Titel: Eine neue Volta'sche Säule von ungewöhnlicher Kraft.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 75, Nr. XXXII./Miszelle 1 (S. 155–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj075/mi075032_1

Eine neue Volta'sche Säule von ungewöhnlicher Kraft.

Bei dem immer wachsenden Interesse, welches in wissenschaftlichen und industriellen Kreisen an allem dem gewonnen wird, was dahin zielt, die Volta'sche Elektricität für technische Zweke, chemischer Art sowohl als mechanischer, in Anwendung zu bringen, dürfte es vielleicht passend und nüzlich seyn, einige Notizen bekannt zu machen über eine neue Volta'sche Säule, welche ihrer außerordentlichen chemischen und magnetischen Wirkungen wegen von praktischer Wichtigkeit zu werden verspricht.

Die interessanteste Mittheilung, welche bei der dießjährigen Versammlung der brittischen Naturforscher in Birmingham (der chemischen Sektion) gemacht wurde, rührte von meinem Freunde, Hrn. Grove aus Wordsworth, her. Derselbe zeigte einen Volta'schen Apparat vor, der, obwohl nur einen Raum von wenigen Kubikzollen einschließend und aus vier kleinen Plattenpaaren von Platinzink bestehend, dennoch eine ungewöhnliche chemische Wirksamkeit besaß. Während meines neulichen Aufenthalts in London ließ ich mir bei dem bekannten Mechaniker Watkins in Charing-Croß eine Volta'sche Säule nach dem Grove'schen Princip construiren, in etwas größern Dimensionen jedoch, als sie die von mir in Birmingham gesehene Vorrichtung hatte. Mein Apparat ist zusammengesezt aus fünf Plattenpaaren, jedes aus einem dünnen Platinblech von 8'' Länge und 2'' Breite, und aus einem amalgamirten Zinkstreifen von 14'' Lange und 2'' 9''' Breite bestehend. Diese Plattenpaare werden, wenn man die Säule in Thätigkeit sezen will, in einen kleinen Trog gestellt, in der Weise, daß jede Platinplatte in eine poröse, mit gewöhnlicher Salpetersäure gefüllte Thonzelle von parallelopipedischer Form eintaucht. Jede dieser Zellen steht in einem eigenen im Trog befindlichen, ebenfalls zellenförmigen und mit verdünnter Schwefelsäure oder Salzsäure angefüllten Raum, und ist von einem Zinkstreifen umgeben, welcher mit der Platinplatte einer benachbarten Thonzelle communicirt. Der wirksame Theil des Apparats nimmt kaum 80 Kubikzoll, die ganze Vorrichtung nicht völlig einen Viertelkubikfuß ein – ein Volumen, das man sicherlich nicht groß nennen kann, und das sich noch leicht um die Hälfte vermindern ließe, ohne dadurch der Wirksamkeit der Vorrichtung Eintrag zu thun. Eine so beschaffene Säule nun liefert einen Strom, welcher, durch schwefelsäurehaltiges Wasser von 1,3 specifischem Gewicht geleitet, in einer Stunde 900 Kubikzoll gemischten Gases (Knallgases) an den Elektrodon liefert, oder in jeder Minute 15 Zoll. Meines Wissens ist bis jezt noch kein Apparat construirt worden, welcher selbst bei viermal größern Dimensionen an chemischer Wirksamkeit dem in Rede stehenden gleich käme; ich zweifle sogar daran, ob die so berühmt gewordene Riesensäule der Royal Institution in London, welche bekanntlich aus 2000 Plattenpaaren bestand, die chemische Energie der meinigen besaß. Was aber die fragliche Vorrichtung noch besonders werthvoll für den Physiker macht, ist der Umstand, daß sie einen Strom von konstanter Starke liefert. Man war früher der Meinung, daß eine Säule von großer chemischer Wirksamkeit auch bedeutende physiologische Effecte hervorbringen müsse. Diese Ansicht wird durch meinen Apparat keineswegs bestätigt, denn wenn man denselben durch die Hände schließt, so wild auch nicht die geringste Erschütterung empfunden; während Säulen, die aus vielen Plattenpaaren bestehen und kaum einen Zoll Knallgas in der Minute entwikeln, heftige Schlage zu ertheilen vermögen. Was die Wärmeeffecte meines Apparats betrifft, so habe ich noch nicht Zeit gehabt, die Größe derselben genau zu bestimmen; allein aus dem Umstände, daß mittelst desselben Platindrähte von der Dike einer gewöhnlichen Striknadel in wenigen Secunden geschmolzen werden, daß in Kohlenstüken, die als Schließungsmittel dienen, ein für das Auge kaum erträglicher Lichtglanz hervorgebracht wird, muß ich schließen, daß die Wärmewirkungen meiner Säule ebenfalls ungewöhnlich groß sind.

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Das Maximum des elektro-magnetischen Vermögens, das mein Apparat besizt, habe ich ebenfalls noch nicht genau ermittelt, daß es aber von Bedeutung sey, erhellt aus dem Resultat eines einzigen Versuchs, den ich vor wenigen Tagen angestellt. Ein Stük weichen Eisens von 2' Länge und 5/4'' Dike, in Hufeisenform gebogen und mit einer Spirale von Kupferdraht umgeben, trug 3 1/2 Cntr. Eisen, als ich durch leztere den Strom meiner Säule kreisen ließ. Dieses Gewicht drükt aber keineswegs das Maximum der Tragkraft des fraglichen Elektromagneten aus, denn lezterer hätte mit einer noch viel größern Last beschwert werden können, ehe der Anker abgerissen wäre, es fehlte mir aber im Augenblik des Versuchs weiteres Gewicht, um die Gränze des Ziehvermögens genau zu bestimmen.

Vergleicht man die Dimensionen meiner Säule mit den von ihr hervorgebrachten Wirkungen, so müssen leztere als außerordentlich groß erscheinen, und wird man die Ueberzeugung gewinnen, daß Volta'sche Apparate, nach der Grove'schen Weise construirt, allen anderen vorzuziehen sind, sobald es sich nämlich darum handelt, in einem möglichst kleinen Raum eine möglichst große Kraft zu erzeugen.

Die bedeutende und constante Wirksamkeit des in Rede stehenden Apparats eröffnet überdieß die Aussicht, daß die Stärke des Elektromagnetismus bis zu jedem beliebigen Grade gesteigert, und somit derselbe als Bewegkraft im Großen angewendet werden könne. Was leztern Punkt betrifft, so ist freilich noch eine wichtige Frage zu entscheiden, nämlich diejenige der Oekonomie, denn alle über diesen Gegenstand bekannt gewordenen Daten sind noch zu vag und unzuverlässig, als daß darauf hin eine sichere Kostenvergleichung zwischen Dampf- und elektromagnetischer Kraft (für eine gegebene Oertlichkeit gültig) angestellt werden könnte.

Ohne Zweifel werden wir aber bald von einem Manne, der schon seit Jahren mit der Auflösung des Problems: die Volta'sche Elektricität der Mechanik dienstbar zu machen, mit so vielem Eifer sich beschäftigt, und welcher dieser wichtigen Aufgabe um so mehr gewachsen ist, als demselben durch kaiserliche Munificenz alle nur wünschbaren Mittel zur Verfügung gestellt sind – wir werden, sage ich, von dem scharfsinnigen und unermüdlichen Jacobi in St. Petersburg bald Aufschlüsse über die zweifache Frage erhalten: gestatten physikalische und ökonomische Gründe die Anwendung des Elektromagnetismus als Bewegkraft für technische Zweke?

C. F. Schönbein. (Allgem. Zeitung von Augsburg, Nr. 12.)

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