Titel: Ueber die ballistischen Pendel der HHrn. Piobert und Morin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 76, Nr. XVII./Miszelle 7 (S. 77)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj076/mi076017_7

Ueber die ballistischen Pendel der HHrn. Piobert und Morin.

Die HHrn. Piobert und Morin ließen im Jahre 1836 im Arsenale zu Metz zum Behufe von Versuchen, die von ihnen angestellt werden sollten, ein ballistisches Pendel (pendule balistique) welches nachstehenden Bedingungen zu entsprechen hatte, verfertigen. 1) mußte die Aufhängung des Kanonen-Pendels ein solches seyn, daß dasselbe leicht und ohne viele Kosten die Kanonen und Haubizen von allen Dimensionen aufzunehmen vermochte. 2) mußte der Apparat so leicht seyn, daß er auch für kleinere Kaliber und kleinere Ladungen eine genügende Empfindlichkeit besaß, obwohl andererseits bei starken Ladungen der Rüklauf gewisse Gränzen nicht übersteigen durfte. 3) mußte der ballistische Recipient ohne Schaden zu leiden im Stande seyn, den Stoß der Geschoße von jedem Kaliber, selbst wenn sie die größten Geschwindigkeiten, die ihnen mittelst Pulver gegeben werden können, besaßen, auszuhalten; auch mußten sie zur Verhütung der Wirkungen der Feuchtigkeit und zur Vermeidung der deßhalb an den hölzernen Pendeln nöthigen Correctionen ganz aus Metall gearbeitet seyn. 4) endlich mußten die Schwingungs-Mittelpunkte stets mit Leichtigkeit und für alle Kaliber in die Schußlinie gebracht werden können. Die Erfinder haben in einer Abhandlung, welche sie zugleich mit einem Modelle ihrer Apparate der Akademie der Wissenschaften in Paris vorlegten, die Motive angegeben, durch welche sie veranlaßt wurden, ganz andere Formen anzunehmen, als sie an den älteren Apparaten Hutton's und den an der Pulvermühle von Esquerdes gebräuchlichen vorkamen. Nach den von Hauptmann Didion angestellten Versuchen besizen die neuen Instrumente einen hohen Grad von Genauigkeit. Bei vier aus einem Sechzehnpfünder mit genau präparirten Ladungen von 2 Kilogr. Pulver gemachten Schüssen differirte nämlich die der Kugel mitgetheilte Geschwindigkeit um nicht mehr als 0/80 Meter in 1/580 ihrer mittleren Geschwindigkeit von 462,7 Meter. Unter anderen Versuchen, die man vornahm, dienten die neuen Instrumente auch zur genauen Bestimmung der Pulverladung, über welche hinaus die Geschwindigkeit der Kugeln nicht weiter wächst. Diese Ladung beträgt für Festungs-Zwölfpfünder etwas mehr als 8 Kilogr., folglich merklich mehr als das Gewicht der Kugel. Abgesehen von diesem außerordentlichen Schusse, diente derselbe Apparat auch noch zum Messen weit höherer Effecte; denn man bestimmte mit seiner Hülfe Geschwindigkeiten von 660 Metern in der Secunde, die mit gewissen Pulvern einem 24Pfünder mitgetheilt wurden. Als man endlich mit einer Ladung von 6 Kilogr. aus einem Festungs-Zwölfpfünder gewöhnliche Haubizgranaten von 4,010 Kil. Schwere schoß, wurde ihnen mit gewöhnlichem Schießpulver eine Geschwindigkeit von 745,3 Meter in einer Secunde mitgetheilt, d.h. eine Geschwindigkeit von beinahe einer Fünftel Lieue in einer Secunde, was die größte Geschwindigkeit ist, die der Mensch bisher einem beweglichen Körper zu geben vermochte. Da diese Apparate demnach ihrem Zweke so gut entsprachen, so wurden auf Befehl des Kriegsministeriums an allen Pulverfabriken solche errichtet. Hr. Morin hat endlich nach seinem Principe auch ein hölzernes Pendel construirt dessen Recipient, der mit einem hölzernen Fasse von 4,50 Meter im Durchmesser geschlossen ist, zur Bestimmung der Wirkungen des Luftwiderstandes den Stoß eines aus verschiedenen Entfernungen, nämlich 50, 150 und 200 Meter abgefeuerten Geschoßes empfangen wird. Diese Versuche, welche unter der Leitung des Hrn. Hauptmanns Didion in Metz bereits im Gange sind, werden positive Daten und die Grundlagen einer für die praktische Artillerie so nothwendigen Experimental-Ballistik liefern. (Comptes rendus, 1839, 2e semestre No. 22.)

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