Titel: Poppe, über die Schwarzwälder Uhrenindustrie.
Autor: Poppe, Adolph
Fundstelle: 1840, Band 75, Nr. LXXIV. (S. 431–443)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj075/ar075074

LXXIV. Die Schwarzwälder Uhrenindustrie nach ihrem Stand im Jahre 1838 technisch und statistisch dargestellt von Dr. Adolph Poppe, Lehrer der Technologie und Mathematik in Frankfurt am Main.

(Fortsezung und Schluß von Heft 5, S. 380.)

Dritter Abschnitt.
Der Schwarzwälder Uhrenhandel.
Statistische Uebersichten. Consumtion an Materialien. Versuche, die Fabrication der Schwarzwälder Uhren anderwärts einzuführen.

Die Hauptländer, mit welchen der Schwarzwald durch den Uhrenhandel gegenwärtig in geregelter Verbindung steht, sind England, Frankreich, Nordamerika, Rußland, Preußen, Sachsen, Hannover, Belgien und Bayern. Der bei weitem größte Absaz geht nach England, Nordamerika und Frankreich. Die Summe, welche der Schwarzwald jährlich aus diesen Ländern bezieht, soll diejenige, welche ihm aus den deutschen Staaten zufließt, sechsfach übersteigen. Nach China, Ostindien und Afrika erstrekte sich bis zum Jahre 1838 noch keine geregelte Handelsverbindung; die Uhren, welche in diese Länder kamen, waren einzeln mit Gelegenheit hingesendet worden, oder gelangten durch Reisende dorthin. Der erste Versuch, um nach Ostindien einen regelmäßigen Handelsweg zu eröffnen, fällt auf das Frühjahr 1838, wo drei Leute wirklich mit einer Ladung Uhren dorthin abreisten. Der Uhrenhandel nach Spanien, welcher früher gut gegangen seyn soll, ist ins Stoken gerathen. Seit der Colonisation in Algier machten Einige den Versuch, auch dort Niederlagen zu gründen, fanden aber ihre Rechnung nicht, und kehrten wieder in die Heimath zurük. Eben so wenig hat sich der Uhrenhandel bis jezt nach Griechenland und in die Türkei erstrekt. In Rußland dagegen sind sogar mehrere Schwarzwälder als Spieluhrenmacher etablirt. Den Handel in die Krim betreiben zwei in Odessa wohnende Schwarzwälder. Nach Belgien geht der Uhrenhandel stark, minder gut nach |432| Oesterreich, was der ungemeinen Wohlfeilheit der dortigen Stokuhren zugeschrieben wird.

Das gesammte Handelspersonal der Schwarzwälder Uhrenindustrie theilt sich in zwei Classen, nämlich die im Districte der Uhrenmanufactur ansäßigen Spediteurs oder Paker und die eigentlichen reisenden Händler. Die Zahl der erstern beträgt 61 im Amte Tryberg und 162 im Amte Neustadt, im Ganzen 223. Weit größer ist die Zahl der im Auslande sich herumtreibenden Uhrenhändler; sie konnte nicht ermittelt werden, muß aber bedeutend seyn; denn in London allein befanden sich im Jahre 1838 deren 230, freilich zum Theil in kläglichen Umständen, in Dublin 22.

Wir berechneten oben die Production an Uhren nach der Anzahl der Uhrenmacher und der Arbeit des Individuums. Jene Rechnung war richtig, wenn das auf nachstehende Weise ermittelte Quantum der jährlichen Ausfuhr damit übereinstimmt. Tryberg, Furtwangen, Neustadt und Lenzkirch sind die Hauptstapelpläze des Uhrenhandels; von diesen 4 Orten geht die Versendung der ganzen Production aus. Aus jedem derselben fährt wochentlich ein mit Uhrenbefrachteter Güterwagen nach Straßburg ab. Der größere Theil dieser Fracht geht nach Frankreich und durch Frankreich nach England; der übrige Theil wird in Kehl abgeladen und geht auf dem Wege der Spedition nach den verschiedenen Ländern des Continents, mach Preußen, Rußland u.s.w. ab. Für die Spedition in die Staaten des Continents, nach England und Nordamerika sind außerhalb dem Schwarzwalde folgende Hauptagenten aufgestellt: in Straßburg, Johann Witt; in Kehl, Chr. Kißling; in Frankfurt, J. L. Fink; in Ulm, Kindervatter. Nach Görlachers Mittheilung können wochentlich 300 Cntr. Uhren à 100 fl. im Werth, oder für 30,000 fl. Uhren, mithin jährlich 15,600 Cntr. im Werth von 1,560,000 fl. ausgeführt werden. Danach betrüge die jährliche Production auf dem ganzen Schwarzwald 520,000 Stük Uhrem Nach Angabe des seit Kurzem verstorbenen Löwenwirths Faller in Tryberg, welcher die Versendung der Tryberger Manufacturwaaren und das Wechselgeschäft der Umgegend besorgte, werden wochentlich 40 Uhrenkisten im mittleren Werthe von 800 fl., also im Ganzen von 32,000 fl. ausgeführt. Nach Fallers Angabe betrüge also der Werth der jährlichen Ausfuhr an Uhren 1,664,000 fl. und die Production 554,666 Stük. Nehmen wir aus diesen beiden Angaben das arithmetische Mittel, so ergibt sich als Resultat die jährliche Production und Ausfuhr von 537,333 Stük Uhren im Werth von 1,612,000 fl. Nach der im zweiten Abschnitt gegebenen Berechnung liefern die beiden Hauptindustriebezirke Tryberg und Neustadt jährlich 487,188 |433| Uhren. Man kann daher annehmen, daß auf die umliegenden Amtsdistricte, in welchen die Uhrenmacherei zerstreut sich befindet, deren Waare aber mit der Hauptmasse verpakt wird, 50,145 Stük Uhren kommen. Die Uhren werden in große Kisten gepakt, von denen jede im Durchschnitt 300 Stük enthält; Gestelle, Zifferblatt, Perpendikel befinden sich in getrennten Abtheilungen.

Hinsichtlich des Zolles, welchem die Uhren beim Eingang in Frankreich und England unterliegen, ist zu bemerken, daß an der französischen Gränze für jede Uhr, sie mag groß oder klein seyn, der Eingangszoll von 22 Sous bezahlt wirb; aus diesem Grunde gehen nach Frankreich hauptsächlich die theuren Uhrensorten, z. V. Achttaguhren. Für eine Spieluhr kleinerer Art erhebt Frankreich einen Zoll von 22 Frcs. Der Transitzoll durch Frankreich beträgt wenige Sous auf den Centner. In England muß ein Eingangszoll von 1 Schill. per Stük entrichtet werden.

Was den Einfluß des Beitrittes des Großherzogthums Baden zum preußischen Zoll- und Handelsverein auf die Schwarzwälder Uhrenindustrie betrifft, so sind die im Jahr 1834 geäußerten Besorgnisse der Betheiligten, daß durch die von Frankreich und England zu ergreifenden Repressalien den beiden Bezirken Tryberg und Neustadt Verarmung und gänzlicher Verfall ihres Nationalgewerbes zu gewärtigen sey, nicht in Erfüllung gegangen. Der Uhrenhandel nach Frankreich und England blüht mehr als je, und in Deutschland selbst hat sich der Absaz vermehrt. Denn, nachdem jener Verein besteht, ist es vielen Burschen eingefallen, in die betreffenden deutschen Staaten auf den Handel zu gehen, eben weil der Eingangszoll, welcher fürs Stük, groß oder klein, theuer oder wohlfeil, circa 45 kr. betrug, nun aufgehoben war. So vermehrte sich die Zahl der Händler, die Concurrenz steigerte sich und die Uhren sanken im Preis.

Wir gehen nun zur Erörterung der Frage über, wie wird der Schwarzwälder Uhrenhandel betrieben? Entweder sind es einzelne Individuen, welche ins Uhrenland d.h. ins Ausland sich begeben, und dort ihre Waaren absezen, oder es ist eine ganze Gesellschaft, eine Compagnie von etlichen und zwanzig Mitgliedern, unter einem Obmann oder Director, welche an verschiedenen Orten eines Landes sich etabliren, wie z.B. die Compagnie Risle von Neukirch im Hannöverischen und eine ähnliche im Würtembergischen, und vertragsgemäß den Gewinn unter sich theilen. Zuerst werden von der Gesellschaft Knechte gedungen, denen im ersten Jahre nebst freier Kost 60 bis 100 fl., im zweiten Jahre 200 fl., im dritten 300 fl. Lohn gegeben wird. Wenn sich während dieser Zeit der Knecht in jeder Beziehung gut und brauchbar gezeigt hat, so wird er Mitglied |434| der Gesellschaft und tritt in alle Rechte derselben ein. Am Schluß des Jahres wird in einer abgehaltenen Zusammenkunft von jedem Mitgliede Rechnung abgelegt. Die Gesellschaft hat bestimmte und strenge Statuten, nach denen sich jedes Mitglied zu richten hat, und bei deren Uebertretung Strafe oder auch nach Umständen Ausschluß erfolgt. Es wäre wünschenswerth, daß sich überall dergleichen Gesellschaften bildeten, wodurch der Uhrenhandel einen solideren Charakter erhielte. Oft geht Einer mit 2 oder 3 Gesellen, von denen er einen oder den andern nach 3 oder 4 Jahren seines Knechtedienstes als Associé beibehält, auf den Handel, oder die Gesellen fangen nach Verfluß einiger Jahre an, auf ihre eigene Faust in Handelsspeculationen sich einzulassen. Diejenigen, deren Handel sich nicht über Europa hinaus erstrekt, kommen in der Regel alle Paar Jahre einmal auf einige Tage nach Haus. Manche treiben unterwegs neben dem Uhrenhandel noch sonstige Handelsgeschäfte; sie leben ökonomisch und scheuen es nicht, selbst wenn sie bereits tüchtiges Geld sich erworben haben, mit den Uhren auf dem Rüken selbst umherzuziehen und sie in eigener Person feilzubieten. Die Uhrenhändler haben gewöhnlich in einer bedeutenden Stadt einer Provinz ihre Niederlagen, von wo aus sie in einem Umkreis von 10 bis 30 Stunden handeln. Ihre Knechte nehmen dann eine Partie Uhren auf den Rüken und wandern damit in den nahe gelegenen Städten und Dörfern umher, oder sie schiken eine Partie Uhren von der Hauptniederlage weg an einen gewissen Plaz, von wo aus die Waare dann wieder in der Nähe herumgetragen wird.

In Erwägung der Frage, wie die Verbindung des Uhrenhandels mit der Fabrication, namentlich in Rüksicht auf pecuniäre Verhältnisse, organisirt sey, können wir die häufigen Klagen der Fabrikanten und Speditoren über die in neuerer Zeit überhandnehmende Demoralisation der Uhrenhändler, wodurch der Credit, das Lebensprincip dieses Handels erschüttert wird, nicht unberührt lassen. Ein großer Theil der Uhrenhändler, welcher unwissend und roh ins Ausland ging, kehrt, nachdem er sich unter den niedrigsten Volksclassen mehrere Jahre herumgetrieben, mit den Sünden und Lastern derselben wohl ausgestattet, in die Heimath zurük, das im Auslande eingesogene Gift der Corruption in den Thälern des Schwarzwaldes verbreitend. Der geringere Theil der Händler bezahlt seine Uhren und Schilde gleich nach dem Empfange baar, und erhält daher die Waare billiger. Die Meisten dagegen nehmen die Uhren auf Credit. Bald entschließt sich ein Uhrmacher, bald ein Schildmaler oder was immer für ein Handwerksmann, einem Bekannten oder Verwandten oder gar einem solchen, der keinen Kreuzer im Vermögen hat, dem vor Allem Kleider |435| anzuschaffen sind und Reisegeld vorgestrekt werden muß, auf gut Glük hin eine Kiste im Werth von 500 fl. bis 1000 fl. anzuvertrauen. Wenn nun ein Uhrenhändler nur mit der Bezahlung einer einzigen Kiste im Rükstand ist, so wird dieses immer noch als kein schlimmes Zeichen angesehen; allein oft schreibt er um die dritte, vierte oder wohl gar fünfte Kiste, ohne an der ersten nur einen Heller bezahlt zu haben. Nicht selten erhält er auch auf seine Versprechungen und Entschuldigungen hin das Verlangte; denn das Guthaben des Pakers oder Uhrmachers und Schildmalers an den Händler ist einmal schon bedeutend angewachsen, und sie befürchten nun, der Händler breche, wenn sie ihm nicht wieder willfahren, mit ihnen ganz ab, und zahle dann gar nicht mehr. Das leztere war wirklich schon öfters der Fall. Von Amerika aus insbesondere werden die Paker, Uhrmacher und Maler häufig betrogen, d.h. sie bleiben unbezahlt. Auf solche Weise hatte, kurz vor der Reise des Verfassers in den Schwarzwald, ein einziger Waldbewohner 8000 fl. verloren.

Zu bemerken ist, daß der Paker die Uhren und Schilde entweder auf seine eigene Rechnung oder auf Rechnung des Händlers nimmt. Im ersteren Falle ist der Paker verantwortlich und muß bezahlen, wenn der Händler den Schurken macht; im leztern Falle muß der Uhrmacher sich an den Händler halten, und der Paker hat sich weiter um nichts zu bekümmern. Hiebei geschieht oft der Fehler, daß die Sache zwischen dem Spediteur und dem Uhrmacher nicht einmal schriftlich, geschweige denn vor amtlichen Personen abgemacht wird, daher es häufig vorkommt, daß der Spediteur, im Falle eines Bankerottes des Händlers, dem Fabrikanten keine Zahlung leisten will, obgleich er dem mündlichen Vertrage gemäß die Waaren auf seine Rechnung genommen hat. Die Folge davon sind häufige Prozesse. Haben die Paker die Bezahlung auf sich genommen, so machen sie selbst hie und da Inspectionsreisen ins Ausland, um sich von dem Treiben der Händler, denen sie ein bedeutendes Quantum an Waaren anvertraut hatten, Gewißheit zu verschaffen. Es würde im gegenseitigen Interesse sowohl der Paker, als auch der Uhrmacher und Maler liegen, wenn nur der Paker die Waare auf seine Rechnung kaufte, und sie dann dem Händler entweder gegen amtlich hinterlegte Cautionen oder unter sonstigen sichern Bedingungen überließe; andererseits müßte aber auch der Händler durch amtliche Controle der verfertigten Uhren mittelst beeidigter Personen von der Qualität seiner Waare versichert seyn können. Das bisher so unsichere Verhältniß zwischen Handel und Gewerbe würde sich ohne Zweifel in Folge dieser Reform weit günstiger gestalten. Der Handel würde aus den Händen des charakterlosen Gesindels in die Hände solider Männer übergehen, und die |436| Fabrication selbst durch Beseitigung pecuniärer, in Folge verunglükter Handelsunternehmungen oder Leichtsinnes der Händler herbeigeführter Verluste einen wohlthätigen Impuls erhalten. Alles dieses wäre nur durch gemeinsames Zusammenwirken der Betheiligten zu erreichen, wogegen leider der Eigensinn und die Verblendung mancher Paker und Gewerbtreibenden in den Weg tritt.

Durch folgende zwei Haupttabellen erhält der Leser eine Uebersicht über die ganze Schwarzwälder Uhrenmanufactur nach dem Stande des Jahres 1838. Sie enthalten die aus den Steuerkatastern erhobene Zusammenstellung aller in den einzelnen Abtheilungen dieser Industrie selbstständig Beschäftigten. Beide Tabellen verdanke ich der Gefälligkeit der HHrn. Steuerperäquatoren Schirrmann und Burga, welche für die Richtigkeit dieser Auszüge sich verbürgen.

Amt Tryberg.

Textabbildung Bd. 75, S. 436
|437|

Amt Neustadt.

Textabbildung Bd. 75, S. 437
|438|

Nach diesen tabellarischen Zusammenstellungen befinden sich in beiden Amtsbezirken:

Holzuhrenmacher 694
Gestellmacher 69
Schildbrettmacher 17
Schildmaler 139
Gloken- und Rädergießer 19
Uhrenräderdreher 33
Uhrenzeigermacher 2
Uhrenkettenmacher 5
Verfertiger musikalischer Spielwerke 12
Speditoren und Händler 223
–––––––––––
Summa 1243 Meister.

Die jährliche Consumtion an Hauptmaterialien zur ganzen Uhrenmanufactur läßt sich auf folgende Weise übersichtlich darstellen:

Material. Quantität. Werth.
fl.
Feinstämmiges Tannenholz zu Uhrenschilden 289 Stämme 12,716
Buchenholz zu Gestellen 276 – 5520
Uhrenpakkisten 2000 Stük 2000
Kupfer für Gloken und Räder 1178 Centner 70,680
Zink für Räder 475 – 9125
Zinn für Gloken 247 – 14,820
Holzkohlen zur Gießerei 665 Wagen
Farben für die Schilde 81,198
Passauer Tiegel 2850 Stük 1662
Eisendraht 2335 Centner 60,710

Die Zunahme der Uhrenindustrie in den lezten Jahrzehnten und die mit derselben parallelgehende Vermehrung der Bevölkerung läßt sich am besten in folgenden comparativen Zusammenstellungen überbliken. Wir wählen zuerst die Jahre 1808 und 1838 und den Amtsbezirk Tryberg.

Textabbildung Bd. 75, S. 438

Verhältnißmäßig stärker zeigt sich das Steigen der Industrie im Amtsbezirk Neustadt von 1835 bis 1838.

Textabbildung Bd. 75, S. 438
|439|

Folgende aus den Steuerkatastern gezogene Tabelle enthält die Darstellung des Standes der Uhrenindustrie in der Stadt Neustadt von 1820 bis 1838 je von 5 zu 5 Jahren.

Jahr Seelen-
zahl
Holzuhren-
macher
Schild-
maler
Gießer. Schild-
dreher
Gestell-
macher
Händler
im
Ausland
1820 1280 31 5 2 8
1825 1341 39 10 2 1 8
1830 1402 42 10 2 9
1835 1694 48 21 2 7
1838 1804 56 17 2 2 8

Besonders auffallend zeigt sich die Progression der Uhrenindustrie in der Stadt Tryberg. Hier waren im Jahr 1826 nicht mehr als 8 Meister etablirt; im Jahr 1830 war diese Zahl schon auf 18, im Jahr 1835 auf 24 und im Jahr 1838 auf 35 gestiegen. Im Marktsteken Furtwangen hat die Bevölkerung seit 20 Jahren in Folge wachsender Industrie um 500 Seelen zugenommen. Die Bevölkerung des ganzen Tryberger Amtsbezirks hat von 1833 bis 1838, also innerhalb 5 Jahren, einen Zuwachs von 1550 Seelen erhalten.

In Bezug auf die Einführung der Fabrication hölzerner Wanduhren in andern Gegenden begegnen wir zunächst der im würtembergischen Marktfleken Schwenningen seit etlichen und 40 Jahren einheimisch gewordenen Uhrenmanufactur. Es ist dieß der einzige uns bekannte Ort außerhalb Baden, wo dieser Gewerbszweig festen Fuß gefaßt hat und auf sicherem Boden steht. Indessen gränzt Schwenningen an den Hauptsiz der badischen Uhrenindustrie; seine Manufactur ist so nahe mit der badischen verwandt, daß der Verfasser dieselbe bei der Darstellung der Uhrenfabrication des badischen Schwarzwaldes zugleich mit angeführt hätte, wenn jene nicht ein für sich abgeschlossenes Ganze bildete, und ihre Fabricate nicht, von denjenigen des Nachbarstaates abgesondert, in den Handel kämen. Die Schwenninger Holzuhrenmacherei beschäftigte im verflossenen Jahre, bei einer Einwohnerzahl von 3800 Seelen, 69 Meister, welche, ohne eine Zunft zu bilden, ihr Handwerk theils mit Gesellen, theils allein betreiben. Der Gang dieser Manufactur ist, wie auf der badischen Seite, fabrikmäßig. Die Zahl jener 69 Meister schließt 49 Uhrenmacher und 20 Vorarbeiter in sich. Zu den lezteren gehören 2 Schilddreher, 13 Schildmaler, 3 Uhrengestellmacher und 2 Gloken- und Rädergießer, welche zu einer gemeinschaftlichen Gießerei sich verbunden haben. Die jährliche Production an Schwarzwälder Uhren in Schwenningen beläuft sich auf 30,576 Stüke, im mittleren Werth von 91,728 fl.

|440|

Es sind wohl manche Versuche schon gemacht worden, die Wälderuhrenfabrication auf künstlichem Wege anderwärts einzuführen, ohne daß sich jedoch bis jezt irgend ein Resultat gezeigt hätte, welches geeignet gewesen wäre, eine für den Schwarzwald gefährliche Concurrenz hervorzurufen. So wurde ein Schwarzwälder von der preußischen Regierung zum Behuf der Errichtung einer Holzuhrenfabrik unterstüzt, es wurden ihm Maschinen und Werkzeuge angeschafft, allein das Unternehmen wollte keinen Fortgang gewinnen, und der Schwarzwälder kehrte wieder in seine Heimath zurük. Auch in England sollen dergleichen Versuche gemacht worden seyn; da aber eine ächte Schwarzwälderuhr, ungeachtet des Transportes, immer noch wohlfeiler kam, als eine in England nach Schwarzwälder Art verfertigte, so zerschlugen sich alle Unternehmungen dieser Art. Der Hauptgrund, warum die Holzuhrenfabrication eben nur auf dem Schwarzwald gedeihen zu können scheint, liegt offenbar in der nationalen Bedeutung, welche sie dort erlangt hat. Die Fabrication der Holzuhren ist dem Gebirgsvolke des Schwarzwaldes, seiner Lebensart, seinen topographischen und ökonomischen Verhältnissen so sehr eigen, sie ist so tief in das innerste Volksleben eingedrungen, daß alle Versuche, diesen gewerblichen Zweig an andern Orten künstlich einzuführen und zu popularisiren, hinter dem Schwarzwalde zurükbleiben müssen. Der ganze Schwarzwälder Uhrendistrict bildet eine große Fabrik, mit einer Arbeiterzahl von mehr als 3600 Köpfen, worin das Princip der Arbeitstheilung bis ins allerkleinste Detail durchgeführt ist. Mit dieser Fabrik, bei einer solchen von Generationen auf Generationen ererbten Geschiklichkeit und Betriebsamkeit, bei solchem unermüdlichen Fleiße, solcher eiserner Ausdauer der Arbeiter durch Errichtung einer Holzuhrenfabrik in andern Gegenden die Concurrenz bestehen zu wollen, dürste selbst unter sonst günstigen Conjuncturen ein gewagtes Unternehmen seyn.

Nachtrag.
Die Fabrication größerer mechanischer Musikwerke.

An die fabrikmäßige Verfertigung der Schwarzwälber Uhren schließt sich die auf demselben Districte einheimische Fabrication größerer musikalischer Spielwerke, eine besondere technische Abtheilung, welche früher mit der Uhrenmanufactur eng verbunden war, nach und nach aber zu einem selbstständigen mechanischen Kunstzweige sich erhoben hat. In diesem Fache trifft man lauter talentvolle, mit den Gesezen der Mechanik und Akustik vertraute, musikalisch gebildete Männer. Ihre Fabricate, deren Werth sich von 400 fl. oft bis zu 15,000 fl. per Stük beläuft, sind mit jenen ordinären, im Werthe |441| einige Louisd'ors nicht übersteigenden Ländler und Walzer orgelnden Spieluhren nicht zu verwechseln. Zu welchen überraschenden Leistungen sich in diesem industriellen Zweige das Genie des Schwarzwälders emporgeschwungen hat, weiß nur derjenige in vollem Grade zu würdigen, welcher mit eigenen Augen die überaus schöne und elegante Mechanik dieser Kunstwerke gesehen, mit eigenen Ohren von dem vollendeten Vortrage dieser automatischen Orchester sich überzeugt hat. Die Kunst des Wälders hat sich nicht damit begnügt, auf eine täuschende Weise den Effect der verschiedenen Blasinstrumente, wie Flöte, Oboe, Fagot, Horn, Trompete u.s.w. zu erzeugen, sondern es ist ihr auch geglükt, alle jene feinen Abstufungen und Nuancen des Tones, wie crescendo, decrescendo, tremulando, piano, forte u.s.w. hervorzubringen, wodurch die Musik so sehr an Kraft und Wärme gewinnt. Man findet diese Kunstwerke in der Regel in Gestalt eleganter Armoirs aufgestellt. Die Zahl der mechanischen Werkstätten zur Verfertigung größerer Musikwerke auf dem Schwarzwalde ist 8. Die Besizer derselben sind: Martin Blessing in Furtwangen, Constantin Blessing in Langenbach, Jakob und Johann Blessing in Kirnach, Schöpperle in Lenzkirch, Duffner in Tryberg, Gebrüder Hock in Schonach, Weite in Fehrenbach. Unter diesen ist weit und breit berühmt Martin Blessing, welcher vor etlichen Jahren ein Spielwerk für 15,000 fl. nach England lieferte, wo dasselbe eine Zeit lang für Geld gezeigt wurde. Durch ein mehrere Centner schweres Gewicht in Bewegung gesezt, spielte das Werk große Symphonien und Ouvertüren, auch war dabei die besondere Einrichtung getroffen, daß auf einen Druk eine Claviatur hervorsprang, worauf dann das Instrument wie eine Orgel gehandhabt werden konnte. Ausgezeichnet sind ferner Schöpperle in Lenzkirch und Duffner in Tryberg. Von lezterem sah der Verfasser ein Musikwerk, welches unter dem Namen Panorchestrion im Sommer 1838 während der Saison in Baden-Baden Aufsehen erregte. Es spielt unter Anderm die Ouvertüre zu der Oper „der Barbier von Sevilla“ und eine Reihe moderner Walzer vortrefflich, namentlich lassen sich Trompete, Horn und Flöte in ihrem Wechselspiele deutlich vernehmen. Das Werk wurde nach Amerika verkauft. Die Gebrüder Blessing in Kirnach waren zur Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schwarzwalde eben mit einem prachtvollen, nach Odessa bestellten Spielwerke im Werthe von 12,000 fl. fertig geworden. Beinahe der ganze Absaz dieser kostbaren Waare geht nach England, Nordamerika und Rußland; in Deutschland selbst finden sie wenig Eingang. Auf dem Schwarzwalde dagegen sieht man in einigen größeren Wirthshäusern zur Unterhaltung der Fremden Spielwerke von |442| hohem Kunstwerthe aufgestellt, unter denen besonders das dem Löwenwirthe Faller in Tryberg gehörige, dessen Werth auf 3000 fl. geschäzt wird, die Bewunderung aller Reisenden erregt. Ich habe dieses Musikwerk in der vorderen Ansicht aufgenommen und Fig. 40 auf Tab. VI so dargestellt, daß der innere Mechanismus in seinen Haupttheilen sichtbar ist. Das Instrument hat 88 Tasten und 8 verschiedene Register für Horn, Trompete, crescendo u.s.w., welche sich von selbst schieben. Durch ein schweres Gewicht in Bewegung gesezt, spielt es eine Reihe Walzer von Strauß und Lanner, die Ouvertüren zu den Opern „Wilhelm Tell“ und der „Barbier von Sevilla“ von Rossini und ein Concert von Mozart vollständig. Die 7'' im Durchmesser haltende Walze läßt sich leicht herausnehmen und durch eine neue ersezen. Der Mechanismus bei b dient zur Bewegung der Walze und des Blasbalgs, der bei a steht mit einem Hülfsblasbalg in Verbindung und sezt sich nur von Zeit zu Zeit in Bewegung, in dem Moment nämlich, wo die Natur des Stüks ein forte oder fortissime verlangt, die übrige Zeit steht er still. Bei A, A befindet sich das Pfeifenwerk. Während ihrer Umdrehung macht die Walze zugleich eine fortschreitende Bewegung, d.h. jeder Punkt auf derselben beschreibt eine Schraubenlinie, damit nach jedesmaliger Umdrehung der Walze nicht dieselben Stifte wieder auf die Claviatur wirken, wodurch das Spiel in zu enge Gränzen gewiesen wäre.

Für 500 fl. kann man bereits ein Spielwerk erhalten, welches große Ouvertüren und Symphonien ungemein lieblich vorträgt; für 2000 fl. aber liefert der Fabrikant ein Werk, welches durch Kraft und Fülle der Töne, durch die hervorklingenden Eigenthümlichkeiten verschiedener Blasinstrumente und durch einen geschmakvollen Vortrag in dem Zuhörer den Eindruk eines gut besezten Orchesters hinterläßt. Wünscht der Besizer eines solchen mechanischen Spielwerks zur Abwechslung ein neues Musikstük, so darf er nur dem Fabrikanten dasselbe näher bezeichnen und die Nummer der Walzen, in deren Besiz er bereits ist, angeben. Er erhält sofort eine neue Walze, auf welcher das verlangte Stük aufgetragen ist, für 4 bis 6 Louisd'or. Die Schwarzwälder Spieluhrenfabrikanten sind fortwährend im Besiz der Partituren zu den beliebtesten Musikstüken, insbesondere zu den Ouvertüren für alle Opern von Mozart, Rossini, Auber, Herold u.s.w., so wie auch zu Walzern von Strauß und Lanner; sie scheuen selbst bedeutende Opfer nicht, sich solche zu verschaffen und für ihre Zweke arrangiren zu lassen.

Schließlich noch das Preisverzeichniß einiger kleinerer Musikuhren-Sorten:

|443|
Eine Musik-Flötenuhr mit Register, einer kleinen Walze, 22 Tönen,
8 Musikstüken, und einer Achttageuhr

42 fl.
Eine Musik-Flötenuhr mit einem Register, Nebenstimme, 28 Tönen,
Achttageuhr, 8 Stüke spielend, mit Fogaren-Pfeifen, ohne Schild

50 fl.
Eine ditto mit 2 Registern, 6zölliger Walze, 42 Tönen 88 fl.
Eine ditto mit 3 Registern, 2 Walzen und 25 Tönen 112 fl.
Eine ditto mit 4 Registern, 30 Tönen, 2 hohen Walzen, die Stüke
selbst schiebend, einer in Messing gespindelten Achttageuhr

144 fl.
|437|

Diese Zahl schließt auch die Einwohnerzahl der wenigen Ortschaften in sich, welche in vorliegender Tabelle nicht aufgeführt sind, weil in ihnen die Holzuhrenfabrication nicht betrieben wird.

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