Titel: Miszellen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 78, Nr. XIV. (S. 71–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj078/ar078014

XIV.  Miszellen.

Beitrag zur Geschichte der Erfindung, die Wasserdämpfe als bewegende Kraft zu benuzen.

Die Erfindung, die Dämpfe des siedenden Wassers zu einer starken bewegenden Kraft anzuwenden, war wenigstens schon zu Justinian's Zeiten unter den Griechen bekannt. Mögen immerhin Engländer, Franzosen und Nordamerikaner sich über die Ehre streiten, wer zuerst die Dampfkraft auf die Bewegung der Schiffe angewendet; mag immerhin der Amerikaner Fulton geglaubt haben, daß er beim Kochen des Theewassers zuerst die Kräfte des Dampfes entdekt habe: so ist doch keiner von ihnen der erste Beobachter der gewaltigen Kraft der Wasserdämpfe, und keiner von ihnen ist der Erfinder der Anwendung dieser Kraft. Die Erfindung und Anwendung gebührt, so weit mir die Geschichte dieses Gegenstandes bis jezt vorliegt, lediglich den Griechen.

Agathias, welcher zu den byzantinischen Geschichtschreibern gehört, und dessen Geschichtbücher in dem Corpus Scriptorum historiae Byzantinae als Pars III. Bonnae 1828 mit abgedrukt sind – nach welcher Ausgabe ich allegiren werde – erzählt uns zum Jahre 557 nach Christi Geburt, S. 289 ff. die nachstehende Thatsache: Anthemius, ein berühmter Mathematiker, Baumeister und Maschinenverfertiger, geboren zu Trallas, mithin ein Grieche aus Kleinasien, wurde vom Kaiser Justinian nach Konstantinopel berufen, wo er Maschinen, welche die höchste Bewunderung erregten, verfertigte.

Das Haus des Anthemius war mit dem Hause seines Nachbars Zeno in mehreren Partien verbunden, über welchen Umstand der Geschichtschreiber sich nicht deutlich genug ausspricht. Anthemius gerieth über dieses Bauverhältniß mit Zeno in einen Rechtsstreit, und verlor den Proceß, weil, wie ausdrüklich bemerkt wird, Zeno ein geschikterer Redner war. Anthemius suchte sich zu rächen, und baute eine Dampfmaschine, die ich nach den Worten des Geschichtschreibers jezt möglichst genau beschreiben will. Er stellt große Kessel im Boden seines Hauses auf, füllt dieselben mit Wasser an und umgibt sie mit ledernen Schläuchen, die unten so weit sind, daß sie den ganzen Umfang der Kessel verschließen. Mit diesen Schläuchen verbindet er lederne Röhren, die sich in der Form einer Trompete verengen, und in einer richtigen Proportion endigen. Die Enden dieser Röhren befestigte er dann so genau an den Balken des Zeno'schen Hauses, daß die in den Röhren enthaltene Luft zwar mit ungehinderter Kraft in die Höhe steigen, aber nicht herausströmen oder durchbrechen kann.

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Nach diesen insgeheim gemachten Vorkehrungen legt Anthemius ein kräftiges Feuer unter die Kessel und erregt eine große Flamme. Sobald nun das Wasser heiß und kochend geworden, entwikelte sich ein starker Dunst (Dampf, άτμός, vapor) der schnell und dicht in die Höhe stieg, und der, da er (von den Kesseln aus) keinen anderen Ausweg hatte, in die Röhren trieb, wo er zusammengepreßt mit verstärkter Kraft in die Höhe strebte, bis er das Dach mit fortgesezter Gewalt angriff, und dasselbe so sehr erschütterte und bewegte, daß das Holzwerk nach und nach zitterte und krachte. Die Hausgenossen des Zeno, von Furcht und Schreken ergriffen, eilten in die Straßen u.s.w.

In dieser Erzählung, welche uns der Geschichtschreiber gelegentlich bei der Erwähnung der Theorie des Aristoteles über Erdbeben gibt, liegt der vollständige Beweis, daß die Griechen zu Justinian's Zeitalter die Kraft der Wasserdämpfe und ihre Anwendung zur bewegenden Kraft genau kannten. Ob der Geschichtschreiber aber die Construction des Apparats der Dampfmaschine und namentlich der Röhren richtig aufgefaßt habe, ist eine andere Frage, die ich zur Beurtheilung der Männer vom Fache verstellen muß. Mir genügt es, nachgewiesen zu haben, daß die Griechen schon mit der Wirkung der Wasserdämpfe bekannt waren.

Nun noch einige Bemerkungen:

Anthemius war, wie der Geschichtschreiber Agathias wiederholt bemerkt, ein ausgezeichneter Mathematiker und Verfertiger bewunderungswürdiger Maschinen. Welche Arten von Maschinen er verfertigte, und zu welchen Zweken, ist eben so wenig angegeben, als ausdrüklich gesagt, daß er die Wasserdämpfe bei denselben in Anwendung gebracht habe. Es scheint indessen aus folgenden Worten des Agathias, S. 291, ὁ δὲ ἐκ τής ὁκείας αύτὸν ἀντελύπησε τέχνης τρόπῳ τοιῷδε, d.h. „er aber (Anthemius) vergalt ihm (dem Zeno) aus der ihm eigenen Kunst auf folgende Weise“ der Schluß gezogen werden zu dürfen, daß Anthemius bei seinen Maschinen auch die Wasserdämpfe gebraucht habe, denn wenn von der Dampfmaschine, welche er aus Rache über den verlorenen Proceß gegen Zeno's Haus richtete, namentlich angeführt wird, daß er sie aus der ihm eigenen Kunst eingerichtet und sich dabei der Dämpfe bedient habe, so möchte der Schluß, oder, wenn man lieber will, die Vermuthung, daß er die ihm völlig bekannte Dampfkraft auch auf andere, zu seiner Zeit bewunderte Maschinen übertragen habe, nicht ganz grundlos erscheinen, zumal da auch das Wort τέχνη auf praktische Anwendung hindeutet.

Die Griechen waren in Künsten, Wissenschaften und Erfindungen weiter, als wir gewöhnlich glauben. In den byzantinischen Geschichtschreibern, die seit den in Bonn veranstalteten Abdrüken leicht zu erhalten sind, liegen ohne Zweifel noch manche Nachrichten und Andeutungen, welche wohl verdienten hervorgezogen zu werden. Möchten daher Sach- und Sprachkundige diese Quellen, abgesehen von deren historischem Werthe, für Kunstfertigkeiten und Erfindungen genauer studiren und besser benuzen, als bisher geschehen ist.

Derselbe Anthemius, von dem in diesem Aufsaze die Rede ist, war derjenige Baumeister, welcher zur Wiederherstellung der berühmten, aber durch ein großes Erdbeben zerstörten Sophien-Kirche in Konstantinopel den Bauplan machte und den Bau anfing, aber wegen eingetretenen Ablebens nicht vollenden konnte (Agathias, S. 295).

Um dem Zweifel vorzubeugen, ob die ledernen Röhren stark genug waren, die Kraft der Dämpfe auszuhalten, bemerke ich, daß es dem Anthemius bei seiner Vorrichtung gegen Zeno's Haus nur auf die Hervorbringung einer zitternden Bewegung und nicht auf die Sprengung des Balkenwerks ankam. Zu diesem Zweke konnten starke lederne Röhren wohl hinreichen, und scheinen selbst für die Erregung einer zitternden Bewegung umsichtig gewählt zu seyn.14)

Dr. Degen, Protoconsul in Lüneburg.

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Ueber Faivre's vereinfachte Dampfmaschine.

Wir haben dieser Dampfmaschine bereits im polyt. Journal Bd. LXVIII. S. 323 erwähnt und bemerkt, daß sie in der Werkstätte von Derosne in Paris (rue des Batailles, 7) verfertigt wird. Hr. Dr. Hermann sagt in seinem Berichte über die lezte Industrieausstellung in Paris (Nürnberg 1840) darüber Folgendes: „Unter allen vorgelegten äußeren Modificationen der Dampfmaschine schien uns keine so eigenthümlich und neu zu seyn, wie die von Faivre, welche vor vier Jahren erfunden, seitdem in der Anwendung sich erprobt hat. Hier ist unstreitig die Dampfmaschine auf die einfachste Form gebracht; denn außer dem Dampfkessel sieht man gar nichts als den Cylinder, der mit seinem etwas über halbkugeligen Ende oder Fuß senkrecht in einer concentrischen Pfanne steht, die in geringer Höhe über dem Boden angemessen befestigt ist. In dieser Pfanne oscillirt der Cylinder, so daß sein Kolbenstiel unmittelbar die Kurbel des Schwungrades treibt, womit zugleich das Maaß der Schwankungen gegeben ist. Statt der Steuerung befinden sich in dem kugeligen Fuße des Cylinders, so wie in der Pfanne angemessen gestellte Oeffnungen, die, indem der Cylinder oscillirt, abwechselnd über einander stehen und geschlossen werden, so daß der Dampf durch die eine Pfannenöffnung ein-, durch die andere ausgeht. Ohne den Dampfkessel nimmt eine solche Maschine von 6 Pferdekraft, bei 6 Fuß Höhe nur etwa 3 Quadratfuß Raum ein, so daß in Derosne's Werkstätte an vier verschiedenen Drehbänken und anderen Vorrichtungen vier solche Maschinen standen, die alle aus einem Kessel gespeist wurden. Es leuchtet ein, daß bei dieser Construction weit weniger Reparaturen als bei künstlicher Steuerung vorkommen müssen, und sie weit größere Festigkeit gewährt als Cylinder, die in Achsen hängen. Der Fuß des Cylinders und die Pfanne reiben sich zwar nach längerem Gebrauche aus, bleiben aber stets concentrisch und können am Ende leicht ersezt werden. Seit vier Jahren sollen die erwähnten Maschinen bei Derosne, ohne Abnüzung des Fußes und der Pfanne, arbeiten. Sie eignet sich besonders da, wo man nur wenig Pferdekräfte nöthig hat und wenig Raum zur Aufstellung besizt; wegen der Leichtigkeit ihrer Aufstellung auch in solchen Fällen, wo man bloß momentan eine Dampfmaschine bedarf, z.B. bei Bauten, zum Steinsagen etc. Sie soll unter allen, bei kleiner Kraft, am wenigsten Feuerung bedürfen und hiedurch die Anwendung kleiner Maschinen gleich vortheilhaft, wie die der stärkeren machen; im Ankaufe kommt sie zugleich wohlfeiler als jede andere:

für Pferdekräfte 1 2 3 4 8 12
kostet sie mit Kessel 2400 3300 4100 4900 7600 9700 Fr.

Bereits sind 24 solche Maschinen, von zusammen 160 Pferdekräften, für verschiedene Fabriken gefertigt worden. Zu mehr als 12 Pferdekräften ist die Construction weniger geeignet. Der Preis einer solchen Maschine ist so mäßig, daß es wohl des Aufwandes werth wäre, sie durch Ankauf zu uns zu verpflanzen.“

Die Locomotiven von Stehelin und Huber.

Stehelin und Huber in Bitschweiler (Oberrhein), deren Verbesserungen an den Röhrenkesseln der Locomotiven im polyt. Journal Bd. LXXV. S. 324 besprochen wurden, haben seit kurzer Zeit bereits 16 Dampfwagen gebaut. Ihre Locomotive für die Eisenbahn nach St. Germain wurde allgemein als ein Meisterwerk auch in Bezug auf sorgfältige Ausführung erkannt; sie kostete 40,000 Fr. Der Cylinder hat 13 Zoll Durchmesser. Die Oberfläche des Heizraumes ist in diesen Maschinen größer als gewöhnlich; so auch der Durchmesser der Räder. Sie liefert 848,000 Liter Dampf in der Stunde, was etwa 50 Proc. mehr seyn soll, als bei den bisherigen Systemen eine Maschine von gleicher Größe zu geben vermochte. Der größere Durchmesser des Cylinders gibt dem Kolben und also jeder Radumdrehung mehr Kraft; bei größeren Rädern bedarf man geringere Geschwindigkeit des Kolbens, was die Abnüzung vermindert; die Vorderräder, von größerem Durchmesser als gewöhnlich, greifen die Bahn weniger an. Die Erwärmung des Wassers im Tender geschieht durch zwei Kupferröhren, die den überflüssigen Dampf des Kessels abführen, wodurch viel Brennstoff erspart wird.

In ihren Eisenwerken (Hohöfen und Frischwerken), sodann in der Maschinenfabrik selbst sind etwa 1000 Arbeiter beschäftigt. (Dr. Hermann a. a. O.)

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Labbé's Zapfenlager für Schwungräder.

Labbé (rue Amelot, No. 52 in Paris) lieferte zur lezten Industrieausstellung in Paris zwei Arten von neuen Zapfenlagern für senkrechte und waagrechte Schwungräder. Die waagrechte Achse läuft zwischen vier Rollen, die sie sämmtlich berühren und deren Zapfen in zwei eisernen Ringen sich drehen, welche die Rollen in gleichen Entfernungen halten; diese vier Rollen laufen in halbkreisförmigen Vertiefungen, so daß die Achse des Schwungrades bald auf einer Rolle ruht, während eine aus der Rinne heraus-, die entgegengesezte in die Rinne hineintritt, bald auf zweien, während die beiden anderen sich außerhalb der Vertiefung befinden. Beim senkrechten Stande der Achse des Schwungrades geht sie durch die Mitte einer ringförmigen Rinne, in der drei Kugeln, durch bauchige Kegel auseinander gehalten, sich frei bewegen. Auf diesen Kugeln ruht das Rad mit einem am oberen Ende der Achse angebrachten halbkugelförmigen Stük; unten läuft die Achse in einem senkrechten Loche, um sie senkrecht zu halten. An beiden Vorrichtungen sezte die lange Dauer des Umlaufes der Räder, auch bei geringem Anstoße, in Verwunderung. (Dr. Hermann a. a. O.)

Benoît's Webestuhl für Lichterdochte.

Die Fortschritte in der Kunst einer glänzenden Beleuchtung durch Oehl, Gas, Stearin u.s.w. haben ihre Gemeinnüzigkeit noch lange nicht so weit erstrekt, daß auch die niederen Volksclassen derselben theilhaftig wären, und es war daher in unserer Zeit noch keineswegs überflüssig, wenn Hr. Benoît (Neubourg, Dept. de l'Eure) sich damit abgab, einen Webestuhl zu construiren der in ökonomischer Hinsicht, und was die Güte betrifft, einen Bestandtheil dieser Beleuchtung für die ärmere Classe verbessert. Im Preise kommen die auf demselben gemachten Dochte um wenigstens 3 Viertheile wohlfeiler durch den Zeitgewinnst, indem eine Menge Handarbeiten dabei erspart werden. An Güte gewinnen sie dadurch, daß sie nicht mehr in großer Quantität auf lange Zeit in Vorrath gemacht zu werden brauchen, wodurch sie einer gewissen Verderbniß entgehen (mèches eventées). Dieser wohlfeile Webestuhl ist in mehreren Departements Frankreichs schon sehr verbreitet, indem ein Jeder ohne vorgängige Lehre sich seine Dochte selbst darauf bereiten kann, deren 24 zugleich fertig werden. Die Société d'Encouragement wird die Beschreibung und Abbildung dieser einfachen Maschine später in ihrem Bulletin liefern, und hat dem Erfinder die silberne Medaille zuerkannt. (Bulletin de la Société d'Encouragement. Aug. 1840)

Budy's neue Verzinnung.

Nach vielen Bemühungen ist es Hrn. Budy gelungen, eine Legirung statt des reinen Zinns zum Verzinnen anzuwenden, welche sich durch ihre ungemeine Dauerhaftigkeit auszeichnet. Dieselbe ist nicht nur auf Kupfer, sondern auch, und ganz vorzüglich, auf Eisengußwaaren anwendbar. Ohne einen merklich stärkeren Ueberzug zu bilden, dauert derselbe doch 5–6 mal länger als die gewöhnliche Verzinnung, wie sich hievon viele urtheilsfähige Wirthe und Garköche überzeugt haben. Das Gußeisen nimmt diese Verzinnung eben so gerne an wie das Kupfer, und altes so gut wie neues. Die verzinnten Gußwaaren werden einen so angenehmen Gebrauch gewähren, als das Kupfer, ohne der Gesundheit so gefährlich zu seyn, wie man sich durch Versuche überzeugt hat. Hr. Budy erhielt von der Société d'Encouragement für seine Erfindung die goldene Medaille. (Bulletin de la Société d'Encouragement. Aug. 1840)

Nasmyth's Verfahren Scheiben von belegtem Spiegelglas durch den Luftdruk in concave oder convexe Spiegel zu biegen.

Die Schwierigkeit, große Spiegel für Teleskope zu erhalten, verbundem mit dem Umstande, daß das gewöhnliche Spiegelmetall sehr schwer, spröde und leicht oxydirbar ist, veranlaßte Hrn. Nasmyth, mit Folie belegtes Spiegelglas zu |75| Teleskopen zu benuzen, welches bekanntlich auch mehr Licht als alle Metallspiegel reflectirt. Um einer Scheibe von Spiegelglas eine concave oder convexe Form zu geben, muß ein gewisser Druk gleichförmig auf ihre Oberfläche wirken, wozu Nasmyth (wie bereits im polyt. Journal Bd. LXXIV. S. 442 erwähnt wurde) das Gewicht der Atmosphäre benuzt. Eine Scheibe von mit Folie belegtem Spiegelglas, welche 39 engl. Zoll im Durchmesser hat und 3/16 Zoll dik ist, wird in eine wenig tiefe gußeiserne Schale eingepaßt und eingekittet, so daß der Raum oder die Kammer hinter dem Glase vollkommen luftdicht ist; durch eine mit dieser Kammer communicirende Röhre kann man dann beliebig Luft ausziehen oder einblasen.

Um einen concaven Spiegel zu erzeugen, ist so wenig Kraft erforderlich, daß wenn man mit dem Munde die Luft aus der Kammer durch die Röhre auszieht, das Gewicht der Atmosphäre, welches in diesem Falle 3558 Pfd. beträgt, die mit gleichem Druk auf eine Fläche von 1186 Quadratzoll wirken, das Glas nöthigt, eine Concavität von beinahe drei Viertel eines Zolles anzunehmen, was bei einem Durchmesser von 39 Zoll weit mehr ist, als man für teleskopische Zweke jemals braucht. Wenn man wieder Luft zuläßt, erhält das Glas sogleich seine frühere ebene Oberfläche, und treibt man durch die Kraft der Lungen Luft ein, so wird es beinahe in demselben Grade convex, als es vorher concav war. Man könnte die concave Form dadurch constant machen, daß man in die luftdichte Kammer eine eiserne Scheibe bringt, welche in der gewünschten Form abgedreht ist, und durch den Luftdruk das Glas in der ihm bei seiner festen Berührung mit der eisernen Scheibe gegebenen Form erhält. (London Journal of arts. Sept. 1840, S. 40.)

Ueber die Auflöslichkeit des Aethers in Wasser.

In kaltem Wasser scheint der Aether auflöslicher zu seyn, als in warmem; denn wenn man das Wasser, womit man den rohen Aether gewaschen hat, in gläsernen Retorten über der Spirituslampe erwärmt, steigen augenbliklich von der Stelle, worauf die Lampe am stärksten wirkt, Aetherkügelchen bis zur Größe eines Kirschkernes empor. Das Wasser trübt sich immer mehr von abgeschiedenem und feinzertheiltem Aether, bis es, nahe am Siedepunkt desselben, sich auf einmal vollkommen aufhellt, während der fast vollständig abgeschiedene Aether in einer Schichte von beträchtlicher Dike obenan schwimmt und überzudestilliren anfängt.

Ueberhaupt enthält das Waschwasser des Aethers meist sehr viel davon aufgelöst. Bei einer Verarbeitung von 15 Maaß Weingeist auf Aether, wobei das Destillat in drei zusammen verbundenen, der Winterkälte ohne künstliche Abkühlung ausgesezten geräumigen Vorlagen verdichtet wurde, wurde der Aethergehalt des in den beiden ersten Vorlagen gewonnenen Destillates, welche vorzugsweise das Wasser und den unzersezten Weingeist enthalten mußten, vor dem Waschen durch Rectification concentrirt. Obgleich also die Waschwasser so sehr viel Weingeist nicht enthalten konnten, lieferten sie, circa 10 Maaß betragend, bei der Destillation aus einer kupfernen Blase etwas über 1 Maaß ziemlich reinen Aether. Die Benuzung dieser Waschwasser darf daher um so mehr allgemein empfohlen werden, als das Abtreiben des darin aufgelösten Aethers äußerst leicht und schnell von Statten geht. Das erhaltene Destillat schüttelt man mit etwas Wasser, und reinigt es vollends durch Rectification.

W. v. E.

Neue Bestimmung der stöchiometrischen Zahl des Kohlenstoffs.

Dumas und Strass haben bei 14 mit der möglichsten Genauigkeit angestellten Analysen als Resultat erhalten, daß die stöchiometrische Zahl des Kohlenstoffs (wenn der Sauerstoff = 100) 75 und nicht 76,52 ist, was also gegen die bisherige Annahme eine Differenz von 2 Proc. ausmacht. Es werden daher viele Formeln für organische Körper, besonders sehr kohlenstoffhaltige, abgeändert und manche Analysen wieder vorgenommen werden müssen. Uebrigens stimmt die Zahl 75 mit der Annahme des Dr. Prout überein, daß nämlich das Atomgewicht des Kohlenstoffs gerade sechsmal so groß wie das des Wasserstoffs ist, so wie sie auch viel besser als das bisherige Aequivalent des Kohlenstoffs mit den Analysen des Kalkspaths, Arragonits und Marmors, welche Thenard und Biot so |76| sorgfältig anstellten, so wie mit den von Biot und Arago bestimmten Dichtigkeiten des Sauerstoffs und der Kohlensäure übereinstimmt. (Comptes rendus, August 1840, Nr. 7.)

Jeuch, über die Aufbewahrung des Eises in hölzernen Kästen in Gebäuden über der Erde.

Die gewöhnliche Weise, das Eis in der Erde in gemauerten und mit Holz gefütterten Gruben aufzubewahren, ist mit manchen Kosten verbunden und leistet nur halbgenügende Dienste, auch ist dafür ein eigenes, im Schatten liegendes Grundstük und eine Grube mit Wasserabfluß nothwendig. Bei dieser Einrichtung fault alles Holz sehr bald, verursacht daher immerwährende, kostbare Reparaturen und das Eis hält sich nicht, wenn es nicht in sehr großer Masse vorhanden ist; denn die 6° R. Wärme, welche die Erde enthält, schmelzen dasselbe immerfort. Alle diese aufgezählten Nachtheile besizen die Eiskästen über der Erde nicht. Erst im September und Oktober beginnt das Eis ein wenig zu schmelzen, wo bald der Winter wieder eintritt, hält sich übrigens 2 Jahre lang frisch und braucht nur alle Jahre oben wieder nachgefüllt zu werden, entweder mit Eis, oder bei Mangel desselben bloß mit frischem Schnee.

Ein solcher Eisbehälter besteht aus einem hölzernen kubischen Kasten, 1000 Kubikfuß inneren Raum enthaltend (also von 10 Fuß), und von starken 2zölligen Bohlen oder Brettern wasserdicht zusammengefügt. Um diesen Kasten ist in einem Abstande von 4 bis 4 1/2 Zoll ein Mantel von 1zölligen Brettern gebaut und der hohle Zwischenraum fest mit Häksel (1 Zoll lang geschnittenes Stroh) ausgefüllt. An einer der Seitenwände ist so hoch oben als möglich ein doppeltes Thürchen von 2 Fuß Breite und 3 1/2 Fuß Höhe angebracht. Der Boden des inneren Kastens muß vorzüglich gut gefügt werden, damit der Häksel unter demselben nicht naß werden kann, in welchem Falle das Eis schmelzen und das Holz verderben würde. Auf diesen Boden ist ein hölzerner Rost gelegt und auf diesen das Eis fest wie Quadermauerwerk geschichtet; die Fugen werden mit Schnee ausgefüllt. Unter dem Roste auf dem Boden des Kastens ist eine kleine Ablaufröhre von der Ausflußweite eines Federkieles anzubringen und mit einem Hahne zu versehen, der zuweilen geöffnet werden muß, um das sich unter dem Roste sammelnde Wasser abzuzapfen. Noch ist zu bemerken, daß es gut ist, den inneren Kasten mit einer auch nur gemeinen Oehlfarbe anzustreichen, und eine Vorrichtung anzubringen, mittelst welcher der Raum unter dem Roste jedes Jahr gereinigt werden kann, denn die Unreinigkeiten des Eises sammeln sich hier zum Schaden desselben. – Der Raum, in welchem ein solcher Eisbehälter angebracht werden kann, soll die Schattenseite haben, troken und vor Luftwechsel verwahrt, überhaupt gegen alle äußeren Einwirkungen unempfindlich seyn. Aus diesen Gründen darf die Thüre des Kastens nicht der Thüre des ihn umgebenden Locales gerade gegenüber stehen; auch dürfen in lezterem keine Fenster angebracht werden, und endlich soll rings um den Kasten so viel Raum seyn, daß ein Mensch bequem durchgehen kann; denn die zu große Nähe der Mauern äußert sich sogleich nachtheilig am Eise im Kasten, wie die Erfahrung lehrt. (v. Ehrenberg's Zeitschrift, Bd. IV. S. 176.)

Die Krapplake der Madame Gobert.

Madame Gobert in Paris fabricirt Krapplak, der alles bisher Erzeugte bei Weitem übertrifft. Er bewährte sich so gut, daß sich die berühmtesten Maler in Paris dessen bedienen. Seit der Entdekung des künstlichen Ultramarins soll im Bereiche der Farbendarstellung nichts so Wichtiges geleistet worden seyn. Auch hat diese Frau zum erstenmal den in der Krappwurzel so reichlich vorhandenen gelben Farbstoff behufs der Anwendung dargestellt. (Bulletin de la Société d'Encouragement. Aug. 1840.)

Leserré's apothetisches Tintenfaß.

Bekanntlich verdirbt die Tinte sehr gern in den bisher bekannten Tintenfässern in Folge des Einflusses der atmosphärischen Luft, welche das gerbstoffsaure |77| Eisenoxydul beständig höher zu oxydiren strebt. Die feine Vertheilung des färbenden Stoffes leidet darunter. Die Tinte verdikt sich ferner durch Verdampfung ihres Wassers, sie zersezt sich, sezt Schimmel an, u.s.f. Um allen diesen Uebelständen zu begegnen, hat Hr. Leserré folgendes Tintenfaß erdacht.

Dasselbe besteht 1) aus einem Reservoir von Porzellan oder Glas von beliebiger Form, jedoch mit einem kurzen Halse, wie ein Becher, endigend. Die Mündung dieses Theiles ist von einem messingenen Reife umgeben, in welchem ein Ventil mit Knopf angebracht ist, um beim Bedarfs Luft einlassen zu können. 2) besteht es aus einem das Becherchen (godet) genannten, unten mit einem Boden versehenen, cylindrischen Rohre, durch welchen Boden ein sehr kleines Löchlein geht. Die obere Oeffnung desselben ist mit einem messingenen Gehäuse umgeben, auf welches ein genau schließender und sich leicht öffnender Dekel paßt. Wenn man nun Tinte in das Reservoir bringt, so muß ein Theil des Raumes leer gelassen werden, welchen das Becherchen ausfüllt. Nun folgt, daß, wenn das Becherchen wohl verschlossen in das Reservoir gestekt wird, es zugleich mittelst eines Schraubenganges, mit welchem es versehen ist, dasselbe auch verschließt; daß aber, sobald man den Dekel des Becherchens öffnet und den Knopf am Ventile des Reservoirs drükt, die Luftsäule auf die Oberfläche der Tinte drüken und sie zwingen muß, durch das unten am Becherchen angebrachte Loch einzudringen. Folglich kann die Tinte nach Wunsch und in beliebiger Menge in das Becherchen gebracht werden, wo sie die Einwirkung der Luft nur auf einer sehr kleinen Oberfläche zu erleiden hat, welcher man auch zu jeder Zeit, indem man das Becherchen nach dessen Gebrauche verschließt, Einhalt thun kann.

Auch zum Gebrauche anderer farbiger Tinten mit flüchtigen Bestandtheilen ist dieses Tintenfaß zu empfehlen; ganz vorzüglich aber zum Gebrauche unauslöschlicher Tinte, deren färbender Bestandtheil Kohle ist, die, im Wasser unauflöslich, sich immer auf den Boden sezt und beständiges Aufrühren nothwendig macht. Da durch das Becherchen die Tinte heraufgezogen wird, welche sich auf dem Boden des Reservoirs befindet, so ist man sicher, immer gleich dike und gleich gehaltreiche Tinte zu haben. (Bulletin de la Société d'Encouragement August 1840.)

Es befindet sich bereits eine neue Art Tintenfässer im Handel, die zwar von dem oben beschriebenen etwas verschieden sind, aber auf demselben Principe beruhen. Ueber einer gewissen, von Innen bezeichneten Höhe des Reservoirs nämlich befindet sich ein Loch, durch welches das Reservoir mit einem an der Außenseite angebrachten kleinen Näpfchen communicirt. Ein im Dekel des Reservoirs mittelst einer Schraube auf und ab bewegbarer (unten geschlossener) Cylinder bewirkt, wenn er sich abwärts bewegt, einen Druk auf die Tinte, mit welcher das Reservoir nur bis zum Zeichen angefüllt seyn darf, so daß die Tinte sich über ihr Niveau erhebt und durch das Loch in das äußere Näpfchen läuft, welches nach dem Gebrauche ebenfalls bedekt werden kann. Dieses Product der eleganten Industrie ist von Porzellan mit Goldverzierung, die Dekel mit dem Schraubenkopfe von Messing sehr zierlich gearbeitet und existirt unter verschieden modificirten äußeren Ausstattungen.

– x.

Nekrolog.

Als wir vor neun Jahren den Nekrolog unseres verehrten Mitarbeiters, des königl. bayer. Hofrathes und Professors, Directors der königl. chirurgischen Schule in Landshut etc., Hrn. Med. Dr. Joseph August Schultes lieferten15), ahndeten wir nicht, daß wir schon so bald die traurige Pflicht zu erfüllen hätten, die Lebensgeschichte seines nun gleichfalls verblichenen, ihm geistesverwandten Sohnes, welcher seit dem Tode seines Vaters die Mitredaction unseres Journals übernahm, zu liefern. Nicht ohne tiefe Wehmuth und innige Rührung über den Verlust dieses Mannes, der eben so ausgezeichnet durch seine umfassende wissenschaftliche Bildung, als durch die vortrefflichen Eigenschaften seines Herzens, in der schönsten Reife des Lebens, inmitten seines gemeinnüzigen Strebens uns und der Wissenschaft viel zu frühe entrissen wurde, übergeben wir hiemit den Lesern unseres Journales einen kurzen Umriß der Lebensgeschichte desselben.

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Julius Hermann Schultes wurde zu Wien den 4. Februar 1804 geboren. Bald nachdem er den ersten Elementarunterricht erhalten hatte, gab ihm sein Vater Anleitung in der Botanik, lehrte ihn nicht bloß Pflanzen zu sammeln, zu ordnen und zu unterscheiden, sondern zeigte ihm auch die Behandlung lebender Gewächse vom Samen bis zur Frucht, wozu sich ihm in dem botanischen Garten, welchem er vorstand, die beste Gelegenheit darbot. Auf diese Weise wurde bei Schultes schon in frühester Jugend der Grund zu seinen botanischen Kenntnissen gelegt, so daß er in einem Alter von zehn Jahren bereits an 6000 Pflanzen kannte, und sich selbst aus den bei seinen botanischen Excursionen gesammelten ein kleines Herbarium angelegt hatte. Gleichzeitig unterrichtete ihn sein Vater in der Geometrie nach Euklid, und in mehreren lebenden Sprachen; besonders betrieb er die französische mit Auszeichnung, und erwarb sich darin so große Fertigkeit, daß er selbst in französischen Gedichten sich versuchte. Nebenbei wurden aber auch andere Sprachen nicht vernachlässigt, und er betrieb außer den classischen Sprachen des Alterthumes noch italienisch und spanisch, später dann auch englisch und holländisch. Das Studium der neuen Sprachen, der Geometrie und Botanik füllten auch da noch seine Nebenstunden aus, als er das Gymnasium in Landshut besuchte. Das Gymnasium mußte Schultes jedoch nach dem Willen seines Vaters bald verlassen, da dieser nicht im Sinne hatte, seinen Sohn für den gelehrten Stand heranzubilden, sondern wollte, daß er sich der Handlung widme. Zu diesem Behufe brachte ihn derselbe in ein Handlungshaus nach Wien; zugleich sorgte er auch dafür, daß der begonnene Unterricht in den lebenden Sprachen, der Mathematik und Botanik gehörig fortgesezt werde.

Allein dem aufstrebenden Geiste des jungen Schultes, bei welchem durch das Studium der Botanik bereits eine besondere Vorliebe für Naturwissenschaft angeregt war, sagte das Einförmige seiner neuen Berufsbestimmung durchaus nicht zu. Er folgte ihr, weil es einmal der Wille seines Vaters war, dem er mit unbedingtem Gehorsam zu folgen gewohnt war. Er kam daher Allem willig nach, was ihm in seinem neuen Berufe übertragen wurde, erwarb sich Kenntnisse in der Buchführung, in der kaufmännischen Correspondenz, und vorzüglich auch in der Waarenkunde; nebenbei unterließ er aber auch nicht, seine botanischen Kenntnisse zu erweitern. Jeden Abend, wo er sich erholen durfte, eilte er mit größter Freude in den botanischen Garten, nahm an den Arbeiten der Gärtner Antheil, sammelte sich Pflanzen und benüzte zur Bestimmung derselben die vorhandenen botanischen Werke. Da diese Vorliebe für Botanik denen, welche die Aufsicht über ihn führten, nicht entgangen war, so gab der Vater auf Anrathen derselben, den Bitten des Sohnes, ihn wieder zurük zu nehmen, und seine Studien fortsezen zu lassen, nach, und ließ ihn im Jahre 1818 wieder in das väterliche Haus nach Landshut kommen, wo er sich dem früher abgebrochenen Unterrichte in den alten Sprachen und den übrigen Lehrzweigen des Gymnasialunterrichts mit ungemeinem Fleiße hingab, so daß er bald nach erstandener Prüfung das Gymnasialabsolutorium sich erwarb.

Wenn diese Vorschule dem jungen Schultes auch in mancher Hinsicht widerwärtig war, so finden wir darin doch die Begründung zu allem demjenigen, worin später derselbe als Arzt, Naturforscher und Gelehrter hervorragte. Das frühzeitige Auf, und Zusammenfassen von Merkmalen an Naturgegenständen, das scharfe Unterscheiden, das Zusammenstellen an sich ungleichartiger Naturdinge nach ihren übereinstimmenden Merkmalen, erwekten in demselben die Beobachtungsgabe, verliehen ihm Schärfe und Gewandtheit im Urtheilen, und legten den Grund zu der tiefen Einsicht in das Naturleben, was ihn in seinem späteren selbstständigen Wirkungskreise so sehr auszeichnete.

Im Jahre 1819 besuchte Schultes die naturwissenschaftlichen Lehrvorträge seines Vaters an der Universität zu Landshut, assistirte demselben in der Botanik, und verlegte sich außerdem mit allem Fleiße auf Physik, Chemie und Anatomie. Nachdem er so die naturwissenschaftlichen Lehrgegenstände mit aller Gründlichkeit erfaßt, und die übrigen allgemeinen oder philosophischen Wissenschaften nebenher mit dem besten Erfolge absolvirt hatte, ließ ihn erst sein Vater zu dem Studium der Medicin übertreten.

Sein unermüdeter Fleiß, so wie die ausgezeichneten Fortschritte, welche er in allen Zweigen seines Studiums machte, erwarben ihm die Liebe und Hochschäzung seiner Lehrer, denen er fortan mit der größten Ehrerbietigkeit ergeben |79| war, so wie auch das Vertrauen seiner Commilitonen, welche an ihm die Treuherzigkeit und Charakterfestigkeit besonders schäzten.

In den lezten Jahren seiner medicinischen Studien nahm er den regsten Antheil an den gelehrten Arbeiten seines Vaters. Nachdem er viele Uebersezungen und Bearbeitungen aus französischen, englischen, italienischen Zeitschriften, sowohl für Technik als für Medicin, an der Seite des leztgenannten geliefert halte, erschien auch im Jahre 1823 eine Uebersezung aus dem Holländischen von S. Strathing's chemischen Handbuche für Probirer, Gold- und Silberarbeiter (Augsburg und Leipzig in der v. Jenisch und Stage'schen Buchhandlung); dann im darauffolgendem Jahre diejenige von Vitali's Grundriß der Färberei, nebst einem Anhange über die Drukerkunst (mit Zusäzen und einem Anhange von Dr. J. G. Dingler und Dr. W. H. v. Kurrer in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung, und endlich sahen wir ihn mit seinem Vater als Mitarbeiter des früher von Schultes und Roemer herausgegebenen, nun aber von Schultes, Vater und Sohn, erschienenen Systema Vegetabilium 16) und bei dem vierten Mantissenbande und dem zweiten Theile des siebenten Bandes im Gebiete der Pflanzenkunde selbstständig auftreten.

Nachdem er schon im Jahre 1822 in Gesellschaft seines Vaters und des Begründers dieses Journals (Dr. J. G. Dingler) eine Reise gemacht hatte, wobei fast alle Universitäts- und größeren Städte Deutschlands besucht wurden, indem der Zwek hauptsächlich darin bestand, die persönliche Bekanntschaft ausgezeichneter Männer jedes Faches zu machen, unternahm er im Jahre 1824 mit seinem Vater noch eine zweite Reise durch Frankreich, England, Holland, Belgien, und machte nach seiner Rükkehr dann sein Examen pro gradu bei der medicinischen Facultät in Landshut, bestand dasselbe mit ganz besonderer Auszeichnung und erlangte (am 26. Februar 1825) nach vorausgegangener Vertheidigung seiner Thesen sine praeside, die Doctorwürde. Seine Inaugural-Dissertation: De nosocomiis quibusdam belgicis, britannicis, gallicis commentariolum Landshut, bei Franz Seraph. Storno, 1825. 4. 38 S., welche in sehr gutem, fließendem Latein abgefaßt ist, und die er zugleich mit seinen Streitsäzen druken ließ, enthält sehr schäzenswerthe Bemerkungen über die innere Einrichtung und Verwaltung jener Spitäler, welche er auf seiner Reise zu sehen Gelegenheit hatte, so wie über Krankenpflege und Mortalitätsverhältnisse in denselben etc., und wurde mit großem Beifalle aufgenommen.

Von nun an arbeitete Schultes emsig mit seinem Vater theils für Zeitschriften, theils für das Systema Vegetabilium, unterstüzte denselben vom Jahre 1826 an, wo er zum Direcror der chirurgischen Schule zu Landshut ernannt wurde, im Spitaldienste, hielt in Erkrankungsfällen oder in Abwesenheit der Professoren der Geburtshülfe, Chirurgie und Therapie mit Wissen der vorgesezten Kreisstelle unentgeldlich deren Lehrvorträge, und war überdieß im väterlichen Hause für seine Geschwister der wachsamste und sorgfältigste Bruder. Diese Tugenden des Sohnes erfreuten und stärkten das Herz des Vaters, welcher 1830 zu kränkeln anfing und im darauffolgenden Jahre nach einer langwierigen und höchst schmerzhaften Krankheit in Landshut starb. Auch während dieser Krankheit zeigte sich der treffliche Charakter des jungen Schultes im schönsten Lichte; unermüdet pflegte er bei Tag und Nacht mit der größten Sorgfalt seinen Vater, besorgte die Klinik und die Lehrvorträge, so wie die literarischen Arbeiten für denselben. Vom Augenblike des Todes seines Vaters an war er der zweite Vater für seine Geschwister. Mit verdoppelter Thätigkeit und mit der größten Strenge gegen sich selbst erfüllte er hier seine Pflicht, einzig für das Wohl seiner Geschwister bedacht.

Schultes hatte anfangs nicht im Sinn, von der praktischen Medicin Nuzen zu ziehen; seine Vorliebe für die Naturwissenschaften, und insbesondere für Botanik, hatte in ihm schon längst den Wunsch rege gemacht, dereinst sich ganz dem Lehrfache zu widmen, um ungestört sein Lieblingsstudium betreiben zu können; allein die Sorge für seine fünf unversorgten Geschwister, welche damals um ihn |80| waren, machten es nothwendig, vor der Hand seinen Plan zu ändern, und sich mit der Ausübung der Medicin zu befassen. Er entschloß sich demgemäß, seine ärztliche Proberelation und den Staatsconcurs zu machen, welche beide er 1831 mit Auszeichnung bestand, und sich sodann zu Ende desselben Jahres als praktischer Arzt in München niederließ.

Seine wissenschaftliche Bildung, die glükliche Behandlung der Kranken, die sich ihm anvertrauten, verbunden mit seinem äußerst collegialen, freundlichen und offenen Benehmen am Krankenbette, so wie sein höchst bescheidenes und anspruchloses Wesen, erwarben ihm in kurzer Zeit Eingang zu den höheren und gebildeten Ständen und verschafften ihm solches Zutrauen, daß er bald zu den ausgezeichnetsten Aerzten Münchens gerechnet wurde. Seine ärztliche Wirksamkeit war unübertrefflich. Mit der zärtlichsten Theilnahme, mit beispielloser Uneigennüzigkeit ließ er Allen, die seine Hülfe nachsuchten, die liebreichste Behandlung zu Theil werden. Des Zutrauens seiner Patienten hatte er sich in einem hohen Grade zu erfreuen; ja in den meisten Familien, bei denen er als Hausarzt aufgenommen war, wurde er nicht nur als Arzt, sondern zugleich auch als Freund geliebt und geschäzt. Er konnte sich rühmen, wie vielleicht nur wenige Aerzte, daß während der neun Jahre, in denen er Praxis in München ausübte, ihm nie eine Familie, die seine Dienste einmal in Anspruch genommen, untreu wurde. Sein ärztlicher Wirkungskreis vergrößerte sich auch in den lezten Jahren seines Lebens sehr bedeutend.

Neben seiner ausgedehnten zeitraubenden Praxis befaßte sich Schultes in den freien Stunden noch mit wissenschaftlichen Arbeiten, auch im Gebiete der Botanik. Die Fortsezung des Systema mußte aber leider unterbleiben, da es ihm an Zeit gebrach, das Begonnene zu vollenden.

Er war ein sehr fleißiger Mitarbeiter des polytechnischen Journals, auf welches er täglich mehrere Stunden verwendete; er lieferte dafür nicht nur Uebersezungen aus englischen, französischen, italienischen und holländischen Zeitschriften, sondern dasselbe verdankt ihm auch mehrere schäzbare Originalaufsäze. Wir erinnern in dieser Beziehung unter andern nur an jenen gediegenen Bericht über die im Oktober 1835 in München gehaltene Industrieaufstellung (Bd. LVIII. S. 322), worüber sich selbst Seine Majestät der König in sehr schmeichelhaften Ausdrüken auszusprechen geruhten. Mehrere kleinere Aufsäze über verschiedene, theils botanische, theils medicinische Gegenstände, ließ er in englische und französische Journale einrüken.

Seine wissenschaftlichen Leistungen im Gebiete der Botanik fanden allgemeine Anerkennung, und sicherten ihm einen ehrenvollen Plaz unter den vorzüglichsten Botanikern. Er war Mitglied mehrerer gelehrten Gesellschaften, und stand mit einigen der ausgezeichnetsten Gelehrten des In- und Auslandes in Verbindung.

Als der früher bestandene ärztliche Verein in München wegen Mangels an reger Theilnahme seiner Mitglieder sich gewissermaßen von selbst aufgelöst hatte, trug Schultes im Jahre 1832 zur Begründung des jüngeren ärztlichen Vereins wesentlich bei. Auf seine Vermittlung hin geschah es, daß dieser später mit dem ältern vereinigt wurde. Seine Geschäftsführung als Secretär des Vereins kann hinsichtlich der Ordnung und Pünktlichkeit als Muster aufgestellt werden.

Schultes biederer Charakter, sein offenes heiteres Wesen, sein treffliches Herz hatten ihm viele Freunde erworben, von denen die meisten ihm mit inniger Liebe bis an sein Ende treu geblieben sind, so wie Schultes hinwiederum mit ganzer Seele und seltener Hingebung an seinen Freunden hing.

Von Jugend auf gewohnt seine Zeit zwekmäßig zu benuzen und damit haushälterisch umzugehen, war er fast täglich vom frühesten Morgen bis zum später Abend unausgesezt beschäftigt, so daß er sich häufig nur wenige Stunden Ruhe gönnte. Aber leider mochte diese außerordentliche Anstrengung bei der eben in München herrschenden Schleimfieber-Epidemie dazu beigetragen haben, daß er selbst von dieser Krankheit befallen wurde, welche auch sein Ende herbeiführte, dem er vom Anfange der Kranheit an ungescheut und mit kaltem Verstande entgegensah, einzig und allein für das Schiksal seiner hinterlassenen Geschwister besorgt, die durch seinen Hintritt ihrer größten Stüze beraubt wurden.

Er starb nach dreiwöchentlichem Krankenlager am 1. Sept. dieses Jahres in einem Alter von 36 Jahren.

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Arago in seiner Geschichte der Dampfmaschinen (Annales du Bureau des longitudes) und andere Schriftsteller bemerken, daß schon Hero von Alexandria 120 Jahre vor Christi Geburt den Dampf als bewegende Kraft gekannt habe; ich muß diese Nachricht aber auf ihrem Werthe beruhen lassen, da mir Hero's Pneumatica nicht zur Hand sind. A. d. V.

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Bd. XLII. S. 222 des polytechn. Journals.

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Linnaei Systema Vegetabilium Editio nova, speciebus inde ab editione XV detectis aucta et locupletata. Curantibus J. J. Roemer et J. A. Schultes. (Nach Römer's Tod) J. A. Schultes et Jul. Herm. Schultes. 7 Bände in 9 Thl. mit 3 Bänden Mantissen.

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