Titel: Egen, über die Conditionirung und den Wassergehalt der Seide.
Autor: Egen,
Fundstelle: 1840, Band 77, Nr. CXI. (S. 439–451)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj077/ar077111

CXI. Ueber die Conditionirung und den Wassergehalt der Seide; von Dr. Egen.

Im Auszug aus den Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen, 1840, 2te und 3te Lieferung.

Die Seide ist eine so stark hygroskopische Substanz, daß sie in freier Luft dem hygrometrischen Zustande derselben in seinem Wechsel rasch folgt. Die in den warmen Gegenden Italiens an der Luft getroknete Seide enthält noch immer gegen 9 Gewichtsprocente Feuchtigkeit; in sehr feuchter Luft kann die Seide sogar über 30 Gewichtsprocente Feuchtigkeit aufnehmen, ohne eigentliche Nässe zu zeigen. Man mußte also bei einem Handelsartikel, dessen Geldwerth so beträchtlich ist, bald ein Mittel haben, den Normalfeuchtigkeitszustand in beglaubigter Weise festzustellen, und so bildeten sich die Seiden-Conditionen (Conditione delle sete, Conditions des soies), welche anfangs als Privatinstitute bestanden, später aber unter die Beaufsichtigung des Staats gestellt wurden.

Die älteste öffentliche Seidencondition ist in Turin und hat folgende Einrichtung: Ein großer Saal dient als Seidenmagazin; zwei große runde Zimmer dienen zur eigentlichen Austroknung; zwei andere Zimmer nehmen die Seide nach der Austroknung auf; andere Räume dienen zur Wohnung des Directors, der Unterbeamten und als Magazin für das Brennmaterial, welches meistens in Kohlen besteht. – In der Mitte der runden Zimmer steht ein Ofen, dessen Rauchröhre geradlinig zur kuppelförmigen Deke emporgeht. Die Deke hat in der Mitte eine verschließbare Oeffnung, um täglich mehreremale die Luft erneuern zu können. Die Seidenstränge werden an Rahmen (telaj), die in gleicher Entfernung vom Ofen an den Wänden stehen, aufgehängt; in derselben Entfernung vom Ofen befinden sich die Thermometer. In den Monaten Mai, Junius, Julius und August werben bei heiterem Wetter bei Tage die Fenster geöffnet, bei Nacht aber verschlossen, und es findet dann keine Heizung statt. Bei Nebel und Regenwetter aber und wenn das Thermometer unter 15° R. steht, soll die Zimmertemperatur durch Heizung auf 18 bis 20° R. gebracht werden. In den acht übrigen Monaten des Jahres soll dieselbe Temperatur durch Heizung hervorgebracht werden; nur bei strenger Kälte kann sie, unter einer von dem Director bei der Handelskammer eingeholten Autorisation, einige Grade unter 20° gehalten werden. Auf den Stand des Barometers oder Hygrometers wird nicht geachtet. Die Seide verbleibt zu allen |440| Zeiten 24 Stunden in der Austroknung. Wenn nach Beendigung der Condition die Seide ohne Heizung mehr als 3 Proc. und bei Heizung mehr als 3 1/2 Proc. verloren hat, so wird sie auf Kosten des Verkäufers zum zweitenmal conditionirt. Wird der vorbemerkte Verlust nicht erreicht, so wird die Seide in ein anderes wohlverschlossenes Zimmer, das ohne Luftloch und ohne Feuerung ist, gebracht und in Strängen 24 Stunden lang aufgehängt. Ergibt sich, daß das Gewicht der Seide sich gleich geblieben ist, oder zugenommen hat, so wird sie als genugsam getroknet erachtet; wenn aber das Gewicht sich vermindert hat, so wird sie zum zweitenmal conditionirt. Den Eigenthümern der Seide ist es gestattet, dieselbe in der Condition oder im Depotzimmer in Augenschein zu nehmen. Unter 50 Pfd. Seide Turiner Gewicht darf nicht zur Condition geschikt werden. Die Gebühren betragen für je 200 Pfd. Seide 4 Fr. 50 Cent. (100 Pfd. preuß. = 22 4/5 Sgr.) Wird wegen zu großen Verlustes bei der ersten Austroknung eine zweite Troknung nothwendig, so müssen diese Gebühren doppelt bezahlt werden. Die Seide wird von dem Eigenthümer frei zur Condition geliefert.

Aehnlich verfährt man in der im Jahre 1805 an der Stelle der Privatconditionen in Lyon errichteten öffentlichen Anstalt. Es wird aber die Seide in Lyon nicht aufgehängt, sondern in Schränken mit Fächern, deren Boden und Wände aus Drahtgittern bestehen, in einfacher Lage ausgebreitet, wobei die fest zugedrehten Stränge losgewikelt werden. Die Temperatur ist zu verschiedenen Zeiten verschieden bestimmt worden. In dem Decrete vom 13. April 1805 wurde festgesezt, daß dieselbe bei einem Barometerstande von 27–28 Zoll zwischen 16 und 17° R., bei einem Barometerstande von 27 Zoll auf 18°, bei einem Barometerstande zwischen 26 und 27 Zoll zwischen 19 und 20° solle erhalten werden. Man sezte wahrscheinlich voraus, daß bei niedrigem Barometerstande südliche und westliche Winde wehen und diese Winde so feucht seyen, daß die Austroknung durch eine höhere Temperatur müsse compensirt werden. Zugleich wurde bestimmt, daß, wenn man dahin gelangen sollte, ein Hygrometer mit einer sichern Gradeintheilung zu construiren, man die Beobachtung desselben der Beobachtung des Barometers vorziehen werde. Durch das Decret vom 17. April 1806 wurde die Temperatur auf 18 bis 20° R. festgesezt, ohne weiter auf das Barometer Rüksicht zu nehmen. Nach einer Bestimmung vom 29. Nov. 1824 wird jezt die Temperatur in den verschiedenen Monaten also regulirt:

Im Januar und Februar zwischen 16 und 18 Grad R.
– März 17 – 19 –
– April 18 – 20 –
|441|
Im Mai

zwischen

19 und 21 Grad R.
– Junius 20 – 22 –
– Jul., Aug. u. Sept. 21 – 23 –
– Oktober 19 – 21 –
– November 18 – 20 –
– December 17 – 19 –

In jedem Saale müssen zwei Thermometer 5 Fuß hoch über dem Boden, aber weder an den Wänden noch an den Fenstern hangen und mit einem Gitter umgeben seyn, damit sie nicht mit der Hand berührt werden können. Die Schränke dürfen nicht unmittelbar an den Wänden stehen und müssen Füße von 6 Zoll Höhe haben. Die Austroknung dauert 24 Stunden. Es ist dem Ueberbringer der Seide gestattet, bei dem Einlegen derselben in die Schränke gegenwärtig zu seyn und den Schrank mit seinem Privatsiegel zu verschließen. Dann ist derselbe jedoch gehalten, nach Verlauf von 24 Stunden sich wieder in die Condition zu begeben, um das Siegel abzunehmen. Ist derselbe nach Ablauf der 25sten Stunde nicht wieder erschienen, so ist es dem Director gestattet, den Schrank zu öffnen. – In dem Decrete vom 13. April 1805 wurde bestimmt, daß, wenn die Seide bei der 24stündigen Austroknung 3 Proc. verliert, die Conditionirung wiederholt werden soll. Ein Decret vom 17. April 1806 sezt den Verlust der Seide auf 4 1/2 Proc. fest, dessen Ueberschreitung eine zweite Conditionirung und zwar von 48 Stunden nothwendig macht. Ein späteres Decret vom 26. Jul. 1829 sezt diesen Gewichtsverlust, welcher eine zweite Conditionirung zur Folge hat, auf 2 1/2 Proc. fest. – Die Gebühren bezahlt zur Hälfte der Verkäufer, zur anderen Hälfte der Käufer. Wird eine zweite Conditionirung nothwendig, so trägt der Verkäufer allein die Kosten derselben. Durch Beschluß der Handelskammer vom 24. Decbr. 1829 wurden die Gebühren für das Kilogramm von Organsine auf 8 Cent. (100 Pfd. = 30 Sgr.) für jede Conditionirung von 24 Stunden, und für Trame auf 12 Cent. (100 Pfd. = 45 Sgr.) für jede Conditionirung von 48 Stunden festgestellt. Für Ballen unter 20 Kilogr. werden für Organsine 1 Fr. 60 Cent. (= 12 4/5 Sgr.) und für Trame 2 Fr. 40 Cent. (= 19 1/5 Sgr.) entrichtet.

Die Seidenconditionen in St. Etienne und St. Chamond scheinen in derselben Art eingerichtet zu seyn, wie die Anstalt in Lyon.

An anderen Orten des nördlichen Italiens und des südlichen Frankreichs, wo Seidenconditionen vorhanden sind, wird ein ganz ähnliches Verfahren angewendet. Dieß Verfahren hat aber sehr bedeutende Mängel. Wird nämlich in einem Zimmer von 12–15' Höhe die Temperatur durch Heizung bis aus 20 und mehr Grade |442| erhöht, während die äußere Temperatur mehr oder weniger niedriger steht, so wird, wenn das Zimmer nicht vollkommen abgesperrt werden kann, was beim Conditioniren unmöglich ist, warme Luft entweichen und kalte eindringen. Die kältere Luft breitet sich zunächst am Boden aus, während die wärmeren Luftschichten in die Höhe steigen. In einem solchen Zimmer finden in der Regel zwischen den Luftschichten am Boden und an der Deke Temperaturdifferenzen von 5 bis 6° statt. Da nun ein Theil der Seide beim Conditioniren nur 6 Zoll über dem Boden liegt, während ein anderer Theil in der Nähe der Deke der Einwirkung einer um mehrere Grade wärmeren Luftschicht ausgesezt ist, so kann die Austroknung unmöglich gleichmäßig ausfallen.

Da die Austroknung der Seide unter sonst gleichen Umständen neben der Temperatur auch von dem Feuchtigkeitszustande der Luft abhängt, welcher sehr veränderlich ist, und um so mehr, je nördlicher der Ort liegt, so wurden besonders in Lyon bald die Unvollkommenheiten des eingeführten Verfahrens erkannt. Schon seit dem Jahre 1824 wurden im Auftrage der Handelskammer von Lyon Versuche angestellt, das Conditionsverfahren zu vervollkommnen. Der Director der Condition, Felissent, wurde im Jahre 1828 besonders beauftragt, solche Versuche fortzusezen. Derselbe erklärte aber erst im April 1831 der Handelskammer, daß er jezt im Stande sey, eine abgeschlossene Arbeit vorzulegen. Um diese Zeit kündigte auch Paul Andrieu, ein Angestellter der Condition, an, daß er Verbesserungsvorschläge in Betreff der Seidenaustroknung vorzulegen habe. Damals hielt sich der Pariser Mechaniker Léon Talabot in Lyon auf, der sich durch verwandte Arbeiten der Handelskammer empfohlen hatte und von ihr veranlaßt wurde, der Verbesserung der Seidenconditionirung sein Nachdenken zuzuwenden. Alle drei bearbeiteten Denkschriften über ihr Verfahren, die der Handelskammer eingereicht und später in Druk gegeben worden sind. Die Handelskammer ernannte eine Specialcommission, bestehend aus wissenschaftlich gebildeten Männern, Technikern und Sachkundigen, um die vorgeschlagenen Verfahrungsarten einer Prüfung zu unterwerfen, und sowohl diese Commission als auch die Handelskammer sprachen sich auf entschiedene Weise zu Gunsten des Vorschlags von Talabot aus. Aus mehreren Andeutungen scheint hervorzugehen, daß nach den Vorschlägen von Felissent und Andrieu das ältere Verfahren nur in unwesentlichen Punkten sollte umgestaltet werden, während Talabot ein durchaus neues System der Austroknung aufstellte.

Die Handelskammer hatte eine stets gleiche Austroknung der conditionirten Seide verlangt; Talabot stellte sich selbst die Forderung |443| darin noch höher, daß auch der Grad der Austroknung genau bestimmt werden solle. Er construirte einen Apparat, dessen Beschaffenheit im Einzelnen er nicht näher beschreibt, in welchem eine Seidenprobe von 40 bis 50 Grammen Gewicht einem kräftigen heißen Luftstrome von etwa 110° C. Temperatur einige Stunden lang ausgesezt werden kann. Die Seide liegt auf einer Art Garnwaage, die das Gewicht nach Graden angibt, so daß der Gewichtsverlust, also das Fortschreiten der Austroknung, in jedem Momente erkannt werden kann. Sobald die Waage eine längere Zeit hindurch stationär geworden, wird die Austroknung als vollendet angesehen. Die Waage gibt für weniger als 1/1000 des aufgelegten Gewichts einen merklichen Ausschlag. Auch scheint es keinem Zweifel unterworfen und die Versuche haben es vollkommen bestätigt, daß eine etwa dreistündige Austroknung in einem kräftigen Luftstrome von 105–110° C. Temperatur, wenn auch nicht die Seide absolut aller Feuchtigkeit beraubt, doch zu allen Zeiten denselben Grad der Trokne herbeiführen muß. Nun kommt es noch darauf an, einen conventionellen Feuchtigkeitsgrad der verkäuflichen Seide festzusezen, und Talabot schlägt vor, die zulässige Feuchtigkeit zu 10 Proc. vom Gewichte der conditionirten Seide, also zu 11 1/9 Proc. vom Gewichte der absolut getrokneten Seide zu bestimmen, weil er annimmt, daß die nach dem bisherigen Verfahren conditionirte Seide im Mittel diese Feuchtigkeit noch enthalte.

Talabot verfährt nun bei der Conditionirung also: nachdem er aus dem Seidenballen zwei ganz gleiche Proben genommen, wird die eine absolut getroknet. Aus dem Gewichte vor und nach dem Troknen ergibt sich ihr anfänglicher Feuchtigkeitszustand. Es sey z.B. das Gewicht vor dem Troknen = q, nach dem Troknen ; dann enthielte die Seide = (q)100/ Proc. Feuchtigkeit. Das Conditionsgewicht der Probe ist dann 10./q, und das Conditionsgewicht der zweiten Probe ist, wenn dessen ursprüngliches Gewicht = p gesezt wird, = 10pq¹/9q. Nun bringt Talabot die Seide des Ballens auf kreisförmige Gitter, die über einander liegen, und bedekt diese mit einer Gloke aus Blech; einige in die Blechdeke eingesezte Glasscheiben erlauben, die Vorgänge im Innern zu sehen. In dieser Gloke wird mittelst Dampfheizung ein Luftstrom, dessen Temperatur die der Atmosphäre um etwa 20° C. übersteigt, von Oben nach Unten durch die Lagen Seide geleitet. In dem Apparate liegt die zweite Seidenprobe auf einer Waage, wie sie früher beschrieben worden, übrigens mit der übrigen Seide genau derselben Einwirkung des warmen Luftstroms |444| ausgesezt. Sobald nun die Waage das im Voraus berechnete Conditionsgewicht der Seidenprobe anzeigt, ist die Operation beendigt und das Gewicht des Seidenballens, wie es jezt gefunden wird, ist das verlangte Conditionsgewicht.

Soll dieses Verfahren zu richtigen Resultaten führen, so sezt es voraus: 1) daß die beiden Seidenproben beim ersten Abwägen durchaus in demselben Zustande der Feuchtigkeit sich befinden; 2) daß die Austroknung der zweiten Probe mit der Austroknung der übrigen Seide durchaus gleichmäßig fortschreite; 3) daß die verschiedenen Partien des Seidenballens an allen Stellen gleichmäßig austroknen.

Gegen die Genauigkeit dieser Voraussezungen lassen sich begründete Zweifel erheben. Wie leicht können zwei Stränge Seide, die neben einander lagen, nicht durchaus gleich feucht seyn. Die zweite Probe wird vom Ballen getrennt und mag leicht in der Zeit, wo die erste Probe absolut getroknet wird, ihren Feuchtigkeitszustand verändern, so daß dieselbe, wenn sie auch mit der übrigen Seide unter der Gloke denselben Einwirkungen ausgesezt wird, doch schon früher oder später, als die übrige Seide, das Conditionsgewicht annimmt. Dann scheint es auch sehr schwierig zu seyn, die Temperatur und Richtung eines Luftstroms so zu reguliren, daß bei der Raschheit der Austroknung durch denselben unter den vorbezeichneten Umständen diese Austroknung in allen Theilen gleichmäßig fortschreite, so mancherlei Mittel in Ventilen und anderen Zurüstungen Talabot auch gebraucht haben mag, um des Luftstroms völlig Herr zu werden. Gerade diese Künstlichkeit des Apparates, so wie die erkannte Nothwendigkeit aller dieser Zurüstungen, legen für denselben kein günstiges Zeugniß ab.

Bei den ersten Versuchen, welche im Sommer 1831 mit dem neuen Apparate angestellt wurden, ging Talabot insoweit von seinem im Allgemeinen beschriebenen Verfahren ab, daß die Seide erst in den Aequilibrirapparat gebracht wurde, um in allen Theilen dieselbe Trokenheit anzunehmen, und dann erst die beiden Proben gezogen wurden. Durch dieses Verfahren wird der erste der Einwürfe weggeräumt, aber die Seide muß jezt zweimal der Austroknung ausgesezt werden, und die beiden andern Bedenken bleiben in ihrer vollen Kraft bestehen. Beim ersten Versuche wurden vier Partien schöne piemontesische Organsine-Seide, jede ursprünglich 500 Grammen schwer, erst ungleich befeuchtet, dann an verschiedenen Stellen in den Aequilibrirapparat gebracht und hier der Austroknung und Aequilibrirung sieben Stunden lang überlassen. Die drei Thermometer zeigten in der Reihenfolge von Oben nach Unten in dem Apparate eine Temperatur von 39°,1, von 39°,7 und von 39°,9 C., also eine |445| Differenz von 0°,8. Nun wird zwar behauptet, das eine Thermometer sey unrichtig gewesen; aber diese Behauptung ist nicht bewiesen worden. Nach der Austroknung hatten die vier Seidenpartien die folgenden Gewichte: 465,3 – 464,4 – 467,0 – 465,9 Grammen. Sie hatten also gegen den sehr trokenen anfänglichen Zustand gegen 7 Proc. an Feuchtigkeit verloren, und gerade die Partien am meisten, welche am stärksten waren angefeuchtet worden. Der Unterschied in der Austroknung, also wahrscheinlich der Fehler der Aequilibrirung, beträgt 0,6 Proc. Ob aber dieser Fehler der Aequilibrirung selbst muß zugeschrieben werden, oder auf einer ursprünglichen Differenz des Feuchtigkeitszustandes beruht, ist durch die Versuche nicht ermittelt worden.

Beim zweiten Versuche wurden vier Partien Seide, jede von 1000 Grammen ursprünglichem Gewicht, in den Aequilibrirapparat gebracht; zwei Partien waren zugefaltet, die beiden andern losgefaltet. Die drei Thermometer zeigten jezt nur eine Differenz von 0°,2 bei einer Temperatur von 38°,3 C.; später aber nahm das mittlere Thermometer plözlich eine Abweichung von 3 1/2 Grad an. Nach mehreren Stunden hatten die zugefalteten Stränge Seide 7,04 Proc. und die losgefalteten 7,53 Proc. Feuchtigkeit verloren. Hieraus geht hervor, daß der äußere Zustand der Seide im Apparate auf die Austroknung einen sehr bedeutenden Einfluß ausübt. Nachdem die Seidenpartien die Nacht hindurch der Einwirkung der Luft ausgesezt gewesen waren, fanden sich die losgefalteten Stränge um 1/2 Proc. feuchter als die zugefalteten Stränge. Die Seidenpartien wurden nochmals in den Aequilibrirapparat gebracht; es fand sich jezt nur noch ein Unterschied in der Austroknung der zugefalteten und losgefalteten Stränge von 1/5 Proc., während derselbe, wie oben bemerkt, früher 1/2 Proc. betragen hatte.

Fernere Versuche, die von Talabot vor der Specialcommission angestellt wurden, bezogen sich auf die absolute Austroknung der Seide und sie scheinen allen Zweifel gegen die Sicherheit dieses Verfahrens zu beseitigen. Eine Partie Seide von 10 Grammen Gewicht war von Talabot mehr als zwei Monate lang einer Temperatur von 118° C. ausgesezt gewesen und wog dann = 8,870 Grammen. Während eines Tages der gewöhnlichen Luft ausgesezt, hatte sie fast ihr ursprüngliches Gewicht wieder angenommen. Vor der Commission in den Apparat gebracht, ging sie in 3 bis 4 Stunden wieder auf das Gewicht von 8,870 Grammen zurük. Eine zweite Partie Seide wog nach der Conditionirung in der öffentlichen Anstalt = 10,040 Grammen, nach der absoluten Austroknung = 9,110 Gram. und enthielt also 10,2 Proc. Feuchtigkeit.

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Später wurden Versuche mit folgenden Seidenarten angestellt, um zu finden, wie viel Feuchtigkeit die verkäufliche Seide in der Regel enthalte.

Textabbildung Bd. 77, S. 446

Eine andere Seidenprobe von 59,373 Grammen Gewicht wurde zu wiederholten Malen absolut ausgetroknet und in der Zwischenzeit der freien Luft ausgesezt. Sie kam in dem Apparate in den meisten Fällen auf 53,450 Grammen zurük; die größten Abweichungen betrugen 0,04 Grammen, also nur 1/11 Proc., welcher Fehler mit derselben Wahrscheinlichkeit den Abwägungen, als der Austroknung, zugeschrieben werden kann.

Hiemit wurden die Versuche des Jahres 1831 geschlossen. Die Commission stattete einen Bericht an die Handelskammer ab, worin dem Verfahren von Talabot vor den älteren und den von Felissent und Andrieu in Vorschlag gebrachten Verfahrungsweisen entschieden der Vorzug eingeräumt und dasselbe zur Annahme für die öffentliche Condition empfohlen wurde.

Nach Vollendung dieser Untersuchungen legte die Handelskammer die drei Projecte dem Minister des Handels und der öffentlichen Arbeiten vor, damit dieselben von Neuem durch eine Commission, die unter den gelehrten Körperschaften der Hauptstadt gewählt würde, geprüft werden möchten. Der Minister überwies diese Prüfung dem Berathungscomité für Künste und Manufacturen, und dieses Comité sandte im Sommer 1833 den Akademiker d'Arcet nach Lyon, wo auf Befehl des Ministers eine neue Commission ernannt wurde, bestehend aus Mitgliedern der Handelskammer, aus Seidenhändlern, aus Fabrikanten und aus wissenschaftlichen Sachverständigen. Diese Commission zog später noch Deputirte der Städte Avignon, Nimes, Aubenas und St. Etienne hinzu und schritt im Julius 1833 zur Prüfung der drei in Vorschlag gebrachten Verfahrungsarten. Die Resultate ihrer Versuche sprachen nicht sehr zu Gunsten des Talabot'schen Aequilibrirverfahrens, dagegen hat sich die Methode des absoluten Austroknens dabei vollkommen bewährt. Nach dem Bericht der Commission, welcher aber erst im Februar 1835 von d'Arcet an das Comité consultatif des arts et manufactures abgestattet wurde, erfolgte eine ministerielle |447| Entscheidung unter dem 20. März 1835, welche vorschrieb „es solle ein vollständiger Apparat angefertigt werden und derselbe während mehrerer Monate im Gebrauch bleiben.“ Die Handelskammer wurde zu gleicher Zeit ermächtigt, die nöthigen Ausgaben zu bestreiten, um den neuen Conditionsapparat ausführen zu lassen, welcher aber erst im Oktober 1838 zu Stande kam.

Um diese Zeit ernannte die Handelskammer eine Commission von 9 Mitgliedern, bestehend aus 3 Mitgliedern der Kammer, aus 3 Fabrikanten und 3 Seidenhändlern, um die Versuche im Großen zu leiten und zu überwachen; die Ausführung der Versuche selbst wurde von der Kammer dem Fabrikanten Gamot übertragen; sie dauerten von Anfang November 1838 bis Mitte November 1839. Durch diese Versuche77) gewann die Commission die Ueberzeugung, daß es unmöglich sey, ein Aequilibrirverfahren aufzustellen, welches seinen Zwek völlig erreicht; sie beschloß daher in allen Fällen von dem Aequilibriren Abstand zu nehmen, das Conditioniren aber von nun an in folgender Art in Ausführung bringen zu lassen.

Wenn ein Ballen Seide zur Condition gebracht wird, so bestimmt man sofort sein Brutto- und Nettogewicht. Es werden darauf aus dem Ballen an verschiedenen Stellen 27 Stränge Seide gezogen, diese in 3 Bündel, jeder von 9 Strängen, getheilt, und jeder Bündel sofort genau gewogen. Verkäufer und Käufer haben das Recht, bei diesen Operationen gegenwärtig zu seyn. Der Seidenballen wird darauf sofort wieder zur Disposition des Eigenthümers gestellt. Von den obigen 3 Seidenbündeln werden zwei in verschiedenen Apparaten der absoluten Austroknung unterworfen. Wenn die Gewichtsverluste bis auf 1/2 Proc. mit einander übereinstimmen, so werden diese Bestimmungen für richtig erachtet und nach dem Mittel aus beiden Resultaten das Conditionsgewicht des Ballens, unter Hinzufügung von 10 Proc. zu dem Gewichte der absolut trokenen Seide für Feuchtigkeit, berechnet. Wenn aber die Gewichtsverluste zwischen 1/2 Proc. und 1 Proc. von einander abweichen, so wird auch der dritte Bündel Seide absolut getroknet. Und wenn nun wiederum die |448| drei Resultate nicht mehr als 1 Proc. von einander unterschieden sind, so wird nach dem Mittel derselben das Conditionsgewicht berechnet. Wenn jedoch zwischen den beiden ersten oder zwischen allen drei Austroknungen sich Unterschiede von mehr als 1 Proc. ergeben, so werden alle drei Bündel 24 Stunden später einer neuen Austroknung in verschiedenen Apparaten unterworfen. Nach dem Mittel aus den erhaltenen Resultaten wird dann das Conditionsgewicht berechnet. Bei der Abwägung muß das Gewicht des ganzen Ballens bis auf 10 Gramme, das Gewicht der Tarra bis auf 1 Gramm, das Gewicht der drei Bündel vor und nach der absoluten Austroknung bis auf 5 Milligramme genau bestimmt werden.

Nach diesen Vorschriften wurden in dem Zeitraume vom 19. Jul. bis zum 15. Novbr. d. J. 61 Ballen Seide conditionirt. Der größte Unterschied zwischen den Resultaten der Austroknung der beiden Probebündel betrug 0,263 Proc. oder 1/4 Proc., so daß also in keinem vorkommenden Falle das Austroknen des Reservebündels erforderlich wurde. Die mittlere Differenz beträgt nur 0,119 Proc., also noch nicht 1/8 Proc. Diese Genauigkeit muß allerdings als vollkommen ausreichend für den öffentlichen Verkehr anerkannt werden.

Diese Versuche liefern noch das folgende sehr bemerkenswerthe Resultat. Der mittlere Verlust bei der Condition fand sich zu 3,25 Proc., so daß also die 61 Seidenballen im Mittel 13,25 Proc. Feuchtigkeit enthielten. Unter diesen Ballen enthielten 17 = 14 bis 16 Proc. Feuchtigkeit. Nur ein einziger Ballen, der aus der alten öffentlichen Condition kam, dort aber 4,4 Proc. Feuchtigkeit verloren hatte, wurde um 0,4 Proc. zu troken befunden. – Eine zweite Reihe von 32 Conditionirungen nach dem neuen Verfahren wurde schon im November des Jahres 1838 ausgeführt. Die absolute Austroknung wies im Mittel eine Feuchtigkeit von 13,14 Proc. nach. Es kamen 8 Fälle vor, in welchen die Feuchtigkeit 14 bis 17 Proc. erreichte. Diese Resultate stimmen also mit denen der vorstehend bezeichneten Versuche sehr genau überein. Es wurden bei diesen Versuchen 5 Ballen untersucht, welche in der öffentlichen Anstalt nach dem alten Verfahren conditionirt worden waren. Es ergab sich die Feuchtigkeit:

des 1sten Ballens = 9,4 Proc.
– 2ten – = 10,8 –
– 3ten – = 11,0 –
– 4ten – = 10,7 –
– 5ten – = 9,6 –
––––––––––––––––––––––––
Das Mittel beträgt = 10,3 Proc.
|449|

Der Feuchtigkeitsgehalt der nach dem ältern Verfahren conditionirten Seide stellt sich hier etwas höher heraus, als er in frühern Versuchen sich ergab. Auch hier kommen wieder Abweichungen von 1 1/2 Proc. vor, die für einen geregelten Gang des öffentlichen Verkehrs als zu groß erscheinen.

Der Apparat zum absoluten Austroknen hat sich im Laufe des ganzen Jahres vollkommen bewährt. Es wurden dieselben Seidenstränge zu verschiedenen Malen und im verschiedenen Zustande der Feuchtigkeit der absoluten Austroknung ausgesezt; sie gingen regelmäßig auf dasselbe Gewicht wieder zurük. Ein einzigesmal fand sich ein Unterschied von 0,125 Procent.

Der Apparat ist in folgender Art eingerichtet. Ein glokenförmiges Gefäß steht, die Oeffnung nach Oben gekehrt, auf einem kleinen Tische von 17 Zoll Höhe über dem Boden. Die Gloke ist 19'' tief und 13 1/2'' weit. Sie besteht aus Kupferblech und hat doppelte Wände, welche 3/4'' von einander abstehen. Ein cylindrisches Gefäß aus Kupferblech ist über diese Gloke gestürzt. Von einem Dampfkessel führt eine Röhre den Dampf seitwärts in den Raum zwischen den Doppelwänden der Gloke. Eine zweite Röhre führt den Dampf und das condensirte Wasser aus dem untern Theile dieses Raumes in ein Gefäß mit Wasser. Eine dritte Röhre geht von Unten durch den kleinen Tisch und sezt die atmosphärische Luft mit der Luft zwischen den beiden Gefäßen in Verbindung. Der oben befindliche Boden des äußern Gefäßes hat in der Mitte eine Oeffnung, um der feucht gewordenen warmen Luft den Austritt zu verstatten, wogegen durch die untere Röhre atmosphärische Luft in den Apparat eindringt. Durch die Oeffnung im Dekel geht auch ein Messingdraht, an welchem die Seidenstränge im innern Raume der Gloke, jedoch ohne die Wände zu berühren, hängen. Der Draht ist oben an dem einen Arme einer gewöhnlichen, jedoch genauen, Waage befestigt. Das Abwägen der absolut getrokneten Seide muß durchaus innerhalb des Apparats geschehen, weil die Seide in diesem Zustande außerordentlich schnell wieder Feuchtigkeit annimmt, sobald sie mit der freien Luft in Berührung tritt. Der Dampfkessel ist mit einem Manometer versehen, und die Versuche haben nachgewiesen, daß dasselbe einen Dampfdruk von 35 bis 45 Centimeter, also von 13 1/2 bis 17 Zoll anzeigen müsse, wenn die Temperatur im Apparate 108 bis 109° C. betragen soll. Bei dieser Temperatur ist fortwährend ausgetroknet worden und es hat sich mit Sicherheit herausgestellt, daß Schwankungen im Thermometerstande von mehreren Graden auf das Endresultat keinen Einfluß ausüben. Die Austroknung ist in 2 1/2 bis 3 Stunden beendigt. Die kleinern Apparate können 80 bis 90 Gram., |450| also 5 1/2 bis 6 Loth Seide aufnehmen; der große Apparat ist für 500 Gramme, also für stark 1 Pfd. Seide, eingerichtet und gibt die befriedigendsten Resultate.

Dieß sind die sehr wichtigen Versuche, welche von der im Jahre 1838 zusammenberufenen Commission angeordnet und unter ihrer Aufsicht ausgeführt wurden. Nachdem dieselben beendigt waren, stattete die Commission an die Handelskammer über ihre Arbeiten einen ausführlichen Bericht ab und empfahl derselben einstimmig das vorstehend beschriebene neue Conditions-Verfahren zur ungesäumten Einführung statt des ältern für die öffentliche Seiden-Condition.

Die Kammer sprach darauf in protokollarischer Beschlußnahme den Wunsch aus, daß Se. Majestät der König ehrfurchtsvoll möge gebeten werden, durch einen Act seiner königlichen Macht die noch bestehenden gesezlichen Vorschriften für das bisherige Verfahren in der öffentlichen Seiden-Condition aufzuheben, und dagegen dem neuen Verfahren gesezliche Kraft zu verleihen.

Somit ist nunmehr in Lyon das alte Conditionsverfahren als abgeschafft und das neue als eingeführt zu betrachten. Dasselbe ist, wenn das Aequilibriren wegfällt, einfacher als das alte Verfahren, nur sezt es voraus, daß das Abwägen der Seidenproben von einem zuverlässigen Manne geschehe, der mit der Theorie feiner Abwägungen vertraut sey und zur Ausführung derselben Geschik habe. Wenn solche Abwägungen bis auf 5 Milligramme genau in zuverlässiger Weise täglich ausgeführt werden sollen, so sind obige Bedingungen durchaus unerläßlich.

In den Vorschriften für die Ausübung des neuen Conditionsverfahrens ist, wie oben bemerkt, festgesezt worden, daß die absolute Austroknung der drei Seidenproben nach 24 Stunden soll wiederholt werden, wenn die erste Operation einen Unterschied von mehr als 1 Proc. nachgewiesen hat. Die angeordnete Wiederholung kann nun freilich den Fehler aufdeken, wenn derselbe in dem absoluten Austroknen, oder in den Gewichtsbestimmungen vorgekommen ist. Wenn aber die zweite Operation in ihren Resultaten mit der ersten übereinstimmt, so liegt darin der Beweis, daß die aufgefundenen Differenzen in den zu großen Ungleichheiten des Feuchtigkeitszustandes des Seidenballens begründet sind. Dieser Fall ist in den von der Commission in Vorschlag gebrachten und von der Handelskammer angenommenen Bestimmungen für das neue Conditionsverfahren nicht vorgesehen. Es scheint mir, als müsse in diesem Falle ein Aequilibriren78) des |451| Seidenballens, und zwar auf Kosten des Verkäufers, und erst dann ein wiederholtes absolutes Austroknen von zwei respective drei Seidenproben vorgenommen werden.

|447|

Folgendes Werk gibt über die Verhandlungen, welche in dem Zeitraum von 1833 bis jezt in Lyon über die Seiden-Conditionirung geführt worden sind, vollständigen und actenmäßigen Aufschluß: Resultat des expériences faites à Lyon en 1839, sous la direction et surveillance d'une Commission spéciale, nommée par la Chambre de Commerce, pour l'Essai en Grand du nouveau procédé de Mrs. Talabot frères, pour le conditionnement de la soie par la dessication absolue: comprenant les Procès-Verbaux des séances de la Commission, et les délibérations prises, à ce sujet, par la Chambre de Commerce. Lyon 1839.

|450|

Hr. Dr. Egen bringt zum Aequilibriren der Seide folgenden Apparat in Vorschlag: in einem Saale, in welchem am besten durch Dampfheizung eine |451| mäßige Erhöhung der Temperatur stattfindet, sollen verticale Räder mit zwei Ringen und Armsystemen, zwischen welchen Ringen vergitterte Behälter für die Seide so angebracht werden, daß durch die Lage des Schwerpunkts unter ihrer Umdrehungsachse ihr Boden bei einer langsamen Umdrehung des Rades stets nach Unten gekehrt bleibt, aufgestellt werden und in ihren Behältern die Seide mehrere Stunden lang den Kreislauf ihrer Umdrehung mitmachen. Ein solches Rad muß bei regelmäßigem Gange die verschiedenen mit Seide versehenen Behälter abwechselungsweise genau in dieselben Verhältnisse der Lufteinwirkung versezen und darum eine möglichst gleichförmige Austroknung bewirken; da der Umlauf dieser Räder nur ein sehr langsamer zu seyn braucht, so wird ein einziger Arbeiter fortwährend viele derselben in Bewegung sezen können. Jedes Rad könnte sich in einem besonderen durch Vergitterung abgesperrten Raum bewegen, so daß es also für jeden Eigenthümer möglich würde, sich seines Eigenthumes durch Versiegelung völlig zu versichern.

In der That hat auch die Commission einen Aequilibrir-Apparat versucht, welcher in allen wesentlichen Stüken mit dem von Hrn. Dr. Egen in Vorschlag gebrachten Rade übereinstimmt, und sich entschieden vortheilhafter als alle anderen bewies.

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