Titel: Ueber das Hydro-Oxygen-Gasmikroskop von Prof. Dr. Berres.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 76, Nr. XVII./Miszelle 9 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj076/mi076017_9

Ueber das Hydro-Oxygen-Gasmikroskop von Prof. Dr. Berres.

Unter die vielen neuen nüzlichen Verbesserungen und Entdekungen, welche einflußreich für Gegenwart und Zukunft wirken, gehört unbestreitbar auch die Verbesserung, ja die Umstaltung der Mikroskope in der lezten Zeit. Durch Beihülfe dieser so sehr verbesserten Werkzeuge wird es dem Naturforscher nun möglich seyn, seinen Geist in das unbekannte Gebiet der zartesten Organisation zu leiten; und so begann auf deutschem Boden eine neue Richtung im Forschen, ja ein neuer Zweig der Naturwissenschaften. Unverkennbar und kräftig trug zur Begründung dieser Epoche der rühmlichst bekannte Optikus Plössel bei. Er ist es, der unter dem lehrreichen und freundschaftlichen Einfluß eines Jacquin, Baumgartner, Ettingshausen und Littrow das oben genannte componirte Mikroskop baute, und zu jenem Grade von Vollkommenheit erhob, daß wir nun mit Klarheit und noch nie erreichter Schärfe auch die zartesten Bildungseigenthümlichkeiten richtig erkennen und aufzufassen im Stande sind. So sehr jedoch dieser Fortschritt der Optik, welchen Schik, Pistor, Chevalier und Amici zu befestigen suchten, die Naturwissenschaften neu belebte, so verbleibt das Studium der Natur mit Beihülfe des componirten Mikroskops immer nur für den Einzelnen lehr- und genußreich; denn die Mittheilung der auf diesem Gebiet gesammelten Schäze an eine größere Menge ist nicht allein höchst zeitraubend, sondern kann auch gewöhnlich nur unvollkommen geschehen.

Der Wunsch, baldigst ein Instrument und überhaupt Mittel zu gewinnen, welche dazu geeignet wären, die erforschten Gegenstände gemeinnüzig und faßlich einem größern wissenschaftlichen Publicum vorstellen zu können, war demnach immer lauter, und als ein höchst erwünschtes und zeitgemäßes Unternehmen mußte Hrn. Karl Schuh's Versuch, mikroskopische Gegenstände mittelst eines Hydro-Oxygen-Gasmikroskopes einem großen Publicum darzustellen, angesehen werden. Obgleich uns schon frühere Versuche, transparente Gegenstände mittelst des Drumond'schen Lichts darzustellen, Vieles versprachen, so glaubten wir dennoch unser Urtheil über Hrn. Schuh's erste Leistungen um so mehr aufschieben zu können, als wir mit vollem Grund einer baldigen Vervollkommnung des ganzen Apparats in Plössel's Atelier entgegen sahen und hoffen durften, unter Beihülfe dieses Instruments und der kräftigen künstlichen Lichteinwirkung nicht allein transparente und opake Gegenstände klar darstellen, sondern auch diese Lichtbilder durch das Daguerre'sche Verfahren bleibend fixiren zu können. Da nun durch den glänzendsten Erfolg alle unsere Erwartungen weit übertroffen wurden, und die Photographie zuerst ihre wahre und volle Anwendbarkeit im praktischen Leben und im Gebiete der Naturwissenschaften gewinnt, so können wir nicht umhin, das wissenschaftliche Publicum von diesem wichtigen Fortschritt ehestens zu benachrichtigen, und hier eine kurze Beschreibung des vortrefflichen optischen Apparats zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.

|79|

Der ganze Apparat zerfällt in zwei wichtige Bestandtheile: in den Lichterzeugungs- und in den rein optischen Apparat. Beide sind von gleichem Belange, denn ohne eine ruhige Flamme und gesicherte Dauer eines intensiven Lichts würde auch der vortrefflichste optische Apparat nur Unvollständiges liefern, und umgekehrt auch das geeignetste Licht bei einer mangelhaften Construction des Mikroskops nicht entsprechen. Zur Verwendung dieses Apparats haben demnach Plössel's und Schuh's Fleiß und Talente sich vereinigt. Der Erleuchtungsapparat besteht aus einem leicht beweglichen Tisch, unter welchem sich die zwei Gasreservoirs befinden, die, mit comprimirtem Gas gefüllt, eine zwölfstündige Dauer des Experimentirens erlauben, ihren Inhalt durch an ihren Enden vereinte Röhren in die Capelle des auf dem Tisch ruhenden Mikroskops leiten, und über einen mittelst eines Uhrwerks spiralförmig bewegten Kalkkegel ausströmen. Das Licht ist so vollkommen gleichmäßig, daß nie ein Schwanken desselben eintritt, und die Erleuchtung wie die Intensität nach Willkür geregelt werden können. Die hier wie beim Sonnenmikroskop so hinderliche Wärme im Brennpunkt der Erleuchtungslinsen ist so glüklich beseitigt, daß die Beobachtung lebender Infusorien längere Zeit möglich gemacht wird.

Durch die Vortrefflichkeit der achromatisch-aplanatischen Objective, welche in einer waagrecht gestellten, mit der Capelle des Erleuchtungsapparats verbundenen Leitungsröhre angebracht sind, werden vollkommen farbenfreie Bilder mit solcher Scharfe producirt, daß man z.B. an den Schmetterlingsschüppchen die Linien leicht erkennen kann. Diese Schärfe wird jedoch noch vermehrt, wenn man die Bilder transparent auf eine mattgeschliffene Glasplatte eröffnen läßt. Nicht minder Berüksichtigung verdient die Präparationsart der verschiedenen Gebilde, um sie vom Licht durchdringbar und so zu einer Darstellung mittelst dieses Instruments tauglich zu machen, worin Hr. Schuh eine ausgezeichnete Fertigkeit besizt. Der optische Apparat für opake Gegenstände ist noch in der Arbeit, verspricht jedoch dermalen schon den besten Erfolg. Die von Hrn. Karl Schuh demonstrirten Präparate stellen uns mit seltener Schärfe und Schönheit Gegenstände aus dem Gebiet der Botanik, Mineralogie, vergleichenden und Menschenanatomie dar. Das erfreulichste Resultat lieferte jedoch ein erst jüngst vorgenommener Versuch, mittelst der Beleuchtung dieses Apparats Daguerréotypen zu erzeugen; denn die diesem Licht ausgesezte, durch die Meisterhand unseres rühmlichst bekannten Professors v. Ettingshausen präparirte Platte stellte das Bild des gewählten Gegenstandes nach einer halbstündigen Einwirkung vollkommen getreu unsern Augen dar.

Wir schließen diesen Bericht mit folgenden Resultaten: 1) das eben besprochene Mikroskop kann zwar das componirte Mikroskop an Klarheit nicht erreichen, eignet sich jedoch vollkommen für Demonstrationen in den Collegien und zu Untersuchungen transparenter Objecte; 2) es macht die Abbildungen naturhistorischer Gegenstände mit Benüzung der Daguerre'schen Methode in jedem beliebigen Augenblik möglich. (Ausgb. Allgemeine Zeitung.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: