Titel: Beitrag zur Geschichte der Erfindung, die Wasserdämpfe als bewegende Kraft zu benuzen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1840, Band 78, Nr. XIV./Miszelle 1 (S. 71–72)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj078/mi078014_1

Beitrag zur Geschichte der Erfindung, die Wasserdämpfe als bewegende Kraft zu benuzen.

Die Erfindung, die Dämpfe des siedenden Wassers zu einer starken bewegenden Kraft anzuwenden, war wenigstens schon zu Justinian's Zeiten unter den Griechen bekannt. Mögen immerhin Engländer, Franzosen und Nordamerikaner sich über die Ehre streiten, wer zuerst die Dampfkraft auf die Bewegung der Schiffe angewendet; mag immerhin der Amerikaner Fulton geglaubt haben, daß er beim Kochen des Theewassers zuerst die Kräfte des Dampfes entdekt habe: so ist doch keiner von ihnen der erste Beobachter der gewaltigen Kraft der Wasserdämpfe, und keiner von ihnen ist der Erfinder der Anwendung dieser Kraft. Die Erfindung und Anwendung gebührt, so weit mir die Geschichte dieses Gegenstandes bis jezt vorliegt, lediglich den Griechen.

Agathias, welcher zu den byzantinischen Geschichtschreibern gehört, und dessen Geschichtbücher in dem Corpus Scriptorum historiae Byzantinae als Pars III. Bonnae 1828 mit abgedrukt sind – nach welcher Ausgabe ich allegiren werde – erzählt uns zum Jahre 557 nach Christi Geburt, S. 289 ff. die nachstehende Thatsache: Anthemius, ein berühmter Mathematiker, Baumeister und Maschinenverfertiger, geboren zu Trallas, mithin ein Grieche aus Kleinasien, wurde vom Kaiser Justinian nach Konstantinopel berufen, wo er Maschinen, welche die höchste Bewunderung erregten, verfertigte.

Das Haus des Anthemius war mit dem Hause seines Nachbars Zeno in mehreren Partien verbunden, über welchen Umstand der Geschichtschreiber sich nicht deutlich genug ausspricht. Anthemius gerieth über dieses Bauverhältniß mit Zeno in einen Rechtsstreit, und verlor den Proceß, weil, wie ausdrüklich bemerkt wird, Zeno ein geschikterer Redner war. Anthemius suchte sich zu rächen, und baute eine Dampfmaschine, die ich nach den Worten des Geschichtschreibers jezt möglichst genau beschreiben will. Er stellt große Kessel im Boden seines Hauses auf, füllt dieselben mit Wasser an und umgibt sie mit ledernen Schläuchen, die unten so weit sind, daß sie den ganzen Umfang der Kessel verschließen. Mit diesen Schläuchen verbindet er lederne Röhren, die sich in der Form einer Trompete verengen, und in einer richtigen Proportion endigen. Die Enden dieser Röhren befestigte er dann so genau an den Balken des Zeno'schen Hauses, daß die in den Röhren enthaltene Luft zwar mit ungehinderter Kraft in die Höhe steigen, aber nicht herausströmen oder durchbrechen kann.

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Nach diesen insgeheim gemachten Vorkehrungen legt Anthemius ein kräftiges Feuer unter die Kessel und erregt eine große Flamme. Sobald nun das Wasser heiß und kochend geworden, entwikelte sich ein starker Dunst (Dampf, άτμός, vapor) der schnell und dicht in die Höhe stieg, und der, da er (von den Kesseln aus) keinen anderen Ausweg hatte, in die Röhren trieb, wo er zusammengepreßt mit verstärkter Kraft in die Höhe strebte, bis er das Dach mit fortgesezter Gewalt angriff, und dasselbe so sehr erschütterte und bewegte, daß das Holzwerk nach und nach zitterte und krachte. Die Hausgenossen des Zeno, von Furcht und Schreken ergriffen, eilten in die Straßen u.s.w.

In dieser Erzählung, welche uns der Geschichtschreiber gelegentlich bei der Erwähnung der Theorie des Aristoteles über Erdbeben gibt, liegt der vollständige Beweis, daß die Griechen zu Justinian's Zeitalter die Kraft der Wasserdämpfe und ihre Anwendung zur bewegenden Kraft genau kannten. Ob der Geschichtschreiber aber die Construction des Apparats der Dampfmaschine und namentlich der Röhren richtig aufgefaßt habe, ist eine andere Frage, die ich zur Beurtheilung der Männer vom Fache verstellen muß. Mir genügt es, nachgewiesen zu haben, daß die Griechen schon mit der Wirkung der Wasserdämpfe bekannt waren.

Nun noch einige Bemerkungen:

Anthemius war, wie der Geschichtschreiber Agathias wiederholt bemerkt, ein ausgezeichneter Mathematiker und Verfertiger bewunderungswürdiger Maschinen. Welche Arten von Maschinen er verfertigte, und zu welchen Zweken, ist eben so wenig angegeben, als ausdrüklich gesagt, daß er die Wasserdämpfe bei denselben in Anwendung gebracht habe. Es scheint indessen aus folgenden Worten des Agathias, S. 291, ὁ δὲ ἐκ τής ὁκείας αύτὸν ἀντελύπησε τέχνης τρόπῳ τοιῷδε, d.h. „er aber (Anthemius) vergalt ihm (dem Zeno) aus der ihm eigenen Kunst auf folgende Weise“ der Schluß gezogen werden zu dürfen, daß Anthemius bei seinen Maschinen auch die Wasserdämpfe gebraucht habe, denn wenn von der Dampfmaschine, welche er aus Rache über den verlorenen Proceß gegen Zeno's Haus richtete, namentlich angeführt wird, daß er sie aus der ihm eigenen Kunst eingerichtet und sich dabei der Dämpfe bedient habe, so möchte der Schluß, oder, wenn man lieber will, die Vermuthung, daß er die ihm völlig bekannte Dampfkraft auch auf andere, zu seiner Zeit bewunderte Maschinen übertragen habe, nicht ganz grundlos erscheinen, zumal da auch das Wort τέχνη auf praktische Anwendung hindeutet.

Die Griechen waren in Künsten, Wissenschaften und Erfindungen weiter, als wir gewöhnlich glauben. In den byzantinischen Geschichtschreibern, die seit den in Bonn veranstalteten Abdrüken leicht zu erhalten sind, liegen ohne Zweifel noch manche Nachrichten und Andeutungen, welche wohl verdienten hervorgezogen zu werden. Möchten daher Sach- und Sprachkundige diese Quellen, abgesehen von deren historischem Werthe, für Kunstfertigkeiten und Erfindungen genauer studiren und besser benuzen, als bisher geschehen ist.

Derselbe Anthemius, von dem in diesem Aufsaze die Rede ist, war derjenige Baumeister, welcher zur Wiederherstellung der berühmten, aber durch ein großes Erdbeben zerstörten Sophien-Kirche in Konstantinopel den Bauplan machte und den Bau anfing, aber wegen eingetretenen Ablebens nicht vollenden konnte (Agathias, S. 295).

Um dem Zweifel vorzubeugen, ob die ledernen Röhren stark genug waren, die Kraft der Dämpfe auszuhalten, bemerke ich, daß es dem Anthemius bei seiner Vorrichtung gegen Zeno's Haus nur auf die Hervorbringung einer zitternden Bewegung und nicht auf die Sprengung des Balkenwerks ankam. Zu diesem Zweke konnten starke lederne Röhren wohl hinreichen, und scheinen selbst für die Erregung einer zitternden Bewegung umsichtig gewählt zu seyn.14)

Dr. Degen, Protoconsul in Lüneburg.

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Arago in seiner Geschichte der Dampfmaschinen (Annales du Bureau des longitudes) und andere Schriftsteller bemerken, daß schon Hero von Alexandria 120 Jahre vor Christi Geburt den Dampf als bewegende Kraft gekannt habe; ich muß diese Nachricht aber auf ihrem Werthe beruhen lassen, da mir Hero's Pneumatica nicht zur Hand sind. A. d. V.

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