Titel: Martini's selbstthätiger Strekapparat.
Autor: Martini, Clemens
Fundstelle: 1840, Band 77, Nr. LXXX. (S. 327–329)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj077/ar077080

LXXX. Ueber einen selbstthätigen Strekapparat zum Spannen von Baumwolltüchern etc. nach ihrer Breite, anwendbar bei Calandern, Walzendrukmaschinen, Maschinen zum Scheren, Troknen, Aufdoken etc. von Clemens Martini, Inhaber einer Bleich- und Appretur-Anstalt in Haunstetten bei Augsburg.

Mit Abbildungen auf Tab. V.

Es ist eine bekannte Sache, daß Baumwolltücher bei verschiedenen Arbeiten, welchen sie zum Behuf ihrer Veredlung unterworfen werden, in der Breite verlieren; nämlich einmal durch das natürliche Eingehen der Baumwollzeuge in warmen Flüssigkeiten, besonders aber auch noch beim Aufdoken, Troknen und Appretiren mit Dampfcylindern, beim Druken mit Walzen, und beim Rollen oder Appretiren mit dem Calander, weil hier die Gewebe, um Falten so viel als möglich zu vermeiden, nach der Länge gedehnt oder gespannt werden müssen. Der mit der Veredlung von rohen Baumwolltüchern sich beschäftigende Fabrikant weiß wohl, daß die im Gefolge dieses Schmalerwerdens kommenden Nachtheile oft noch unangenehmer sind, als dieses selbst, und daß Abhülfe hier wünschenswerth wäre; deßhalb stellte ich mir die Aufgabe, ein Mittel zu suchen, welches bessere Dienste leisten möchte, als die meines Wissens bisher gegen die fraglichen Uebelstände in Vorschlag und Anwendung gebrachten Vorrichtungen.

Aufmerksame Beobachtung der Arbeiten, bei welchen das Streken nach der Länge immer stattfindet, namentlich des Durchganges der Gewebe zwischen den Spannstäben vor einem Calander, führte mich auf den glüklichen Gedanken, daß, wenn einige dieser Spannstäbe dem Lauft des Tuches auf kurze Streken folgen und sich hiebei |328| zugleich in der Richtung der Breite desselben, nach beiden Seiten hin, aus einander bewegen könnten, sie nothwendig das durch vorhergehende Längenspannung fest an sie angelegte Tuch mit sich zu führen, also in die Breite zu streken, streben müssen.

Eine nähere Untersuchung konnte die Richtigkeit dieses Sazes nur bestätigen, und dann lag für die Anwendung ziemlich nahe, daß die Anordnung solcher in der Mitte gebrochener, während der Vorwärtsbewegung sich nach beiden Seiten verschiebender Spannstäbe, in Form einer Kette ohne Ende, oder einer Walze geschehen könne und müsse. Die Bewegung (Drehung) des Apparats konnte der Reibung überlassen werden, welche entsteht, wenn ein Stük Baumwolltuch gespannt darüber geführt wird und das Verschieben der Stäbe – ihre seitliche Bewegung – durch feststehende Führer mit oder ohne Falz, welche auf Vorsprünge oder Gabeln an den Spannstäben wirken, bewerkstelligt werden.

So weit mit meinem Strekapparat im Reinen, übertrug ich die Anfertigung eines solchen für einen Calander dem geschikten Mechaniker Hrn. G. Haevel in Augsburg, indem ich ihm nur das Princip mit einigen Anhaltspunkten für die Größe als Richtschnur geben, die nähere Anordnung und Zusammenfügung der Theile aber ihm überlassen wollte, und Hr. Haevel vollzog diese noch mit manchen Schwierigkeiten verknüpfte Aufgabe aufs Beste.

Der erste nach den angeführten Grundzügen gebaute Strekapparat erhielt nun die in Fig. 11 in der Vorderansicht gezeichnete Gestalt; die Figuren 12, 13 und 14 zeigen Längen- und Querdurchschnitte, wobei gleiche Buchstaben gleiche Theile bezeichnen.

a ist die feststehende Achse des Apparates.

b sind Scheiben mit Schlizen, in welchen sich die Spannstäbe c schieben; diese Scheiben drehen sich auf der Achse.

d sind die unter einem bestimmten Winkel auf der Achse festgestellten Führer für die Spannstäbe; sie sind von den Gabeln e umfaßt und veranlassen die seitliche Verschiebung der Stäbe c.

f ist ein Ring zum Deken des durch die Verschiebung der Spannstäbe sich im Obertheil des Apparates bildenden Zwischenraumes.

Wie aus vorstehender Erklärung der Zeichnungen erhellt, so sind a und d die feststehenden, b, c, e und f die beweglichen Theile des Apparates, und es folgt, daß wenn leztere um ihre Achse und die Führer d gedreht werden, die eine Hälfte der Spannstäbe c sich auseinander bewegen, die andere dagegen wieder zusammengehen muß, wodurch sich der für unsere Zweke wirksame Theil des Apparates fortwährend erneuert, d.h. fortwährend eine spannende Hälfte in derselben Stellung vorhanden ist.

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Wird nun ein solcher Apparat in die gewöhnliche Spannvorrichtung, z.B. an einem Calander, gleichsam als der lezte Spannstok eingelegt und das zu appretirende Gewebe so über ihn geführt, daß es die auseinandergehende Hälfte der Spannstäbe des Strekapparates bedekt, so veranlaßt der Zug desselben den Apparat sich zu drehen. Im gleichen Augenblik aber, wo er in Bewegung kommt, verschieben sich die Stäbe und streken das auf ihnen fest anliegende Gewebe nach der Breite. Der Durchmesser des Apparates beträgt nur ungefähr sechs Zoll; seine Länge ist der Breite der Maschine, für welche er vorzugsweise dienen soll, angemessen. Die Verschiebung nach jeder Seite beträgt beiläufig zwei Zoll, da aber nur die wenigsten Gewebe sich um beiläufig vier Zoll dehnen lassen und die Wirkung des Apparates, obgleich die Stäbe nur aus hartem Holz mit glatter Oberfläche bestehen, doch so kräftig ist, daß schwache Zeuge sogar zerrissen werden könnten, so brauchen die Gewebe nur um kleinere Theile als die ganze Hälfte des Strekapparats geführt zu werden, woraus natürlich auch ein geringeres Streken nach der Breite folgt.

Ich arbeite jezt beiläufig ein Jahr mit dem beschriebenen Strekapparat56) und habe seit dieser Zeit nicht mehr nöthig, auch nur ein Stük für Calanderapprete nach der Breite von der Hand streken zu lassen; das Aufdoken für solche fällt ganz weg, die Stüke brauchen auch nur mäßig ausgeschlagen zu werden, und ich bin sicher, stets schöne Ende ohne Falten, besonders ohne alle Längenfalten zu erhalten, und daß die Waare breiter als bei allen bisher zum Breitmachen benuzten Vorrichtungen ausfällt. Selbst der Arbeiter findet Erleichterung in seinem Geschäft; er braucht sich um starke Falten, die ihm unter die Hände kommen, nicht zu bekümmern, sondern kann deren Ausgleichung dem Strekapparat überlassen, und einmal an das Arbeiten mit ihm gewöhnt, würde er ihn bei allen Waaren, die nicht sorgfältig vorbereitet sind, sehr vermissen.

Der Apparat darf so mir in Beziehung auf seine Leistungen, den kleinen Raum, den er einnimmt, und seine Anwendbarkeit bei allen Maschinen, woran Spannvorrichtungen bestehen, wohl ein nüzliches Werkzeug genannt werden; ich bin übrigens weit entfernt, ihn jezt schon als in seiner Art vollkommen zu betrachten.57)

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Dieß kann die Redaction des polytechnischen Journals bezeugen. A. d. R.

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Einige Verbesserungen dieses Strekapparates sind auch wirklich schon der Vollendung nahe; der Mechanikus Hr. Georg Haevel in Augsburg wird die Fabrikanten, welche solche Strekapparate zu erhalten wünschen, billig und zur Zufriedenheit damit versehen. A. d. R.

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