen in der Zeitstunde berechnet. Alle Anwesenden waren aber darüber einig, daß man mit gehörigen Passagierlocomotiven jede auf den Eisenbahnen gebräuchliche Geschwindigkeit auch auf den Canälen erzielen könnte, und zwar um so mehr, als nur wenige von den Eisenbahnen ein so vollkommenes Niveau besizen wie die Canäle. Die rasche Bewegung der Boote auf den Canälen war den meisten Passagieren sehr angenehm; denn sie war gleichmäßiger und ruhiger als bei dem Zuge mit Pferden. – Am nächstfolgenden Tage wurden auch mehrere schwer bemastete Schiffe mit Geschwindigkeiten von 3 bis 5 engl. Meilen in der Zeitstunde auf dem Canale mittelst der Locomotive gezogen. – Diese Angabe, schreibt der Correspondent des Mechanics' Magazine in Nr. 838 dieser Zeitschrift, möge genügen, um auf die großen Vortheile, welche aus dieser neuen Anwendung der Dampfkraft erwachsen dürften, aufmerksam zu machen. Eine Maschine kann wenigstens 6 Boote, welche dermalen 18 bis 20 Pferde erheischen, fortschaffen, und zwar mit einer doppelt so großen Geschwindigkeit, als sie dermalen möglich ist. Wohlfeilheit und Geschwindigkeit werden |236| den Canälen neuen Verkehr und neues Leben bringen. Nimmt man nur 16 engl. Meilen, die doch schon bei dem ersten Versuche erreicht wurden, als das Maximum an, so wird man den Unioncanal in 2 und den Forth-Clyde-Canal in 1 1/2 Stunden durchfahren können, während man dermalen ihrer 4 und 3 1/2 bedarf!

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