Titel: Ueber wasserdichten Hanffilz und seine Anwendung zum Dachdeken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 76, Nr. XXXVII./Miszelle 18 (S. 158–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj076/mi076037_18

Ueber wasserdichten Hanffilz und seine Anwendung zum Dachdeken.

Unter der großen Masse von Erzeugnissen einer raffinirten Industrie, welche die lezte Ausstellung in Paris gebracht hatte, zeichnet sich eine neue Erfindung |159| vorzüglich aus. Es ist dieß eine unter dem Namen Chanvre imperméable unter das Publicum gebrachte Zubereitungsart des Hanfes, welche von einem Hrn. Marsuzi di Aguirra herrührt, der seine Fabrik und Niederlage in Paris (rue Richelieu, No. 67) hat.

Man sollte kaum glauben, wie einer vielfältigen Verwendung dieses Hanfpräparat fähig sey, das eigentlich aus nichts anderem besteht, als aus den Pflanzenfasern des Hanfes, welche, nachdem man sie einer Temperatur von 50–75° R. aussezte, gedörrt und gegen den Einfluß der Temperatur unempfänglich gemacht sind, gewissermaßen verfilzt und mit fetten, harzigen oder bituminösen Substanzen unter einander verbunden werden. Auf diese Weise ist es gelungen, demselben jeden beliebigen Grad von Biegsamkeit und Harte, von dem des Leders bis zu dem des Holzes, zu geben, und ihn in jede beliebige Form zu bringen. So steht nun dieser Hanffilz als ein Surrogat des Leders, des Steingutes, des Messingblechs, des Holzes, der Ziegel und des Schiefers da, denn die ausgestellten vortrefflichen Gegenstände aus diesem Producte waren: Feuereimer, Czakots, Wasserleitungsröhren, Felleisen, Hutkasten, Blumenvasen, Waschbeken, Wassertöpfe, Schüsseln. Flaschen, Becher und Dachdekungsplatten.

Wir haben oben angedeutet, daß. dieser Hanffilz das Holz in vielen Punkten ersezen werde, und wir fügen hinzu, daß er dasselbe bald theilweise verdrängen durfte. Da er nämlich durch die Einwirkung der Feuchtigkeit eben so wenig als von der Hize verändert wird, da er ferner die schönsten Ornamente mit der größten Leichtigkeit aufnimmt, so wird er von großer Wichtigkeit für die inneren Decorationen der Gemacher, und selbst für die äußeren der Gebäude. Die verzierten Filzplatten lassen sich in jeder beliebigen Größe und Gestalt erzeugen, und eine Haupteigenschaft dieses Hanffilzes ist die, daß er jeden Körper, den er dekt, vor Feuchtigkeit schüzt. – Wenden wir uns zur Anwendung dieses Hanffilzes zur Dachdekung, so werden wir finden, daß diese Verwendung die folgenreichste und bedeutendste seyn dürfte. Jeder weiß, wie sehr die Ziegel die Dachstühle belasten, wie Schiefer zerbrechlich und selbst feuergefährlich ist. und wie andere Dachdekungsmaterialien andere Uebelstände herbeiführen. Der Hanffilz, weich und leicht, zieht keine Feuchtigkeit an, leidet weniger von Frost und Hize als irgend ein anderer Stoff, schmiegt sich jeder beliebigen Form an, und, einmal beschädigt, ist er mit wenigen Umständen wieder auszubessern. Außer dem Allen aber gewährt er, wegen des ausnehmend leichten Dachstuhles, mit dem man bei seiner Verwendung ausreicht, das wohlfeilste Dach. Die Dachbedekung von Hanffilz kann grau, roth oder schwarz dargestellt werden, und will man sie noch fester machen, so kann man sie, ohne sonderliche Preiserhöhung, mit einer ganz dünnen Metallplatte unterlegen. Die Art und Weise der Legung variirt nach Art der Dächer. Man hat mit diesem Dekungsmateriale im vorigen Jahre in Frankreich bereits bedeutende Versuche gemacht, und deren Erfolg hat gezeigt, daß man sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht habe, denn die bis jezt damit gedekten Dächer haben noch keine merklichen Veränderungen erlitten, mindestens nicht mehr, als die mit den beweglichen Polonceau'schen Erdharzplatten belegten.

Auch als Tafeln für die Bezeichnungen der Straßen hat man seit einem Jahre in Paris diese Platten verwendet, und dieselben haben bis jezt noch ganz ihre ursprüngliche Schönheit und ihren Glanz erhalten. In Kurzem soll deren Anwendung zu diesem Zweke in großer Ausdehnung eingeführt werden. (Zeitschrift für und über Oesterreichs Industrie, 1840, Nr. 13.)

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